Elizabeth Strouts neuer Roman „Die langen Abende“

Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ hat Elizabeth Strout vor gut zehn Jahren den Pulitzer-Preis bekommen. Er wurde ein Bestseller. Seine Protagonistin, die Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, kehrt im neuen Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin zurück. Es steht in der Lesergunst bereits weit oben.

Ausgezeichnete Autorin: Elizabeth Strout (Foto: Imago)

Olive ist älter geworden. Aber auch mit Mitte 70 zeigt sich diese Frau so barsch wie eh und je. Von Altersmilde ist zumindest zu Beginn des Romans „Die langen Abende“ wenig zu spüren. Anders als die meisten ihrer Mitmenschen, die wie sie an der spärlich besiedelten Küste des nordöstlichen US-Bundesstaates Maine leben, ist sie aber vielleicht einfach nur ehrlich.

Auch schöner, im herkömmlichen Sinn, ist Olive mit den Jahren nicht geworden: „Groß, wuchtig; mein Gott, war sie eine seltsame Frau.“ Das denkt der nur wenig ältere Jack Kennison über sie, trotzdem hat er sie kürzlich auf den Mund geküsst. Und wartet nun so ungeduldig wie ein Teenie darauf, dass sie ihn anruft.
Beide sind verwitwet; beide wissen, dass eine neue Bindung im Alter – der Zeit schlaffer Haut und quellender Bäuche – nicht einfacher wird, ganz zu schweigen von den Marotten, die jede(r) im Gepäck hat.

Und was man noch zu erwarten hat im Leben – Prostata-OPs, anstrengende Enkel, Seniorenheim – hebt die Laune beim Alleinsein auch nicht. Trotzdem ruft Olive natürlich nicht an. Vorerst.

„Die langen Abende“ umfasst einen Zeitraum von etwa zehn Jahren. Strout bleibt ihrem erzählerischen Mittel treu, teilt ihren Roman in viele einzelne Kapitel auf. Nicht in allen ist Olive die Protagonistin, bisweilen taucht sie nur in einer Begegnung am Rand auf, oder ihr Name fällt in einem Gespräch.

An Stelle von Olive nimmt die Autorin dann andere Figuren ins Visier. Dabei genügen ihr nur wenige Seiten, um dem Kaleidoskop des Lebens, das sie entwirft, neue Facetten hinzuzufügen.

Da ist Suzanne, die völlig aufgelöst an die Küste kommt, weil in dem Brand, der ihr Elternhaus zerstört hat, auch ihr 83-jähriger Vater ums Leben gekommen ist. Da ist Cindy, erschöpft von einer Chemotherapie, die über das geheimnisvolle Licht des Februars nachdenkt. Oder Denny, der sein Leben „wie ein Stück Rinde auf einem Fluss“ empfindet, weil er nie den Mut hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Die meisten Figuren blicken zurück und decken viel Unschönes dabei auf: man begegnet Familiendramen und anderen Tragödien, jeder Menge Ehebrüche, früher Einsamkeit, Verbrechen, Schuldgefühlen, Verletzungen, die nicht heilen wollen.

All die Blessuren, die man sich im Ringkampf mit dem Leben so zuzieht; in den Pausen, wenn es gilt, Kraft zu sammeln vor der nächsten Runde, schlägt man sich mit der Frage herum, wer man eigentlich ist. Aber eine Antwort darauf gibt es nicht; daran lässt die 67-jährige Autorin wenig Zweifel.

Die Innenwelt ihrer Figuren beschreibt Strout ungeschminkt und intensiv; Platz für Illusionen ist da kaum. Vor allem in den inneren Monologen fördert sie zutage, was die Menschen bewegt, als würde sie mit einem Mikroskop unter ihre Haut dringen – und unter die Haut gehen sie auch, diese Geschichten.

Aber – Überraschung! – es ist dennoch kein deprimierendes Buch. Die Schrullen und Schrammen der Figuren machen sie erst zu unseren Mit-Menschen, zu Gegenübern, in denen wir uns wiedererkennen – wohl oder übel.

