Braucht Nürnberg Drogenkonsumräume?

fixerstube_dpaBereits 15 Drogentote hat es in diesem Jahr in Nürnberg gegeben, eine schockierende Zahl. Städte wie Frankfurt oder Hamburg haben es geschafft, durch die Einführung von Drogenkonsumräumen die Zahl der Todesfälle zu reduzieren. Der Sozial- und Gesundheitsausschuss des Stadtrats hat  deshalb kürzlich gegen die Stimmen der CSU einen Beschluss gefasst, sich bei der Landesregierung dafür einzusetzen, solche Räume auch in Bayern  zuzulassen. Dort fehlt bisher die gesetzliche Grundlage.

In den Räumen können Schwerstabhängige Drogen, die sie selbst mitbringen,  unter ärztlicher Aufsicht nehmen. Die Auswertung der Arbeit dieser Einrichtungen in anderen Bundesländern hat gezeigt, dass sich  nicht nur der Zustand der Suchtkranken verbessert, sondern auch der öffentliche Raum entlastet wird, weil die Betroffenen sich die Rauschmittel beispielsweise nicht mehr auf Bahnhofstoiletten spritzen müssen.

Aber es gibt auch kritische Stimmen wie von Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder, die zum Beispiel ein Problem damit haben, den Besitz harter Drogen im Umfeld der Konsumräume straffrei zu stellen.  Wir wollen in unserer Leserfrage daher von Ihnen wissen: Braucht Nürnberg Drogenkonsumräume? Geben Sie Ihr Votum bitte hier ab.  Die Frage der vergangenen Woche lautete: Haben Sie noch Vertrauen in die Bahn? Mit Ja antworteten 33,7 Prozent, mit Nein 66,3 Prozent.

9 Kommentare in “Braucht Nürnberg Drogenkonsumräume?

  1. DIE LINKE. fordert die Zulassung von
    Drogenkonsumräumen

    – Schildbach: Das Sterben in den Bahnhofstoiletten und Hinterhöfen
    muss ein Ende haben
    – Söder soll seine ideologischen Scheuklappen ablegen

    Aufgrund der dramatisch gestiegenen Zahl von Drogentoten in Bayern, allein in den letzten 4 Jahren stieg die Zahl der Drogenopfer im Freistaat um 27% und den jüngsten Drogentoten in der Stadt Nürn-berg, fordert der Mittelfränkische Bezirksrat der Linken, Uwe Schildbach, die schnellstmögliche Zulassung von Drogenkonsumräumen(DKR) in Bayern.

    „Experten, Wohlfahrtsverbände sowie Betroffene sind sich einig, Drogenkonsumräume helfen das Leiden zu mindern und das Sterben zu verhindern“, bekräftigt Schildbach. Die Erfahrungen aus anderen Bundesländern und eine wissenschaftliche Studie aus dem konservativ regierten Frankfurt haben positive Erfahrungen mit den Drogenkonsumräumen aufgezeigt. Die
    Ansteckung mit Hepatits C und AIDS sind deutlich gesunken, sauberes Spritzbesteck und Impfungen werden angeboten, Therapieplätze können vermittelt werden und die Notfallversorgung des geschulten Personals bewahrt in vielen Fällen vor dem sicheren Tod.
    Schildbachs Fazit: „Drogenkonsumräume senken die Zahl der Rauschgifttoten, erleichtern den Abhängigen den Zugang zu spezialisierten Angeboten der Suchthilfe und sind in Bayern längst überfällig!“
    Andere Bundesländer hätten diesen längst überfälligen Weg schon vor Jahren beschritten.

    Drogenkonsumräume sind keine rechtsfreien Räume

    Nichtsdestotrotz sind die DKR für Gesundheitsminister Söder und seine CSU offenbar Teufelszeug. Obwohl die Rufe aus München und Nürnberg nach der Einführung solcher Räume immer lauter werden, seitens des Bundes die rechtlichen Grundlagen schon längst dafür geschaffen wurden, verweigert die Staatsregierung in München die Genehmigung von Drogenkonsumräumen in Bayern.

