Jane Austen zum 200. Todestag

Populär wie nie zuvor wirkt das Werk der englischen Schriftstellerin Jane Austen (1775–1817). Am 18. Juli vor 200 Jahren ist sie, erst 41 und so gut wie unbekannt, gestorben. Noch immer gibt ihr kurzes Leben Rätsel auf – und reizen ihre Romane zu neuen Interpretationen.

Der Schauspieler – und Mädchenschwarm – Colin Firth kommt zu einer ebenso
einfachen wie durchaus nachvollziehbaren Bilanz: „Es gibt drei Frauen in meinem Leben: meine Mutter, meine Frau und Jane Austen.“

Der neue Schein mit Jane Austen. Foto: dpa

Das kann man nun literarisch deuten – oder vielleicht auch ganz allgemein. War es doch eine BBC-Verfilmung von Austens „Pride and Prejudice“, die Firth als Schauspieler Mitte der 90er Jahre in England berühmt machte: nicht zuletzt durch eine Szene, in der er als von allen begehrter Mr. Darcy mit klatschnassem, folglich am Leib klebendem Hemd aus einem Teich stieg.

Klatschnass?! Selbst texttreue Austen-Leserinnen dürften jedoch wohl kaum gegen die etwas freie Auslegung der Vorlage protestiert haben . . .

So wie das Hemd vom Leib lässt sich inzwischen kaum mehr trennen, wodurch Jane Austen in den letzten Jahrzehnten so überaus beliebt geworden ist: ihre immer wieder neu herausgegebenen, mal mehr, mal weniger romantisch aufgemachten Romane um junge Frauen auf Gattensuche oder die – an die gleiche Zielgruppe gerichteten – höchst erfolgreichen TV- und Kinoversionen, meist aus guter englischer Produktion.

Colin Firth als feuchter Traummann, Emma Thompson als eine der liebesbedürftigen Schwestern in „Sinn und Sinnlichkeit“ oder Gwyneth Paltrow als selbstbewusste Dorfschönheit „Emma“ – sie alle befeuerten das Austen-Fieber mit ihrem Starappeal. Auch filmisch ein großes Erlebnis: Keira Knightley in Joe Wrights stürmischer „Stolz und Vorurteil“-Fassung von 2005.

Drei Jahre später wurde sogar die Autorin selbst zur Kinoheldin: in „Geliebte Jane“ mit Anne Hathaway in der Hauptrolle. Da ließ sich dann – gar nicht mal schlecht gemacht – miterleben, wie Austen eine kleine, erquickliche Romanze mit dem irischen Neffen einer Nachbarin, Tom Lefroy, gestattet wurde. Die Schwärmerei ist historisch verbürgt, aber eben: Schwärmerei.

Als Jane Austen – an immer noch ungeklärter Krankheit – mit nur 41 Jahren in dem Örtchen Winchester starb, lag sie in den Armen ihrer Schwester Cassandra: Tante Jane, die liebe alte Jungfer der Familie. Einen Heiratsantrag hatte sie abgelehnt, war lieber bei Mutter und Schwester geblieben, mit der sie sich zeitlebens das Schlafzimmer teilte.

Cassandra hat auch die einzigen authentischen Zeichnungen von Jane Austen angefertigt: zwei aquarellierte Skizzen, eine von vorn, mit Pausbacken, Taubenaugen und Stirnlocken, eine nur von hinten – ein Mädchen mit Haube. Schon rein äußerlich kann man also nur vage erahnen, wie die bescheidene Pastorentochter in Wirklichkeit war.

Ganz zu schweigen von der Art ihres Wesens. Der Stil ihrer Werke, auch der erhaltenen Briefe (Cassandra hat die meisten vernichtet) legt ein heiteres, sanft ironisches Gemüt nahe – das sie, trotz Ehelosigkeit, bis zuletzt behielt.

Die Familie war immer ihr harmonischer Halt, nie hat sie sie verlassen, sich auch nur selten (von Londonbesuchen abgesehen) aus der ländlichen Heimat in Englands Südwesten entfernt. In ihrem Geburtsort Steventon in Hampshire lebte sie bis 1801, dann zog der Tross, über kürzere Stationen in Bath und Southampton, nach Chawton, von den Brüdern (es waren insgesamt sieben) finanziell und auch häuslich unterstützt. Einer wurde reich adoptiert und stellte ihnen sein Cottage zur Verfügung.

Von dem Erlös ihrer sechs Romane (zwei erschienen erst nach ihrem Tod) hätte Jane Austen nicht leben können. Wie beim Erstling „Sense and Sensibility“ (Vernunft und Gefühl) von 1811 stand auf den Titeln nie ihr Name, sondern nur „By a lady“. Romane galten zu ihrer Zeit als nicht statthaft, eher als billige Unterhaltung: Schmuse- wie Schauerstoff.

