Die Braut, die sich traut: Ronit Matalons letzter Roman

Die israelische Autorin Ronit Matalon (Foto: Luchterhand)


Dieses Buch macht traurig, bevor man auch nur die erste Zeile gelesen hat. Die israelische Schriftstellerin Ronit Matalon ist am Tag vor ihrem Tod im Dezember 2017 noch mit einem Preis für ihr Werk „Und die Braut schloss die Tür“ ausgezeichnet worden.
Sie konnte bei der Verleihung nicht mehr dabei sein. Ihre Tochter vertrat sie und trug die Dankesrede vor. Darin ließ Ronit Matalon dem Publikum folgendes ausrichten: „Abwesenheit ist manchmal genauso bedeutsam wie Anwesenheit.“
Mit diesen Worten hat sie im Grunde auch die Kernaussage ihres letzten kleinen Romans auf den Punkt gebracht. Es geht um die Abwesenheit einer Braut. Kurz vor der Hochzeit sperrt sich Margi im Schlafzimmer ihrer Eltern ein. Sie will nicht heiraten und weigert sich, den Raum zu verlassen. Keiner versteht warum, denn Margi schweigt eisern. Vor der Tür versammeln sich derweil der Bräutigam und eine Schar Familienangehöriger in Aufregung.
Ronit Matalons Geschichte hat etwas Klaustrophobisches. Die Szenerie vermittelt Enge und Bedrängnis. Die Braut will ihre Ruhe, die Menschen vor der Tür wollen, dass sie ihre Rolle wie geplant spielt. Sie schwanken emotional zwischen Ungeduld, Gereiztheit und Sorge.
Dieses Klein-Drama ist wirkungsvoll inszeniert. Es bringt Verdrängtes und Vergessenes zutage, und führt bisweilen zu skurrilen Reaktionen: Da wird zum Beispiel eine Psychiaterin bestellt, Expertin für „bereuende Bräute“. Aber auch sie, immerhin teuer für ihren Einsatz bezahlt, kann nichts ausrichten.
Ronit Matalon ist 1959 als Kind ägyptisch-jüdischer Einwanderer in Israel geboren. Bevor sie Schriftstellerin wurde, arbeitete sie für die Tageszeitung „Haaretz“. Im Jahr 2000 hat sie ihren Debütroman „Sara, Sara“ veröffentlicht. Eine Geschichte, die für einiges Aufsehen sorgte. Sie handelt von Liebe und Freundschaft vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts: auch ein Vermächtnis Matalons, das es Wert ist, gelesen zu werden.


Gabi Eisenack


Ronit Matalon: Und die Braut schloss die Tür. Roman. Luchterhand, 160 Seiten, 18 Euro.

Betörend: „Stella“ von Takis Würger

„Ich war ein junger Mann mit Geld und einem Schweizer Pass, der gedacht hat, in diesem Krieg leben zu können, ohne etwas mit ihm zu tun zu haben“: Das Jahr 1942 belehrt die Hauptperson namens Friedrich in Takis Würgers gespenstischem Roman „Stella“ eines Besseren.

Takis Würger (Foto: Döring, Hanser)

Es geht viel um Wahrheit. „Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk . . . Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht.“ Wenige Seiten später: „Ich wusste, dass Vater und Mutter sich nicht liebten“. Weiter: „Die Wahrheit. Du hast gesagt, wir sagen die Wahrheit. Aber über Mutter lügst du.“ Der Junge ahnt: Die Wahrheit zu sagen, kann bedeuten, weh zu tun.


Es sind die frühen 1940er Jahre, Friedrich wächst in einem wohlhabenden Elternhaus am Genfer See auf. Die Mutter ist Alkoholikerin. Als die Nürnberger Gesetze verkündet werden, trinkt sie eine ganze Flasche Kartoffelschnaps darauf. „Sie hob das Glas auf das Wohl Adolf Hitlers, den sie Adolphe nannte, als wäre er Franzose.“

Als sie ein Jahr später auf dem Privatanwesen die Hakenkreuzfahne hisst, rennt Friedrichs Vater in das Gewächshaus und stößt einen Schrei aus, der das Ende der Ehe ausdrückt. Sonst sei Schweigen seine Art, zu weinen, stellt Friedrich fest. Über den Vater als den Empfindsamen. Den Schwächeren?


