Tommie Goerz im Bierkeller

Tommie Goerz ist bekannt geworden durch sechs Franken-Krimis, in denen deutlich wird, dass die Hauptfigur Friedo Behütuns sehr gerne mal die lärmigen Großstädte der Metropolregion verlässt und sich auf einem Keller in der Fränkischen Schweiz ein oder zwei Seidla fränkischen Landbieres gönnt. In Goerz’ neuem Bändchen „Auf dem Keller“ geht es mitnichten um Kriminalfälle, sondern um Geschichten rund um Bierkeller und das dort dargereichte Hauptgetränk.

„Hans“ heißt in diesem Bändchen mit 35 Geschichten aus der fränkischen und Oberpfälzer Umgegend die Hauptfigur. Dessen Erlebnisse sind keineswegs kriminalistisch spannend; Tommie Goerz nähert sich dem Thema eher (bier-)philosophisch. Und der Hans hat die Geschichten nicht alle selbst erlebt; manche sind ihm auch zugetragen worden.

Goerz stellt existenzielle Fragen wie, warum es auf Kellern keine Bedienungen gibt oder warum die Wirte der Bier-Tempel nach außen hin oft „mufflerd“ wirken – und er gibt stichhaltige Antworten. Insofern ist das Büchlein auch ein Kompendium der fränkischen Seele.

Viele kleine Erlebnisse machen den Reiz von „Auf dem Keller“ aus. Ein Beispiel: „Die Vielfältigkeiten der Antworten ist doch immer wieder überraschend. Auch hier, als dem Hans ein Wirt auf die Frage ,Wos hobbdern nu zeann Essen?‘ mit einer Gegenfrage geantwortet hatte: ,Kald oder warm?‘ Der Hans entschied sofort: ,Scho lieber warm.‘ Darauf der Wirt, furztrocken und wie selbstverständlich: ,Mir hamm blos nu kald.‘ Man weiß bei fränkischen Wirtsleuten halt nie, was man für eine Antwort bekommt.“

Solche überraschenden Alltagserlebnisse sind der Stoff, aus dem dieses Bändchen gewebt ist. Es geht um die Langsamkeit, die einen auf dem Keller umfängt, um den Seelenfrieden, den man nur hier richtig genießen kann, und um fränkische Schläue. So antwortet ein Wirt dem Hans auf die Frage, ob es bei ausgedehnten nächtlichen Festivitäten denn nicht zu Beschwerden komme: Höchstens die Jäger, die die Reviere rund um sein abgelegenes Lokal gepachtet haben, könnten sich beschweren. „Deshalb hobbi die Jachd edds ah pachd.“

Tommie Goerz hat sich genau umgeschaut und noch genauer hingehört in den fränkischen Bier-Oasen, doch macht er sich auch ums Essen seine Gedanken: Karpfen mit und ohne Ingreisch, Karpfen in Bierteig mit Soße und was der Leckereien mehr sind . . . Und auf die Frage, ob man auch etwas ohne Fleisch zum Essen haben könnte, antwortet die Wirtin des Dorfgasthauses, sie könne Bratwürste machen . . . Denn Fleisch, das ist für den Franken immer am Stück; ist es durchgedreht, ist es kein Fleisch mehr, sondern Gehäck, Wurst oder so etwas.

Eine Liebeserklärung an Franken hat Tommie Goerz hier verfasst, eine Liebeserklärung, die aber auch die kleinen Schwächen dieses Stammes nicht verschweigt und sie humorvoll auf die Schippe nimmt…

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Auf dem Keller. Biergeschichten. Verlag ars vivendi, 218 Seiten, 14 Euro

Tommie Goerz’ Frankenkrimi: „Schlachttag“

Kommissar Friedo Behütuns hat das Zeitliche nicht gesegnet, auch wenn es ihm am Ende des letzten Franken-Krimis aus der Feder von Tommie Goerz gar nicht gut ging – in „Einkehr“ kippte der Nürnberger Fahnder am Ende in einem Biergarten um. Doch jetzt schlaunzt er in seinem nunmehr sechsten Fall wieder durch die Gasthäuser und Bierkeller der Fränkischen Schweiz – als frisch ernannter Leiter des neuen Sonderbüros Metropolregion Nürnberg. Und da kommen er und sein Team ziemlich herum in Mittel- und Oberfranken.

Persönlich geht es Behütuns nicht übermäßig gut. Seine Fern-Freundin Julie LaFayette war in Frankreich Opfer eines Auto-Unfalls geworden – mit tödlichem Ausgang für sie. Da grübelt Behütuns nun über den Sinn von Leben und Tod – das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Arbeitseifer und seine Arbeitsfähigkeit. Doch nach und nach kommen die Dinge wieder ins Lot und quälend langsam kehrt die Lebenslust von Behütuns zurück.

Die aktuellen Ermittlungen drehen sich zunächst um eine Leiche, die ein Wanderer zwischen den Felsbrocken des Druidenhains bei Wohlmannsgesees gefunden hat — und die kurze Zeit später, als die Polizei eintrifft, wieder verschwunden ist. Es handelt sich – das weiß aber zunächst nur der Leser – um Franziskus Aloisius Heiselbetz, einen katholischen Pfarrer im Ruhestand. Und der war in seinem aktiven Berufsleben auch mal Pfarrer in Markt Erlbach. Und dort ist zu seiner Pfarrerszeit eine Frau spurlos verschwunden, die Frau des ortsansässigen Bauunternehmers Scholl.

Das sind schon Rätsel genug. Obendrein aber wird in der Nähe einer einsam stehenden Kirche bei Kaubenheim ein Teil einer Frauenleiche von einem Hund ans Tageslicht gezerrt. Das Ermittlerteam wird jedoch das Gefühl nicht los, dass zwischen all diesen Fällen — ob alt, ob frisch — ein Zusammenhang besteht. Behütuns und seine Mitermittler winden sich zwischen den Verdachtsmomenten durch, geraten immer wieder auf falsche Spuren und schließlich auf eine schlüssige, wenn auch überraschende Lösung der vertackten Gemengelage.

Tommie Goerz taucht wieder einmal tief und treffsicher ein in die fränkische Gemütslage und schildert in meisterhaft geschriebenen Mundartpassagen die Befindlichkeiten der fränkischen Seele.
Nur die Schilderungen, in denen Behütuns wieder und wieder sein Seelenleid knetet, sind teilweise etwas langatmig geraten. Aber sonst kommt die komplizierte Story flott und schlüssig erzählt daher – mit dem für Goerz typischen überraschenden Schlussakkord.

Nebenbei grantelt der Autor noch etwas an der geistigen Befindlichkeit von islamischen Terroristen und katholischen Geistlichen herum – nicht zu tiefschürfend, aber doch bedenkenswert. Und faszinierend die eingeschobenen Kapitel über das Schlachten eines Schweins — ein Schlachttag ist nichts weniger als ein Festtag. Goerz ist erneut ein Franken-Krimi vom feinsten gelungen – auch weil er sich in fränkischen Landen und Köpfen bestens auskennt.

Friedrich G. Stern

Tommie Goerz: Schlachttag. ars vivendi, 425 Seiten, 14,90 Euro.