Anika Deckers starkes Romandebüt

Nicht weniger als ein Leben steht in diesem Roman auf dem Spiel. Trotzdem ist er immer wieder extrem lustig. Geht das?

Anika Decker (Foto: dpa)

Die Drehbuchautorin Rahel Wald ist Mitte 30, als sie urplötzlich aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Wegen einer Sepsis landet sie auf der Intensivstation, ihre Eltern werden auf das Schlimmste vorbereitet. Doch Rahel überlebt. Aufatmen, aufstehen, Happy End?

Könnte in einem Buch mit mäßigem Drehbuch so sein. Hier aber fängt die Geschichte erst an. Denn als Rahel Wald aus dem künstlichen Koma erwacht, als sie wieder mit ihren Eltern und ihrem Freund kommunizieren kann, stellt sie fest, dass sie Erinnerungslücken hat, was die Zeit vor ihrem Zusammenbruch betrifft.

Damit beginnt eine Horrorstory. Keine übersinnliche Fantasy made in Hollywood, sondern eine aus der ganz normalen Welt – die kann mitunter ja gruselig genug sein. Und ist hier zugleich immer wieder sehr, sehr komisch.

Passgenau zusammengeführt hat diese Extreme die Drehbuchautorin Anika Decker, die mit „Wir von der anderen Seite“ ihren ersten Roman vorlegt. Von Decker, 44, dürften die wenigsten schon gehört haben, obwohl sie das Drehbuch zu einem der erfolgreichsten deutschen Kinofilme des vergangenen Jahrzehnts geschrieben hat: „Keinohrhasen“ (2007) von und mit Til Schweiger; mehr als sechs Millionen Zuschauer haben sich in dieser Komödie amüsiert. Aber Drehbuchautoren sind nach wie vor in der Öffentlichkeit kaum bekannt, dabei brauchen Filme guten Stoff so nötig wie ein Junkie den seinen.

Auch um den Stellenwert von kreativer Arbeit geht es in diesem Roman, wie überhaupt um die ganze Filmbranche mit ihren Ekel-Egomanen, Selbstdarstellern und Geschäftsleuten – und darum, wie sich eine junge Frau in diesem Haifischbecken bewegt.

Vor allem aber handelt das Buch davon, wie ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, wie sich aus dem Nichts – so zumindest scheint es lange Zeit – eine Hürde in den Weg schiebt, über die man nicht einfach so hinweggehen und danach weitermachen kann wie vorher.

Und obwohl die Parallelen offensichtlich sind – nein, das ist keine verkappte Autobiografie von Anika Decker, die mit ihrem ersten Drehbuch gerade einen Erfolg gelandet hatte und dann schwer erkrankte. Wo Anika aufhört und Rahel beginnt, ist zwar schwer zu sagen; allerdings ist das auch nicht sonderlich wichtig.

Denn die Autorin hat eine starke Figur in einer Extremsituation geschaffen, die um ihr Leben kämpft; der, vollgepumpt mit Medikamenten, nachts ein Eichhörnchen auf der Brust sitzt und winkt; die erst zum Gerippe abmagert und später fett und antriebslos in Jogginghosen auf dem Sofa vor sich hin gammelt. Kurz: die plötzlich auf der anderen Seite steht, wo es nicht um das richtige Outfit für eine Filmparty geht, sondern darum, überhaupt etwas anzuziehen, ohne davon schon wieder komplett erschöpft zu sein.

Und auch eine Figur mit all ihren (und unseren) Unzulänglichkeiten, Neurosen, Ängsten und Eigenheiten.
Puh, ja, ganz schön heftig, all das. Wäre da, sogar auf dieser anderen Seite, nicht Deckers Witz und die (Selbst-)Ironie, die das Schreckliche mit Sinn für Pointen abfedert und diesen Roman zu einem stellenweise sehr komischen macht.

Die Autorin Sibylle Berg, mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens bestens vertraut, hat ihn geliebt.
Muss man mehr sagen?

