Grandios: Juli Zehs Gesellschaftsroman

Juli Zeh ist ein Mensch mit messerscharfem Verstand und einer klaren Haltung zum politischen Geschehen in diesem Land. Ein Umstand, der ihr immer wieder Auftritte in Talkshows einbringt. Ihr Ton ist sachlich, ihr Urteil eindeutig, ihr Blick auf die Welt frei von Sentimentalität. Oft sind es die brutalen Seiten des Menschen, die im Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens stehen. So auch in ihrem neuesten Werk, einem 600-Seiten-Wälzer namens „Unterleuten“.

Ihr ganzes schriftstellerisches Leben lang habe sie einen Gesellschaftsroman schreiben wollen, erzählte Juli Zeh in einem Interview. „Für mich stellt dies die literarische Königsdisziplin dar: nicht nur eine spannende Geschichte und interessante Figuren zu schaffen, sondern darüber hinaus den Zeitgeist und die Befindlichkeit einer ganzen Epoche in einen Roman hineinzuerzählen.“

Unterleuten von Juli Zeh

Die promovierte Juristin, 1974 in Bonn geboren, hat schon eine ganze Menge großartiger Literatur produziert und wurde vielfach dafür ausgezeichnet. Mit „Adler und Engel“ gelang ihr 2001 ein beeindruckendes Debüt, dem sie weitere erfolgreiche Romane wie „Spieltrieb“ (2004), Krimis und Essays folgen ließ. Nun hat sie sich selbst und ihren Lesern bewiesen, dass sie auch
die Gattung Gesellschaftsroman beherrscht. „Unterleuten“ ist ein Werk von ungeheurer Wucht und Zeh wieder einmal gnadenlos im Herausarbeiten menschlicher Unzulänglichkeiten.

„Unterleuten“ heißt das Dorf in der brandenburgischen Provinz, in dem die Geschichte über den Menschen und seine Macken spielt. Es scheint, als habe sich hier auf kleinstem Raum die Bösartigkeit der ganzen Welt konzentriert. Irgendwie glaubt jeder zu wissen, was für die Gemeinschaft und deren Zukunft gut ist, und hat am Ende doch nur seinen eigenen Vorteil im Blick. Dazu kommt ein immerwährendes unterschwelliges Rauschen und Raunen, das Rumoren der Gerüchteküche, das dem dörflichen Leben stetig kleine Dosen Gift verabreicht.

Dominiert wird Unterleuten von zwei alten Männern: Gombrowski und Kron. Sie pflegen beharrlich eine alte Feindschaft und haben sich in dieser Situation gut eingerichtet. Doch dann kommen die Störer. Die Großstadtflüchtlinge aus Berlin, die meinen, sie könnten etwas frischen Wind in die kleine, alte Welt bringen.

Linda Franzen, die Pferdenärrin mit dem Computer-Nerd Frederik an ihrer Seite. Oder Gerhard Fließ, der vom akademischen Betrieb frustrierte Professor, der sich nun um eine bedrohte Vogelart kümmert, während seine wesentlich jüngere Frau Jule das Baby pflegt und sich weit weg wünscht.

In Unterleuten, wo jeder immer unter Leuten ist, treffen Resignation und Hoffnung aufeinander, Ost und West, Reichtum und Armut, Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass. Juli Zeh lässt die Menschen im Dorf agieren und reagieren und den Leser ahnen, dass eine Katastrophe bevorsteht.

Wen sie treffen wird, wer involviert ist, bleibt bis zuletzt unvorhersehbar. Natürlich gibt Zeh, die selbst in einem brandenburgischen Dorf lebt und dort nach eigenen Angaben sehr glücklich ist, keinerlei Hinweise. Weder Handlung noch Figuren sind einem erkennbaren Schema unterworfen. Jeder ist ein bisschen gut und ein bisschen böse, keiner ist wirklich ehrlich, jeder fühlt sich dem anderen überlegen. „Der größte Vorteil entsteht“, so die Philosophie des alten Gombrowski, „wenn jeder bekommt, was er sich wünscht.“ Eine Unmöglichkeit, wie er irgendwann einsehen muss. Objekt der Begierde und des Hasses: eine Windkraftanlage. Um sie dreht sich alles.