Doch was sind Tränen? Spätestens, nachdem der Junge früh farbenblind geworden ist, weil sich ein Kutscher mit dem Stock für einen Schneeballangriff rächte, hat er gelernt, seinen Augen zu misstrauen.


Und dann: Als der künstlerisch ambitionierte junger Mann die Schweiz verlässt und in Berlin bei einem Aktzeichenkurs Kristin erblickt, da traut er seinen Augen ebenfalls kaum: So ein starker Charakter ist ihm – nach Mutter – noch nie begegnet. Dass Kristin in Wahrheit Stella Goldschlag heißt, ahnt er nicht.


Was hat Takis Würger da nur für einen betörenden Roman geschrieben! Kein Geringerer als Daniel Kehlmann lobt: „Man beginnt dieses Buch mit Skepsis, man liest es mit Spannung und Erschrecken, man beendet es mit Bewunderung.“


Takis Würger, geboren 1985, war Kriegsreporter für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, kündigte den Job mit 28, ging nach Cambridge, studierte Ideengeschichte, boxte Schwergewicht und veröffentlichte 2017 mit „Der Club“ seinen ersten Roman. Bereits darin ging es um die Frage, ob man aus Liebe das Falsche tun darf, um das Richtige zu erreichen.


Stella und der junge Schweizer im kriegsgezeichneten Berlin spielen die Hauptrollen in Würgers Roman. Sie ist die erste Frau, die Friedrich küsst. Sie kennt Jazzclubs. Und Müdigkeit, Hunger und Angst. Um das zu vertreiben, nimmt sie Pervitin-Pralinen. Den Stoff, mit dem auch die Wehrmacht Frontsoldaten bei Laune zu halten versuchte.

Den Berliner Kapiteln stellt Takis Würger eine knappe Nachrichtenchronologie aus dem Jahr 1942 voran. Dem fügt er jeweils eine Phrase aus dem hinzu, was er die „Zehn Geboten für Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ nennt. Ein Horror.


Doch Friedrich ignoriert die Zeichen der Zeit. Dann ist Kristin plötzlich weg. „Auf meinem Mantelkragen fand ich eines ihrer Haare. Einen halben Tag lang überlegte ich, was ich damit machen sollte, bevor ich es vom Stoff zupfte. Ich nahm es in den Mund und spülte es mit Kognac runter.“


In glasklarer Sprache verhandelt Takis Würger die Schönheit und das Schlimmste. Liebe, Hass, Begehren, Folter, Verlust und Verrat tosen ineinander. Als Jüdin gerät Stella in die Situation, zu verraten, um zu retten. Das Opfer wird zur Täterin.


Die Arbeit an diesem Buch habe ihn dazu gezwungen, „Antworten auf Fragen zu finden, die ich nie finden wollte“, sagte Takis Würger in einem Interview. Die Suche war es wert.


Christian Mückl

Takis Würger: Stella. 224 Seiten, Hanser, 22 Euro.

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.

Johan Bargum und der „Nachsommer“ der Gefühle

Der Titel ist zwar eigentlich schon von Adalbert Stifter belegt, aber auch der finnisch-schwedische Autor Johan Bargum hat zum Thema „Nachsommer“ etwas zu sagen.

Toller Autor: Johan Bargum (FOTO: Irmelin Jung/mareverlag)

Wenn ein Stolpern nicht mehr zu kaschieren ist, ein Leben zerbrochen, eine Lüge aufgedeckt – beginnt der Autor und Finnlandschwede Johan Bargum mit dem Erzählen.

In seiner „Septembernovelle“ von 2014 war das so. Und im neuen, heute erscheinenden Roman „Nachsommer“, der das Hinterher schon im Titel trägt, die wachsenden Schatten nach dem reichen Licht, reflektiert er diese Frage nicht minder: Wie konnte das passieren? Ein Fehltritt? Eine Schwäche? Eine Unachtsamkeit?