Und dann, ganz unerwartet, gibt es liebevolle Gesten, zugewandte Gespräche, Zeichen zärtlicher Nähe. Sogar von Olive.

Tamara Dotterweich

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

Frau und Hund: „Der Freund“ von Sigrid Nunez

Was tun, wenn Apollo mit ins Bett möchte? „Der Freund“ ist nicht das erste Buch der US-Amerikanerin Sigrid Nunez, doch war die 69-Jährige bislang eher ein Geheimtipp. Das hat sich geändert, seit sie für ihren neuen Roman den National Book Award bekam. Damit hat sie auch hierzulande einen Bestseller gelandet.

Clever: US-Autorin Sigrid Nunez (Foto: Ettlinger, Aufbau)

Man könnte dieses Buch eine Sensation nennen, wenn sein zurückgenommener Stil, seine Scheu vor allem Vordergründigen diesen Begriff nicht unangemessen erscheinen ließe. Die Ich-Erzählerin schreibt darin an einen langjährigen Freund, der sich kürzlich das Leben genommen hat.

Eine Art Brief also. An einen Toten? Keine schlechte Adresse für die Selbstgespräche, die Briefe durchaus sein können. Besonders, wenn eine Antwort nicht zu erwarten ist. Dazu muss der Empfänger nicht unbedingt gestorben sein.

Die Erzählerin lässt die Jahrzehnte der Freundschaft Revue passieren und versucht, den Kern dieser intensiven Beziehung zu ergründen, zärtlich und reflektiert zugleich. Es gibt manches, was diesen ehemaligen Uni-Lehrer von ihr, dessen Kollegin sie später wurde, in ein fragwürdiges Licht rücken könnte: Neben seinen drei Ehen pflegte er auf dem Campus – den er als legitimes Jagdrevier betrachtete – mit großer Selbstverständlichkeit unzählige erotische Eskapaden mit Studentinnen.

Auch mit der Erzählerin ging er, als sie noch seine Studentin war, einmal ins Bett (ein Fehler, wie er danach sagte!) und hakte es ab wie ein gescheitertes Experiment – ohne sich zu fragen, was es ihr bedeutet haben könnte. Verbunden blieben sie aber nicht zuletzt durch eine andere gemeinsame Leidenschaft: die Liebe zur Literatur.

Die Erzählerin, die um die 60 sein dürfte, lebt offenbar seit langem allein und zurückgezogen in einem kleinen Appartement in New York, das sie in erster Linie nur verlässt, um an der Universität Schreibkurse zu geben.

Das ändert sich mit dem Tod ihres Freundes, denn eine seiner Ehefrauen vermacht ihr dessen Hund, eine beeindruckende Dänische Dogge, mit der sie ab sofort die Wohnung teilt und die ausgedehnte Spaziergänge einfordert.

Das tischhohe Tier heißt Apollo und ist für sie zunächst nur eine postume Verbindung zu seinem einstigen Besitzer. Doch mit irritierendem Nachdruck beansprucht Apollo einen Platz in ihrem Bett, legt ihr „seine massive Pfote, so groß wie eine Männerfaust, mitten auf die Brust und lässt sie dort“.

Es beginnen Grenzen zu verschwimmen und zwar weitaus vielschichtiger, als man zunächst annimmt. Schon allein dieser Name: Apollo. Wird der tote Freund wiederum anfangs nicht einmal als Romeo bezeichnet. . .?

„Der Freund“ nennt sich Roman, ist aber ein Buch, das weniger von etwas handelt, als von vielem spricht: von Freundschaft und Liebe, vom Miteinander der Menschen, ihren Gemeinsamkeiten, ihren Einsamkeiten; von Trauer und Schmerz, vom Trost in der Literatur. Immer wieder nimmt die Erzählerin Zuflucht zu anderen Schriftstellern, den Selbstmördern Kleist und Virginia Woolf, dem Tierfreund Rilke, den wundersamen Märchen Hans Christian Andersens.

