„Die Farben des Nachtfalters“ von Petina Gappah

Am Ende des Romans steht Memory immer noch unter dem Todesurteil. Sie könnte hingerichtet werden, denn sie ist nicht von der Amnestie betroffen, die in Simbabwe nach einem Regierungswechsel ausgerufen wurde. Und trotzdem hat sich für die Frau alles geändert. Am Horizont ist das Licht aufgegangen, obwohl wir am Anfang des Romans doch den dunklen Satz lasen: „Ich war neun Jahre alt, und Vater und Mutter verkauften mich an einen fremden Mann.“

Neun Jahre hat Memory in einem Township verbracht. Das war eine Welt von Tratsch und Geisterglauben, mit kleinen Freuden und großen Verlusten. Memory war anders als ihre Umgebung, denn zwischen lauter Schwarzen war sie ein Albino. Ein Bruder ist als Kind gestorben: Trauer und zugleich Erleichterung, weil plötzlich mehr Platz war. Ihr Vater war Schreiner. Ihre Mutter…

Ach, später werden sich viele Sicherheiten doch als Täuschungen herausstellen. Die Erinnerung – und Memory bedeutet ja nichts anderes – ist trügerisch. Das Leben dieser Frau hat viele Schichten, verläuft äußerst komplex. Der Roman, der von ihr erzählt, nimmt immer neue Wendungen. Der Roman trägt den Titel „Die Farben des Nachtfalters“. Nach einem Band mit Erzählungen ist er das erste große Prosawerk von Petina Gappah.

1971 wurde sie in Sambia geboren, doch wie ihre Romanheldin wuchs sie in Simbabwe auf, das damals noch Rhodesien hieß. Sie hat Jura studiert und lebt heute als Juristin und Journalistin in Genf. Mit „Die Farben des Nachtfalters“ ist ihr ein ganz starkes, zutiefst berührendes Buch gelungen.

Zentraler Handlungsort ist ein Gefängnis, eigentlich eine verdreckte Hölle permanenter Angst. Jeder Satz beschreibt diese Situation. Und doch gibt es in keinem Satz einen Buchstaben des Selbstmitleids. Immer ist da eine zauberhafte Distanz des Trotzes, der Selbstbehauptung, des Überlebenswillens. Das ist der überraschende Tonfall des Romans, der die Lektüre so bereichernd macht. Er erzählt davon, dass es auch in der schrecklichsten Existenz Leichtigkeit geben kann. Petina Gappah gelingt das Kunststück, indem sie die Welt der Gefühle in genauso einfache Sätze fasst wie die Welt der objektiven Verhältnisse.

Memory schreibt ihre Geschichte selbst nieder. Sie macht Notizen für eine amerikanische Journalistin, die auf ihre alle Menschenrechte verletzende Lage aufmerksam machen möchte. Wir werden nicht erfahren, ob dieses Vorhaben gelingt oder misslingt. Denn am Ende sind ganz andere Dinge wichtig. Petina Gappah schreibt davon, dass sogar Egoismus human wirken kann. Sie schreibt darüber, wie befreiend es ist, wenn endlich der Vorhang vor den Täuschungen des Lebens entfernt wird und die Wahrheit sich ahnen lässt – auch wenn sie möglichweise von den „ngozi“ beeinflusst ist, den Rachegeistern des Simbabweschen Volksglaubens.

Memory sitzt in der Todeszelle, weil sie den Mann ermordet haben soll, von dem sie glaubt, er hätte sie mit neun Jahren gekauft. Er war ein Weißer. Er hat ihr ein gutes Leben und eine gute Ausbildung ermöglicht. Er war selbst anders, als es die Gesellschaft duldet, genau wie Memory mit ihrer albinoweißen Haut. Beide sind Opfer. Opfer in ganz großen Zusammenhängen, wie sich schließlich herausstellen wird.

Petina Gappah beschreibt, wie man aus Trauer Kraft schöpfen und sich einen Traum bewahren kann: „Sollte ich jemals freikommen, werde ich Paradiesvögel über die Welt regnen lassen.“

Herbert Heinzelmann

Petina Gappah: Die Farben des Nachtfalters. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche, 348 Seiten, 22 Euro.

