Wie einst Don Quijote: „Das zweite Schwert“ von Peter Handke

„Das zweite Schwert“ nennt Peter Handke sein neues Buch ganz martialisch. Darin geht es ja auch um Rache. Aber zum Glück nicht nur…

Homer in der Straßenbahn: Peter Handke (Foto: Hochmuth,dpa)

Am schönsten – und österreichisch quer gedacht wie immer – hat es neulich die alte Sigrid Löffler formuliert. Peter Handke, so sagte sie in einer literarischen Fernsehrunde, ist und bleibt für sie, als Kritikerin wie Leserin, einer der wichtigsten Autoren ihres Lebens – „auch wenn er jetzt den Literaturnobelpreis hat“! Dazu dieses mörderisch süße Lächeln, mit dem sie einst schon einen Marcel Reich-Ranicki tief in seinen Sessel versenkte.

Aber auch wer kein Fan des gerade politisch heftig umstrittenen Autors ist oder ihm nicht in all seinen Äußerungen und Veräußerungen folgen will (das Nürnberger Staatstheater führte es zuletzt sehr gewitzt mit dem Handke-Frühwerk „Kaspar“ vor), liest vielleicht mit Gewinn, ja Vergnügen seine jüngste Erzählung, „Das zweite Schwert“.

Der Titel, biblisch belegt: ein Zitat aus dem Evangelium des Lukas. Und schon der Anfang: eine einzige Kampf-, ja Kriegserklärung im Zeichen der Rache, gleichsam mit Schaum vorm zuckenden Mund geschrieben.

Da fuchtelt einer wild nicht mit Waffen, aber doch mit Worten, und der Leser, der sich bald fragt, worum es ihm eigentlich geht, um welche Tat und Schuld, ja welches „Verbrechen“, muss sich lang und kunstreich hinhalten lassen.

Erst in der Mitte des Büchleins, auf Seite 74, lässt Handke die böse schwarze Katze aus dem Sack: Eine französische Journalistin ist die gewissenlose Übeltäterin, hat nicht ihn (was ihm egal wäre), sondern
seine „heilige“ Mutter aufs schändlichste beleidigt. Diese habe damals, als Mädchen von 17 Jahren, den Anschluss Österreichs ans Hitlerreich freudig bejubelt! Dazu eine Fotomontage vom vollen Wiener Heldenplatz, fast schon frivol.

Eine Entgleisung, ganz ohne Frage, und man ist einerseits ganz bei Handke, dem Sohn, der sich gekränkt fühlt. Andererseits, und darin offenbart sich seine Größe als Autor und vielleicht auch Mensch, zelebriert er sein Amt als Mutter-Rächer so selbstironisch aufgeblasen und von jedem beliebigen Sinneseindruck ablenkbar, dass sein dramatischer Aufbruch zur Tat nur als Lustspiel gelesen werden kann.

Ist es nicht komisch, wie er sich selbst immer wieder am langen grauen Schopf packt, sich in scheinbar
heroische Pose wirft, auch in Selbstgespräche rücksichtslosester Art? Alles, nur um aus seinem Häuschen am Rand von Paris zu kommen und der unbenannten „Hassfrau“ (Handke kennt deren mehrere), die ja gar nicht allzu weit weg wohnt, entgegenzutreten.

Und natürlich muss er erst einmal haarklein die drei ruhigen Tage daheim schildern, die der schon seit langem geplanten Racheaktion vorausgehen. Thema und Tonfall wechseln da von Zarathustra-hafter Einsamkeit (als sei er „hier auf Erden der letzte Mensch“, über ihm kreist ein Adler!) bis zum genauen Erfassen der Geräusche, die Mülltonnen eben mal machen.

Auch diese können freilich Gewaltphantasien auslösen… Und steckt nicht im sensibelsten Poeten das Potential zum Killer? „Endlich würde ich die mir an- oder eingeborene Illegalität ausleben! Sie unter Beweis stellen. Sie in die Tat umsetzen. Sie exerzieren! Sie exekutieren!“ – so macht er sich da Mut und Luft.

Das Ein-Mann-Exekutionskommando legt freilich stets Wert auf geputzte Schuhe und ein weißes Hemd, frischgebügelt und „an der rechten Hüftseite eingestickt ein dickschwarzer Schmetterling, den ich einen Fingerbreit oberhalb des Gürtels in das Blickfeld rückte“. Darüber: ein Anzug von Dior, was sonst.

