Sind wir zu kritisch mit unserem Tatort?

Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Münster, Dortmund – der Westdeut­sche Rundfunk (WDR) hat schon verschiedensten Städten zu „Tat­ort“- Ehren verholfen. Der Bayeri­sche Rundfunk (BR) dagegen hielt eisern an der Monopolstellung Mün­chens fest, 45 Jahre lang.
Erst 2015 bekamen endlich auch die Franken ihren schon lange gefor­derten „Tatort“. Doch die Freude darüber scheint abgeebbt: In Nürn­berg wurden die ersten beiden Fälle des neuen Ermittlerteams um die Kommissare Ringelhahn und Voss eher kritisch gesehen. Überregional dagegen kamen sie durchaus an, „Spiegel online“ zum Beispiel lobt den „unaufgeregten Tonfall“ der beiden Streifen – genau damit setzt der Franken-Tatort übrigens in der Tat einen Kontrapunkt in Zeiten, in denen die Krimireihe – wohl als Konsequenz aus dem Erfolg der Münsteraner Fälle – oft sehr zum Klamauk neigt.
Manche Stimmen bemängeln Unstimmigkeiten – etwa, dass man zum Beispiel im ersten Franken-Tat­ort vor dem Rathaus Wolff’scher Bau parken konnte. Aber darf sich denn ein Filmteam, das sich mit sei­nem Krimi ja ohnehin im Reich der Fiktion bewegt, hier nicht gewisse poetische Freiheiten nehmen? Auch solche Kleinigkeiten interessierten ortsunkundige überregionale Zu­schauer
freilich weniger.

Marco Puschner

Sind wir zu kritisch mit unserem Tatort?

Braucht Nürnberg einen Drogenkonsumraum?

 

Bisher scheiterte die Einführung von Drogenkonsumräumen, in denen Schwerstabhängige ihren Stoff (Foto: Boris Roessler) unter medizinischer Aufsicht nehmen können, am Veto der CSU. Experten der Drogenhilfe fordern solche Einrichtungen schon lange, weil sie die Überlebenschancen und auch die Behandlungsbereitschaft der Betroffenen verbessern könnten. So mancher einsame Tod auf einer Bahnhofstoilette wäre zu verhindern, wenn es Drogenkonsumräume auch in Bayern gäbe, meinen die Befürworter.
Bereits im Jahr 2010 hat der Sozial- und Gesundheitsausschuss des Stadtrats sich mehrheitlich für eine solche Einrichtung auch in Nürnberg ausgesprochen – doch hierfür müsste der Freistaat grünes Licht geben. Lange war von der CSU nur ein striktes Nein zu hören. Inzwischen scheinen die Reihen bei den Konservativen aber in dieser Frage nicht mehr so geschlossen zu sein. Während CSU-Stadtrat Max Höffkes kürzlich noch im Stadtrat vor „Rauschgifthäusern“ warnte, hat sein Parteifreund Josef Mederer eine ganz andere Haltung.
Der Präsident des Bayerischen Bezirketages sieht angesichts der großen Zahl von 314 Drogentoten im Jahr 2015 im Freistaat Handlungsbedarf und fordert Drogenkonsumräume für die Ballunsgzentren (München, Nürnberg, Augsburg).  Angesichts der guten Erfahrungen mit diesen Einrichtungen in anderen Bundesländern ist Mederers Vorstoß, zumindest einen Modellversuch zu wagen, verständlich. CSU-Gesundheitsministerin Melanie Huml hält es aber für hochproblematisch, wenn der Staat den Konsum harter Drogen erleichtert und schützt, andererseits aber Erwerb und Besitz strafrechtlich verfolgt. Neben polizeilichen Sicherheitsbedenken war stets das Hauptargument der CSU gegen diese Konsumräume, dass man keine rechtsfreien Räume schaffen wollte. Andererseits würde aber ein Drogenkonsuraum nur einer kleinen Gruppe von Schwerstabhängigen offenstehen – Erst- oder Gelegenheitskonsumenten wären ausgeschlossen.

Wir wollen deshalb in unserer Leserfrage der Woche von Ihnen wissen: „Braucht Nürnberg einen Drogenkonsumraum?“ – In unserem Blog „Senf dazu“ können Sie unter nz.de/senf im Internet über die Leserfrage abstimmen und diskutieren. Vergangene Woche haben wir Sie gefragt: „Soll sich Nürnberg als Kulturhauptstadt bewerben?“ Teilgenommen haben 171 Leser. Mit Ja antworteten 31,6 Prozent, mit Nein 68,4 Prozent.

m.p.

 

Braucht Nürnberg einen Drogenkonsumraum?