    Mit der fadenscheinigen Begründung wie „man dulde keine rechtsfreien Räume“, argumentiert Söder gegen den Betrieb von Drogenkonsumräumen. Außerdem befürchtet der Minister, sog. „Fixerstuben“ könnten zu einer offenen, für jedermann sichtbaren Drogenszene führen.

    „Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass durch die Einführung von DKR der Konsum in der Öffentlichkeit und die damit verbundenen Störungen eher zurück gehen“, betont Schildbach.
    Auch das Argument der „rechtsfreien Räume“ sei vollkommen aus der Luft gegriffen. In Drogenkonsumräumen etwa gelten strenge Regeln und es dürfen Drogen weder erworben noch geteilt werden.
    „Minister Söder soll doch bitte seine ideologischen Scheuklappen ablegen und sich kundig machen, bevor er einen solchen Unsinn von sich gibt“, ärgert sich der Linke Bezirksrat über die billige Polemik Söders.

    In Bayern hat die Kriminalisierung von Konsumenten sog. illegaler Drogen eine lange Tradition, so Schildbach: „Es ist an der Zeit, dass sich auch die bayrischen Stammtischpolitiker der Realität stellen und ihre liebgewonnenen Vorurteile revidieren: Abhängige sind nicht kriminell sondern krank!“

    Linke Drogenpolitik hingegen hat zum Ziel, Präventions- und Informationsangebote, sowie akzeptanzorien-tierte und niederschwellige therapeutische Hilfen auszubauen. Der Drogenmissbrauch muss entkriminali-siert werden, damit den Konsumenten frühzeitig optimal geholfen werden kann.
    Statt ausreichende Mittel für präventive und therapeutische Angebote bereitzustellen, gibt Deutschland aber 84% seiner Ausgaben im Drogenbereich für die Strafverfolgung aus, kritisiert die Linke.

    Thema im Bezirkstag

    Um die Situation Drogenabhängiger, Präventionsmaßnahmen, Behandlungs- und Versorgungsstrukturen in Mittelfranken besser zu beleuchten, hat Schildbach inzwischen eine Sondersitzung mit Expertenanhörung zum diesem Thema im Sozialausschuss des Bezirkstags beantragt. Auch das Thema DKR soll dabei von Bezirkspolitikern und Fachleuten diskutiert werden.

    Der Bezirk Mittelfranken engagiert sich seit Jahren erfolgreich in der psychosozialen Betreuung von schwerst drogenabhängigen Menschen.
    Die Linke begrüßt das Engagement des Bezirks in Sachen Methadonsubstitution ausdrücklich. Anders als bei einigen Landespolitikern derzeit üblich, ist das politische Handeln des Bezirks in dieser Angelegenheit nicht von weltfremden und ideologischen Vorurteilen geprägt, sondern bietet konkret dort Hilfe an, wo sie am notwendigsten sei.
    „Trotzdem halten wir die Versorgungsstrukturen für Drogenabhängige in Mittelfranken für verbesserungswürdig“, so Schildbach.

    Aufklärung bei dieser Expertenanhörung erhofft sich die Linke nicht nur über die Lage der Drogenabhängi-gen in der Metropolregion Nürnberg, Fürth und Erlangen, sondern auch über die aktuelle Situation im länd-lich geprägten Westmittelfranken.

