Meike Winnemuths schönes neues Garten-Buch

Man muss nicht in die weite Welt, um etwas zu erleben. Autorin Meike Winnemuth berichtet aus ihrem Garten.

Autorin Meike Winnemuth (Foto: PR/Felix Amsel)

Die Autorin dieses Artikels outet sich zunächst einmal als Nicht-Gärtnerin, und als Person ohne grünen Daumen. Warum sie dennoch Meike Winnemuths neuen Bestseller „Ich bin im Garten“ mit Begeisterung gelesen hat und aufs Wärmste empfiehlt, liegt an Meike Winnemuth.

Wenn sie ein Gartenbuch schreibt, dann hat das einen tieferen Sinn, muss also gut sein. Denn die Autorin und Journalistin hat sich in der Vergangenheit mehrfach selbst neu erfunden, indem sie immer wieder Dinge ausprobiert und ihre Erfahrungen darüber mit ihrer Leserschaft geteilt hat.

Sei es, dass sie ein Jahr lang ein blaues Kleid trug – weil das als Garderobe eigentlich völlig ausreicht. Oder dass sie ein Jahr lang täglich ein Teil aus ihrem Besitz verschenkte – und so reich an Erkenntnissen wurde. Oder, und das war bislang ihr spektakulärstes Projekt: Dass sie zwölf Monate um die Welt reiste und jeweils einen Monat in einer Metropole wohnte. Das Geld dazu (500 000 Euro) hatte Winnemuth bei „Wer wird Millionär?“ gewonnen.

Was hat die mittlerweile 58-jährige Autorin, Journalistin und „Stern“-Kolumnistin dazu gebracht, sämtliche früheren Maximen – den Erdball zu erkunden, minimalistisch zu leben, die Großstadt mit allen kulturellen Möglichkeiten auszukosten – ad acta zu legen und das Garteln anzufangen? Sie erklärt es auf den ersten Seiten.

Neben einer Ur-Sehnsucht, etwas Bleibendes zu schaffen, hatte Winnemuth ein Schlüsselerlebnis auf ihrer Weltreise. Auf Hawaii sah sie einen Mann mit seinem Hund am Meer – und fühlte, wie geerdet dieser Mensch war. Winnemuth kaufte sich nach ihrer Rückkehr einen Foxterrier, später einen Bungalow an der Ostsee mit einem riesigen Grundstück – und schuf als Autodidaktin ein prächtiges Reich aus Blumen-, Stauden- und Gemüsebeeten.

Ein Jahr lang führte sie Tagebuch über ihr „Fachstudium“ – mittels britischer Gartenvideos auf Youtube – und darüber, wie sie auf Bio-Farmen Saatgut bestellte, welche Gerätschaften sie anschaffte und schließlich wie schuftete und mit Erde und Pflanzen zurechtkam. Es entstand ein spannendes, lustiges und lebenskluges Buch, ganz wie man es von ihr gewohnt ist.

Dabei geht es Winnemuth eben nicht nur darum, zu erklären, wie man Schnecken aus Hochbeeten fernhält, wo Rittersporn, Tomaten und Bohnen am besten wachsen, oder wer sich mit wem im Beet am besten verträgt, sondern es geht ihr um die Beschreibung eines Lebensprojektes mit all seinen Höhen und Tiefen.

Erfolg, Spaß, freudige Erwartung, Geduld, Einsamkeit, Leid, Frust, Enttäuschung und Ärger – sie hat die ganze Gefühlspalette durchlebt, viel über das Wachsen und das Wachsen Lassen reflektiert und daraus ihre Schlüsse gezogen. Einmal mehr ist Winnemuth klar geworden, was wichtig ist im Leben, wofür es sich einzusetzen lohnt. Letztlich führt sie einen Dialog mit der Natur.

Immer wieder zitiert sie aus der Literatur, ohne lehrmeisterlich zu sein. Fast schon wirken ihre Zitate wie Kalendersprüche, aber sie treffen ins Mark. Dabei schafft sie es nebenbei noch, einen Gartenmuffel plötzlich ins Grübeln zu bringen: Lieber den Rasen doch nicht zubetonieren, sondern Sonnenblumen pflanzen?

Susanne Stemmler

Meike Winnemuth: Bin im Garten. Penguin Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.