  • Nein (58%, 11 Stimmen)
  • Ja (42%, 8 Stimmen)

Wähler insgesamt: 19

Soll sich Nürnberg als Kulturhauptstadt bewerben?

Die Stadtspitze trägt sich mit dem Gedanken, dass Nürnberg sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 bewerben soll. Bis zum Herbst soll das Konzept für die Bewerbung stehen und endgültig entschieden werden, ob Nürnberg seinen Hut in den Ring wirft. 2019 treffen dann die europäischen Gremien die endgültige Auswahl.
Pragmatiker fragen: Was bringt der Titel? Spötter sagen: Ein Titel ohne Wert. Sparfüchse: Ist zu teuer. Es sind Summen von immerhin 40 bis 200 Millionen Euro genannt worden, die angeblich eine Bewerbung kosten würde. Das wäre natürlich für Nürnberg viel zu teuer. Auch wenn die großen Summen Erfahrungswerte von anderen Bewerbungen sind: In diesen Beträgen sind natürlich nicht nur die reinen Bewerbungskosten enthalten, sondern auch die Projekte, die mit angeschoben wurden. Wenn man in Nürnberg allein die Kosten für den neuen Konzertsaal und die Sanierung der Meistersingerhalle samt Opernhaus zusammenzählen würde, käme man schon auf über 200 Millionen Euro.
Dass die Bewerbung Geld kostet, ist unbestritten. Bei rund 10.000 städtischen Mitarbeitern müsste es allerdings möglich sein, fünf Stellen für die nächsten zweieinhalb Jahre bereitzustellen, um Ideen zu sammeln, Bürger zu aktivieren und auf die Suche nach neu ansetzenden Entwicklungen zu gehen, die 2025 die Gesellschaft prägen werden, und diese dann herauszuarbeiten. Bei den Veranstaltungen zur Kulturhauptstadt geht es nicht nur um Konzerte und Ausstellungen, sondern auch darum zu fragen, was die Gesellschaft in allen Bereichen noch zusammenhält und wohin Europa sich entwickeln soll. Einmal innezuhalten und Selbstvergewisserung zu betreiben, ist die eigentliche Aufgabe einer Kulturhauptstadt Europas.
Der Charme für Nürnberg besteht darin, dass es schon längst nötig wäre, einmal zu überlegen, welche übergeordneten Ziele die Stadt verfolgen soll. Die Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt wäre dann eher ein Stadtentwicklungsprojekt für Nürnberg: Wohin die Entwicklung gehen soll, was sich bündeln und damit stärken lässt, wo Defizite sind und wie dieses behoben werden können.

André Fischer

Soll sich Nürnberg als Kulturhauptstadt bewerben?

Sind Sie mit den Flugangeboten zufrieden?

Auch in Nürnberg fragen sich angesichts der verheerenden politischen Entwicklung in vielen Ländern viele: Wohin soll und kann denn nun unsere Urlaubsreise noch gehen? Die Fluggastzahlen nach Ägypten, Türkei und Tunesien sind aufgrund der politischen Entwicklung in den vergangenen Monaten eingebrochen, wie jüngst auch von der Nürnberger Flughafen-Geschäftsleitung zu hören war.
So wurden nach Ägypten 64,7 Prozent weniger Passagiere gezählt, Richtung Türkei ging die Zahl der Reisenden um 14,9 Prozent zurück. Eine der wichtigsten Verbindungen für den Nürnberger Flughafen ist die Linie nach Antalya. Im vergangenen Jahr flogen 365.000 Personen in die Partnerstadt Nürnbergs. In den letzten Monaten sank die Zahl der Reisenden nach Antalya um 38,3 Prozent.
Der Nürnberger Flughafen hat reagiert: Ziele wie Faro, Ibiza oder Sibiu sind neu im Sommerflugplan, Rom, Mailand, Budapest und Malta im Winterflugplan. Ryanair kündigt an, ab November, zum Teil täglich, nach London-Stanstead, Budapest, Malta, Manchester, Mailand-Bergamo und Rom-Ciampino zu fliegen.
Rund 1,18 Millionen Passagiere hoben ab Nürnberg mit Direktflügen zu ihren Urlaubszielen ab. Das entspricht einem Wachstum von 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wachstumstreiber war hier allen voran SunExpress. Die türkische Fluggesellschaft mit deutschem Ableger weitete das Angebot ab Nürnberg deutlich aus und beförderte rund 100.000 Passagiere mehr als im Vorjahreszeitraum.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob diese Angebote tatsächlich den Ansprüchen und Vorstellungen der Urlaubsreisenden entsprechen oder ob noch weitere Ziele angeboten werden sollten.