  2. Seit fast 50 Jahren ist Sucht in Deutschland als Erkrankung anerkannt. Harte Drogen stehen ohne Zweifel in einem forensischen Kontext, die kritischen Aspekte sind meiner Meinung nach aber eher in der Beschaffung als im Konsum zu sehen, denn der ist aus medizinischer Sicht Teil des Krankheitsbildes Sucht. Chronisch Kranke, oft junge Menschen mehrmals täglich in einer potentiell todbringenden Situation alleine zu lassen und mit ihrer Verelendung oder ihrem Versterben den positiven Effekt der Abschreckung zu verbinden halte ich für eine unakzeptable Argumentation.
    Zum Florieren des Marktes will ich sagen, dass der Markt momentan auch ohne Druckräume floriert und die Qualität des Heroins erschreckend hoch ist. Unter anderem deshalb die hohen Sterberaten. Des weiteren steigt die Sterblichkeit durch den Konsum hochpotenterer Opiate, besonders des Fentanyl, das in Druckräumen unterbunden werden könnte.
    Auf die Erreichbarkeit durch Sozialarbeiter wurde bereits hingewiesen, auf einen Schutz möglicher Anwohner, insbesondere deren Kinder, durch sichere Nadelentsorgung ebenfalls. Nach meiner Ansicht sind solche Punkte in einer Nutzenabwägung höher anzusetzen als die Strafverfolgung.
    Vor Einrichtungen der Drogenhilfe, die natürlich zu einer Konzentration von Süchtigen führen, wird polizeilich wenig kontrolliert, um den Menschen den Zugang nicht zu erschweren, das würde ja auch wirklich keinen Sinn machen, aber observiert wird natürlich trotzdem. Und es geht ja der Polizei nicht darum, kleine Konsumenten wegzusperren, sondern Drogendealer zu erwischen. Würden die den Verkauf an zentrale Orte wie Druckräume verlegen, wären sie deutlich schneller enttarnt, als wenn dies im privaten Raum stattfindet.
    Zum Weg in die Sucht möchte ich noch anfügen, dass deutlich über die Hälfte der Drogenkonsumenten psychiatrische Zweiterkrankungen oder schwere psychische Traumatisierungen aufweisen und zu Drogen greifen, um den Leidensdruck zu reduzieren. Auch wenn das auf Dauer natürlich das Gegenteil bewirkt. Mit der bisherigen Taktik der Kriminalisierung wird man nur wenige Menschen vom Weg in die Sucht abbringen und man wird den Markt nicht beflügeln nur weil man den bereits Süchtigen Hilfe anbietet.
    Druckräume sind eine solche Hilfe.

  3. Ach so, jetzt merke ich es erst. Ich dachte, es geht um das Rauchverbot und nicht um harte Drogen. Drogenkonsumräume sind jedenfalls immens wichtig, vor allem da der bald Z-Bau dicht macht.

  4. NB: Es ist keine Unhöflichkeit, wenn ich für 14 Tage nicht auf die zu erwartenden Antworten reagiere; ich bin in computerfreiem Urlaub.