Es wird nun Herbst und alle sind abgereist von der Insel, so fängt die Geschichte an. Ein Landhaus in den Schären, nur Olof blieb zurück. Der Anlass für das Wiedersehen mit seinem jüngeren Bruder Carl war düster. Die Mutter lag im Sterben.

Dass Carl, der schon als Kind der Selbstbewusstere war und heute als Erwachsener den kühlen Karrieremann gibt, dass er immer Mutters Liebling war, ist allen Beteiligten klar. Beteiligte sind: Tom, der die Rolle des verstorbenen Vaters einnahm und für die Brüder zum zwiespältigen „Onkel“ wurde – als neuer Geliebter der Mutter. Dann ist da Klara, Carls Frau. Und ihre zwei Buben. Wobei sich um den Jüngsten ein Geheimnis rankt. Denn wer tatsächlich der Vater von Sam ist, verrät sie nicht. Ihr Mann? Oder doch dessen Bruder? Rechnerisch ist beides denkbar.

Mit der Romanhandlung, die so unschuldig im sanften Echo des abklingenden Sommers anfängt, beginnt sich das Unausgesproche auszubreiten wie eine eisige Decke. Eine Decke, deren Fasern der Autor mit feiner psychologischer Empfindung nach und nach aufzuschneiden scheint. Erzählt wird aus der Warte Olofs, des Unverheirateten, des Eigenbrötlers. Es gibt Rückblenden in die Kindheit. Die Natur hat der empfindsame Olof immer als Zuflucht erlebt. Und Carl als darin wandelnden Schrecken.

Johan Bargum, 1943 in Helsinki geboren, ist ein bittersüßes Buch über die Ungleichheit gelungen, über die Abgründe zwischen Menschen, die sich nahestehen, doch einander im Wege. Der „Nachsommer“ ist die Zeit des Verschwindens. Irgendwann ist die Chance verpasst.

Christian Mückl

Johan Bargum: Nachsommer. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare, 142 Seiten, 18 Euro.

Hans Pleschinski lässt Gerhart Hauptmann jammern: „Wiesenstein“

Hans Pleschinski hat einen Roman über die letzten Tage Gerhart Hauptmanns geschrieben. Muss man ihn lesen?

Gerhart Hauptmann gilt als einer der umstrittensten Charaktere der deutschen Literatur: ein Nobelpreisträger, der in seinen Dramen alltagsnah das Proletariat beschrieb und doch ästhetisch dichtete, der im Nationalsozialismus konform blieb und als Staatsdichter inszeniert wurde, während seine couragierteren Kollegen flohen oder starben. Mit diesem Gegensatz hat sich auch Hans Pleschinski beschäftigt. Nachdem er bereits einen intimen Roman über Thomas Mann geschrieben hat, liefert er mit „Wiesenstein“ ein Werk über das Ehepaar Hauptmann.

Gerhart Hauptmann (1862 bis 1946). Foto: dpa

Der Roman handelt von ihrer Zeit im Jahr 1945 als Punkt der politischen Wende und der persönlichen Einsicht und Scham des vergreisten Dichters und seiner Frau Margarete. Nachdem Letztere im März aus einem Sanatorium im zerstörten Dresden entlassen wird, fährt das Paar zurück in sein schlesisches Anwesen Wiesenstein, um dort das Kriegsende zu erleben.

Hier treffen sie, als gebrochene und verzweifelte Menschen, auf allerlei Gestalten: vom SS-Mann über Diener, Sekretäre, inzwischen selbstkritische frühere Nazis aus ihrem persönlichen Umfeld, bis zu polnischen Sowjets. Alle errichten ähnliche Gedankengebäude vor ihnen, suchen nach Liebe oder Absolution oder wollen diese vergeblich erteilen. Wollen die Hauptmanns entweder vor den Siegermächten schützen oder sie erneut instrumentalisieren, bis Gerhart 1946 schließlich stirbt.

Pleschinski hat Hauptmanns letztes Lebensjahr minutiös recherchiert und einen nichtfiktiven Roman verfasst. Er möchte keine Kriegsszenarien fantasieren, sondern sich an die Fakten halten. Daher gliedert auch immer wieder Margaretes Tagebuch oder Hauptmanns literarisches Werk das Buch.

