Axel Milbergs amüsante Memoiren: „Düsternbrook“

Der Schauspieler Axel Milberg hat seine Lebensgeschichte geschrieben – von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter. Keine klassische Biografie aber . . .

Wir kennen ihn als Kieler Tatortkommissar Borowski, aus guten Fernsehspielen („Silberhochzeit“) und Kinofilmen („Feuchtgebiete“). Axel Milberg spielt anspruchsvolle Rollen und wirkt gern leicht überheblich und schöngeistig. In seinem Erstlingswerk als Autor „Düsternbrook“ glaubt man ihn förmlich aus den Zeilen herauszuhören.

Das Cover (Foto: Verlag)

Benannt ist das Buch nach dem Kieler Stadtteil, in dem er 1956 geboren wurde und aufwuchs – als Sohn eines Notars und einer Ärztin. Milberg verfasst kurze Kapitel, stets sind es Schlaglichter, Beobachtungen, kleine Anekdoten. Anfangs sind sie sprachlich ganz naiv gehalten, wenn er etwa das Radio mit den wandernden Zeigern hinter Glas beschreibt – eben aus Sicht eines Jungen.

Mit der Zeit passt sich die Sprache seinem Alter an. Es entstehen Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Milberg wächst in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Der Vater ging standesgemäß auf die Jagd und nahm den Buben mit, der das Abschießen des Wildes und die aufgereihten Tierkadaver aus der Kinderperspektive schildert.

Die aus Brasilien stammende Mutter gab mit der Geburt ihrer drei Kinder den Beruf auf und führte ein eher isoliertes Leben in Norddeutschland – ohne eigenen Freundeskreis und stets auf Etikette bedacht. Zwar empfindsam, aber eher nüchtern skizziert Milberg ihr Leben und das Miteinander der Geschwister.

Axel hat wenig Freunde, er ist verträumt, stellt sich nach einem Besuch von Erich von Däniken an seiner Schule vor, dass es Aliens gibt. Er spielt Tennis, später schwärmt er für ein Mädchen, er schreibt ein Theaterstück für die Schule, hält die Abiturrede. Das ist detailreich und amüsant beschrieben, aber eben bruchstückhaft, fast oberflächlich. Wo sind die großen Gefühle eines Teenagers? Sein Innenleben gibt er nicht preis, schade.

Dazwischen erzählt Milberg fast thrillermäßig von verschwundenen Kindern und man hofft, dass diese spannenden Fälle am Ende aufgeklärt werden. Doch Fehlanzeige! Sind diese Geschichten wahr? Oder hat er sich manches nur ausgedacht? Realität und Fiktion verschwimmen mitunter. Wird man als Leser an der Nase herumgeführt?

Tief beeindruckt ist Milberg von einer Begegnung mit Gerd Fröbe, der ihn in seinem Wunsch bekräftigt, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur studiert Milberg erst Literaturwissenschaften in München – und gelangt zu der Erkenntnis: Wer Literatur liebt, sollte dieses Fach besser nicht wählen. Es dauert eine Weile, bevor Milberg den Schritt wagt und sich an einer Schauspielschule bewirbt. „Aufgenommen!“ lautet das letzte Wort des Buches. Der Autor hat längst angekündigt, eine Fortsetzung zu schreiben . . .

Susanne Stemmler

Axel Milberg: Düsternbrook. Piper, 288 Seiten, 22 Euro.

Joachim Meyerhoffs sexuelle Trickkiste: „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“

Joachim Meyerhoff gehört zu den glücklichen Menschen, die über eine Doppelbegabung verfügen. Er ist nicht nur Schauspieler – und dies am ehrwürdigen Wiener Burgtheater –, sondern inzwischen auch ein renommierter Bestsellerautor, der – wie unlängst in der Elbphilharmonie – 2000 Menschen zu einer seiner Lesungen pilgern lässt.

Schauspieler und Buchautor Joachim Meyerhoff (Foto: Ole Spata/dpa)

Mit der „Zweisamkeit der Einzelgänger“ liegt nun der vierte Band seines autobiografischen Romanzyklus vor – und schaffte es bereits in die Hitlisten. Nachdem Meyerhoff in den vorhergehenden Bänden seine Kindheit sowie Jugend- und Ausbildungszeit beschrieben hat, setzt er sein Selbsterkundungsprojekt fort, indem er von seinem Engagement am Theater in Bielefeld erzählt.

Doch wichtiger als die ersten Bühnenerfahrungen als Schauspieler ist für den jungen Meyerhoff vielmehr sein endlich erwachendes Liebesleben. Unverhofft stolpert Hanna in sein Leben und zieht schon bald in seine Wohnung ein. Die blitzgescheite Studentin mit Borderliner-Zügen (über-)fordert ihn auch intellektuell, getreu ihrem Lebensmotto „Unkompliziert ist unter meiner Würde“.

Der Ich-Erzähler taucht durch sie in eine neue Welt ein, beherrscht von Büchern und philosophischen Diskursen. Doch gerade, als sich eine unkonventionelle Zweierbeziehung anzubahnen beginnt, führt ihn ein weiteres Schauspielengagement nach Dortmund, wo er am Stadttheater schon bald Franka, eine grazile Tänzerin, kennenlernt.

Statt mit Büchern zieht sie ihn mit ihrer Sinnlichkeit in den Bann und ermuntert ihn zu ungeahnten erotischen Höhenflügen, an deren akustischen Begleittönen sich allerdings bald die Nachbarn stören.
Meyerhoff pendelt fortan nicht nur zwischen den beiden Städten, sondern auch zwischen den beiden Frauen hin und her, was ihn vor die eine oder andere logistische Herausforderung stellt, die zu slapstickartigen Szenen führt. Doch nicht genug: Mit der so fülligen wie resoluten Bäckereibesitzerin Ilse tritt eine weitere Frau in sein Leben, so dass auch der Besuch einer Dortmunder Backstube zur Konstanten wird, da sie ihn nicht nur mit Schweinsohren versorgt . . . Emotionen bis zur geistigen und körperlichen Erschöpfung!

Das Aufputschmittel „Halloo wach“ hilft über den mangelnden Schlaf hinweg, denn so ganz nebenbei muss der Schauspieler ja auch noch Texte lernen und ein paar Mal pro Woche auf irgendeiner Theaterbühne stehen.

Der 1967 in Homburg geborene Meyerhoff, der oft auch als deutscher Knausgard bezeichnet wird, begeistert seine Leser mit einer schonungslosen Detailtreue, die von einer ganz besonderen Situationskomik getragen wird. Ausgerüstet mit viel Selbstironie, betreibt er eine subtile Gefühlsakrobatik, die einen bei der Lektüre immer wieder zum Schmunzeln bringt.

Selbst bei schwierigen Themen wie einer bevorstehenden Abtreibung beweist Meyerhoff, dass er das literarische Genre vortrefflich beherrscht.

Ralf Nestmeyer

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer & Witsch, 353 S., 24 Euro.