Soll Nürnberg ein Sozialticket einführen?

Viele deutsche Städte streiten darüber: Ist ein Sozialticket, das Sozialleistungsempfänger im Personennahverkehr stark begünstigt, eine gerechte Sache? In Nürnberg müssen sich die Stadträte einig werden, seit eine Interessensgruppe den Wunsch nach der Sondermonatskarte im vergangenen Jahr mit Demonstrationen und 12.000 gesammelten Unterschriften untermauert hat.

Sozialpolitisch ist es wünschenswert, wenn Menschen aus einfachen Verhältnissen mobil sind: Sie integrieren sich und ihre Kinder besser ins Stadtleben, wenn sie sich Fahrten zum Sport oder zu öffentlichen Veranstaltungen gönnen. Mobilität ist eine Voraussetzung für Bildung. Und wer nur Hartz IV auf dem Konto hat, dem kommt schon eine Fahrt zum Bewerbungstermin teuer zu stehen.

Sozialpolitisch ist es aber genauso wünschenswert, das rare Geld nicht auf Nebenschauplätzen zu parken. Denn ein Sozialticket ist für ein bereits subventioniertes Verkehrsunternehmen – und für die Kommune als Träger – ein weiteres Verlustgeschäft. Finanziert man die Ermäßigung für Geringverdiener und Sozialhilfekunden zu Lasten der übrigen Fahrpreise, sägt man sich eventuell den Ast ab, auf dem man sitzt.

Wir wollen in unserer Leserfrage diese Woche von Ihnen wissen: Soll Nürnberg ein Sozialticket einführen? Geben Sie Ihr Votum bitte hier ab.

Die Frage der vergangenen Woche lautete: Schafft der Club den Klassenerhalt? Mit Ja antworteten 43,3 Prozent, mit Nein 56,7 Prozent.

27 Kommentare in “Soll Nürnberg ein Sozialticket einführen?

  1. Leider wird diese Diskussion mitunter sehr niveaulos und von beiden Seiten ziemlich undifferenziert und nur mit Schlawortparolen, wie „arbeitssscheuer Hartzer“ und „Mibilität und Sonne für alle“ geführt. Beides geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei. (Auf den kruden ideologischen Schwachsinn will ich hier mal gar nicht erst eingehen.)

    Natürlich gibt es den arbeitsscheuen Transferleistungs-Abzocker, der sich gerne auf Kosten anderer auf die faule Haut legt. Ich kenne auch eine Mehrgenerationenfamile, die mehrheitlich integrationsunwillig von den Großeltern bis zum 18-jährigen Enkel von Hartz-IV lebt und den sprichwörtlichen Trinker gibt es natürlich auch. Auf der anderen Seite gibt es die rechtschaffene alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, die nicht arbeiten kann oder nur halbtags, was ihr vorn und hinten nicht reicht. Es gibt auch die integrationswillige Stundentin mit Migrationshintergrund, der sich mit viel Elan aus schwierigsten familiären Verhältnissen emanzipiert und für ein paar Jahre auf Solidarität angewiesen ist. Und es gibt die Kleinrentnerin ,die zu viel zum Sterben aber zu wenig zum Leben hat. Abgesehen davon ist keiner davor gefeit, durch unglückliche Verkettungen selbst einmal unverschuldet in schwierige Lagen zu kommen. Das alles und noch viel mehr ist soziale Wirklichkeit in Nürnberg. Das ist alles sehr vielschichtig und man kann das nicht über einen Leisten hauen. An der Stelle kommt man also weder mit Stammtisch-Sozialneid noch mit naiven Alt-68er-Parolen auch nur einen Meter weiter.