  5. Wenn ich schon direkt angeschrieben werde, wenn auch mit einem zusätzlichen N im Namen, will ich auch gerne kurz antworten.
    Zunächst: nichts war polemisch. Ich habe Argumente gegen Spritzräume vorgetragen, habe damit meine Ablehnung begründet, habe aber auch offen zugegeben, daß ich keinen Gegenvorschlag zu machen weiß. Wo da Polemik sein soll, weiß ich nicht.
    Ein paar Punkte des Vornamenvetters, den ich natürlich nicht Kohlhaas nennen werde, bedürfen der Erwiderung:
    Natürlich würden städtische Beschäftigte beim Drogenkonsum helfen – das unterscheidet die Arbeit doch etwas von der der Polizei. Der Konsum ist übrigens an der Grenze der Strafbarkeit: Besitz ist strafbar, zugedröhnt zu sein nicht (Verbot der Strafbarkeit des versari in res illicita). Dafür braucht man übrigens kein BtMG, sondern nur Kenntnis des AT des StGB. Streng genommen endet die Strafbarkeit erst, wenn die Droge im Körper des Abhängigen aufgegangen ist.
    Ein heikler Punkt ist die Frage der Auswirkung solcher Einrichtungen auf die Drogenszene. Ich bin dafür, denen, die heute schwerstabhängig sind, Fürsorge zu leisten. Ich bin aber nicht dafür, sobald diese Fürsorge denen, die heute am Beginn einer Drogenkarriere stehen, diese Karriere erleichtert, weil sie weniger schrecklich erscheint. Ist es zynisch, wenn ich sage: Der Anblick solcher sich selbst zerstörender Menschen wirkt abschreckend auf solche, die in Gefahr sind – und verhindert somit die eine oder andere Drogenkarriere – ist das wirklich zynisch? Ich denke nicht. Wenn ich also zum Ergebnis komme, daß eine wirksame Abschreckung auch dadurch entsteht, daß Gefährdete sehen, was aus ihnen zu werden droht, wenn sie nicht den Absprung schaffen, dann sage ich zugleich: Laßt uns diejenigen, die sich so zugrundegerichtet haben, den Dienst an der Gesellschaft erweisen, andere von Drogen abzuhalten.
    Das ist nicht identisch damit, daß ich sie in Parks und auf Bahnhofstoiletten verbannen will – aber wenn, wie vorgetragen wird, das Mitansehen des Drogenelends eine Zumutung ist – ja, gut so! Dann hat es wenigstens diesen Effekt, und wird nicht vor der Gesellschaft verborgen. Wir neigen alle etwas dazu, die unschönen Dinge auszublenden. Im Urlaubshotel sollen bitte keine Behinderten sein, die Drogenszene soll bitte irgendwo versteckt sein, und alte Leute sollen bitte im Altersheim leben, aber nicht ihre Umgebung belästigen – ist das alles nicht ein wenig aus den gleichen Motiven gedacht, die mit Bequemlichkeit, Wegsehenwollen, schöner neuer Welt zu tun haben?
    Rein fiktiv gesprochen: Wäre es möglich, den heute Schwerstabhängigen diese Räume zu geben, aber zugleich allen „Nachfolgern“ zu sagen: Für euch wird es das nicht geben, damit ihr nicht glaubt, Drogenkonsum sei vielleicht doch nicht so schlimm – dann könnte ich mir ein Ja vorstellen. Aber um den Aspekt, daß man einfach keinen künftigen Markt erschließen darf, kommt man nicht herum. Wer meine aufrichtig vorgetragenen Argumente redlich verstehen will, wird mir Zynismus nicht vorwerfen können. Zynisch finde ich es (auch wenn es nicht gewollt sein dürfte), durch diese Stärkung der „Drogen-Infrastruktur“ einen „marktbelebenden“ Impuls zu geben; eine Verbesserung der „Infrastruktur“ wirkt sich immer marktbelebend aus. Das ist der Kern dessen, warum ich dagegen bin. Ich will den heute Schwerstabhängigen nicht die Hilfe versagen, aber ich bestehe darauf, daß sie sich nicht so auswirkt.

    Die Vergleiche des Vorredners, um das noch anzufügen, hinken allesamt. Wer Drogen nimmt, tut nicht etwas, was mit Autofahren verglichen werden kann. Deswegen geht der Vergleich Gurt / Spritzraum fehl. Rechtsfreier Raum: heute besteht er de facto – die Polizei kontrolliert die Menschen vor der Mudra nicht. Kämen Spritzräume, müßte er de iure bestehen – das aber darf nicht sein. Zu behaupten, Spritzräume dienten der Entzerrung, ist nachgerade absurd und steht in Widerspruch zum sonstigen Vortrag („im Park, Bahnhofstoiletten, im Hausgang“); das ist somit vom Verfasser schon selbst widerlegt.

    Übrigens finde ich schon den Gebrauch des beschönigenden Wortes „Konsumraum“ sehr bezeichnend. Hier will und soll verharmlost werden. Gegen diese Verharmlosung wehre ich mich: da gibt es nichts zu verharmlosen!

    Die Stadt hat gesetzestreu zu handeln. An Drogengeschäften, an Drogenkarrieren, an Drogenkonsum hat sie daher nicht nur nicht teilzunehmen, sondern all dem auch keinen Vorschub zu leisten.

    Ich akzeptiere die Argumente, soweit es um heute Schwerstabhängige geht, denen geholfen werden soll. Ich lehne aber die Konsequenz aus den dargestellten Gründen ab und fordere, eine andere Lösung zu finden, die keinen auf lange Sicht Drogenabusus fördernden Effekt hat.

