Muss Kaiser Wilhelm einem Brunnen weichen?

EgidienplatzDer Egidienplatz soll schöner werden – und zwar ohne das Denkmal, das Kaiser Wilhelm I. zeigt. Diese Überlegungen des Stadtplanungsamts stoßen bei Bürgern und Politikern auf Unverständnis.

Sogar aus den Vereinigten Staaten kam Protest: »Würde gern wissen, was mit dem Denkmal am Egidienplatz werden soll. Wird dieser Teil der deutschen Geschichte vergessen?«, fragt Barbara Ernst in einer E-Mail an die Redaktion. Die NZ-Leserin, die in Tennessee lebt, ist in der Tetzelgasse in der Nähe des Egidienplatzes geboren worden und spielte damals mit ihren Geschwistern um das Denkmal herum Fangen.

»Hier soll Geschichte geklittert werden«, argwöhnt gar Monika Wiegand, stellvertretende Vorsitzende der CSU Altstadt/Mitte. Wilhelm I. solle wohl aus ideologischen Gründen aus dem Stadtbild verbannt werden. Wiegand findet das »fehlende Verständnis der Stadtverwaltung für die stadtgeschichtlichen Zusammenhänge erschreckend«.

Grund für die Aufregung ist eine Machbarkeitsstudie, die das Stadtplanungsamt in Auftrag gegeben hatte. Seit langem will Nürnberg den Egidienplatz, der von parkenden Autos und Müllcontainern dominiert wird, erneuern. Das Städtebauförderungsprogramm könnte bis zu 60 Prozent der Kosten tragen.

Neue Beleuchtung, weniger Parkplätze

Die »Vision« des Stadtplanungsamts, die der Studie entspringt, sieht mehrere Veränderungen vor: Statt des Kaiser-Wilhelm-Denkmals steht ein Brunnen mit zwei Wasserbecken auf dem Platz. Eines der Becken ersetzt die Verkehrsinsel. Eine durchgehende Bepflasterung mit Granitgroßsteinen verbindet die Innere Laufer Gasse optisch mit Egidien- und Theresienplatz. Bewohner und Besucher parken in einer Sammelgarage an anderer Stelle, weil der Egidienplatz für den Durchgangsverkehr gesperrt werden soll. Ein neues Beleuchtungskonzept hebt die Fassade der Egidienkirche hervor.

»Selbstverständlich bedürfen der Inhalt der Studie und die sich ergebenden Konsequenzen einer weiteren Bearbeitung durch die Verwaltung«, heißt es beschwichtigend in der Machbarkeitsstudie.

So sieht das auch Josef Weber, der Leiter des Stadtplanungsamts: »Wir wollen die Vorschläge zur Diskussion stellen.« Man könne auch darüber nachdenken, das Denkmal an einer anderen Stelle des Egidienplatzes aufzustellen, »es muss ja nicht vor dem Portal der Egidienkirche stehen.« Die Entscheidung, was mit Kaiser Wilhelm geschehen soll, werde aber »nicht auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben«.

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24 Kommentare in “Muss Kaiser Wilhelm einem Brunnen weichen?

  1. Wie ich gestern gelesen habe, scheint diese ideologisch verklemmte Idee jetzt wohl vom Tisch zu sein. Erst mal eine gute Nachricht. Aber mal abwarten was den „Experten“ vom Bauamt als nächstes einfällt.

  2. Nürnberg hat wohl Teile seiner Verwaltung aus Schilda importiert, möchte man meinen.
    Wilhelm I. ist eine historische Person, die mit Bezug auf seine Zeit nicht als ‚denkmalunwürdig‘ bezeichnet werden kann. Er war, das sollte man nicht vergessen, der erste Kaiser des deutschen Reichs überhaupt.
    Untaten, die ihn vom Egidienberg verbannen sollten, hat er nicht begangen.
    Ferner ist das Denkmal durch die Spuren, die es bei der Befreiung Nürnbergs von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft abbekommen hat, auch noch ein Stück, das Zeitgeschichte offenbart.
    Beides spricht für den Erhalt des Denkmals am angestammten Platz.

    In Nürnberg geht derzeit eine Idee um, möglichst viele Plätze als sogenannte ‚freie Plätze‘, vulgo: wie ein Aufmarschgelände zu gestalten. Das braucht niemand, und fürs Auge wie fürs Wohlfühlen sind solche Brachen eine Zumutung.

    Ist es ein Zufall, daß der (Mit-) Stifter des Kaiser-Wilhelm-Denkmals eben jener Ludwig Gerngroß war, der auch den Neptun-Brunnen bezahlt hat? Man könnte meinen, in der Stadtverwaltung würde immer noch jemand sitzen, der von Juden mitgeförderte Baudenkmäler ausmerzen will.

    Das Reiterstandbild am Egidienplatz ist keine Manövriermasse für gestaltungswütige Bürokraten, sondern etwas Gegebenes, was von den Gestaltern als Voraussetzung bei jeder neuen Idee nicht nur akzeptiert werden muß, sondern als schön und wertvoll angesehen werden sollte.

    Nürnberg bedarf der Bewahrung seiner kulturhistorischen Denkmäler, und ganz sicher nicht einer Tabula-rasa-Politik, die nur Altes zerstören will, aber selbst nichts zu schaffen in der Lage ist.

    Dank an Dr. Wigand und Thomas Stahl für ihren Einsatz. Was SPD-Stadträtin Kayser sich dabei gedacht hat, ist und bleibt schwer nachvollziehbar. Beim nächsten Mal fordert sie vielleicht die Entfernung der Kaiserburg, damit die Anwohner am Tiergärtnertor einen freieren Blick in den fränkischen Himmel kriegen, so von wegen Wohlfühlen…

  3. Der Wiki-Artikel existiert doch, der Link ist nur falsch. Der Artikel endet wie folgt:

    “ Erst 2010 wurde seitens der Stadtverwaltung (Baureferat/Stadtplanungsamt) im Rahmen der Umgestaltungsvorschläge zum Egidienplatz vorgeschlagen das Denkmal zu entfernen oder umzusetzen.[3] Nachdem hierzu nachhaltige Kritik aus der Bevölkerung aufkam, wird der Plan aktuell nicht weiter verfolgt. “

    Laut Versionsgeschichte wurde dieser Zusatz am 11.6.2010 eingefügt. Wer hat denn schon seit 11.6. diese Information? Das muss doch jemand aus der Stadtverwaltung sein.

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