    Also man muss hier schon sehr genau hinschauen und (was schon angesichts der beklemmenden Haushaltslage gar nicht anders geht) eine pragmatische, bezahlbare und gerechte Lösung finden. Für die Frage Sozialticket heißt das, ein eingeschränktes ja: JA für die wirklich Bedürftigen, denen für ihre mißliche Lage kein Vorwurf gemacht werden darf, das ist ein Gebot der Gerechtigkeit. Und NEIN für die Ausnutzer und Unwilligen die sich der Gesellschaft parasitär verweigern, auch das ist ein Gebot der Gerechtigkeit

  2. Wenn sich die Benachteiligten in der spätkapitalistischen Gesellschaft gegeneinander instrumentalisieren lassen (so wie das hier einige Beiträge zeigen) wird die soziale Umgestaltung unnötig aufgehalten und erschwert. Arbeitnehmer und Geringverdiener dürfen sich nicht gegen Arbeitslose aufhetzen lassen. Wer diesen Neidparolen auf den Leim geht verhindert im Interesse der herrschenden Eliten sozialen Fortschritt und gerechte Verteilung der Resourcen an alle. Er treibt damit Vorschub für eine kontrarevoltionäre Rückwärtsentwicklung der Gesellschaft, wie sie von Kapitalkreisen gewünscht und aktiv praktiziert wird. Verhaltet euch solidarisch und denkt nach was unser gemeinsames Ziel sein muss. Das Sozialticket ist nur ein kleiner logischer Zwischenschritt auf einem Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Mobilität ist ein Grundrecht!!! Die Perspektive muss ein steuerfinanziertes umwelt- und sozialgerechtes Mobilitätssystem für alle sein. Das kann nicht über Fahrpreise, die die gesellschaftlich benachteiligten Gruppen, zu denen auch die Werktätigen hier die sich zurecht über ihre zu geringe Kaufkraft (denkt mal lieber nach warum!!) beschweren, ungerecht treffen, weil sie für den Weg zum Arbeitsplatz wo mit ihrer Arbeitskraft die Konzerngewinne erarbeitet werden, die unversteuert in Steuerparadiese geschaffen werden, treffen. Deshalb ist es richtig den Konzernen und den Reichen, die ihren Reichtum durch Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung, die sie wenn sie für den einzelnen keine Verwendung haben, mitleidlos in die Arbeitslosigkeit fallen lassen (siehe AEG, Grundig, Quelle), scheffeln über Steuern die Lebensvoraussetzungen der Gesellschaft finanzieren zu lassen. Das ist überhaupt kein finanzielles Problem, das Problem ist doch dass die rießigen Finanzströme mit der tatkräftigen Mithilfe verfilzter und korrumpierter Politiker der sogenannten etablierten Parteien (allen voran die Kapitalparteien FDP und CSU/CDU, aber auch die Arbeiterverräterpartei SPD, die in diesem Filz ganz tief mit drin hängt und sich nur auf massivsten Druck von unten bewegen lässt) in falsche Richtungen gelenkt werden: weg von der Masse in die Taschen der Finanzwirtschaft, der Konzerne und der Superreichen. Dort akkumuliert sich immer mehr marodierendes Geld, während die Lebensbedingungen der Massen durch Lohndumping, Sozialklau (wozu z.B. auf Fahrpreiserhöhungen gehören) und ungerechte Steuerverteilung (Lohnsteuer) immer prekärer werden. Mobilität für alle würde nur einen Bruchteil von dem kosten, was die Merkelbande den Banken und Spekulanten zuschiebt. Eine gerechte Gesellschaft werden wir in Zwischenschritten erreichen, wenn wir solidarisch zusammenhalten. Deshalb jetzt das Sozialticket! Als ersten Schritt. Die Perspektive muss sein: Freie Fahrt für alle! Das Geld ist da, es muss nur bei den Konzernen und Banken und Großverdienern geholt und gerecht verteilt werden. Lasst euch nicht auseinanderdividieren: Kämpft für eure Rechte. SEID SOLIDARISCH!!!

