Monika Marons frecher Roman „Artur Lanz“

Wann ist ein Mann ein Mann? Auch dann, wenn er aussieht wie eine schwangere Frau? Ein Bild, an das die alte Charlotte immer denken muss – nicht etwa beim Anblick von ausgewachsenen Bierbäuchen, sondern dann, wenn ihr zärtliche junge Väter begegnen, die ihre Kleinkinder vorne in einem Tuch tragen, fast schon mütterlich. Charlotte rümpft – man ahnt es – da nur die Nase.

Die Schriftstellerin Monika Maron (Foto: von Erichsen, dpa)

Aber so richtig sportlich und auf Maß getrimmt mag sie Männer auch nicht. Am schlimmsten: die Jogger, die sie beim gemütlichen Stadtspaziergang immer wieder von hinten und vorne bedrängen! „Ich hasste Jogger“, heißt es ganz explizit, weil Charlotte, jenseits von Gut und Böse, ja eh kein Blatt vor den Mund nimmt. „Für mich waren sie das Sinnbild des unkommunikativen, asozialen, rücksichtslosen, selbstbeschränkten und selbstoptimierenden Zukunftsmenschen.“ Hoppla.

So hat einst ein Thomas Bernhard über seine Heimat Österreich geschrieben. Und so schreibt – stellenweise – Monika Maron nun auch über Deutschland, oder eben das, was sie daran alles reizt, verärgert, in Rage versetzt. Charlotte Winter, ihr herrlich mürrisches Alter ego im neuen Roman „Artur Lanz“, hat einiges zu meckern und zu wettern, wenn es um den Zustand des Landes geht – und seine Männer.

Ein Mann sollte ja nicht nur ein Mann sein, nein, es wäre auch schön, wenn mal wieder ein paar Helden dabei herauskämen, gütig, aber wehrhaft und mit Opfermut. Die Anlagen sind doch da, zumindest beim Titelhelden, den die Schriftstellerin Charlotte, Ende 70, immer wieder auf einer Parkbank sitzen sieht, seltsam nachdenklich und verzagt, auffällig deplatziert neben den üblichen Säufergrüppchen. Natürlich spricht sie ihn an.

Artur Lanz: Das sind ja gleich zwei Helden auf einmal. Artur wie der sagenhafte König Artus, Lanz wie sein Ritter Lancelot. Mit diesen beiden im Kopf hat Arturs Mutter ihrem Sohnemann wohl auch den Vornamen gegeben. Aber hat dieser die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt? Er als geschiedener Physiker, 50 Jahre alt und erst unlängst von einem Herzinfarkt geschwächt?

Und überhaupt: Leben wir nicht längst in einem „postheroischen“ Zeitalter? Ein Wort, das Charlotte schier auf die Palme bringt. Als ob Heldentum etwas Böses und Blutiges sei, von deutscher und anderer Vergangenheit für immer geschändet – und so lästig wie Bismarckstatuen, die immer noch herumstehen.

„Die Helden sind vielleicht ausgestorben, aber nicht die Sehnsucht nach ihnen.“ Punkt. Charlotte – und Monika Maron – pfeifen ohnehin auf jede politische Korrektheit und all jene, die sie, vom Zeitgeist bestärkt, ihrer Umwelt vorschreiben wollen. Das macht „Artur Lanz“ zur anregend-amüsanten Lektüre, die genügend Stoff für Kontroversen bereithält.

Mit Gender-Sternchen oder gerade angesagten Ayurveda-Kuren braucht man Charlotte und ihrer ebenso resoluten Freundin Lady gar nicht erst zu kommen. Beim gemeinsamen Rotwein und der unerlässlichen Zigarette wird kräftig gelästert und Luft abgelassen.

Unerträglicher als Männer sind für beide eigentlich nur Frauen – dann, wenn sie sich defätistisch und denunziatorisch an deren endgültigem Fall zu schaffen machen. Mit der „alten Geschlechterordnung“ hatten Charlotte und Lady kein Problem. Wenn ihnen etwas nicht passte, haben sie es auch gesagt, selbst damals in der DDR, als eine Mitstudentin in politische Nöte kam, weil sie Wolf Biermanns Lieder hörte . . .

Man denkt an Handke, manchmal gar an Botho Strauß – so sehr reibt sich Maron am modernen Alltag und uns Angepassten, um doch noch irgendwie den verlorenen Mythos, die edel schimmernde Ritterrüstung freizulegen. Und bei Artur gelingt es ihr am Ende ja auch.

Der hatte schon einen ersten heldenhaften Moment, als er seinen geliebten Schnauzermischling, der mit der Leine davonlief und sich in einem Rapsfeld fast erdrosselt hätte, in einer selbstlosen Suchaktion retten konnte. Worauf ihm prompt die Frau, sich weniger geliebt fühlend, davonlief…

Nun steht eine neue Bewährung an: Ein Kollege von Artur ist mit kritischen Bemerkungen zur Umweltpolitik aufgefallen und wird – zu Unrecht – als rechtslastig verdächtigt (Monika Maron kennt die absurde Situation). Wird Artur helfen?

Er muss ja vielleicht gar kein Held sein – es reicht die nötige Portion Zivilcourage.

Wolf Ebersberger

Monika Maron: Artur Lanz. Roman. S. Fischer, 220 Seiten, 24 Euro.