Surfen, meine Sucht: William Finnegans „Barbarentage“

Jetzt ist es amtlich: Kalifornien hat das Surfen soeben zum Nationalsport erklärt. William Finnegans „Barbarentage“ ist jedoch mehr als ein fulminantes Buch über das Reiten auf den Wellen. Es ist eine Bekenntnis zum Leben, zur Leidenschaft.

Droge Surfen: Szene am Surfrider Beach in Malibu (Foto: afp)

Wellen haben Gesichter. Aber auch die der Surfer, die sie reiten „verwandeln sich in oft abscheuliche Masken aus Angst, Frust und Wut. Besonders entlarvend ist der Kickout, der Ende des Ritts, bei dem sich eine Mischung aus Erleichterung, Verzweiflung, Freude und Unzufriedenheit auf die Gesichter malt.“

Surfen ist Sucht und William Finnegan ein Bekennender. Wenn der 1952 geborene, in Hawaii aufgewachsene Brandungsjunkie in seiner Autobiografie „Barbarentage“ davon erzählt, dann meint er nicht etwa die heute hippen Formen des Windsurfens oder Kitesurfens damit – laue Lüftchen der Gegenwart.

Er spricht vom Wellenreiten in seiner reinsten, klassischen Form. Dem Meer, dem Board und dem menschlichen Körper darauf. Und wenngleich seine Leidenschaft diesen mit allen unruhigenWassern gewaschenen Journalisten, der zudem als Kriegsreporter viele Jahre für den „New Yorker“ Reportagen schrieb, die besten Surf-Spots der Südsee, Australiens, Afrikas, Madeiras und Long Islands hinterherjagen hat lassen, ist „Barbarentage“ weitaus mehr geworden, als ein Buch über die riskanten Salzwasserspiele eines lange jung gebliebenen Hippies.

Es ist Lebensbeichte, Reisereportage, Zeitzeugnis. Und eine Liebeserklärung an das Schreiben obendrein. Denn Schreiben kann er. Finnegan hat den Pulitzer-Preis für seine „Barbarentage“ bekommen.

Es ist nicht zu viel behauptet, dieses Buch in eine Reihe mit Melvilles „Moby Dick“, Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Film-Klassiker wie „Der Rausch der Tiefe“ zu stellen. Weil ein Purismus darin liegt, den Finnegan (seinen Nachnamen verdankt er irischen Wurzeln mütterlicherseits) sprachlich reflektiert.

Er hat immer nebenher geschrieben, all die Jahre, in denen sie noch suchen mussten, nach den besten Wellen, vornehmlich auf der Südhalbkugel, vornehmlich im Winter. Dass er sich bei der kalifornischen Eisenbahn als junger Kerl verdingte, was ihm einerseits eine Lebenswirklichkeit der Härte, andererseits der Romantik des Unterwegsseins eingebracht hat, zieht sich wie ein roter Faden durch die gut 550 Seiten.

Denn egal, ob er in Bali war oder in Australien: Finnegan arbeitete nebenher (neben den Gelegenheitsjobs als Spülhilfe, Büchereiverkäufer oder Lehrer in Südafrika) immer an seinem Roman über die Eisenbahn.
Seine frühe Jahre fallen in den „Summer of Love“ der späten 60er. Und wenngleich er stets irgendwie, wenn auch über Kontinente hinweg, „beweibt“ bleibt, ist seine Sehnsucht die See. Seinen Vorsatz, auf einem mehrjährigen Südseetrip, nachdem sein Blut schwarz ist vor Malaria, mit möglichst vielen exotischen Frauen zu schlafen, wirft er irgendwann über Bord. Weil er stets Bindungen hat. Und schreibt. An sie.

