Maja Lunde zum Klimawandel: Am Tag, als kein Regen kam

Die norwegische Autorin Maja Lunde hat mit ihrem neuen Roman „Die Geschichte des Wassers“ erst den zweiten von vier geplanten Büchern zur Umweltproblematik geschrieben. Doch schon jetzt dürfte klar sein, dass die Reihe ein Erfolg wird.

Denn bereits ihr erster Roman „Die Geschichte der Bienen“ war bald in den Bestsellerlisten. Und auf den zweiten Roman scheint die Leserschaft geradezu gewartet zu haben. Kurz nach Erscheinen war er einer der gefragtesten in den Buchhandlungen. Und das, obwohl er noch konstruierter wirkt als der Bienenroman; dort wird das Thema Insektensterben aus den drei Perspektiven Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgerollt.

Die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde. (Foto: Sigrid Harms/dpa)

Die Geschichte des Wassers dreht sich letztlich um ein Segelboot. Nicht von ungefähr lautet der norwegische Buchtitel „Bla“, so wie das Schiff von Signe heißt, jener Frau, die noch als 67-Jährige für den Erhalt der Umwelt kämpft.

Später, im Jahr 2041 – Signe ist schon lange tot, der Regen in Südeuropa seit Jahren ausgeblieben – hat sich die Landschaft in eine Sahelzone verwandelt. Da wird das Boot noch einmal eine Rolle spielen. Mehr sei hier nicht verraten.

Jedenfalls versucht David, nachdem seine Entsalzungsanlage in Südfrankreich bei einem Großbrand vernichtet wurde, mit seiner Tochter in den Norden zu gelangen, wohin es alle drängt. In die Wasserländer, die inzwischen allerdings ihre Grenzen geschlossen haben. David und Lou finden in einem Flüchtlingslager Platz. Dort ist bereits alles in Auflösung begriffen.

Und gerade hier erweist sich die Erzählstärke Maja Lundes, die – psychologisch geschult – die Schwächen und Stärken von Menschen in Grenzsituationen exakt zu beschreiben vermag: die Kämpfe mit dem inneren Schweinehund, den Altruismus im Ringen mit dem Egoismus. Lethargie hier, Erfindergeist dort, Nächstenliebe und Fremdenhass.

Im Anhang des Buches nennt die Autorin eigens vier Werke, auf die im Roman Bezug genommen wird. Da ist zum Ersten Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ über die Banalität des Bösen. Offenbar sieht Maja Lunde uns alle, die wir es wissen hätten können, in der Rolle der Mitläufer und Mittäter, die ihr Gewissen ausgeschaltet haben und sich auf „Die da oben“ berufen, die alles scheinbar richtig machen. Scheinbar. Denn die Folgen sind oft katastrophal.

Die amerikanische Sängerin und Songwriterin Joni Mitchell hat, zweitens, mit ihrem Lied „River“ den Grundton zum Roman geliefert. Simone de Beauvoir wiederum hat seherisch in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ die Gender-Frage als erste analytisch beleuchtet.

Inzwischen ist Geschlechtergerechtigkeit zu einem Forschungsgegenstand geworden. Menschen sollen mehr Möglichkeiten haben als das, was aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts gesellschaftlich nahezuliegen scheint. Anders ausgedrückt: Frauen sollen sich etwa, weil sie Kinder gebären können, nicht allein auf die Mutterrolle festlegen müssen . . .

Schließlich nimmt Maja Lunde auch Bezug auf Joshua Slocums Buch „Erdumsegelung – ganz allein“. In der „Geschichte des Wassers“ wird ein Segeltörn von Signe so ausführlich beschreiben, dass man auch als fränkisches Landei weiß, was ein Großsegel, eine Pinne oder das Spinnaker ist. Jedenfalls darf man gespannt sein, welches Umweltthema im nächsten Buch der Reihe behandelt wird.

Raimund Kirch

Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers. Roman. Deutsch von Ursel Allenstein. btb Verlag, 580 Seiten, 20 Euro.