Dieter Wegener

Sind Sie mit den Flugangeboten zufrieden?

Zuschuss für E-Autos: Ist das der richtige Weg?

Eine Million Elektroautos soll im Jahr 2020 auf deutschen Straßen unterwegs sein. Dieses Ziel von Bun­deskanzlerin Angela Merkel (CDU) schien in immer weitere Ferne zu rücken, je näher dieser Zeitpunkt kam. Bisher sind erst 25500 E-Autos und 130000 (in die Rech­nung ebenfalls eingehende) Hybrid­wagen zugelassen. Nun will die Bundesregierung mit einer Kaufprämie von 4000 Euro, die zur Hälfte die Hersteller bezah­len, nachhelfen. Parallel dazu wird die nötige Infrastruktur für diese Fahrzeuge durch den Aufbau zusätz­licher Ladestellen gestärkt. Viel­leicht ist dies der richtige Weg, um den im Vergleich zu konventionel­len Pkw (trotz diverser Probleme auch dieser Technologie) umwelt­freundlicheren Autos endlich zum Durchbruch zu verhelfen. Der Kauf­anreiz könnte dabei helfen, E-Autos „massenmarktfähig“ zu machen, wie es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) formulierte.
Kritiker wenden ein, dass der Steuerzahler diesen Eingriff ins Marktgeschehen mitfinanzieren muss. Obendrein werde die Auto­industrie ausgerechnet in Zeiten der Abgas-Affäre subventioniert. Außerdem könnte man einwenden, dass das Geld besser investiert sei, wenn es in die Forschung gesteckt würde.

Marco Puschner

Zuschuss für E-Autos: Ist das der richtige Weg?

Öffentlicher Dienst: Sind sechs Prozent angemes­sen?

Selten bekam der öffentliche Dienst so viel Lob wie in den zurückliegen­den Monaten: Schließlich waren es die verschiedenen Dienststellen der Kommunen, die einen Großteil der Flüchtlingshilfe leisteten. Das Kli­schee von der drögen öffentlichen Verwaltung, die mit der flexiblen privaten Wirtschaft nicht mithalten können, widerlegten zum Beispiel die städtischen Mitarbeiter in Nürn­berg eindrucksvoll.

Vor diesem Hintergrund ist es ver­ständlich, dass die Beschäftigten sich ein kräftiges Lohnplus wün­schen. Gewerkschafter verweisen zudem darauf, dass die Bezüge im öffentlichen Dienst hinter dem zurückstehen, was in der privaten Wirtschaft zu verdienen ist. Zudem müssten die öffentlichen Kassen prall gefüllt sein: Das Statistische Bundesamt spricht von einem Haus­haltsüberschuss von fast 30 Milliar­den Euro bei Bund, Ländern, Kom­munen und Sozialversicherung. Insofern könnte es sich die Arbeitge­berseite auch leisten, einen Teil des Kuchens abzugeben, argumentiert etwa die Vereinte Dienstleistungsge­werkschaft (ver.di). Zumal Kommu­nen und Bund sich nur bedingt einen Gefallen tun, wenn sie am Per­sonal sparen: Immerhin will man gute Leute gewinnen.

Doch es gibt auch Gegenargumen­te. So warnen der Deutsche Städte­tag und der Städte- und Gemeinde­bund davor, die Kommunen zu stark zu belasten. Zu hohe Gehälter würden die Schaffung neuer Stellen gefährden. Außerdem herrscht Irri­tation darüber, dass die Gewerk­schaften angesichts der niedrigen Inflation gleich für eine Erhöhung von sechs Prozent plädieren.

Marco Puschner

Öffentlicher Dienst: Sind sechs Prozent angemes­sen?

Hauptmarkt: Muss sich etwas ändern?