Tamara Dotterweich

Anika Decker: Wir von der anderen Seite. Roman. Ullstein Verlag, 384 Seiten, 20 Euro

Karen Köhlers toller erster Roman: „Miroloi“

Eine Theaterfrau zeigt, dass sie auch Prosa kann: Die Hamburger Autorin Karen Köhler liest beim Erlanger Poetenfest am Samstag, 31. August (Schlossgarten, 16.30 Uhr), aus ihrem Debütroman „Miroloi“ über eine Insel des Grauens. Soeben wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Zu Beginn geht man im Geist die griechischen Inseln durch. Wo hat Karen Köhler diese Hölle unter der Sonne in solcher Detailfreude wohl abgeschaut? Bei den Völkern der Bibel? Doch dann gäbe es keine Cola und kein angespültes Plastik am Strand. Am Ende etwa bei den Taliban, so wie sie ihre Frauen erniedrigen und eine Primitivkultur hochhalten?

Auf der Suche nach Halt in diesem urgewaltigen, mitreißenden Roman versteht der Leser dann aber schnell: Was Karen Köhler hier aufstellt, ist ihr eigenes System. Ihre Kulisse, das „Schöne Dorf“ auf der „Schönen Insel“, ist ein Un-Ort in einer Un-Zeit. Sie braucht ihn als Gussform für ihr universelles Thema: das Vermögen menschlicher Gesellschaften, totalitär zu werden, die Religion zur Unterdrückung zu nutzen, ihre Fremdlinge zu opfern.

Die Ich-Erzählerin ist so ein Fremdling. Die junge Frau kam als namenloses Findelkind aus der „Drübenwelt“ ins Dorf. Die Gemeinschaft, die an eine heilige Schrift namens „Khorabel“ glaubt, ächtet sie als „Eselshure“ und verkrüppelt ihr Bein am Marterpfahl.

„Miroloi“ wäre eine traurige Totenklage – der griechisch-orthodoxe Begriff dafür gibt dem Roman den Titel –, gäbe es den Ziehvater nicht. Der integre Mann bringt dem Mädchen verbotswidrig das Lesen bei. Durch die Buchstaben eignet es sich die Welt an und entdeckt die Liebe. Durch die Liebe erhält es einen Namen, Alina, und Alina wird, was auf der Hand liegt, bald zur Rächerin an den Sittenwächtern.

Die Geschichte dieser Menschwerdung als Fanal des Feminismus gegen das Patriarchat ist melodramatisch und im Ergebnis, abgesehen von prima lesbarem Schauder, gar nicht so sehr der Rede wert. Die holzschnittartige Figurenführung kann man dem Buch ankreiden, auch dass die erweckte Alina zu viel zu Ende beschreibt. Was „Miroloi“ bemerkenswert macht, ist zum einen das Spiel mit der Form: Köhler montiert Elemente des Bildungsromans, der Tragödie, der Dystopie und der Parabel zusammen und scheut sich nicht, ein Kapitel auch mal nur auf dasselbe wiederholte Wort zu reduzieren.

Zum anderen geht die Schauspielerin und Dramatikerin mit Sprache irritierend unterhaltsam um. Dass sie Gemütszustände präzisieren kann, zeigte ihr preisgekrönter Erzählungsband „Wir haben Raketen geangelt“. Ihre Protagonistin Alina lässt sie nun auf eine lyrische Art ihren Mangel an Kultur ausdrücken. Mit Wortschöpfungen, die im Text organisch wirken und doch ständig das Raster des Vertrauten stören. „Mannuntenrum“, „Tausendaugen“, „zottigzart“, das „Feste Land“ (statt Festland) und „tiefstenachtstill“ sind solche Beispiele.

In einer Lesestunde bringt der Bethaus-Vater dem Mädchen bei, was der Konjunktiv ist. Nämlich: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg. Und zu den anderen hin. Du bist keine Missgeburt.“ Wem so eine Passage einfällt, der muss das Erzählen lieben. Da darf also gern noch mehr kommen.

Isabel Lauer

Karen Köhler: Miroloi. Hanser, 464 Seiten, 24 Euro.

Faustisch: Christiane Neudeckers neuer Roman „Der Gott der Stadt“

Faust und Mephisto, die schon wieder? Das ist doch ausgelutscht bis zum Gehtnichtmehr, und doch verkaufen die Mimen ihre Seele und die eigene Mama dazu, um sie auf der Bühne zu verkörpern. Aber es geht auch anders, abseits von Goethe. Wie wäre es mit einem expressionistischen Faust? Mit Entgrenzung pur? Lust, Rausch und Macht, jetzt sofort und auf immer und ewig, und sei es nur für ein paar Momente?