Eitel auch noch? Da muss man, gerade wenn er dann noch vom immer wieder ersehnten „Ritterlichen Leben“ redet, doch vor allem an tragikomische Ritter wie Don Quijote denken, und Handke tut alles, um die eigene – liebenswerte – Lächerlichkeit zu bestätigen.

Es wird also so schnell kein Blut fließen, nur Tinte, viel Tinte, wie immer, denn „Das zweite Schwert“ ist hier ja nichts anderes als der Stift oder eben die Feder in der Hand des Dichters – der metaphorische Ersatz, die Kunst.

Und wenn er dann mit der Tram unterwegs ist und die Landschaften, Menschen, Veränderungen seiner Wahlheimat an der Seine gewohnt träumerisch beschreibt, bleibt von der heißen Rachelust des Beginns ohnehin wenig übrig . . . Am Ende gibt es gar ein Fest. Der Leser feiert gerne mit.

Wolf Ebersberger

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

Wiederentdeckt, wild und frei: Albertine Sarrazin

Sich frei schreiben: So lässt sich das Werk der Französin Albertine Sarrazin (1937–1967) ganz gut fassen. Es war die einzige Freiheit, die sie hatte – und mit Leidenschaft verteidigte.

Albertine Sarrazin (1937-1967) Foto: AFP

Literatur ist auch eine Frage der Umgebung. Es macht einen Unterschied, ob man in stiller Abgeschiedenheit schreibt oder im dröhnenden Herzen einer Metropole; im Spiegelkabinett von Wohlstand oder im Aktenstaub eines grauen Alltags; unter wärmender Sonne oder im Eis der Einsamkeit. Und sei es, dass man sich von diesen Orten fortschreibt.

Albertine Sarrazin war keine Bewohnerin des Elfenbeinturms. Viele Jahre ihres kurzen Lebens hat sie in Haft verbracht – und hat darüber etwa Folgendes geschrieben: „Von meinem Gefängnis (…) möchte ich nichts hassen, verleugnen oder vergessen, sonst würde ich selbst verschwinden; ohne das Gefängnis bin ich nichts“.

Zeile um Zeile ihrer Bücher kritzelt sie dort in winziger Schrift auf alles, was Papier ist und schmuggelt es nach draußen. „Querwege“ heißt, nach „Astragalus“ (1966; neu erschienen 2013) und „Der Ausbruch“ (1967; 2018), der dritte und letzte Roman, der so entstanden und jetzt neu herausgegeben worden ist.

Man kann über die Bücher von Albertine Sarrazin nicht sprechen, ohne von ihrem Leben zu erzählen. Sie war eine radikal autobiographische Autorin, doch wird niemand bestreiten, dass es sich dabei um Literatur handelt – ja, um große Literatur, was die bilderreiche Sprache angeht und darin, wie sich hier eine Stimme formt, die kämpferisch ein Leben verteidigt.

Gerade dadurch, dass es sich so abseits gängiger Lebensentwürfe abspielt, weist es über sich hinaus, katapultiert sich mit stolzem Selbstbewusstsein aus seinem Schattendasein ins Licht. Als eine der ersten hat das Simone de Beauvoir erkannt, die dafür sorgte, dass Sarrazin den Beginn ihres Ruhms noch erleben konnte.

Geboren wird Albertine 1937 in Marokko, sie erfährt nie, wer ihre Eltern sind. Ein konservatives älteres Ehepaar in Frankreich adoptiert sie, mit zehn wird sie vergewaltigt. „Mein Status heißt elternlos und unerwünscht“, so lapidar fasst sie zusammen, wie sie ihren Platz in der Welt empfindet. Gefängniszellen und Heime werden die Ortsmarken ihres Lebens, aber überall fühlt sie sich fremd. Nur mit, nur für Julien (der im Roman „Lou“ heißt) tut sie alles und wird ebenso vorbehaltlos zurückgeliebt; auch er ist als Kleinkrimineller an den Rändern der Gesellschaft zuhause.

