„Die Fassadendiebe“: ein New-York-Roman

„Die verdammte Stadt schafft es doch stets, wieder neu zu erstehen. Sie gleicht einer Schlange, die wächst, indem sie sich vom Schwanz her selbst verschlingt. Einem Möbiusband der Selbstvernichtung und Wiedererschaffung“, sagt Griffin Watts über New York. Er ist der Erzähler, den sich John Freeman Gill für seine Geschichte „Die Fassadendiebe“ ausgedacht hat.

Und er erinnert sich an den Sommer 1974, in dem er als 13-Jähriger mit seinem Vater die Stadt vor dem Zerbröckeln retten wollte. Oder zumindest die verspielten Verzierungen an den alten Wolkenkratzern in Manhattan, die von der Abrissbirne bedroht waren.

Was bleibt von der alten Substanz? Die Skyline von Manhattan. (Foto: dpa)

Es ist kein Wunder, dass die Topografie und Architektur in John Freeman Gills Romandebüt die Hauptrolle spielt. Der gebürtige New Yorker gilt als Spezialist für Architekturgeschichte und schreibt darüber seit Jahren unter anderem für die „New York Times“ und die „International Herald Tribune“.

Die Detailfreude, mit der Wasserspeier und Zierleisten, Stuckaturen und Kapitelle beschrieben werden, ist gleichzeitig das Besondere und das Problem von „Die Fassadendiebe“. Denn eigentlich ist es die Initiationsgeschichte, sind es die pubertären Sehnsüchte und Nöte Griffins, die im Mittelpunkt stehen sollten. Nach der Trennung seiner exzentrischen Eltern ist sein Familienleben ebenso zerbröckelt wie das architektonische Erbe seiner Stadt.

Und um seinem Vater nahe zu sein, lässt er sich von ihm zu waghalsigen, auch lebensgefährlichen Diebestouren und Rettungsaktionen an den Fassaden von Mietshäusern und Wolkenkratzern missbrauchen: Das manische Bewahren des Vergangenen wird für ihn und seinen Vater zur Bedrohung.

Diese teils sehr amüsante, teils berührende Geschichte um Erwachsenwerden und Desillusionierung, um Unschuld und Erfahrung wird allerdings immer wieder durch das wortreiche Beklagen von Bausünden der 70er Jahre und einen großen Beschreibungsdrang in den Schatten gestellt. Der Liebe zur Stadt und ihrer architektonischen Vergangenheit wird die Spannung und Stringenz der Handlung an zu vielen Stellen geopfert.

Für ein Debüt ist der New-York-Roman vielversprechend, für das nächste Mal wäre ein wenig mehr Konzentration ein Gewinn.

Andreas Frane

John Freeman Gill: Die Fassadendiebe. Berlin Verlag, 464 S., 24 Euro.

Paul Austers „4 3 2 1“: Vier Leben, viele Möglichkeiten

So dick war er noch nie – und so weise auch nicht: Paul Auster hat mit „4 3 2 1“ seinen besten Roman geschrieben.

Genau 1259 Seiten lang ist der neue Roman des amerikanischen Kultschriftstellers Paul Auster („New-York-Trilogie“). Viel Platz hat er sich genommen, um seine Lebensgeschichte in vier Variationen zu schildern. Was wäre wenn? Diese Frage hat man sich vielleicht selbst schon einmal gestellt: Was wäre, wenn man nur mit der Mutter groß geworden wäre? Wenn man in einem reichen Elternhaus gelebt hätte? Wenn man in einfachen Verhältnissen aufgewachsen wäre?

Paul Auster spielt verschiedene Möglichkeiten durch – und zwar parallel, was anfangs verwirrt. Denn immer wieder dreht Auster die Uhr zurück und es wird erst nach einigen Seiten klar, dass er sich auf einer anderen Erzählebene befindet. Man fühlt sich an den Film „Lola rennt“ erinnert: Kaum ändert sich eine Nuance, nimmt das Schicksal eine andere Wendung.

Austers Protagonist ist immer derselbe: Archie Ferguson, genannt Ferguson, wird im März 1947 an der Ostküste Amerikas geboren. Seine Eltern sind Kinder jüdischer Einwanderer aus Osteuropa – die ersten dieser Generation, die es geschafft haben und es in den USA zu einigem Wohlstand gebracht haben.

Archie ist ein Wunschkind, es wird geliebt und hat eine besonders innige Beziehung zu Mutter Rose, eine für die damalige Zeit selbstbewusste Frau mit eigenen beruflichen Ambitionen. Der Vater wird ihm immer ein wenig fremd bleiben, weil er ein Radio-Geschäft führt und wenig Zeit für die Familie hat.

Viermal Archie Ferguson, viermal dieselben Eltern, viermal dasselbe genetische Material – aber jedesmal andere Lebensumstände und andere Orte, die zu anderen Charaktereigenschaften führen… Ferguson wächst zu einem Teenager und jungen Mann heran, der sich für Literatur und Sport interessiert, der die Sommer in einem Ferienlager verbringt und hier wichtige Begegnungen und prägende Erfahrungen sammelt, der an seiner nicht ganz unproblematischen Großfamilie hängt, der gern experimentiert und sich im Zeitungsmachen oder im Geschichtenschreiben übt. Und der das andere Geschlecht für sich entdeckt… Der Roman enthält viele autobiografische Bezüge.

Es hat Auster – der am 3. Februar 70 Jahre alt wird – sicher große emotionale Mühen gekostet, sich so intensiv mit seiner Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen und sich in so verschiedene imaginäre Spielarten seines Lebens hineinzudenken. Zwar spielt das Buch in den 50er und 60er Jahren, also zu einer Zeit, als Ferguson sehr jung ist. Geschrieben ist das Buch aber mit der Weisheit und der Reflektionsgabe eines reifen Mannes.

Auster, der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet ist und zwei Kinder hat, lebt heute selbst in Brooklyn. Bis auf einige Jahre, die er in Frankreich verbrachte, hat ihn das großbürgerliche und intellektuelle New York geprägt.

Sei es, dass er über Freundschaften sinniert, über Beziehungen, über die Schule, die Macht von Büchern, die Bedeutung von Musik oder die Wichtigkeit von Zeitungen – als Leser ist man fasziniert davon, wie tiefsinnig sein Ferguson seine Welt wahrnimmt. Es gibt kaum einen Bereich, den Auster dabei auslässt.

Trotz des Umfangs des Buches liest es sich rasch, denn nicht selten gehen die oft bildreichen Sätze über eine ganze Seite. Das gibt dem Roman etwas wunderbar Episches.

Susanne Stemmler

Paul Auster: 4 3 2 1. Roman. Rowohlt, 1259 Seiten, 29,95 Euro.