  6. Für die Einrichtung von Konsumräumen!

    Konsumräume sind Angebote für Schwerstabhängige – das sind mehrheitlich meist gesundheitlich und sozial verelendete, ältere Drogenkonsumenten. In solchen Räumen können mitgebrachte Drogen unter Aufsicht von geschultem Personal eingenommen werden. Die Ziele der Einrichtung sind folgende:

    • Sozialmedizinische Zielvorstellung

    mittels Risikominimierung beim Konsum illegalisierter Drogen die Gesundheit der Abhängigen und in seuchenhygienischem Sinn der Allgemeinheit zu fördern. Das Angebot, der Sucht unter hygienischen Bedingungen nachgehen zu können, ist ein geeignetes Mittel, die Verbreitung von Infektionskrankheiten (HIV, Hepatitis C) und tödliche Zwischenfälle zu reduzieren..

    • Ordnungspolitische Zielvorstellung

    Der öffentliche gesellschaftliche Raum soll vom Konsumgeschehen und seinen Problemen entlastet werden (z.B. durch weniger Spritzenfunde und weniger Konsum in der Öffentlichkeit).

    • Therapeutische Zielvorstellung

    Der harte Kern der abhängigen Heroinkonsumenten soll erreicht und motiviert zu weiterführender Behandlung werden. Die Konsumräume erfüllen mit ihren niedrigstschwelligen und akzeptanzorientierten Kontaktmöglichkeiten eine Brückenfunktion in weiterführende Angebote gesundheitlicher und psychosozialer Unterstützung. Sie sollten daher organisatorisch eingebettet sein in ein soziales und medizinisch orientiertes Hilfesystem in der Stadt. Die Weitervermittlung zu Substitutionsprogrammen und zu Abstinenzprogrammen wird angestrebt.

    Nein, ein Konsumraum ist NICHT das Allheilmittel und wird nicht plötzlich alle Süchtigen von ihrer Sucht befreien. Ein Konsumraum entlastet die Gesellschaft von den Folgen des Konsums – den sichtbaren (Spritzen, herumliegende Junkies) wie den unsichtbaren (Infektionskrankheiten, psychisches Leiden der Betroffenen und Angehörigen).

    Ich hoffe wir werden in naher Zukunft die notwendige Rechtsverordnung (das ist im Grunde eine Betriebserlaubnis mit den notwendigen aufgeführten Regeln des Betriebes einer solchen Einrichtung) durch die bayerische Regierung bekommen. Die Vernunft sollte sich hier durchsetzen, nicht der Stammtisch mit platten Parolen und Halbwahrheiten. Herr Söder hat hier die Möglichkeit, eine moderne und zeitgemäße Drogen- und Gesundheitspolitik umzusetzen. Den Mut wümsche ich ihM!