Der Glamour vor dem Terror: Oliver Hilmes über „Berlin 1936″

Achtzig Jahre sind sie her, die „Sechzehn Tage im August“. Sie vergingen in „Berlin 1936“. Zwischen dem 1. und dem 16. 8. fanden in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland die Olympischen Spiele statt. Am Abend des ersten Tages sprach Adolf Hitler im neuen Olympiastadion den Satz: „Ich erkläre die Spiele von Berlin zur Feier der XI. Olympiade neuer Zeitrechnung als eröffnet.“ Damit wich er ein wenig vom protokollarischen Wortlaut ab. Niemand kreidete es ihm an. Und die Bilder in Leni Riefenstahls Olympiafilm „Fest der Völker“ belegen, wie triumphal „der Führer“ diesen Augenblick empfand.

Die Olympischen Spiele waren den Nazis zugefallen. Sie nutzten sie für eine perfekte Propaganda-Show. Darüber schreibt der Zeithistoriker Oliver Hilmes in seinem Buch mit dem Titel „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ auch. Und er beschreibt dieses oder jenes sportliche Ereignis im Stadion oder in der Schwimmhalle. Vor allem aber entwirft er ein Sittengemälde der Metropole, skizziert eine kleine Alltagsgeschichte des Dritten Reichs, wie sie uns noch immer weitgehend fehlt.

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Jesse Owens holt 1936 vier Goldmedaillen. Foto: dpa

Bekannte Namen treten auf: die Führungsriege der Nationalsozialisten, Olympiasieger wie Jesse Owens selbstverständlich, die eitle Riefenstahl mit ihren Kameras, Thomas Mann, der das Geschehen im Zürcher Exil am Radio verfolgt. Viele Episoden ranken sich um den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, der Verlagsverhandlungen führt, das Berliner Nachtleben genießt und erst allmählich konfrontiert wird mit dem hintergründigen Schrecken der Konzentrationslager, die parallel zu den Wettkämpfen errichtet werden. Aber ebenso gibt es die nahezu Namenlosen aus der Polizeistatistik wie die Arbeiterin Erna Rakel. Sie wirft sich am zweiten Tag der Spiele vor eine S-Bahn. Niemand weiß: warum.

Oliver Hilmes erzählt. Er erzählt die Geschichten von Menschen. Er benutzt dazu die Zeitform des Präsens, die dem Leser alle Ereignisse so „gegenwärtig“ macht. Er begibt sich dazu in die Köpfe seiner historischen Figuren. Aus den Tagebüchern des Propagandaministers Joseph Goebbels extrapoliert der Autor, was der gedacht, gefühlt haben könnte. Das macht das Buch spannend, ohne dass es zur Fiktion würde. Es ist eine Montage von historischen Momenten. Quellen sind vorhanden. Geschichte lebt.

Auch die Statistik hilft. Auch Informationen über den Alkoholkonsum helfen, eine Epoche besser zu verstehen. Hilmes schreibt: „Wieviel Alkohol trinken die Deutschen im Olympiajahr 1936 wirklich? Tatsache ist, dass der Alkoholverbrauch nach einem Tiefstand Anfang der 1930er Jahre seit einiger Zeit wieder ansteigt. Werden 1933 noch sechs Millionen Flaschen Schaumwein konsumiert, sind es 1936 bereits 14,2 Millionen Flaschen. Der Branntweinverbrauch steigt im gleichen Zeitraum von 564 716 auf 760 796 Hektoliter…“ Die Nazis hielten es eben genau.

Gern hält sich Oliver Hilmes in Berlins Glitzerwelt auf, besucht etwa mit dem Filmstar Hubert von Meyerinck Bars, Varietés, mondäne Lokale. Trotz der nationalsozialistischen Homophobie gab es noch Orte, wo sich Transsexuelle trafen. Trotz offizieller Verbote wurde Jazz gespielt. Die Zeit war nicht nur braun. Nach den Olympischen Spielen wurde sie immer brauner. Die Abgründe wuchsen. Hilmes lässt keinen Zweifel daran, dass in den sechzehn Olympischen Tagen von Berlin 1936 nur eine Fassade vor dem Terror stand. In einem Schlusskapitel verfolgt er die weiteren Schicksale seines Personals. So findet dieser Roman einer Großstadt vor 80 Jahren ein in vieler Hinsicht melancholisches Finale.

Herbert Heinzelmann

Oliver Hilmes: Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag. 303 S., 19.99 Euro