Ferdinand von Schirach redet mit Alexander Kluge

Sein neuer Band mit Kurzgeschichten, „Strafe“ betitelt, wird erst im nächsten März erscheinen. Aber auch das Buch, das Bestsellerautor Ferdinand von Schirach mit dem Filmemacher und Schriftstellerkollegen Alexander Kluge gemacht hat, ist lesenswert.

Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach (Foto: Archiv Kairosfilm)

Das ist ein kleines Buch, fest gebunden, gut in der Hand und preiswert dazu. Es passt bequem in jede Innentasche einer Jacke oder eines Mantels. Vielleicht sollte man es immer mit sich führen, denn enthält (beinahe) die Weisheit der Welt. Und es kann helfen, darin zu blättern, wenn gerade wieder Wut oder Ratlosigkeit über den Zustand der Verhältnisse in einem aufsteigen.

Das Buch hat den Titel „Die Herzlichkeit der Vernunft“. Es enthält Gespräche, die der Jurist, Filmemacher und Autor Alexander Kluge und der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach miteinander geführt haben. Mit seinem Theaterstück „Terror“ hat von Schirach auch das Publikum der Nürnberger Kammerspiele in Bann geschlagen.

Ausgehend von historischen Rechtsfällen (etwa Sokrates oder der Fall Jean Calas, bei dem Voltaire im 18. Jahrhunderts für Revision sorgte) schreiten Kluge und von Schirach den Horizont aufgeklärter und aufklärender Vernunft aus. Sie streifen die Teilchenphysik, unterhalten sich über Hirnphysiologie, diskutieren über das Theater und scheuen auch nicht davor zurück, die Schuldfrage an Gott im Fall Adam und Eva zu stellen.

Von Schirach: „Die Mitschuld Gottes wurde nicht geklärt – er war es doch, der diesen seltsamen Baum gepflanzt hat, und er war es doch, der die bösartige Schlange erschaffen hat. Damit hat er selbst die Ursachen für Evas Verfehlung gesetzt. Wenn aber Gott erst Voraussetzung oder sogar Anreiz für Straftaten erschafft, kann er später niemanden dafür verurteilen.“

Es geht in diesem Buch um Gut und Böse und darum, dass man das nicht so einfach unterscheiden kann, wie es viele gern hätten (das ist das Thema von „Terror“). Es geht auch um Güte. Von Schirach meint, er würde bei einer Frau oder einem Mann weder Intelligenz noch Schönheit am meisten schätzen, sondern Güte. Alexander Kluge erwidert darauf: „Sie nähern sich der Komödie stark, wenn Sie in Realverhältnisse einen gütigen Menschen einfügen. Er wirkt wie Don Quijote.“

Güte in diesen Verhältnissen erscheint also als komische Weltverkennung. Dabei ist Kluge – von dem zuletzt eine schöne Kooperation mit dem Maler Georg Baselitz zum Thema Zorn erschien – der Optimist in diesen Gesprächen: weil er Humanist ist und irgendwie an den Menschen und seine Gefühle mit ihrer Sehnsucht nach dem guten Ende glauben möchte. Von Schirach verzweifelt eher an der Humanität und sieht, wie die Verhältnisse derzeit aus den Fugen geraten.

Er hat auch das Schlusswort: „Wir müssen die Unabhängigkeit der Gerichte achten, die Selbstständigkeit der Institutionen, das ganze komplexe Geflecht aus Regierung, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Presse. Sonst werden wir eines Tages aufsehen, weil die Musik mitten im Takt abbricht, die heiteren Spaziergänger werden verschwinden, die leichten Sommerkleider und die hellblauen Tage. Und dann, ganz am Ende, verschwinden wir selbst.“

Stefan Zweig hatte beschrieben, wie die Musik im Kurpark in Baden bei Wien abbrach, als die Nachricht von den Schüssen in Sarajevo eintraf, die den Ersten Weltkrieg auslösten. Auch als Mahnung sollte man „Die Herzlichkeit der Vernunft“ immer bei sich tragen.

Herbert Heinzelmann

Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der Vernunft. Luchterhand, 192 S., 10 Euro.
Alexander Kluge, Georg Baselitz: Weltverändernder Zorn. Suhrkamp, 237 S., 28 Euro.

Andrzej Stasiuk im dunklen „Osten“

ostenAndrzej Stasiuk bereist Orte, die kaum andere locken. Und dann schreibt er großartige Bücher darüber. „Der Osten“ heißt sein jüngster Roman.

Solche Sätze über die Transsibirische Eisenbahn stehen in keinem Reiseprospekt. „Ich wollte nach sechs Stunden nur gähnen. Es war, als führe ich mit der Elektrischen nach Nasielsk und dieses Nasielsk entfernte sich immer mehr.“ Nur die allmächtige russische PR sei imstande, so eine Fahrt „als etwas Attraktives darzustellen“.

Wenn der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk (Jg. 1960) nicht gerade unwegsame Reisen unternimmt, ist er seit drei Jahrzehnten in den nicht minder unwegsamen Beskiden daheim. Mit seinem neuen Roman „Der Osten“ setzt er sein literarisches Herzensprojekt fort: Orte aufzuspüren, vornehmlich in den Weiten hinter dem Ural, wo tatsächlich noch Menschen leben. Landschaftserfahrungen zu machen in Gegenden, von denen wir Westeuropäer nicht einmal ahnten, dass es sie gibt.

Wenn Stasiuk aufbricht, nehmen sich Sehnsucht und Desillusionierung gegenseitig nichts. Als Suchender in Russland, der Mongolei oder in China unterwegs, musste er „dort hinfahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelt, dessen Kind ich bin“.

Empfindsam hofft der Reisende an den Randbezirken der Zivilisation längst nicht mehr darauf, so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit zu finden. Dafür entdeckt er noch im staubigsten vorderasiatischen Steppennest Körnungen von Poesie: „Dort, wo die wüsten Winde entstehen. Dort wo die Dunkelheit geboren ist.“

Die Gattungsbezeichnung Roman trifft es insofern, weil Stasiuks Sätze und Gedanken rein subjektiv sind. Hier eine harte, staubtrockene, zuweilen auch urzeitliche Wirklichkeit, die sich stoisch in die Gegenwart hinübergerettet hat. Und dort die nicht minder urpersönliche Wahrnehmung des Autors. Reiseeindrücke, in knappen Sätzen aneinandergereiht, verdichten den Stoff, Meditationen über die Landschaft oder den allgegenwärtigen Dreck im Osten liegen nah beieinander, haben fast lyrischen Sog.

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