Für ein Porträt über die späten Hauptmanns ist der Roman das beste Genre. Durch eine emotionale Sprache, einen distanzierten Erzähler, der jedoch in Köpfe sehen kann, entfalten sich die Widersprüche Hauptmanns wirkungsvoll. Etwa, dass Europa im Krieg versinkt und Deutschland zerbombt ist, während Wiesenstein als Prachtbau des Biedermeiers noch steht.

Es gibt ein dekadentes und groteskes Bild der Illusion ab: die heile Welt der Kunst im totalen Krieg. Ergänzt wird dies durch einen kranken, stotternden Hauptmann, der entweder selbstmitleidig, selbstkritisch oder eben selbstgerecht, auf jeden Fall selbstzentriert agiert. Gerade die so frei werdenden Gefühle der Protagonisten verleihen dem Roman eine gewisse Qualität.

„Wiesenstein“ wäre gar ein großer Wurf, wären da nicht die stilistischen Schwächen. Denn Pleschinski überbetont leider die Jammereien der Hauptmanns. So wird der Roman langatmig und in den Aussagen der Protagonisten redundant. Viele Passagen sind rein atmosphärisch.

Das Hauptproblem, nämlich dass es eine von der Politik unabhängige Kunst nicht geben kann und Hauptmann sich nolens volens hat benutzen lassen, wird dem Leser früh klar. Dennoch muss Pleschinski es mit neuen Details immer wieder aufgreifen, bis man sich gelangweilt abwendet. Dazu kommt, dass Pleschinski eigentlich ein ausgezeichnetes Sprachgefühl hat, aber immer wieder sein Vorbild Thomas Mann zu imitieren scheint.

Pleschinski möchte einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kunst, die sich dem Nationalsozialismus zur Verfügung stellt, aber auch zur Reue von Menschen ohne Hoffnung liefern. Hätte er „Wiesenstein“ von dem dominanten Jammerton befreit und die Widersprüche der Charaktere weitergeführt, hätte er sein Ziel erreicht.

So bleibt es zwar ein kritischer, teils auch lesenswerter, aber viel zu dicker Roman.

Philip Dingeldey

Hans Pleschinski: Wiesenstein. Roman. C. H. Beck, 549 S., 24 Euro.

Donnerwetter! Frank Witzels Roman „Direkt danach …“

Frank Witzels neuer Roman „Direkt danach und kurz davor“ ist ein großes Buch für kluge Leser.

Nach 100 Seiten wollte ich aussteigen aus der Lektüre dieses Buches, obwohl bis zum Ende noch 444 weitere drohten. Ich las Frank Witzels neuen Roman mit dem Titel „Direkt danach und kurz davor“.
Vor zwei Jahren hatte mich der Vorgänger „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ begeistert – Witzel bekam dafür den Deutschen Buchpreis. Im neuen Buch hing ich in einer Situation fest, in der ein gewisser Siebert aus einem Fenster auf die Straße schaute, von der aus eine gewisse Marga in seinem Rücken erschossen wurde.

Oder war Marga aus dem Fenster gesprungen? Es gab keine Erzählung der Situation, sondern nur eine Annäherung an die Situation aus Fragen und Reflektionen. In den Fragen wurde manchmal Zukunft angedeutet und war manchmal von Vergangenheit die Rede. Aber alles blieb aufgelöst, erstarrt – wie in ganz langsamer Zeitlupe.

Er mag es komplex: Autor Frank Witzel (Foto: Arne Dedert/dpa)

Ich wollte aussteigen, aber ich konnte nicht. Denn ich war schon wieder vom Sog der Sprache Witzels eingefangen. Es ist keine komplizierte Sprache. Sie ist einfach, prägnant, in dieser Prägnanz oft aphoristisch und in den Höhepunkten poetisch. Nicht die Sprache macht die Lektüre schwierig, sondern Witzels Überzeugung, dass die Welt zu komplex ist, um sie in einer geradlinigen Geschichte zu erzählen. Und damit hat er Recht, wenn man bedenkt, dass jeder von uns ein Körper aus Quantenschaum ist und ein Geist aus konstruierten Erinnerungen und unbewusst gefälschten Geschichten von sich selbst.