  3. Es ist beschämend, daß in unserer Gesellschaft Menschen in Armut leben müssen, sei es daß sie arm sind weil sie Hartz IV beziehen MÜSSEN, oder arm sind TROTZ Arbeit. Es ist beschämend, daß arme Menschen, für die Verbesserung ihrer Lebenslage jahrelange Kämpfe ausstehen müssen. Es ist beschämend, daß die sogenannten „Hartzer“ in menschenverachtender Weise von Politikern und sogenannten „Normalos“ diskreminiert werden. Es ist beschämend. daß es eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz von Billiglöhnen bis in den Bereich von Lohnwucher gibt. Es ist beschämend, daß sich die Billiglöhner von uns Hartz IV-Beziehern abgrenzen.

    Ich trete ein für einen Regelsatz, von dem jeder menschenwürdig leben kann. Dann benötigen wir auch kein Sozialticket. Ich trete ein für einen Mindestlohn , der sich deutlich vom Regelsatz abhebt.

  4. Ein Sozialticket ist ungerecht gegenüber denen die arbeiten, Steuern zahlen und ihren Anteil zur Gemeinschaft leisten. nach langen Arbeitstagen und -wegen bleibt denen kaum mehr, oftmals sogar weniger netto im Geldbeutel als denjenigen die sich in allen Vergünstigungssystemen bestens auskennen und für sich alles herausholen was der Sozialstaat bereithält. Für meinen Geschmack ist schon der Nürnberg-Pass, der überall vergünstigte Eintritte bereithält zu viel. Hat nicht der Arbeitnehmer einen Schwimmbadbesuch am Feierabend zum Fitness-Ausgleich viel nötiger, als der Arbeitslose der sich den ganzen Tag lang im Freibad erholt und in der Sonne räkelt und dafür noch vergünstigten Eintritt erhält? Das Sozialticket verschiebt diese Schieflage noch viel mehr zuungusten der Werktätigen und Leistungsträger. Arbeit muss sich lohnen, nicht das Nichtstun. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.

  5. Die Forderung nach einem Sozialticket ist unverschämt.
    Sie ist auch sozialpolitisch völlig falsch, weil es dann für die begünstigten Kreise wieder einen Anreiz weniger gibt, eine Erwerbsarbeit aufzunehmen. Im Gegenteil,dann würde ja alles wieder teurer. Die Idee ist völlig kontraproduktiv, mal ganz abgesehen von der Ungerechtigkeit, den arbeitenden die Finanzierung aufzudrücken.
    Nein, nein und nochmal nein!!!

  6. Nein. Das braucht Nürnberg nicht. Jeder soll das zahlen was es wirklich kostet. Das ist fair und gerecht.

  7. „Her mit dem Sozialticket und Sonne für alle!“ Solche Parolen, sind hier also der geistige Boden auf dem die Forderung nach einem Sozialticket fußt? „auf Brüder, zur Sonne…. Sonne für alle“. Na, bravo. Dann wissen wir jetzt ja alle aus welcher Ecke das kommt. Oskar Lafontaine und Consorten lassen grüßen.

    Der normale arbeitende und steuerzahlende Bürger – selber weit weg von Reichtum oder Luxus und mit Abgaben und Steuern bis zum Abwinken belastet – soll hier also arbeiten und zahlen damit der nichtarbeitende Transferleistungsempfänger „mal ins Grüne fahren“ kann. Schöner Gedanke für den Weg ins Büro oder in die Werkstatt nochmal eine ordentliche Kante draufzulegen, damit die Schlauen, die zwei Stunden später aufstehen preisgünstigst ins Grüne kommen. Herzlichen Dank aber auch!

    Wer so etwas als „Sozial“ anpreist ist entweder Zyniker oder ein bodenlos dreister Egoist. Sich auf Kosten anderer ohne Arbeit durchs Leben zu wursteln und dann noch Komfort und Spaß auf Kosten der Arbeitenden einzufordern ist nicht sozial, sondern unsozial (um nicht das mißverständliche Wort asozial zu verwenden).

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