    Auf die von Herrn Freund vorgebrachten Argumenten versuche ebenso polemisch zu antworten wie diese vorgebracht werden:
    • Die Beschäftigung von Menschen durch die Stadt diene dem Drogenhandel : Bedeutet das also nun auch die Forderung nach Abschaffung der Polizei, da diese nur den Verbrechern und Verkehrsrowdys dienen? Nein. Sie sollen die Allgemeinheit vor diesen schützen. Und das ist ein Job der oft weder gesellschaftlich angesehen noch besonders angenehm ist.
    • Das befürchtete Wegziehen von Familien und Kindern soll wohl Mitleid erzeugen. Ja, denkt er denn das Konsumräume neben Kindergärten in Erlenstegen eingerichtet werden sollen? Natürlich nicht. Ich gebe recht, die Auswahl eines Standortes ist eine sehr wichtige Frage und muß verantwortlich gelöst werden. Hier sehe ich jedoch nicht so große Probleme: Konsumräume werden schließlich an Szenetreffpunkten wie z.B. dem Bahnhof eingerichtet. Damit die Öffentlichkeit nicht belastet wird mit herumliegenden Spritzen und mehr.
    • Herr Freund sollte auch an die Menschen denken, die täglich Überdosierte – und leider manchmal auch Tote – in ihrem Hausgang, auf der öffentlichen Toilette, im städtischen Park finden. Alles andere ist unredlich.
    • Konsumräume dienen eben der Entzerrung von Problemen der Drogenszene. Neben einem Konsumraum wird die Drogenhilfe wohl kaum eine Wohngemeinschaft einrichten. Warum sollte sie? Drogenhilfe hat das Ziel der Reintegration, nicht der Gettoisierung. Haben Sie so schlechte Erfahrung gemacht mit den Angeboten wie diese der mudra, welche sie ja beim Namen nennen?
    • Anscheinend möchte Herr Freund darauf hinaus, dass durch einen Konsumraum die Abschreckung fehlen würde. Konsumräume sind keine netten Kaffeehäuser mit netter Atmosphäre. Es sind gekachelte Räume mit desinfizierbaren Tischen und Stühlen aus Metall. Sie dienen nicht der hedonistischen Drogenvöllerei. Sie dienen als letztes Angebot für schwerstabhängige und oftmals totkranke Menschen. Diese nutzen das Angebot weil sie Angst haben auf der Bahnhofstoilette elend zu versterben.
    • Drogenkonsumräume retten Leben. Jeder Konsumvorgang beinhaltet das Risiko des Drogentods. Alle europäischen Studien zeigen die lebensrettenden Erfolge der Konsumräume und belegen desweiteren die positiven Folgeeffekte der dort stattfindenden Beratungsangebote für die spezielle Zielgruppe der schwersterreichbaren Drogenkonsumenten. Zudem liegen Berechnungen vor, welche Einsparungen für die Krankenkassen entstehen durch Verhinderung solcher Überdosierungen.
    • Ein schweres Missverständnis liegt bei dem Thema rechtsfreie Räume vor: Die Drogenhilfe möchte eben mit diesem Angebot den rechtsfreien Raum verkleinern und wenn möglich sogar verhindern. Im Gegensatz zum öffentlichen Raum stellt das Fachpersonal sicher, dass Handel und Weitergabe nicht stattfinden. Im Übrigen: Der Konsum ist NICHT strafbar (nachzulesen im BtmG).
    • Warum sollte die Polizei plötzlich nicht mehr kontrollieren dürfen? Warum sollte sie Drogenhandel zulassen? Welche Ängste bestehen den plötzlich? Ich gehe davon aus, dass die Polizei auch heute nicht wegschaut – und trotzdem werden Drogen verkauft, gekauft, produziert, geschmuggelt. Sogar in die JVA, wie wir gerade erst wieder lesen mussten.
    • Die Abminderung von den Gefahren des Drogengebrauchs führt nicht zu einer Ausweitung des Konsums in der Bevölkerung. Die Einführung der Sicherheitsgurte im Auto führte schließlich auch nicht zu einem Ansteigen des Rasens, sondern verhinderte viele schwere Verletzungen. Würden Sie jetzt anfangen Drogen zu nehmen, nur weil die Hilfe dazu besser wird? Warum nehmen Sie jetzt noch keine? Es gibt doch sogar tolle Arbeitsprojekte, die ehemalige Junkies resozialisieren sollen?

  7. Nachtrag: Der kausale Zusammenhang zwischen Spritzräumen einerseits und einer gesunkenen Zahl von Toten andererseits ist nur eine Vermutung, keine Erkenntnis.