„Querwege“ erzählt davon, wie Albe, so nennt sie sich, aus dem Gefängnis entlassen wird und ein Jahr zu überbrücken hat, bis auch Lou freikommt. Dafür muss sie sich wieder in die Obhut ihrer Adoptivmutter begeben, die mittlerweile in einem Kloster lebt. Und eine Stelle im Kaufhaus Prisunic antreten, wo sie mit Ironie die Konsumgier der Klein- und Großbürger kommentiert. Den Begriff der Arbeit dehnt sie im Roman immer wieder angewidert als „Ar-ba-i-t“ ins Vulgäre. Die Übersetzerin Claudia Steinitz trifft durchwegs Sarrazins frechen, frischen, freizügigen Klang.

Albe bleibt eine Unbehauste. Sie lebt und schreibt als Außenseiterin. Aus dieser Perspektive beobachtet sie die Welt um sich, zu der sie nicht gehört, nach der sie sich nicht sehnt. Was sie sieht, destilliert sie mit einer Mischung aus Schärfe und Sarkasmus, Witz und Verachtung zu einem wenig schmeichelhaften Bild ihrer Mitmenschen.

Unverstellt ist aber auch der Blick auf sich selbst. Ohne Scheu offenbart sie sich als Diebin, die nicht nur aus Not stiehlt, sondern aus Leidenschaft; angesichts der funkelnden Ohrringe einer Tischnachbarin kann sie sich nur mit Mühe zurückhalten: „Ich zappelte vor Lust“.

Auf alten Fotografien fixiert sie den Betrachter mit herausforderndem Blick, wirkt mit den großen Augen und dem hellen Teint zart und zerbrechlich wie ein Kind, unglaublich jung. Und so, unglaublich jung, stirbt sie mit 29 an einem ärztlichen Kunstfehler.

„Ich bin ein lachender, hungriger Spatz in den Regenrinnen der traurigen Dürftigkeit, ich suche darin das Lustige und das Nährreiche“, so beschreibt sie sich. Aus ihren kargen Fundstücken hat Sarrazin Großes geschaffen.

Tamara Dotterweich

Albertine Sarrazin: Querwege. Ink Press, 224 Seiten, 20 Euro

Rétif de la Bretonne und seine prallen Memoiren

Rétif de la Bretonne – ein französischer Autor des 18. Jahrhunderts, den nicht jeder kennt. Und offenbar ein richtiger Casanova, wie seine sehr lesenswerten Memoiren zeigen . . .

Der Bub hat alles, was das Herz begehrt: klaren Verstand, Lust auf Bildung, unversiegbaren Fleiß, einen aufrichtigen Charakter und ein hübsches Gesicht. Dazu eine Schüchternheit, die sämtliche Frauen ermuntert, den Jungen unter ihre Fittiche zu nehmen, an ihren Busen zu drücken und in die fundamentalen Dinge des Lebens einzuweihen.

Monsieur Nicolas hätte in seinem 18. Jahrhundert eine steile Karriere machen können. So reichte es nur zum Schriftsetzer und Autoren. Da aber zeichnete er sich durch eine enorme Produktivität aus. 187 Bücher soll er geschrieben haben, Romane, Erbauliches und höchst Subversives. Vor allem, was erotische Leidenschaften und Vorlieben für zierliche Damenfüße und -schuhe betrifft („Der Fuß der Fanchette“).

Rétif de la Bretonne war ein französischer Romancier… und sehr freizügig. Historischer Stich (FOTO: Reinhard Kaiser)

Nicolas Edme Rétif, der sich Rétif de la Bretonne nannte (1734 bis 1806), hat zwar nicht die Pornografie erfunden, wohl aber den Begriff: Sein Buch „Le Pornographe“ ist kein Schweinkram, sondern ein für damalige Zeiten revolutionäres Traktat, das die Prostitution in geordnetere Bahnen lenken sollte. Auch sonst mangelte es ihm nicht an originellen Ideen: So sollten Buben ab 16 Jahren erfahrenen Frauen ab 32 zugeführt werden. Sind die Männer 32, sollten sie 16-jährigen Mädchen die niederen Weihen erteilen.

Warum ist Rétif de la Bretonne kein „großer“ Autor geworden? Zum einen, weil er aus kleinen Verhältnissen stammte, zum anderen, weil ständig geile Gelüste seine ehrbarsten Absichten durchkreuzten. Und weil ihm es ein wenig an Imagination gebrach. Dafür schilderte er Anekdoten aus seinem eigenen prallen Leben („Der verführte Landmann“).