Als Finnegan schlussendlich, nach all den Jahren und Kontinenten, all den Surf-Kumpels und Wegbegleitern zu Wasser und Wegbegleiterinnen zu Land, doch noch in (wir sagen hier jetzt besser nicht den Hafen der Ehe findet, denn welcher Wellenreiter würde einen Hafen benutzen, er stürzt sich, wo immer sich ein Spot andeutet wie ein ausgehungerter Seehund ins Meer), weit über 40, geläutert, gereift, verheiratet ist, schreibt er immer noch mit einer Nostalgie, die ihm nach der Lektüre der „Barbarentage“ keiner übel nimmt: „Wir Surfer hoffen hartgesotten darauf, dass Surfen eines Tages wieder uncool wird, so wie Rollerbladen.“

Verletzter Stolz, weil der Mainstream (schon wieder so ein Wasserwort) die eigene Identität kratzt? Des noch alles Selbst-herausfinden-Müssens, noch ohne Wettervorhersage auf dem Smartphone, noch ohne Pauschal-Surf-Reisen an exotische Ecken der Welt? Seine „Barbarentage“ kann Finnegan keiner nehmen. Seine Wellen schon. Er hat ein hervorragendes Buch daraus gemacht.

Christian Mückl

William Finnegan: Barbarentage. Deutsch von Tanja Handels. Suhrkamp, 566 Seiten, 18 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Man lebt: „Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt… Manche der Figuren in Richard Russos Roman „Ein Mann der Tat“ machen schon gar keine Pläne mehr für ihr Leben, sie sitzen in den Kneipen, heruntergekommenen Apartmenthäusern oder Wohnwangen ihrer Kleinstadt und hängen ihrer meist auch nicht rosigeren Vergangenheit nach, alten Wunden und Fehden oder verstorbenen Freunden und Verwandten.

Da ist der verwitwete Polizeichef Douglas Raymer, der zuerst bei einer Beerdigung versehentlich ins offene Grab fällt und später auch noch fast am selben Ort von einem Blitz getroffen wird. Oder der alte Schwerenöter Sully, dessen Karma ihm nach einem überraschenden Geldsegen ein tödliches Herzleiden serviert. Oder der Bauunternehmer Carl Roebuck, dem das spektakuläre Scheitern seines neuesten Projekts offenbar weniger zu schaffen macht als seine momentane Impotenz.

In etwas mehr als 48 Stunden scheinen das Schicksal, die Elemente oder auch einfach nur der dumme Zufall mit ihnen und den anderen Einwohnern von North Bath ein böses Spiel zu treiben.

Der amerikanische, 2002 für „Diese gottverdammten Träume“ mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneter Meistererzähler Richard Russo besucht in seinem neuesten Roman alte Bekannte: Die Einwohner von North Bath hat er bereits 1993 in „Ein grundzufriedener Mann“ vorgestellt – dem Buch, mit dem er in den USA den Durchbruch schaffte (verfilmt als „Nobody’s Fool“ mit Paul Newman und Bruce Willis).

Inzwischen sind Doug, Sully und Carl älter, aber nicht wirklich weiser geworden. Sie haben es sich nur auf der (scheinbaren) Verliererseite eingerichtet. Russo, der sich in seinen Romanen als humorvoller Chronist der Enttäuschten und Zukurzgekommenen auf der Kehrseite des amerikanischen Traums erwiesen hat, gönnt ihnen allen hier aber neue Chancen, auch wenn sie oft mit Gefahr für Leib und Leben verbunden sind.

Chief Raymer zum Beispiel sucht mit Hilfe eines Garagenöffners nach dem geheimen Liebhaber seiner verstorbenen Frau. Außerdem sorgen ein Unwetter, eine tödliche Schlange, ein heimtückischer Ex-Sträfling und die geistig verwirrte Frau des Bürgermeisters dafür, dass seine privaten Probleme und psychischen Defekte sich immer weiter ineinanderschrauben.

Das ist ebenso komisch wie spannend geschrieben, aber das Beste an „Ein Mann der Tat“ sind die mit großer Detailfreude, Wahrhaftigkeit und Sensibilität gezeichneten Figuren, die sich beim Lesen nachhaltig einprägen. Insbesondere der gewalttätige Fiesling Roy Purdy, aus dessen verschobener Perspektive einige der Kapitel erzählt werden, bleibt in schlimmster Erinnerung!

Andreas Frane

Richard Russo: Ein Mann der Tat. Roman. Dumont, 688 Seiten, 26 Euro.