Der Wochenmarkt am Hauptmarkt (Foto: Eduard Weigert) ist eine ganz wichtige Einrichtung in der Innenstadt, denn er belebt das Kopfsteinpflaster, und Menschen können sich mit frischen Lebensmitteln aus der Region eindecken. Doch, was gut ist, kann man noch besser machen. Das Bild, das der Hauptmarkt derzeit bietet, hat wenig mit Qualität zu tun.
Wer von der Fleischbrücke Richtung Burg blickt, schaut erst einmal auf drei locker aufgestellte Imbissbuden, die sich mit eher beliebig positionierten Tischen und Werbetafeln optisch aufdrängen. Das ist das Bild, das Touristen und Besucher von der Stadt mitnehmen. Es wäre ein leichtes, die Stände zusammenzurücken und sie an einer besser geeigneten Stelle zu positionieren.
Wer in einem Café am Hauptmarkt sitzt, der muss in der Regel auf die Rückseite von Ständen schauen. Besser wäre es, die Verkaufsstände Rücken an Rücken aufzureihen, damit das Ausfransen des Marktes verhindert wird und Dichte entsteht: Wenn etwas im landläufigen Sinn schön ist, dann halten sich Menschen dort gerne auf, reden miteinander und kaufen mehr ein.
Beispiele in Italien, Spanien oder Frankreich gibt es zuhauf. Der Hauptmarkt sollte zu einem Treffpunkt entwickelt werden, davon würden auch die Händler mit höheren Umsätzen profitieren. In Nürnberg wird zu oft die Bedeutung der ästhetischen Qualität des öffentlichen Raums unterschätzt. Wer Touristenmetropole sein will und finanziell davon profitiert, der muss seine gute Stube besser als bisher in Ordnung halten. Es fehlt nicht nur an einem Konzept für die Weiterentwicklung des Wochenmarkts, sondern auch an kleinen Dingen: Sitzen, ohne etwas zu verzehren, kann man sich fast nirgendwo erlauben.
Die Gegner von Veränderungen auf dem Hauptmarkt sagen, gerade diese lockere Struktur macht den Reiz des Marktes aus – eine Form von Freiheit. Außerdem würden die Imbissbuden dort stehen, wo die meisten Touristen sind. Es passt doch alles.

André Fischer

Hauptmarkt: Muss sich etwas ändern?

Zuckersteuer auf Softdrinks?

Es ist in nicht wenigen Supermärk­ten, Lokalen und Imbissbuden so: Ein Mineralwasser kostet dasselbe wie eine Cola. Ja, und?
Angesichts neuer Nachrichten über die Volkskrankheit Diabetes stellt sich die Frage, ob das so blei­benmuss. Schließlich kann ein maß­loser Konsum der allzeit verfügba­ren Zuckergetränke zum Ausbruch der unheilbaren Stoffwechselstö­rung beitragen. Der Weltgesund­heitstag hat alarmierende Zahlen in Umlauf gebracht: Allein in Deutsch­land ist die Zahl der neu Erkrank­ten seit der Jahrtausendwende um 40 Prozent gestiegen. 6,7 Millionen Deutsche sind laut Deutscher Diabe­tes- Hilfe betroffen, darunter zwei Millionen unerkannt. Die fatalen Folgen: vermeidbare Herz-Kreis­lauf- Todesfälle, Fußamputationen, Erblindungen.
Denn Diabetes vom Typ 2, wie ihn die große Mehrheit hat, wird durch ungesunde Ernährung und Übergewicht ausgelöst. Appelle an die Selbstdisziplin scheinen zu ver­hallen. Viele Gesundheitsexperten wünschen sich daher, dass der Staat erzieherisch eingreift. Eine Besteue­rung von künstlich gesüßten Geträn­ken wäre so eine Maßnahme. Frank­reich und Mexiko tun das schon, Großbritannien schließt sich gerade an. Bei „Alkopops“, die Jugendliche zum Komatrinken animieren, brach­te die Steuererhöhung 2004 tatsäch­lich den erwünschten Dämpfer. Andere Gesundheitsökonomen sind
skeptisch. Zur Diabetes-Prävention gehöre viel mehr, vor allem Bil­dungsarbeit. Nicht einzelne Produk­te seien zu ächten, sondern ein zu komfortabler, kalorienreicher Lebensstil allgemein.

Isabel Lauer

Zuckersteuer auf Softdrinks?

Sind Sie für eine längere Lebensarbeitszeit?