Im Alter führte er sein ehrgeizigstes Projekt aus: „Das enthüllte Menschenherz“ (1797), eine Lebensbeichte von Kindheit bis zur Gegenwart, die kein edles, zweifelhaftes oder noch so schmutziges Detail auslassen sollte. Augustinus‘ „Confessiones“ dienten Rétif als Vorbild. Obwohl vollendet, standen den Memoiren die Französische Revolution im Weg und ihr Umfang: 5000 Seiten!

Von diesen 5000 Seiten hat der Übersetzer Reinhard Kaiser – berühmt geworden als Bearbeiter des „Simplicissimus“ – gerade mal 640 übrig gelassen. Doch gewinnt man schnell den Eindruck: es sind die essenziellen Seiten. Umso mehr, als sie besonders Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter gewichten, also die Jahre, die die Weichen für das ganze Leben stellen.

Ist „Das enthüllte Menschenherz“ aber tatsächlich „eines der schonungslosesten und großartigsten Memoirenwerke der Weltliteratur“, wie der rührige Galiani Verlag tönt? Was das Ausleuchten seelischer Abgründe betrifft, ist Dostojewski immer noch unangefochtener Tiefentaucher. Dazu ist die behauptete Aufrichtigkeit mit Vorsicht zu genießen, denn jede Autobiografie ist auch eine Selbststilisierung.

Dafür findet der Leser hier eine Bildungsroman-Biografie vor, freilich den Roman eines gescheiterten Bildungsweges. Die eigentliche Wurzel des Übels liegt in der Diskrepanz der Wahrnehmung der sich entfaltenden Seele und den vorgefassten Meinungen der Tonangeber, namentlich, was Sitte und Anstand betrifft. Und die gebieten: Unerreichbare Damen sind besonders begehrenswert!

Was nun die erotischen Episoden in gehobenen wie niederen Kreisen betrifft, so befleißigt sich Monsieur Nicolas einer gewählten Sprache und herzerfrischender Metaphern. Wird es gar zu skandalös, weicht der Autor auf nobleres Latein aus (Übersetzung im Anhang). Das macht seine Abenteuer höchst vergnüglich.
Gelegentlich trägt er, was die Verknotungen des Schicksals betrifft, dick auf. Dass er unwissentlich seine eigene Tochter schwängert, deren Mutter er als Jüngling beglückt hat, ist schon hart genug. Dass ihm solche Vaterfreuden aber auch noch mit drei verschiedenen Nymphen widerfahren, ist denn doch zu viel des Argen.

Wie gesagt, Stilisierung – auch und gerade im Verwerflichen. Andererseits wälzt sich Nicolas kaum wollüstig im Schlamm der Selbstbezichtigung. Kühl analysiert er das Verbotene seines Treibens und die Diktatur des Phallus, die ihn vom rechten Wege bringt.

Er steht zum Genuss seiner Gelüste, er weiß um die Ausbeutung und um den Betrug an seiner jeweiligen Herzdame, und er weiß, dass er bitter dafür bezahlt. Das hebt Retifs Autobiografie weit über die moralisierenden Ergüsse seiner Zeitgenossen. Nur eine Weisheit von vielen: „Nach dem Koitus sind alle Lebewesen traurig, ausgenommen der Hahn und der Schüler, der es gratis treibt.“

Reinhard Kalb

Rétif de la Bretonne: Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz. Deutsch von Reinhard Kaiser. Galiani, 720 Seiten, 38 Euro.

Zwischen Köln, Venedig und Paris: Hanns-Josef Ortheil

Vielleicht hätte Mia bei ihrer Abreise nach einem Studienaufenthalt in Venedig nicht so leichtfertig Einladungen aussprechen sollen. Denn eines Tages steht der junge Venezianer Matteo vor ihrer Kölner Haustür. Entgegen strenger Abmachungen ihrer Drei-Mädel-WG (Kein Mann in der Wohnung!) erhält er Einlass. Und mischt das Leben der drei, die ihm bald mehr als Sympathie entgegenbringen, gehörig auf. Ganz durchschauen sie ihn nicht. Wer ist dieser junge Mann?

Ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, der stundenlang durch Köln streift und hochkonzentriert Sehenswürdigkeiten zeichnet, dabei merkwürdige Affinitäten zu Barlachs schwebendem Engel hat. Einer mit großem Harmoniebedürfnis, der aber auch ganz tatkräftig abwäscht und saubermacht sowie der Betreiberin eines kleinen Cafés mit Rat und Tat zur Seite steht.