  8. Es ist schwer, zu diesem Thema eine einfache Ja-Nein-Meinung zu entwickeln und redlich zu begründen.
    Daß man denen, die heute Schwerstabhängige sind, auch helfen soll – das ist gewiß richtig.
    Aber ist ein Spritzraum das richtige Mittel? Durch ihn entsteht eine Szene um den Raum herum, weil die Polizei dort niemanden mehr auf Drogen hin überprüfen dürfte. Bei der Mudra, Rückeingang Ottostraße, sammeln sich die Drogenabhängigen heute schon, wenn auch nur ein-, zweimal in der Woche (wie ich glaube). Ist es nicht absurd, daß die dort öfter patrouillierende Polizei an denen vorbei fährt, während sie um die Ecke herum (zurecht) Menschen überprüft, die – umgangssprachlich formuliert – nach Drogen aussehen? Das ist doch nicht in Ordnung. Ein rechtsfreier Raum? Nein, das wäre das erste große Problem: wir dürfen keine rechtsfreien Räume haben.
    Zweitens wird dadurch wohl etwas anderes verursacht, jedenfalls ist der Gedanke sehr plausibel: Es werden andere, die heute in der Nähe von Drogen leben (also: auf dem Weg zum Abhängigen sind) mit einer Schein-Erkenntnis versehen: ‚So schlimm ist es auch nicht, an der Nadel zu hängen; dann kümmert der Staat / die Stadt sich wenigstens um dich‘. Oder, anders gesagt: der Horror des normalen Bürgers, vielleicht einmal so leben zu müssen wie die ‚Szene‘ am Bahnhof, wenn man Drogen nimmt – dieser Horror würde weniger werden, und entsprechend mehr Menschen wären auf diesem Weg. Ich fürchte also, daß über die Jahre solche Spritzräume Mit-Ursache dafür wären, daß einige Menschen schwerstabhängig werden würden.
    Mich stört auch das Zentrale dieses Ortes. Er würde ein Anziehungspunkt für diese Menschen werden, der auf ihren Drogenkonsum abzielt – dann würde in der Umgebung anderes entstehen: ein Café, die ersten WGs – es würde eine kleine, soziale Infrastruktur geschaffen werden – mit all den damit verbundenen Risiken: Familien, insbesondere mit Kindern, würden wegziehen, denn jeder normale Mensch will seine Kinder von derlei fernhalten. Ein Viertel ohne Kinder steigt sozial ganz schnell und ganz gewaltig ab. Das kann Politik keinesfalls wollen.
    Von der Stadt bezahlte Mitarbeiter würden in irgendeiner Form dem Drogenhandel ‚dienen‘ – faktisch, auch wenn das nicht die Absicht ist. Dafür darf sich Stadt / Staat nicht hergeben.
    Überhaupt muß man den Ansatz hinterfragen: Drogen [hier ist natürlich insbesondere von Heroin und anderen, entsprechend schweren Drogen die Rede] sind schlimm, gefährlich, lebensvernichtend, sozial desintegrierend. Besteht eine gute Drogenpolitik darin, die Folgen des Drogenkonsums abzumildern? Hätte das nicht auf lange Sicht die Zunahme des Drogenkonsums zur Folge? Ich denke, daß doch viele, solange sie noch halbwegs klar denken können, auch aus Gründen des definitiven sozialen Abstiegs manche Drogen meiden, und diese Gründe würden schwächer werden, würde der Staat / die Stadt diese Folgen abmildern.

    Deswegen bin ich gegen Spritzräume und halte den Standpunkt, den Markus Söder vertritt, für richtig.

    Auch wenn mir das Mittel Spritzraum als ein falsches Mittel erscheint, so heißt das nicht, daß mir die Schwerstabhängigen egal sind. Freilich soll Politik nach Wegen suchen, diesen Menschen das Leben zu verbessern und sie zu schützen. Das aber kann nicht auf unvertretbare Kosten und Risiko anderer erfolgen.
    Auch wenn ich keine tolle Alternative in petto habe, so lehne ich doch diesen Vorschlag ab.

    Eine Lösung müßte dezentral sein, sie dürfte keine Akquise neuer ‚Kunden‘ nach sich ziehen, sie müßte ohne unvertretbare Folgen für Anwohner etc. sein. Mir fällt dazu keine echte Antwort ein (Verabreichung durch Ärzte geht aus vielen Gründen nicht), aber ich stehe zu dieser Schwäche meiner Position, bleibe aber bei der Ablehnung von Spritzräumen.

  9. hallo liebe redaktion,

    ich bin sehr dafür, dass derartige gesundheitsräume in bayern und speziell in nürnberg entstehen. die zahl der drogentotenließe sich deutlich senken. auch die erreichbarkeit der konsumentInnen für die drogenhilfe würde sich entsprechend verbessern. außerdem könnten die nutzerInnen in diesem rahmen besser über safer-use-praktiken beim konsum informiert werden. Auch könnten so schneller krankheiten erkannt werden und die menschen in eine angemessene behandlung vermittelt werden.
    ich hoffe, dass sich die vernnft durchsetzt.

    mfg
    kay osterloh

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