Dabei dient ihr nicht das eigene Empfinden als Maßstab, sie formuliert Sätze oft als Fragen, stellt auch sich selbst, was sie denkt und schreibt, zur Disposition. Gewissheiten sind etwas für Feiglinge, und es dürfte aufmerksame Leser(innen) kaum überraschen, wenn sich am Ende des Romans auch noch die letzten auflösen.

Es ist auch das vorsichtige Formulieren, der bewusst unspektakuläre, aber subtile Blickwinkel einer Suchenden, der diesen komplexen Roman zu einem empathischen, immer wieder ergreifenden Buch macht – ohne die Fähigkeit zum (Mit-)Gefühl je auszustellen, auch ohne einen Hauch Sentimentalität. Für feine Ironie sorgen dabei Seitenhiebe auf den heutigen Literaturbetrieb.

Was Apollo angeht: mit ihm erfüllt die Erzählerin ihrem Menschenfreund einen Wunsch. Es war vielleicht sein letzter. Vielleicht aber auch nicht.

Tamara Dotterweich

Sigrid Nunez: Der Freund. Roman. Deutsch von Anette Grube. Aufbau, 235 S., 20 Euro

Hochkomisch: Irene Dische zeichnet „Schwarz und Weiß“

Starautorin Irene Dische. (FOTO: Max Lautenschläger/Visum/Verlag)

Er wird ein schreckliches Ende nehmen. Das wissen wir von Anfang an. Dieser sympathische Held muss sterben. Irene Dische teilt uns in ihrem bitterbösen Roman „Schwarz und Weiß“ gleich zu Beginn mit, dass Duke Butler hingerichtet wird.

Das Wissen über den Ausgang eines Romans kann ein Spannungskiller sein, ist es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. In Dukes Leben läuft lange Zeit alles so perfekt, dass eine Katastrophe kaum vorstellbar ist – und doch jeden Augenblick passieren muss. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Scheitern eine reale Option, je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Der amerikanische Traum kann auch zum Albtraum werden.

Die Geschichte der deutsch-amerikanischen Autorin, Jahrgang 1952, springt ein wenig in der Zeit hin und her, auch die Schauplätze ändern sich immer wieder einmal. Doch der Großteil des Geschehens spielt sich in den 70er und 80er Jahren in New York ab. Ein schwarzer Südstaatler – Duke eben – heiratet eine weiße Intellektuellen-Tochter von der Ostküste. Und damit ist das Thema auch schon vorgegeben. Duke Butler und Lili Jones sind schwarz und weiß, sie sind für ihre Zeit ein außergewöhnliches Paar, scheren sich nicht um Konventionen, pflegen ihre Liebe und feiern ihre Zweisamkeit.

Nichts, was die beiden tun, scheint in irgendeiner Form geplant. Lili entwickelt sich vom hässlichen Entlein zum Schwan und wird ein gefeiertes Model, das Unsummen verdient und gleich wieder verschleudert. Duke macht sich derweil prächtig als Weinexperte und wird ebenso reich und berühmt wie seine Frau. Dass er sich auf einen Abgrund zubewegt, bleibt ihm lange Zeit verborgen, auch wenn er doch schon eine Ahnung haben könnte.

„Lili hatte Duke früh gewarnt: Im Vergleich mit Manhattan ist Rocket Ridge in Vietnam ein Kinderspielplatz … Du bist so lieb und sanft. So jemanden habe ich noch nie getroffen. Du willst nur das Gute auf der Welt. Aber hier, an diesem Ort, gibt es viele böse Menschen. Die Bösen.“ Doch Duke nimmt sie nicht ernst: „Er hatte sich fest vorgenommen, Teil dieser Stadt zu werden.“

Das gelingt ihm auch, vor allem mit Hilfe seiner High-Society-Schwiegereltern. Lili verachtet die beiden, deren aufgesetzte und stolz zur Schau getragene Toleranz sie unerträglich findet. Um die beiden zu ärgern, schreibt sie sich nicht an einer Elite-Universität ein, sondern macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Die Verwunderung über ihr Kind lassen sich die Stones nicht anmerken, sie sind abgesehen davon sowieso zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Die Rolle des Kindes, auf das sie stolz sind, muss Duke übernehmen, dessen Existenz für sie ein intellektuelles Experimentierfeld ist. Sie wollen die Welt retten, aber ohne sich allzu sehr anstrengen zu müssen. Sie haben es sich in ihrem Wohlstand gemütlich gemacht, sonnen sich in ihrem Ansehen und versuchen, mit Hilfe einer lebenslangen Psychotherapie das Beste aus sich herauszuholen. Weil sie für ihre Sitzungen Höchstsummen bezahlen, werden sie auch niemals als geheilt nach Hause geschickt.