Austen schließlich war es, die als eine der ersten Autorinnen die Gattung zur Kunstform erhob, in der sich realistisch von Leben und Liebe, von Welt und Gesellschaft erzählen ließ. Der achtbare Erfolg, den sie hatte (sogar das Königshaus las ihre Werke), hat sie darin sicher ermutigt.

Realistisch, nun ja, freilich in Maßen: Austens Welt, das beschauliche Landleben von gutmütigen Bürgerfamilien, Kleinadel und Offizieren, in dem es vor allem gilt, den idealen Ehemann für ihre Heldinnen auszumachen, ist eine zarte Idylle, fern aller Politik. Ohne Revolution, Krieg oder Europas Schreckgespenst Napoleon. Dennoch: Gewissenhafter und psychologisch genauer hat vor Austen niemand von Frauen und ihrer Seelenlage berichtet; ihr Werk ist, selbst wo die Konvention bedient wird, ein Akt der Emanzipation.

Neben den Gefühlen spielt erstaunlich offen auch das Geld eine Rolle bei der obligatorischen Ehebildung am Ende: Austen, die Buchhalterin. Dazu passt die Ehre, die man ihr nun in England erweist. Es gibt eine neue 10-Pfund-Note mit ihrem Gesicht und eine 2-Pfund-Münze mit der Silhouette.

Wolf Ebersberger

Henry James zum 100. Todestag

Dieses Jahr hätte er seinen 100. Todestag: Henry James, der große amerikanische Autor. Eine Annäherung an den Pionier des psychologischen Erzählens, der sich so leicht nicht packen lässt.

Schon dieser Einstieg: „Wenn ganz bestimmte Umstände zusammentreffen, dann gibt es nur wenige Stunden im Leben, die angenehmer sind als die, welche jenem Zeremoniell gewidmet sind, das als Nachmittagstee bekannt ist.“ Ein Satz, wie von einem Butler gebracht, auf einem kleinen Silbertablett. Sehr formell, aber nicht ohne feine Ironie. Und natürlich ein Satz, den so nur ein Engländer geschrieben haben kann. Dabei war Henry James, der damit seinen wohl erfolgreichsten Roman „The Portrait of a Lady“ begann, Amerikaner: 1843 in New York geboren.

james Aber er wurde zum Engländer, lebte seit 1882 in London, später in Sussex, und erhielt 1915, knapp ein Jahr vor seinem Tod, gar die britische Staatsbürgerschaft. Wer, wenn nicht er, kannte sich also aus, mit den subtilen und weniger subtilen Unterschieden – zwischen Amerika und Europa, zwischen aufstrebsamen neuen Bürgern und ehrbewusstem, alten Adel, zwischen jungem Blut und kaltem Kalkül, das voll Dünkel den steif und trügerisch bewahrten Konventionen verhaftet bleibt?

Henry James, der mit seinen Geschwistern bereits als Schüler vom ruhelosen Vater (Henry James senior), einem Religionsphilosophen, hin und her über den Atlantik geschickt wurde, um nur ja die ideale Ausbildung zu bekommen, hat Europa geliebt. Vor allem Frankreich und Italien, man lese nur seine Reiseberichte. Aber in seinen vielen Kurzgeschichten und Romanen kommt der Kontinent, der alte, oft ernüchternd schlecht weg.

Nicht selten tragisch, oft freilich satirisch, drohen die amerikanischen Männer und Frauen, die Henry James glücksuchend nach Paris, London oder Rom fahren lässt, übel zu scheitern. Alles ist so anders hier, so undurchsichtig, wie der Held aus „Die Gesandten“ erfahren muss, der einen jungen Landsmann zurückholen und, ja, moralisch retten soll. Es gibt sogar Todesfälle, wie die berühmte „Daisy Miller“. Oder eben, wie bei Isabel Archer, der umfangreich porträtierten Lady, die Falle einer romantischen Fehlentscheidung: fatal, wie sie auf den falschen Mann hereinfällt! In Jane Campions schöner Verfilmung von „Portrait of a Lady“ ist es John Malkovich, der die arme Nicole Kidman fast ruiniert, sozial, seelisch und finanziell. Das Geld, der Besitz – vererbt oder verweigert oder strategisch erheiratet – spielen bei James stets eine wichtige Rolle.

Bereits Truffaut hat Henry James als Vorlage genommen, später war es der ebenfalls anglophile Amerikaner James Ivory, der die raffinierten, oft recht komplizierten Romane von Henry James für das Kino zu nutzen wusste. Mit viel Dekor und historischem Kolorit, was leicht täuschen mag. Denn unter der gediegenen Oberfläche brodelt es bei James stets, kommen die heftigsten und hochleidenschaftlichen Gefühle zum Vorschein, oft ungeahnt, oft grausam.

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