Er liebt Paris… Autor Hanns-Josef Ortheil (Foto: Peter von Felbert)

Genaueres zur Handlung des Romans – nicht zuletzt auch eine Hommage an Ortheils Heimatstadt Köln (und an Venedig und an die durch die beiden Dome verkörperte Kultur) – sei hier nicht verraten. Beim ersten Lesen mag einem das Buch fast ein bisschen zahm und altmodisch erscheinen. Aber vielleicht will Ortheil, dass man aufmerksam auch zwischen den Zeilen liest: Da entdeckt man dann ein Plädoyer für Tugenden und Werte wie Achtsamkeit, Langsamkeit, für den intensiven Blick auf die Umgebung, die Bedeutung des Reisens und so weiter.

Und man findet einige aus früheren Werken bekannte Themen des Autors wieder: die Vaterbeziehung und die Bruder-Thematik. Ortheil selbst hat ja bekannt, dass er in Matteo fast ein „alter ego“, eine brüderliche Figur sieht. Wer noch mehr erfahren will: Hanns-Josef Ortheil liest in Erlangen auch aus diesem Roman.
Sehr anspruchsvoll geht es in „Paris, links der Seine“ zu, der zweiten Ortheil-Neuerscheinung des Herbstes. Hier machen sich die lebenslang geführten Kladden des Autors, mehrere Aufenthalte in Paris und sein sehr aufmerksames Betrachten bemerkbar.

Ortheil erkundet das Gebiet links der Seine abseits von Touristenströmen, findet stille Plätze und interessiert sich besonders für die Themen Literatur und Küche. Dabei folgt er nicht nur den Spuren von Ernest Hemingway und Roland Barthes – zwei Schriftsteller, die ihm viel bedeuten und auf seine schriftstellerische Arbeit Einfluss hatten – und anderer nicht nur berühmter Poeten, sondern berichtet auch von Lokalen der Jazz- und Chanson-Szene.

Manche Details sind verblüffend: So soll Sartre angeblich im „Le Tabou“, ein Treffpunkt für junge Nachtschwärmer, gesungen haben … Dazu kommen – ähnlich früheren Büchern wie dem über Rom – eine Menge Tipps für Lokale unterschiedlichster Couleur: Ob nur ein kleiner Imbiss oder ein großes Menu, ein spezieller Drink oder eine große Weinprobe – Ortheil, der Feinschmecker, hat immer lohnende Vorschläge.
Dass er an besonderen Buchläden nicht vorbeigehen kann, erstaunt nicht. Eher, dass er sogar bedeutende Herrenausstatter besucht.

Mit all diesen Spaziergängen entsteht nicht nur für Paris-Kenner, die die Stadt einmal ganz anders erleben wollen, sondern besonders für Freunde französischer Literatur ein konzentrierter Reiseführer, der auch zuhause viel Neues entdecken lässt. Die atmosphärisch dichten und vielsagenden Fotos stammen übrigens von Ortheils Sohn Lukas.

Anja Weigmann

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.
Paris, links der Seine. Insel Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Giacomettis Gegengattin: „Caroline“

Sie war das Gegenteil seiner sittsamen Ehefrau, „Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell“.
Für einen lesenswerten Essay folgte der französische Romancier Franck Maubert der Spur der Muse in ihr heutiges Leben.

An Caroline arbeitet sich der Künstler vier Jahre lang ab – über das bildnerische Werk weit hinaus. Die Geliebte, die dem Bildhauer, Maler und Zeichner zwischen 1961 und 1965 häufig Modell stand und dann mit ihm durch das Nachtleben von Montparnasse zog, ging in die Kunstgeschichte ein. 20 gemalte Porträts, zahlreiche Zeichnungen, Grafiken sowie eine Bronzebüste blieben erhalten. Was wurde aus ihr?

Franck Maubert hat Giacomettis junge Herzensdame von damals, die öffentlich stets nur Vorname blieb und nie einen Hehl aus ihren bezahlbaren Diensten gemacht hat, in unseren Tagen aufgesucht. Gefunden hat er
sie in Nizza, in einer winzigen, staubigen Wohnung. Vom Leben erschöpft und gedanklich nicht immer bei der Sache. Maubert hört ihr zu und gewinnt das Vertrauen der Frau, die dem Künstler von Weltrang so wichtig war, dass er ihr zuliebe sogar die nähere Bekanntschaft mit Marlene Dietrich ausschlug.

