Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Uns bleibt immer noch Paris

Ein launiger Einstieg – das allemal! Mit seinem neuen Roman „Morgen mehr“ durfte Tilman Rammstedt beim diesjährigen Erlanger Poetenfest die Schlossgartenlesungen eröffnen.

Ein naseweiser Erzähler, der gleichsam noch vor seiner Geburt steht und in die Vergangenheit so eingreifen muss, damit sich seine Eltern überhaupt finden? Da werden die einen an „Die Blechtrommel“ denken, die anderen an einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ – und gegen beides dürfte Tilman Rammstedt nichts haben.

rammstedtWenn er den Kapiteln seines soeben erschienenen Romans „Morgen mehr“ ironisch zusammenfassende Einleitungen voranstellt – die im humorigen Extremfall viel länger sind als das Kapitel selbst –, greift er ja noch viel höher: zu den englischen Titanen der auktorialen Komik wie Laurence Sterne und Charles Dickens.

Muss man ihn also in dieser Linie sehen? Oder doch nur als willig netten Lieferanten neuer deutscher Unterhaltung, die dann irgendwann von Detlev Buck verfilmt wird? Den Ganoven „Dimitri“, der vielleicht nur Uwe heißt, würde – unvermeidlich – Moritz Bleibtreu spielen . . .

Von der halbseitigen Eloge (FAZ) bis zum Schnippsel-Verriss (Literatur-Spiegel) ist jedenfalls viel an Reaktionen möglich, und das spricht ja fast schon wieder für dieses Buch, das auch noch – wie sein pränataler Held – auf ganz besondere, ganz besonders eilige Weise entstanden ist.

Rammstedt, Jahrgang 1975, hat die einzelnen Kapitel bereits als digitale Häppchen veröffentlicht, Tag für Tag, als Fortsetzungsroman für die Generation Twitter. Deshalb vielleicht die hohe Gagdichte des humoristisch erfolgreichen Autors („Der Kaiser von China“) – und, wie gedruckt offenbar wird, der mangelnde Tiefgang.

Aber bleiben wir bei den Gags. Es ist der 30. Juni 1972, und der darf nicht vorbeigehen, ohne dass der Erzähler des Buches, der infamerweise auch schon sein restliches Leben kennt, seine Eltern verkuppelt hat. „Das ist meine letzte Chance, danach bin ich zu alt, um noch geboren zu werden. Und glauben Sie mir: Ich habe nicht vor, sie zu verpassen.“

Das Problem: Die Eltern kennen sich noch gar nicht – und befinden sich zudem an völlig unterschiedlichen Orten. Der Vater im heimischen Mainz, wo er, wegen eines absurden Streites, gerade von dem Möchtegernverbrecher Dimitri versenkt werden soll, à la Mafia, mit den Füßen in Beton. Die Mutter im fernen Marseille – wo sie nichts anderes zu tun hat, als mit einem Mann namens Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle zu verkehren. Ein Regenschauer ist schuld, und die ziemlich ungewöhnliche To-Do-Liste ihrer jüngst verstorbenen Zwillingsschwester. Punkt 19 darauf: „Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen“. Auch einem Kind das Eis klauen oder sich in einer Bar verprügeln lassen gehört zu den Mutproben . . . Und Mutti hat Mut.

Aber wie kommt sie zu Vati? Der läuft ja noch trauernd einer gewissen Claudia hinterher, die ihn schnöde abwies und nun bereits seinen Nachfolger geheiratet hat. Ziel der Hochzeitsreise, wie originell: Paris. Dorthin bugsiert Rammstadt folglich nicht nur das angehende Paar, sondern auch drei richtige Gauner im Pelz, ihren unzufriedenen Chef namens Dr. Rolf und einen recht altklugen Jungen. Bis alles, klischeegerecht und fast akrobatisch, auf dem Eiffelturm seinen Höhepunkt findet.

Eine Räuberpistole, die manchmal arg klappert, ein Trip wie im Comicstrip, voll lustiger Typen und knalliger Sätze, von Rammstedt immer wieder unterbrochen, um festzuhalten, was der Leser schon weiß und was nicht. Er weiß sehr schnell: Von Rammstedt möchte man mehr lesen. Morgen.

Wolf Ebersberger

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, 223 Seiten, 20 Euro.