Alles in Irene Disches Geschichte ist übertrieben und überzeichnet, alles ist schwarz-weiß, hell und dunkel, es gibt keine Zwischentöne, kein Grau. Die Figuren wirken bisweilen wie Karikaturen: Lili ist wunderschön, blond, zart, drogensüchtig, hilfsbedürftig, herrisch und gefährlich gleichermaßen. Und Duke? Der wirkt wie ein Schaf. So arglos und freundlich, so nichtsahnend und frei von bösen Gedanken. Er ist – und das im wahrsten Sinne des Wortes – blauäugig. Eine Hinterlassenschaft seiner deutschen Vorfahren.

Lili wird ihm irgendwann mit einer Hummergabel versehentlich ein Auge ausstechen, aber auch das nimmt er seiner Frau nicht allzu krumm. Er kann einiges einstecken – aber irgendwann wird auch er an seine Grenzen stoßen. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

An das Glück sollte man sich eben besser nicht gewöhnen. Es ist nicht zuverlässig.

Gabi Eisenack

Irene Dische: Schwarz und Weiß. Roman. Deutsch von Elisabeth Plessen. Hoffmann und Campe, 496 Seiten, 26 Euro.

Ganz anders: Jami Attenbergs „Ehemänner“

Manche Sätze wirken wie das Schrillen eines Weckers am frühen Morgen. Dieser zum Beispiel: „Ich warte auf den Tod meines Mannes, sechs Jahre schon.“

Jami Attenberg (Foto: Zack Smith)

So beginnt der neue Roman „Ehemänner“ von Jami Attenberg. Doch keine Sorge, es handelt sich nicht um eine Abhandlung über einen Beziehungskrieg. Ganz im Gegenteil. Es geht vor allem um Liebe, Trauer, Verlust und Neubeginn.

Jarvis Miller ist ein sensibles Wesen. Seit ihr Mann Martin im Koma liegt, hat sie aus Kummer und Verzweiflung aufgehört, am Leben teilzunehmen. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben und sich die Decke über den Kopf ziehen, bis ihr Mann wieder aufwacht und einfach der alte ist. Aber das wird er niemals wieder sein.

Martin und Jarvis sind in New York zu Hause, er ist ein viel beachteter Künstler, sie die Frau an seiner Seite, die ihn anhimmelt und deren Schutzbedürftigkeit seinem Ego gut tut. Die beiden sind jung, glücklich und auf Partys immer gerne gesehen.

Eines Tages stürzt Martin bei der Arbeit – er ist Künstler – von einer Leiter, verletzt sich schwer am Kopf und taucht ins Nirgendwo ab. Betreut wird er von nun an in einem Heim, seine Frau besucht ihn regelmäßig. Bis sie nicht mehr kann. Jarvis wird mehr und mehr bewusst, dass sie in einem Totenreich lebt, aus dem sie ausbrechen muss. Dabei helfen ihr Begegnungen in einem Waschsalon – mit anderen Ehemännern.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Jami Attenberg, Jahrgang 1971, ist eine Spezialistin für Menschen, die unsanft aus ihrem Alltag gerissen werden. In ihrem neuen Roman lässt sie nicht nur Jarvis’ Welt aus den Fugen geraten. Alle, mit denen die junge Frau zu tun hat, werden am Ende der Geschichte nicht mehr die selben sein . . .

Jarvis selbst steht schließlich vor der wohl wichtigsten Entscheidung ihres Lebens – und sie trifft die richtige.

Gabi Eisenack

Jami Attenberg: Ehemänner. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Schöffling & Co, 328 Seiten, 24 Euro.