Martin Suter sieht rosa: „Elefant“

Ist ein Elefant ein triftiger Grund, um mit dem Saufen aufzuhören? So lautet eine der gewichtigen Fragen in Martin Suters neuem Roman. Denn dass Alkohol weiße Mäuse sehen lassen kann, soll es ja geben – aber ein rosa Rüsseltier?

Suter hat die jüngste Handlung im Zürcher Obdachlosenmilieu angesiedelt. Die Story ist sogar so jung, dass wir kalendarisch mittendrin stecken: zwischen 2013 und 2018 handeln die Kapitel. Nicht, weil Typen wie der am Flussufer der Limat hausende Schluckspecht Schoch nie aussterben. Der prinzipienfest vor zehn Uhr keinen Alkohol anrührt – morgens. Der manchmal dringend einen zweiten Kaffee braucht – weil er den ersten verschläft. Und der mal einen kannte, der nicht vom Saufen gestorben ist, sondern vom Aufhören.

Nein, das Buch spielt im Hier und Heute, weil es an die Frage heranführt, was Gentechnik kann und darf. Der kleine rosa Elefant, der diesen Schoch aus dem hintersten Winkel seiner Schlafhöhle heraus anleuchtet, ist keinem „Drehrausch“ geschuldet (auch dieses Phänomen wird erläutert). Sondern dem Bemühen, den Inhalt eines asiatischen Elefanteneierstocks in ein Schweizer Rüsseltier zu implantieren. Der Flusshöhlenbewohner Schoch jedenfalls kommt zum Hornfüßler wie die Jungfrau zum Kind, hat aber plötzlich einen Gefährten. Einen gefährdeten Gefährten. Schoch kümmert sich.

Wäre Martin Suter (68) Barmixer, seine Drinks gingen bestimmt weg wie Freibier. Aber er ist eben Schriftsteller, also feilt er da an seinem Cocktail. Zum wiederholten Mal enthält ein Buch des Vielschreibers süchtig machende Ingredienzien, fördert rauschhaftes Lesen, lässt in eine Handlung taumeln, die zwar denkbar ist, schlussendlich aber auch profan. Literarisch ist „Elefant“ kein Schwergewicht, doch es stecken ein paar der wohl anrührendsten Zeilen der jüngsten Unterhaltungsliteratur darin.

Ja, und auch tiefere Themen wie eben Genmanipulation aus reiner Geldgier, sozialer Absturz, die Fragen nach Idealismus, innerer Freiheit und äußerer Abhängigkeit versteht Suter in seinem verführerischen Erzählstil zu verhandeln, als pfeife er eine süße Melodie.

Zum Personal des Romans gehören ein – fast schon karikierend finster gezeichneter – Bösewicht wie der Gentechniker Roux. Dem gerät die Frucht seines furchtlosen Wirkens, einen kleinen rosa Elefanten für den asiatischen Haustiermarkt zu kreieren, aus den Händen, weil ihm das Neugeborene jemand klaut. Dazu hat die Spezies der „rettenden Migranten“ – Suters Stammlesern wohlvertraut – wieder ihren Auftritt: in Gestalt des Elefantenflüsterers Kaung vom Zirkus.

Und damit in der immer haarsträubendere Kurven nehmenden Handlung das essenzielle Element der
Liebe nicht fehlt, lässt der Autor den Säufer Schoch auf Valerie stoßen. Als Gassen-Tierärztin aus reichem Hause ist sie eine Art Mutter Theresa für Heruntergekommene und ihr Vieh. Naja.

Wer beim Lesen schlicht Zerstreung sucht, der wird mit „Elefant“ froh werden. Dem Buch mangelt es nicht an James-Bond-artiger Verfolgungstechnik oder transkontinentalen Verquickungen – das Millieu der Schweizer Villenbesitzer samt Weinkeller und Jagdgewehr trifft auf die triste Szene der Ärmsten, denen der Autor immerhin ein paar erbauliche Weisheiten zuschreibt.

Mit diesem Roman verhält es sich wie mit Schochs Obdachlosenkollegen Bolle: der „immer etwas zu erzählen hatte, aber nicht immer war es etwas Neues“. Mit dem Unterschied, dass Bolle zu den „Lauten“ zählt. Mit Suter dagegen behauptet sich erneut ein Meister der erzählerischen Leichtfüßigkeit.

Christian Mückl

Martin Suter: Elefant. Diogenes, 348 Seiten, 24 Euro.