Frankens scharfer Literaturexport: Christiane Neudecker (Foto: Maurizio Gambarini)

Berlin im Herbst 1995. Katharina hat unter Hunderten Bewerbern einen Studienplatz für Regie an der hochangesehenen Piscator-Schule ergattert. Zusammen mit vier weiteren Studenten klebt sie an den Lippen des Bühnengottes Korbinian Brandner, der sie in die Weihen des wahren Theaters ostdeutscher Prägung einführt.

Doch die Anforderungen sind hoch: zweimal versagt, und du fliegst raus! Als Talentprobe sollen die Erstsemester ein Faust-Fragment des expressionistischen Dichters Georg Heym (1887–1912) erarbeiten.
Doch Brandner hat seine eigenen Methoden. So steckt er jedem Studenten nur ein paar Sätze aus dem Fragment zu, die für sich allein genommen keinen Sinn ergeben, alles und nichts bedeuten. „Die Geister des ermordeten Winter“ oder „ringende Schwarze im Lunapark“ oder „Faust und der Teufel auf dem Mond“.
Jeder soll sich daraus – unabhängig von den anderen – ein Konzept basteln, dieses Konzept vor einer Jury mit Zähnen und Klauen verteidigen und hernach inszenieren.

Dass das nicht gut gehen wird, macht die Autorin Christiane Neudecker schon im Prolog klar. Einer aus der Runde wird sterben. Doch wer? Der Roman „Der Gott der Stadt“ bezieht ein Großteil seiner Spannung aus der Frage, wer aus dem halben Dutzend auf der Strecke bleiben wird. Und da bieten sich alle an: Kollege Schwarz, der lieber Filme drehen will, wirft haufenweise Drogen ein, Francois ist ein sensibles Seelchen, die forsche Nele versteckt ihre Defizite hinter einer Blendfassade, Tadeusz brütet über einem finsteren Familiengeheimnis, und Katharina blufft sich durchs Leben. Und auch in Brandners Keller wesen einige
Leichen.

Die Nürnbergerin Christiane Neudecker ist selbst Theaterregisseurin und hat ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule in Berlin gelernt. Da liegt die Annahme nahe, dass sie ordentlich aus dem Nähkästchen plaudert. Doch „Der Gott der Stadt“ ist kein Enthüllungsroman und auch kein privates Auskotzen. Er lebt von der genauen psychologisierenden Beobachtung.

So verlässt Neudecker die Perspektive Katharinas und lässt auch die anderen Personen mit ihrem Innenleben zu Wort kommen. Auf diese Weise entstehen heterogene Facetten der fünf Protagonisten. Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.

Im Laufe der Handlung erscheint Brandner als ein Mephisto, der in seiner Privatinszenierung fünf faustische Seelen in ihrem Geltungsdrang aufstachelt und gegeneinander ausspielt. Doch der Magus dahinter ist immer noch Georg Heym selbst, der mit seinen sinistren Metaphern alle im Griff hält – und dem die Autorin mit Zitaten und Anspielungen aus seinem Werk Tribut zollt. Schon der Romantitel ist nach einem Heym-Gedicht ausgewählt.

Nicht zuletzt ist „Der Gott der Stadt“ auch ein Berlin-Roman. Das Berlin der Wendezeit erweist sich als ein Kosmos, der wie Frankensteins Monster mit Hochglanz und Marodem, Ost- und Westmentalität, Bruchbuden und Villen, internationalen Wohnheimen und Schatten aus der Vergangenheit zusammengenäht ist.

Und auch ein Zeitroman. In einer Zeit, als es weder Handys noch Internet gab, mutet die Recherche nach den Hinweisen, die Heyms Fragment enthält, wie eine nostalgische Schnitzeljagd durch Bibliotheken, Nazi-Antiquariate und Friedhöfe an – als wären wir mit Dan Brown auf Spurensuche nach den llluminati.
Natürlich steckt auch ein gutes Stück Paranoia und Verschwörungstheorie mit drin. Ist Heym mit seinem Freund wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen? Gehen Satanisten ins Theater? Und warum eigentlich schmeckt der Salbeitee so komisch?