„Das Entsetzliche“, schreibt Frank Witzel, „ist das, was von der Erinnerung und der Erzählung gleichermaßen ausgeschlossen ist. Wir versuchen, dieses Ausgeschlossene durch ein geschlossenes Narrativ zu ersetzen, erreichen es selbst aber nie.“

Witzel philosophiert – an dieser Stelle ganz ernsthaft. An anderen Stellen gelingen ihm ironische und dennoch bedenkenswerte Philosophie-Parodien wie ein auf Wittgenstein anspielender „Tractatus Logico-Bufonicus“, der mit dem Satz beginnt „Wir sagen: Die Welt ist alles, was im Fall ist.“

Ja, man muss seinen Wittgenstein schon kennen, um hier mitzukommen. Man muss Ahnung haben von der
Literatur, der Malerei und manchen absurden Naturtheorien der Nazis, um Listen von fiktiven Büchern, Tafelbildern, Mythen zu genießen. „Direkt danach und kurz davor“ ist ein Roman für kluge Leser. Für die aber wird er Seite für Seite besser – und witziger.

Worum es geht? Um die Zeit direkt nach dem Dritten Reich und kurz vor dem Anbruch des Wirtschaftswunders. Es ist eine beklemmende Epoche, die Witzel atmosphärisch brillant rekonstruiert, eine Epoche der Ratlosigkeit, in der alte Verbrechen verschwiegen wurden und die Menschen sich an die Momente klammerten.

Es geht um brutale Experimente an Menschen, die „der alte Siebert“ vorgenommen hat, um Attentate, Zugunglücke, den Absturz eines Flugzeugs – alles in Möglichkeitsform. Es geht um Kinder und wie sie erzogen wurden. Es geht um Erziehungsgrotesken und um Farcen von Schicksalen. Es geht um die Vergangenheit, die in die Gegenwart mit ihren Handys und Fernbedienungen hineinragt. Es geht um die „Weltmechanik“, die alles in Bewegung hält. Und es geht um die Vielfalt von Erzähl-Facetten wie in einem barocken Schelmenroman.

Das Buch kann kein Kritiker kritisieren, weil ihm der Autor dauernd seine Werkzeuge der Interpretation und des Zweifels aus der Hand nimmt. Vielleicht kann man eine Annäherung so versuchen wie im Deutschlandfunk, in dem sich drei Kritiker zwei Stunden lang mit dem Schriftsteller unterhalten haben.

Das war jene Suche nach dem „Unschlüssigen“, die Witzel fordert und für die er uns sogar ein Sinnversprechen macht: „Wahrscheinlich geht es allein darum, das Zufällige, in das man hineingeboren wird, und das ebenso Zufällige, das man daraus macht, anzunehmen.“ Romane wie „Direkt danach und kurz davor“ helfen dabei. Der Leser darf nur nicht aussteigen.

Herbert Heinzelmann

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Roman. Matthes & Seitz, 544 S., 25 Euro.

Endlich ein neuer Roman: Arundhati Roy

20 Jahre nach ihrem Debüt-Erfolg „Der Gott der kleinen Dinge“ ist der zweite Roman der indischen Autorin Arundhati Roy erschienen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist eine Geschichte voller Helden – und Antihelden.

Indiens bekannteste Autorin: Arundhati Roy (Foto: Chiara Goia)

Dieses Buch ist eine Herausforderung. Es verlangt Durchhaltevermögen, zerrt an den Nerven und verleitet dazu, es nach ein paar Seiten wieder wegzulegen. Das schier unendliche Gewirr an Schauplätzen, Ansammlungen von Menschen mit komplizierten Namen, Spitznamen und Titeln ist harter Stoff.

