Ronja von Rönnes Roman „Wir kommen“

Das Haar nachlässig hochgesteckt, dazu bis oben zugeknöpfte Hemden oder Bubikragen – Ronja von Rönne ist das It-Girl der Literaturszene, abgeklärt und attraktiv. Und ja, das darf man erwähnen, schließlich setzt sich Rönne gern effektsicher in Szene. Jetzt ist ihr erster Roman erschienen.

Eine 20-Jährige hat, sofern sie in ordentlichen Verhältnissen lebt, unbeschwert bis glücklich zu sein, liegt doch ihr ganzes Leben und eine Zukunft als Girokonto-Besitzerin vor ihr. So zumindest wollen es Sparkassen und Menschen, die wesentlich älter sind und ihre Jugend verklären, weil das Alter auch nicht pausenlos euphorisch stimmt.

Aber wer will schon etwas lesen über Jugendliche, die fröhlich durch Eisdielen, oder, zeitgemäßer, Shisha-Bars ziehen? Junge Leute mit Hang zum Lebensüberdruss bevölkern deshalb die Literatur seit jeher; der aussichtslos die anderweitig versprochene Lotte bestürmende Werther wurde nicht von ungefähr ein Superseller seiner Zeit.

Ronja So gesehen reiht sich Nora, die Protagonistin des Romans „Wir kommen“, in eine lange Tradition, ist dank seiner etwa gleichaltrigen Autorin Ronja von Rönne (Jahrgang 1992) aber doch so von der Gegenwart geprägt, wie man es erwarten darf; dazu braucht Rönne übrigens nicht die permanente Anwesenheit der modernen Dreifaltigkeit Blog, Facebook und Twitter – die sie im echten Leben natürlich ausgiebig nutzt. Lesenswert wird ihr literarisches Debüt aber vor allem, weil sie aus Nora eine vielschichtige Figur gemacht hat.

Es ist nicht leicht, über den Roman zu schreiben, ohne von der Autorin mehr preiszugeben als Namen und Alter, die üblichen Angaben also. „Wir kommen“, bitte nicht zu verwechseln mit dem Kultur-Phänomen des Willkommens (der Autorin ist zuzutrauen, dass die Assoziation gewollt ist), mag ein Debüt sein; doch nicht eines, das die Autorin, wie es gern heißt „über Nacht“ bekanntgemacht hätte – es verhält sich vielmehr umgekehrt: Aufmerksamkeit wird dem Roman nicht zuletzt zuteil, weil es Rönne bereits vorab zu Berühmtheit gebracht hat; dank eines vor einem Jahr erschienenen Zeitungsartikels. Unter dem Titel „Warum mich der Feminismus anekelt“ fand sich darin viel Unsinn, zugleich aber eine nicht zu bestreitende sprachliche Virtuosität, wohltuender Witz und der unbedingte Wille, aller politischen Korrektheit eins vor den Latz zu knallen – was auch gelang.

Vielleicht war der Artikel aber auch nur einer Veranlagung der Autorin zu sensiblen Magennerven geschuldet; schlecht wird ihr bzw. ihren Figuren nämlich immer wieder mal; auch Nora, die sich erinnert, wie sie sich während ihres ersten Rauschs in ein Behältnis mit Glückskeksen übergab.
Damit wären wir wieder bei der Romanfigur, die sich, wie bereits angedeutet, nicht frohgemut Richtung Eigenheim etc. bewegt, sondern seit einiger Zeit von Panikattacken geweckt wird und sich deshalb in psychotherapeutischer Behandlung befindet. Aufschreiben, rät der Therapeut, alles aufschreiben. Dann ist die Panik zwar immer noch da, aber wenigstens dokumentiert, so Noras trockener Kommentar dazu, der den lakonischen Tonfall des Buchs vorgibt.

Was erklärt diese Panik? Die „offene“, aber die tatsächlichen emotionalen Bedürfnisse ignorierende Viererbeziehung, die Nora mit Karl, Jonas und Leonie verbindet und alle vier zu „traurigen warmen Tieren“ macht? Die Erinnerung an die Kindheit in einer Familie, in der vor allem geschwiegen wurde, getreu dem Motto: „Wenn wir etwas nicht mit Schweigen ausdrücken konnten, drückten wir es gar nicht aus, dann würde es schon nicht wichtig gewesen sein.“ Oder die Nachricht vom Tod Majas, Noras taffer Freundin aus Jugendtagen, die all das tat, was Nora sich nie traute?

Gewiss, manches konnte auch Nora gut: abwarten, nicken, sich helfen lassen. „Ich weiß nicht, weshalb mein Leben generell so anders aussieht, als ich es mir mit zwölf vorgestellt hatte“, fragt sie sich deshalb heute.

Man möchte endlos aus dem Buch zitieren, Rönne formuliert knapp, präzise, immer wieder auch hochkomisch. Melancholie schleicht sich erst zwischen die Zeilen, rückt dann immer stärker in den Vordergrund dieses Frauenporträts auf der Höhe der Zeit. Noras Generation scheint sich in den vermeintlich grenzenlosen Räumen der Freiheit heilloser zu verirren als in einem Labyrinth; die Sehnsüchte bleiben eben doch die alten und im Zweifelsfall nach wie vor unerfüllt.

Es gibt in diesem Buch hin und wieder Formulierungen, die stehen etwas prätentiös da und wollen Beifall. Und wenn schon: Ronja von Rönne ist noch jung und hoffentlich gekommen, um zu bleiben.

Tamara Dotterweich

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau Verlag, 208 Seiten, 18,95 Euro