So viele Fragen tauchen im Roman auf. Doch Fragesätze beendet die Autorin nicht mit einem Fragezeichen, sondern einem Punkt. Offenbar ein Stilmittel, bei dem die Antwort schon in der Frage enthalten ist.
Eines aber bleibt unverzeihlich: Bei ihrer Spurensuche liest Katharina in der „Offenbarung von Johannes dem Täufer“. In der Bibel gibt es mehrere Johannes, aber die Apokalypse hat ein anderer geschrieben, nicht der Prophet. Da hat die Autorin im Reli-Unterricht wohl süß geschlummert. Und der Lektor auch.

Reinhard Kalb

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand, 660 Seiten, 24 Euro.

Jung, stark, irisch: Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“

Wir können dieselben Zutaten nehmen und doch schmeckt es für jeden anders – das Essen, das Leben, die Liebe. Sally Rooneys Debüt-Roman „Gespräche mit Freunden“, eine der literarischen Überraschungen dieses Sommers, besteht für sich genommen aus unspektakulärem Stoff, der aber ist geschickt gestrickt.

Die irische Autorin Sally Rooney (Foto: Luchterhand)

Zwei Paare, ein weibliches Jüngeres und ein gemischtgeschlechtliches mittleren Alters, kommen sich näher. Die Frauen sind im Literaturmillieu unterwegs. Nick ist Schauspieler, er dreht – mäßig erfolgreich – Filme.

Was als zufällige Begegnung bei einer Lesung beginnt, führt bald dazu, dass sich Frances (aus deren Warte erzählt wird) zu Melissas Ehemann Nick hingezogen fühlt. Um so mehr, als ihre Freundin Bobby sich soeben von ihr trennte. Die wiederum würde gerne die verheiratete Melissa erobern. Ein freizügiger Sommerurlaub in Frankreich folgt, intime Geheimnisse inbegriffen.

Natürlich kann auch eine Senkrechtstarterin wie Rooney, 1991 im irischen County Mayo geboren und für „Gespräche mit Freunden“ im angelsächsischen Raum schon mit Literaturpreisen überschüttet, das Genre der modernen Liebesgeschichte mit all ihren Beziehungsmöglichkeiten nicht neu erfinden – deren Klassiker sie gut kennt.

Wer will, kann Motive aus Hemingways „Garten Eden“, Sagans „Bonjour Tristesse“ oder Salingers „Fanny and Zooey“ herauslesen, die Rooney sehr intelligent aus den 50er und 60er Jahren ins Zeitalter von Whatsapp und Billigflügen hineinübersetzt. Das gelingt ihr sinnlich und gedankenscharf.

Über zahlreiche starke Dialoge zwischen den diskutierenden Hauptfiguren hinaus nimmt die Handlung wohltemperiert Kurs auf philosophische Monsterfragen wie Monogamie, Patriarchat, Kapitalismus. Das aber, Gottseidank, ohne in den Abgrund der Grübelei zu stürzen.

Der Roman ist als Reflexion Liebender zu lesen, die ihre Tickets durchs Leben hinterfragen und darüber nachdenken, ob sie diese behalten oder neu buchen sollen. Sommerlektüre, Liebesroman, Gesellschaftsbetrachtung: Rooney lauscht in „Gespräche mit Freunden“ am Puls der Zeit. Dem Geschwätz geht sie nicht auf den Leim. Die Stimmlage passt.

Christian Mückl

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Deutsch von Zoe Beck. Luchterhand, 384 Seiten, 20 Euro.

Nell Zinks vergnüglicher Roman „Virginia“

Eine lesbische Studentin und ein schwuler Dichter begegnen sich am College, werden ein Paar und bekommen zwei Kinder. Sie leben eine Weile mehr schlecht als recht zusammen, als sie sich irgendwann die Tochter schnappt und verschwindet. Lee, der Vater, hat sich längst wieder dem eigenen Geschlecht zugewandt.

US-Autorin Nell Zink (Foto: Fred Filkorn, Rowohlt)

Peggy, die Pfarrerstochter, die sich später Meg nennen wird, taucht gar nicht weit entfernt unter, bezieht eine verfallene Baracke in einem sumpfigen Wald und gibt ihrem Kind eine gestohlene Existenz. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit nicht immer legalen Geschäften.