Doch es lohnt sich durchzuhalten. Arundhati Roy lässt ihren Lesern ab und zu dann doch genug Raum, um sich zu orientieren. Dann entsteht ein starkes, kaleidoskophaftes Bild von Indien und seinen schier endlos vielen Problemen. Nach und nach bekommen Roys Figuren Konturen, die Geschichte zieht sich an einem roten Faden entlang.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ heißt der Roman, rund 500 Seiten stark. Er nimmt seinen Anfang auf einem Friedhof in Delhi. Anjum hat dort für sich und viele andere Gestrandete ein Zuhause geschaffen. Am Ort der Toten finden die Lebenden Zuflucht und Zuneigung. Es ist eine seltsame kleine Gemeinde, die hier zusammenkommt und immer größer wird.

Helden und Antihelden gibt es in dem Buch viele. Doch Anjum bleibt der Mittelpunkt in diesem verwirrenden Kosmos aus Elend, Korruption, Treue und Fürsorge. Sie ist als Zwitterwesen geboren, ein Mensch, der in Indien als Hijra bezeichnet wird, „eine in einem männlichen Körper gefangene Frau“.
Anjums Eltern konsultierten einen Arzt, der fand, er habe da ein sehr seltenes Exemplar von einem Hermaphroditen vor sich. „Er empfahl einen Chirurgen, der das Mädchenteil versiegeln, zunähen, würde. Er könne auch Pillen verschreiben.“ Aber der Junge Aftab will eine Frau sein – und lebt als Anjum weiter.

20 Jahre ist es her, dass Arundhati Roys letztes Buch, „Der Gott der kleinen Dinge“, erschienen ist. Damals ist der indischen Schriftstellerin ein Welterfolg gelungen. Der Roman wurde in 30 Ländern veröffentlicht und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Danach hat sie sich lange Zeit auf politische Essays konzentriert, hat ihre Stimme erhoben gegen Ungerechtigkeit und die menschenfeindlichen Auswüchse des Kapitalismus.

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ebenfalls ein politischer Roman, der die Probleme Indiens differenziert und gleichzeitig gnadenlos offenlegt. Die Geschichte ist voller Brüche, so wie das Land selbst auch. Mit Herzenswärme beschreibt Roy die Menschen, mit analytischer Gründlichkeit das Chaos, die Korruption und Gewalt, die ihr Heimatland nicht überwinden kann. Im Mittelpunkt steht der nicht enden wollende Konflikt um Kaschmir, dem kleinen Paradies, um das die beiden waffenstarrenden Atommächte Indien und Pakistan ein immerwährendes Machtpoker spielen.

Das Leben auf dem Friedhof in Delhi, wo jeder das Recht auf Selbstbestimmung hat, ist Roys Utopie für Kaschmir. Die Geschichte allerdings lehrt uns, dass der Mensch nicht unbedingt vernünftiger wird.

Gabi Eisenack


Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks
. S. Fischer, 560 Seiten, 24 Euro.

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.

Colson Whitehead und der Rassismus: „Underground Railroad“

Es gibt Romane, die sind so aktuell, dass man glaubt, der Zeitpunkt ihres Erscheinens wurde genau geplant. Bei dem Buch „Underground Railroad“ des amerikanischen Autors Colson Whitehead kann das aber nicht der Fall sein, denn der 1969 in New York geborene, afroamerikanische Autor geht mit dem Stoff Rasse, Freiheit und Sklaverei schon seit dem Jahr 2000 um.

Autor Colson Whitehead (Foto: Madeline Whitehead)

Geschrieben wurde der Roman während der Amtszeit von Präsident Barack Obama. Nachdem in Amerika mit Präsident Donald Trump rechtsextreme Gruppierungen wieder Oberwasser haben und es, wie zuletzt in Charlottesville, zu Auseinandersetzungen mit Anhängern der alten Südstaaten kommt, ist Whiteheads Roman aber hochaktuell.

Er erzählt vom historischen Rassismus der Sklavenhalter und wie schwierig es für Schwarze war, von den Baumwollplantagen zu entkommen. Selbst wenn sie es geschafft haben, gibt es für sie kaum Freiheit. Der amerikanische Traum – das eigene Glück zu suchen und es auch zu finden – gilt kaum für Schwarze. Offenbar ist dieser Konflikt noch immer nicht ausgestanden. Der offene Rassismus der Sklavenhalter wurde durch einen latenten Rassismus der Ausgrenzung ersetzt.