Die Geschichte braucht Zeit, sich zu entwickeln. Zeh verwebt Vergangenheit und Gegenwart, lässt ihren Charakteren Raum. Die Menschen rücken ganz nahe an den Leser heran, er glaubt sie irgendwann zu kennen und wird doch immer wieder aufs Neue überrascht. Sie alle stehen für eine bestimmte Zeit, einen Ort, eine Lebenseinstellung. „Unterleuten“ ist spannend wie ein Krimi und gleichzeitig ein großartiges Porträt vom Zeitgeist einer Sinn suchenden Gesellschaft am Beginn des dritten Jahrtausends.

Gabi Eisenack

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Luchterhand, 640 Seiten, 24.99 Euro.

Andreas Rödders Blick auf die Gegenwart

rödderHistoriker beschäftigen sich in der Regel mit Entwicklungen, die abgeschlossen sind – und die dann aus einer rückwärtsgewandten Perspektive eingeordnet werden. Es ist oft der Versuch, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben oder das nicht Rationalisierbare mit Vernunft einzufangen.

Für die Antwort auf Zukunftsfragen sind Historiker nicht zuständig, denn was einmal gegolten hat, muss es künftig nicht mehr. Historische Vergleiche passen auch selten ein zweites Mal.

Andreas Rödder, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, bricht mit diesen Regeln und wagt den Versuch, die gesellschaftlich prägenden aktuellen Entwicklungen in ihrer Genese zu analysieren und aufzuzeigen, mit welchen Problemkonstellationen Politik und Gesellschaft sich in den nächsten Jahren werden herumplagen müssen.

Rödder verknüpft historische Grundprobleme mit ihrer aktuellen Dynamik. Ein Beispiel: Angesichts der europäischen Krisenszenarien wird Deutschland als wichtigste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union immer wieder gedrängt, die Führung bei Problemlösungen zu übernehmen. Nimmt es die Rolle an, dann wird ihm Dominanz- und Hegemonialstreben vorgeworfen. Eine Konstellation, die der von 1914 ziemlich ähnlich ist, nur wird inzwischen mehr miteinander verhandelt und miteinander geredet: eine der wichtigsten Lehren nach zwei Weltkriegen. Mit Angela Merkel an der Spitze hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, so das Credo des Mainzer Professors.

Rödders Problemkomplexe wie Klimawandel, Inklusion, Big Data, Währungsunion, Globalisierung und Konsumgesellschaft werden in ihren wesentlichen Strukturen erfasst und die möglichen Lösungswege der Probleme alternativ nebeneinandergestellt. Was Rödders Buch zu einer ausgezeichneten Lektüre macht, ist seine klare Argumentation.
Ja, es gibt einen Klimawandel – wie es einen schon früher gegeben hat. Diesmal führen ihn aber die Menschen herbei. Oder aber die Diskussion, ob die EU nicht schon längst eine Transfer-Union ist, die Deutschlands wirtschaftliche Macht verkleinern will und wird. Dazu gibt es derzeit wohl keine Alternativen, ohne die EU zu zerstören.

Rödder lässt keine Zweifel, welche Länder aufgrund ihrer Wirtschaftskraft gar nicht in die Währungsunion hätten aufgenommen werden dürfen. Glänzend geschrieben auch seine Bilanz der Hartz-Reformen, die zu einer Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen insgesamt geführt haben. Sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wurden eben nicht wie befürchtet abgebaut. Rödder weicht auch schwierigen Themen wie der Kriminalitätsrate unter Migranten nicht aus.
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