Alberto Giacometti und Caroline Tamagno im Gespräch in der Bar »Chez Adrien« in Paris, 1959 (Foto: Sammlung Jacques Polge, Verlag)

Mauberts literarisch ambitionierte Recherche ist ein einfühlsames, auch sehr persönlich geratenes Buch über die verzwickte wie verrückte Beziehung zwischen der jungen Hübschen und dem 40 Jahre älteren Bohémien. Außerdem lassen sich seine Zeilen als atmosphärisch starke Studie des Nachtlebens der 60er Jahre lesen. Da ist das Licht in den Gassen, den Bars, den Etablissements. Orte werden durchstreift, die dem Paar zwischen Verzweiflung und Glück zur flüchtigen Heimat wurden.

Giacometti, geboren im Bergell, lebte ab den frühen 20er Jahren in Paris. Faltendurchfurcht, Kette rauchend, die Kleider kaum gipsspurenfrei, war er so etwas wie ein wandelndes Maskottchen der Existenzialisten. Er schuf ihnen ihre Kunst. Dem Material abgetrotzte Geschöpfe, fragil hineingestellt in den freien Raum. „Erst spät begreift sie“, schreibt Maubert über Caroline, „dass Alberto nicht wirklich eine Person zeichnet, sondern vielmehr das, was er sieht.“

Der Künstler und die Kokette: ein Gegensatzpaar. So nahe wie Caroline kamen ihm in Paris nur der Bruder Diego und Annette, die er jung geheiratet hatte. Wobei sie die Stube nicht verließ und ein paar Treppenstufen über dem Atelier verharrte, war die „andere“ da.

Dass der Bildhauer wie besessen war von Prostituierten, ist kein Geheimnis. Aber mit welcher Zärtlichkeit Maubert von der Sehnsucht des Getriebenen erzählt, ist wohlformuliert. Und durchaus intim. Einmal gesteht der Autor dem Leser, früher ähnlich rastlos durch die Straßen gestreift zu sein – um nach dem Besuch der Frauen, also „20 Minuten später wieder hinunterzugehen, den Kopf voll vom Gefühl des Scheiterns, der Zerrüttung und noch stärkerer Einsamkeit, selbst wenn das Mädchen mich ,Mein Prinz‘ genannt hatte“.

Giacometti hatte an Caroline einen Narren gefressen. Er nahm Plünderungen durch ihre Zuhälter in Kauf, gab ihr Geld für einen roten Sportwagen. Manchmal wartete er Wochen an den vertrauten Tresen und in Etablissements auf sie. Als die Gefährtin ihm erzählt, mal eben einen greisen Freier geheiratet zu haben, bewahrt er die Ruhe. Will sie weiterhin. Dabei sind es andere Kreise, in denen er verkehrt. Ein für das junge Ding kaum zu begreifendes Ereignis spielt sich in London ab, wo Caroline mit ihm auf Francis Bacon trifft.

Mauberts Besuch bei Caroline in Nizza ist nicht frei von Beklemmungen. Allzu Persönliches will er für seinen Essay gar nicht erfahren. Die Begegnung mit der Geläuterten verläuft zwischen Faszination und Irritation für ihn. Er verhehlt es nicht.

„Alberto hat auf das Geld gepfiffen. Er schenkte mir alles, was ich wollte“, verrät ihm die Gespielin des Künstlers etwa. So dass Maubert nachhakt: „Und Sie!“ Um ein Lachen zu ernten. Dann ein Husten: „Oh, ich . . . Das ist etwas anderes.“

Es sollte tatsächlich Caroline und nicht Annette im Kantonsspital von Chur vorbehalten sein, den oft so Unnahbaren in seiner Todesstunde noch einmal zu berühren.

Neben Carolines Bett in Nizza sah Maubert ein zerknittertes Schwarz-WeißBild des Künstlers stehen. Nur das Foto und die Erinnerungen blieben ihr von seiner Liebe. Keine Kunst.

Christian Mückl

Franck Maubert: Caroline. Alberto Giacomettis letztes Modell. Piet Meyer Verlag, 112 S, 16 Euro.