Der Roman spielt um 1850. Die junge Cora muss auf der Baumwollplantage der Randall Brüder in Georgia leben. Ihre Großmutter war aus Afrika entführt worden, ihre Mutter hat die Flucht aus der Sklaverei geschafft. Cora weiß allerdings nur, dass sie nicht mehr da ist. Ob sie tatsächlich überlebt hat, bleibt unklar.

Whiteheads Darstellung der Sklaverei ist eindringlich, weil er die Entmenschlichung der Sklaven durch systematisches Quälen beschreibt. Frauen werden von den weißen Sklavenhaltern beliebig vergewaltigt; wer einen eigenen Willen zeigt, der muss leiden, ihm wird etwa die Zunge abgeschnitten. Tote oder fast tote Körper werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Mit der Züchtigung durch die Neunschwänzige Katze werden Menschen für ihr Leben gezeichnet.

Für Sentimentalitäten dem alten Süden gegenüber hat Colson Whitehead nichts übrig. Hier geht es nicht allein um Ausbeutung, sondern um die physische und psychische Zerstörung von Menschen, die nur so viel zum Leben bekommen, dass sie nicht sterben. Cora, die den Traum hat, ihre Mutter zu finden, entschließt sich zur Flucht, die ihr auch knapp gelingt. Immer aber in Angst vor den Sklavenjägern, die sie zu ihren Besitzern zurückbringen wollen.

Mit einem Kunstgriff wird der durchaus realitätsnah geschilderte Romanbeginn metaphorisch aufgeladen: Cora schafft es, in einen Zug einzusteigen, der im Untergrund fährt. Diese „Underground Railroad“, die von Gegnern der Sklaverei betrieben wird und Schwarze in die Freiheit im Norden bringen soll, hat es natürlich historisch nicht gegeben und ist ein Produkt der Phantasie Whiteheads.

Ein Netzwerk mit diesem Namen gab es aber schon. Durch dieses metaphorische Konzept bekommt der Roman Tempo und der Autor kann die unterschiedlichsten Formen von Rassismus durchspielen, ohne dass der Roman didaktisch wirkt.

Auf ihrer Flucht kreuz und quer durch die Südstaaten mit der Untergrundbahn muss Cora immer wieder Stationen bei Gegnern der Sklaverei machen, und Hoffnung keimt bei ihr auf, dass sie es geschafft hat, in Freiheit zu überleben. Doch sie wird enttäuscht und muss erkennen, dass ihre Unterstützer genauso gefährlich leben wie die Sklaven selbst. In South Carolina hat sie zunächst den Eindruck, dass Schwarze frei leben und arbeiten können. Doch Cora wird zusammen mit den Familien, die sie aufgenommen haben, von den Einheimischen, die sich dabei auf die Bibel berufen, vertrieben.

In North Carolina ist die Sklaverei offiziell abgeschafft, gleichwohl will man alle Schwarzen loswerden. Schwarze und ihre Helfer werden gejagt, es gibt Denunziationen. Freitags, im Rahmen eines rassistischen Unterhaltungsspektakels, wird gelyncht. Auch Coras Unterstützer.

Manchmal fragt sich der Leser – in einem ganz altmodischen, pathetischen Sinn –, was die Heldin denn noch alles aushalten muss. Whitehead hat für seinen Roman aber authentische Texte wie Lebenserinnerungen von ehemaligen Sklaven und die Sammlungen von mündlichen Überlieferungen gelesen und ausgewertet.

Sein Buch ist eine Collage der rassistischen Ursünden Amerikas, die mit dem Geisterzug abgefahren werden. „Underground Railroad“ gilt derzeit als der am meisten diskutierte Roman. Er wurde in den USA zum Bestseller. Er hat den Pulitzer Preis und den National Book Award bekommen. Gleich beide Auszeichnungen für ein Buch zu erhalten schaffen nur wenige Autoren.

Absolut lesenswert!

André Fischer

Colson Whitehead: Underground Railroad. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 352 Seiten, 24 Euro.