Damit kommen die beiden ganz gut zurecht, zumindest ein paar Jahre lang. Der Rest der Familie hört natürlich nicht auf, die Verschwundenen zu suchen. Es kommt zu Irrungen und Wirrungen der vergnüglichsten Art, bis alle irgendwann wiedervereint sind.
„Virginia“ heißt Nell Zinks Roman, der nach seinem Schauplatz benannt ist und in einem erzkonservativen Winkel der USA handelt, zu einer Zeit, in der sich gerade ein Wandel ankündigt. Die 60er und 70er Jahre erschüttern alte Wahrheiten und Gewohnheiten.

Nell Zink, 1964 in Kalifornien geboren, lebt heute in Deutschland, in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig. Auch sie hat ihrem Leben immer wieder eine neue Richtung gegeben. In „Virginia“ erzählt sie eine phantastische Abenteuergeschichte, voll wilder Phantasie und schrägen Haupt- und Nebendarstellern. Sie wirbelt Gewissheiten durcheinander, spart nicht mit Kritik an ihrem Heimatland, an der Politik, am Rassismus, an den Frauenbildern.

All diese Themen verpackt sie in schräge Begebenheiten, lässt niemals einen belehrenden oder anklagenden Unterton aufkommen. Ihre Heldin emanzipiert sich mutig und zügellos und nimmt dafür einen beträchtlichen sozialen Abstieg in Kauf. Unglücklich ist sie deshalb ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich befreit.
Den Leser freut das außerordentlich. Vor allem, weil er so ein ganz wunderbar heiteres Happy End erzählt bekommt.

Gabi Eisenack

Nell Zink: Virginia. Rowohlt, 320. S., 22 Euro.

O, Mond: „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die gängige amerikanische Karriere. Vom verprügelten Heimkind zum Internet-Krösus und Möchtegern-Astronauten – das klingt nicht unbedingt nach einer deutschen Erfolgskurve.

Was der Autor Norbert Zähringer in seinem fünften Roman „Wo wir waren“ ausheckt, ist im Grunde pure Kolportage: sein Held Hardy Rohn entweicht mit fünf Jahren dem Waisenhaus, wird von einer mitleidigen Familie adoptiert, erfährt die Enge des 1970er-Jahre-Spießertums und die Verlockungen der Alternativkultur, entwickelt in den USA Computerspiele und intelligente Rasenmäher und steigt zum Multimillionär auf.

Norbert Zähringer (Foto: Isabella Scheel/Rowohlt-Verlag).

Damit nicht genug, serviert uns Zähringer auch noch die ganz anders gearteten Lebensläufe von Hardys leiblichen Eltern, der Mutter Martha, die als Giftmörderin im Zuchthaus landet, und des Vaters Jim, eines US-Soldaten, den es von Deutschland nach Vietnam verschlägt.

Ein Drama hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Tatsächlich erzählt Zähringer seine Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern wirbelt die Zeiten und Schauplätze wild durcheinander. Die reichen von 1901 bis 2009, vom Rheingau, wo sich Taunus und Hunsrück gute Nacht sagen, bis nach Los Angeles und Baikonur, vom Kloster bis zum Weltraumbahnhof.

Dreh- und Angelpunkt, demonstrativ als solches deklariertes Zentrum des Romans, ist allerdings der Mond am 21. Juli 1969, als Neil Armstrong seinen Fuß in den Staub des Mare Tranquillitatis setzt. In jenem Moment setzen die drei Erzählstränge ein oder kommt es zu entscheidenden Weichenstellungen.

Der Witz des Romans ist so beschaffen, dass sämtliche Haupt- und Nebenfiguren der verschiedenen Handlungsfäden gelegentlich einander begegnen, ohne sich oder ihre Schicksalsverbundenheit zu erkennen. Dies eben bleibt dem aufmerksamen Leser überlassen.

Damit lädt Zähringer den Leser ein, auf Wolke Neun Platz zu nehmen und gottgleich seine Romanfiguren durchs Schicksals-Opernglas zu betrachten. Betrachtet man die Episoden für sich, so gestaltet der Autor überaus einfühlsame Stimmungen und Milieus: das westdeutsche Kleinbürgeridyll der 1960er und 70er Jahre mit seinen Abgründen in Gestalt sadistischer Heimleiter, zwangsgesteuerter Karrieristen und frustrierter Hausfrauen, und im Gegensatz dazu das freie Leben in Berlin; die „Anything goes“-Mentalität der USA in den 1980er Jahren; und als Zukunftsvision die nachindustrielle Wildnis in Kasachstan mit High-Tech-Ruinen.