Die Rechnung, die Paul Ziemiak aufmacht, scheint auf den ersten Blick einleuchtend: Weil die Lebenserwartung ständig steigt, müsse auch das Renteneintrittsalter (Cartoon: Gerd Bauer) nach hinten verschoben werden. Der Generationenpakt funktioniere nicht mehr, mahnt der Chef der Jungen Union, weil die Jungen auf Dauer die permanent wachsende Zahl der Alten nicht mehr finanzieren könnten. In der Tat hat sich die Rentenbezugsdauer, die 1960 noch bei knapp zehn Jahren lag, inzwischen verdoppelt. Die Rente befinde sich im „Schraubstock der Demografie“, schrieb der SPD-Politiker Peer Steinbrück im Jahr 2012 in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Ihm ging es aber damals darum, die in der Sozialdemokratie hochumstrittene Rente mit 67 zu verteidigen – Ziemiak wiederum denkt, dass der Staat die Bürger auch mit 67 noch nicht aus der Arbeitswelt entlassen kann. Jan Korte von der Linkspartei warf ihm daher vor, die Leute bis zum Tod schuften lassen zu wollen.
Der linke Flügel der SPD, die Linkspartei und Gewerkschaftsvertreter halten die demografischen Rechenspiele ohnehin nicht für seriös und verweisen in der Rentendebatte stets darauf, dass die Wertschöpfung in Deutschland im Vergleich zu früheren Jahrzehnten auch enorm gestiegen sei. Insofern könne es sich diese reiche Wirtschaftsnation auch ein würdiges Rentensystem leisten und müsse die Leute nicht bis 70 arbeiten lassen. Zumal das in körperlich anstrengenden Berufen auch gar nicht gehe. Doch neben solchen eher finanzpolitisch dominierten Debatten spielt es auch eine Rolle, dass viele Ältere sich noch fit fühlen und es als diskriminierend begreifen, mit 65 zum alten Eisen gezählt zu werden. Indes hat dieses Argument ebenfalls eine Kehrseite: Denn sollten die Senioren, die Anspruch auf eine auskömmliche Rente haben, nicht auch ihre Arbeitsplätze räumen, um Platz zu machen für die nachrückenden Generationen?

Marco Puschner

 

Sind Sie für eine längere Lebensarbeitszeit?

Sollen Wildtiere im Zirkus verboten werden?

Der „Moskauer Circus“, der gerade in Nürnberg gastiert, ist ein Wagnis eingegangen: Er hat seine Tier-Dressuren aus dem Programm genommen. Damit  hat man sich dem Druck von Tierschützern und Tierrechtlern gebeugt: Seit geraumer Zeit wird auch in Deutschland der Ruf nach einem Wildtier-Verbot für Zirkusse (Foto: Yuri Kochetkov) laut. Vor kurzem hat der Bundesrat – also die Vertretung der Länder – wieder einmal einen Anlauf unternommen und die Bundesregierung aufgefordert, ein solches Verbot zu beschließen. Es geht dabei vor allem um Elefanten, Bären, Raubkatzen, Nashörner, Flusspferde und Affen.

In 17 Mitgliedsstaaten der EU sind diese Tiere in der Manege schon nicht mehr erlaubt, oder ihr Einsatz ist zumindest eingeschränkt. Begründung: Eine artgerechte Haltung sei den Zirkusbetrieben, die von Stadt zu Stadt reisen, nicht möglich. Entweder fehle ihnen der Sozialkontakt, oder sie seien zu sehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Tierhaltung in Zirkussen wird bei uns von Amtstierärzten überwacht. Die kontrollieren, ob die vorgegebenen Zirkus-Leitlinien eingehalten werden. Allerdings kritisiert etwa der Deutsche Tierschutzbund, dass bei festgestellten Mängeln zu selten Konsequenzen folgen würden.

Ob der Antrag des Bundesrates diesmal von Erfolg gekrönt ist? Das gesetzliche Verbot (nach dem Tierschutzgesetz) ist in Deutschland möglich, wenn die Tiere nachweislich an verschiedenen Orten nur unter großen Schmerzen gehalten bzw. transportiert werden können oder wenn sie leiden. Und dann gibt es da noch ein weiteres Hindernis für ein Verbot: Die Berufsfreiheit könnte dadurch  beschnitten werden. Die Tierhaltung hat sich außerdem in vielen Zirkussen – zumindest in den großen Betrieben, die sich das leisten können – im Lauf der Zeit erheblich verbessert. Umgekehrt müssten nicht wenige Zirkusunternehmen schließen, wenn die „Zugnummern“ mit den Tieren wegfielen – die großen Besucherströme würden wohl ausbleiben. Nicht jeder Zirkus könnte mit menschlichen Weltklasse-Akrobaten den Wegfall der Tier-Nummern ausgleichen.

Der Begriff „Wildtiere“ ist in diesem Zusammenhang ebenfalls fraglich: Eine ganze Reihe von Zirkustieren ist nämlich bereits in menschlicher Obhut geboren. Und auch Tierärzte bestätigen, dass Wildtiere nicht unbedingt frei sein müssen, um artgerecht zu leben. Wie Zoos können auch Zirkusse durch gute Pflege, Zuwendung und Beschäftigung viel tun, damit sich ihre Tiere „wohlfühlen“.

Ute Wolf

Wir wollen in unserer Leserfrage der Woche von Ihnen wissen:

Sollen Wildtiere im Zirkus verboten werden?

  • Nein (65%, 33 Stimmen)
  • Ja (35%, 18 Stimmen)

Wähler insgesamt: 51