Yasmina Rezas neuer Roman „Babylon“

Die Französin Yasmina Reza, mit „Kunst“ und „Gott des Gemetzels“ eine der erfolgreichsten Dramatikerinnen der Gegenwart, wagt sich in ihrem neuen Roman „Babylon“ erstmals an eine ernste Sache: Totschlag. Warum nur?

Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (Foto: dpa)

Man dachte eigentlich, Yasmina Reza könne gar nicht langweilig schreiben. Eine Satirikerin von Gottes Gnaden, die – egal ob in ihren viel gespielten Theaterstücken oder in ihren Prosawerken – gleichermaßen Funken schlägt, wenn sie sich, französisch-federleicht, aber durchaus boshaft, an bürgerlichen Alltagsgewohnheiten, Ansichten und Ehen reibt.

Mit „Babylon“, ihrem aktuellen Roman, beweist sie leider: Sie kann auch langweilig. Sterbenslangweilig sogar.

Ums Sterben geht es ja, und dass nicht mal dadurch Spannung für den Leser entsteht, ist schon merkwürdig bei dieser versierten Autorin. Da bringt der sonst so nette Nachbar, auch schon ein alter Mann mit Glatze, seine etwas nervige Ehefrau um (eine zunehmend militante Natur- und Vogelschützerin) und klingelt prompt an der Tür, damit man ihm bei der Entsorgung helfe! Eine an sich gute Vorlage – fast wie bei Woody Allen.

Wie man aber schon in den 70 Seiten zuvor ahnen konnte, steht im Mittelpunkt von „Babylon“ allein die ungemein betuliche Lebensbilanz der Erzählerin Elisabeth: eine Patentingenieurin, 62 Jahre alt und seit langem – offenbar glücklich – verheiratet. In ihrer Apartmentwohnung in einem Pariser Vorort gibt sie ein kleines Frühlingsfest. Aber oh je, hat sie auch genug Stühle für alle Gäste? Und reichen die Sektflöten? Das sind Sorgen! Nebenbei ist vor kurzem erst ihre Mutter gestorben.

Eingebettet in das seitenfüllende bourgeoise Geplauder – sagen wir ruhig: Geschwätz –, das kaum mehr ironisch wirkt, verliert auch das unmittelbar dem Fest folgende Verbrechen seine dramatische Wirkung. Jean-Lino, ein Italiener mit jüdischen Wurzeln, mit dem sich Elisabeth über die Jahre angefreundet hat, wird von seiner zweiten Gattin Lydie vor dem Schlafengehen so gedemütigt, dass er sie (wie überaus einfühlend beschrieben wird) nicht anders als erwürgen kann. Eine Tat im Affekt, die er auch sofort den Nachbarn gesteht, die schon im Bett waren.

Während Elisabeths braver Ehemann Pierre jedoch pflichtgemäß die Polizei einschalten will, ist sie versucht, dem vom Schicksal gebeutelten Mann (der Titel spielt auf die jüdische Gefangenschaft in Babylon an) solidarisch beizustehen. Gemeinsam packen sie also mitten in der Nacht Lydies Leichnam in einen Koffer, gar nicht so leicht, und bringen ihn . . .

Nun ja, wohin auch immer. Ein Punkt, an dem es jedenfalls spannend werden könnte. Yasmina Reza will aber gar keinen Krimi schreiben, etwa à la Patricia Highsmith, sondern das bemüht filigrane Porträt einer Frau, deren spontane Komplizenschaft auf gewisse Defizite in ihrem behüteten Glückshaushalt hinweisen mag – oder auch nicht.

Dadurch versandet der kleine kriminelle Impetus, der Elisabeths Gefühle und Erinnerungen (und damit das Buch) kurzzeitig belebt hat, schnell wieder.

„Glücklich die Glücklichen“ hieß Yasmina Rezas letzter Roman, der auch deshalb wunderbar funktionierte, weil er immer wieder die Perspektive und damit die Tonart wechselte. „Babylon“ – das man auch „Unglücklich die Unglücklichen“ nennen könnte – ist von tödlicher Monotonie.

Wolf Ebersberger

Yasmina Reza: Babylon. Deutsch von Frank Seibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser, 224 Seiten, 22 Euro.