Darüber hinaus lebt Zähringers Roman vom Gegensatz aus Enge und Weite im räumlichen wie im geistigen Sinn, aus der Spannung zwischen Abwarten und Aufbruch, zwischen Neugier und Zaudern, zwischen Courage und Duckmäusertum.

Zur inspirierenden Personnage zählen illustre Phänomene der deutschen Nachkriegsgeschichte wie Giftmischerinnen, die sich ihrer bevormundenden Gatten entledigten, SF-Heftromanschreiber im Stile Perry Rhodans, gescheiterte Alternativ-Literaten und natürlich diverse Leichen im NS-Keller.

Doch tatsächlich bedingt erst die Erfahrung der Enge das Erlebnis der Weite. Hätte Hardy seine Passion für den unbegrenzten Raum entwickelt ohne das Erleiden des Eingesperrtseins, ohne das kindliche Spiel im „Raumschiff Orion“-Autowrack?

Die Ironie der Geschichte und die Tücken der Technik zwingen den Hobby-Kosmonauten wieder in die Klaustrophobie: in die Enge einer Sojus-Kapsel, die kindliche Traumata wieder aufrührt.
Doch unser Held ist nicht umsonst nach dem Filmstar Hardy Krüger benannt. Der hatte seinen Durchbruch in der Rolle als deutscher Flüchtling aus englischer Kriegsgefangenschaft. Titel des Films: „Einer kam durch“.

Reinhard Kalb

Norbert Zähringer: Wo wir waren. Roman. Rowohlt, 500 Seiten, 25 Euro

Sibylle Bergs scharfer Roman „GRM Brainfuck“

Sibylle Berg gelingt in ihrem jüngsten Roman „GRM Brainfuck“ ein furioser, aber nicht völlig hoffnungsloser Abgesang auf unsere Gegenwart.

Verfickt nochmal! Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg (Foto: Pedersen/dpa)

Wie kriegt man unsere chaotische, gespaltene, von Fake-News und sozialen Medien vergiftete, sich mit Drogen und der Gier nach Geld und Anerkennung über Wasser haltende, immer weiter nach rechts und in die Überwachung durch Computer driftende Gesellschaft noch zwischen zwei Buchdeckel?
Der Franzose Michel Houellebecq, von den Gegenwartsautoren einer der wichtigsten, stimmt in seinem jüngsten Roman „Serotonin“ einen Abgesang auf den depressiven alten weißen Mann an. Das wirkt streckenweise ziemlich defensiv und resignativ.

Ganz anders macht das Sibylle Berg, die 56-jährige, ausgerechnet aus der Klassik-Hochburg Weimar stammende, in die Schweiz „geflüchtete“ Prosa- und Theaterautorin, deren Leben von Anekdoten umrankt ist, und die sich so rar macht, wie sie als „Spiegel“-Kolumnistin präsent ist. Sie hat sehr tief Luft geholt, lange nachgedacht, die literarischen Boxhandschuhe angezogen und legt nun einen großen Roman vor, der die Wucht eines Faustschlags hat.

„GRM Brainfuck“ heißt das Werk, das in einem heruntergekommenen Post-Brexit-Großbritannien der Gegenwart und der nahen Zukunft spielt und vier Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, die Milieuforscher im prekärsten Prekariat verorten würden.

Der Alltag von Don, Karen, Hannah und Peter im heruntergekommenen Rochdale bei Manchester hat jegliche bürgerliche Strukturen verloren, zudem sind Polizei und Militär privatisiert, die Wirtschaft haben chinesische Investoren übernommen. Politiker sind nur noch Medien-Avatare, die Diktatur kommt in Form eines sedierenden Sozialstaats daher: Wer sich einen Chip zur Totalüberwachung einpflanzen lässt, bekommt dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Was leicht zur Karikatur einer dystopischen Gesellschaft missraten könnte, entwickelt dank Bergs originell-intensivem, grammatische Regeln und zeitliche Zusammenhänge verschiebendem Stil einen beklemmenden Sog. Eine Handlung, wie man sie in der Tradition des bürgerlich psychologischen Realismus erwarten würde, gibt es kaum mehr. Die vier Hauptfiguren definieren sich über die Musikrichtung Grime (kurz GRM), eine Mischung aus Rap und Postpunk, die in England immer neue kurzlebige Youtube-Stars produziert und bei Berg zum Soundtrack der sozialen Apokalypse wird.

Aber eben auch zum Hoffnungsschimmer einer Humanität des Trotzdem: Denn über diese Musik finden die Vier zumindest ein Stück weit eine eigene Identität, gelingt ihnen im Chaos um sich herum eine Art Selbstbehauptung, die sie erst zu Menschen werden lässt.

Letztlich kann sich Berg in „GRM Brainfuck“ nicht ganz von der Erzähl-idee einer Künstlerutopie verabschieden. Andererseits, an irgend etwas muss gerade ein Mensch in der heruntergekommensten, perspektivlosesten Gesellschaft ja noch glauben, wenn er nicht völlig seine Seele verlieren will.
So berauscht sich der gut 600 Seiten dicke Roman eben nicht nur am furios und kraftvoll geschilderten Elend unserer aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Nein, Berg findet auch zu einem entrückt-schrägen Ton der Hoffnung, vielleicht sogar der Buße, wer weiß? So lange es Menschen gibt, besteht immer auch noch die Hoffnung auf die Befreiung, den Umsturz, die Revolution. Wer Sibylle Berg liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass es dafür inzwischen höchste Zeit ist.

Thomas Heinold

Sibylle Berg: GRM Brainfuck. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., 25 Euro.

Die Braut, die sich traut: Ronit Matalons letzter Roman

Die israelische Autorin Ronit Matalon (Foto: Luchterhand)


Dieses Buch macht traurig, bevor man auch nur die erste Zeile gelesen hat. Die israelische Schriftstellerin Ronit Matalon ist am Tag vor ihrem Tod im Dezember 2017 noch mit einem Preis für ihr Werk „Und die Braut schloss die Tür“ ausgezeichnet worden.
Sie konnte bei der Verleihung nicht mehr dabei sein. Ihre Tochter vertrat sie und trug die Dankesrede vor. Darin ließ Ronit Matalon dem Publikum folgendes ausrichten: „Abwesenheit ist manchmal genauso bedeutsam wie Anwesenheit.“
Mit diesen Worten hat sie im Grunde auch die Kernaussage ihres letzten kleinen Romans auf den Punkt gebracht. Es geht um die Abwesenheit einer Braut. Kurz vor der Hochzeit sperrt sich Margi im Schlafzimmer ihrer Eltern ein. Sie will nicht heiraten und weigert sich, den Raum zu verlassen. Keiner versteht warum, denn Margi schweigt eisern. Vor der Tür versammeln sich derweil der Bräutigam und eine Schar Familienangehöriger in Aufregung.
Ronit Matalons Geschichte hat etwas Klaustrophobisches. Die Szenerie vermittelt Enge und Bedrängnis. Die Braut will ihre Ruhe, die Menschen vor der Tür wollen, dass sie ihre Rolle wie geplant spielt. Sie schwanken emotional zwischen Ungeduld, Gereiztheit und Sorge.
Dieses Klein-Drama ist wirkungsvoll inszeniert. Es bringt Verdrängtes und Vergessenes zutage, und führt bisweilen zu skurrilen Reaktionen: Da wird zum Beispiel eine Psychiaterin bestellt, Expertin für „bereuende Bräute“. Aber auch sie, immerhin teuer für ihren Einsatz bezahlt, kann nichts ausrichten.
Ronit Matalon ist 1959 als Kind ägyptisch-jüdischer Einwanderer in Israel geboren. Bevor sie Schriftstellerin wurde, arbeitete sie für die Tageszeitung „Haaretz“. Im Jahr 2000 hat sie ihren Debütroman „Sara, Sara“ veröffentlicht. Eine Geschichte, die für einiges Aufsehen sorgte. Sie handelt von Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts: auch ein Vermächtnis Matalons, das es Wert ist, gelesen zu werden.


Gabi Eisenack


Ronit Matalon: Und die Braut schloss die Tür. Roman. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.