Lohnt sich der Streit um Dürer?

Irgendwie war es immer da – das Schwiegermutter-Verhältnis Nürnbergs zur Landeshauptstadt München. Stets schwang ein wenig Misstrauen, auch ein kleines bisschen Neid und eine latente Arroganz mit, wenn es um Vor- und Nachteil ging – egal, ob auf fränkischer oder oberbayerischer Seite.

Diese wenig innige Beziehung wurde in den vergangenen Wochen mal wieder auf die Probe gestellt. Anlass ist ein Bild. Es gilt als Meisterwerk und wurde vom größten Sohn der Stadt Nürnberg, Albrecht Dürer, gemalt.

Das Corpus Delicti heißt „Selbstbildnis im Pelzrock“, wurde um 1500 gemalt und hängt heute in München, in der Alten Pinakothek. Wie es dort hinkam, ob geraubt, gefälscht oder gekauft, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären. Fakt ist, es gehört heute offiziell der Wittelsbacher Landesstiftung. Ein Stiftungsmitglied sitzt in einem dreiköpfigen Komitee, das entschied: Das Bild kann an Nürnberg nicht ausgeliehen werden – auch nicht für eine große Sonderschau von 23. Mai bis 2. September im Germanischen Nationalmuseum „Der frühe Dürer“.

Es sei nicht transportabel, so die einhellige Meinung. Und war da nicht mal was? Ach ja, die Nürnberger hatten das Bild in den Siebzigern ja schon mal ausgeliehen und dann beschädigt zurückgegeben. Doch auch dieser Vorwurf kann nicht belegt werden. Aber irgendwas bleibt ja immer hängen.

Und die Diskussion geht munter weiter, sogar Ministerpräsident Horst Seehofer wollte sich einschalten. Die „Partei für Franken“ erstattete laut eigenen Angaben Anzeige gegen die Wittelsbacher wegen Diebstahls. Sogar die FCN-Fans forderten auf einem Plakat „Dürer zurück in seine Stadt“.

Andere sind des ganzen Zirkus‘ schon überdrüssig: Der Streit offenbare einen „unverantwortlichen Missbrauch dieses Meisterwerkes für politische Interessen“, kritisiert der Verband der Restauratoren (VDR). Der Verband, in dem nach eigenen Angaben 2500 deutsche Restauratoren organisiert sind, kritisiert auch das „Getöse um die Einzigartigkeit der Leihgaben“ für die Nürnberger Ausstellung. Große Kunstwerke würden so zu „Trophäen der Ausstellungsmacher“ herabgewürdigt.

Die Trophäenjagd beklagt auch eine der Projektverantwortlichen am Germanischen Nationalmuseum, Andrea Langer. Die Ausstellung habe viele andere tolle Kunstwerke Dürers zu bieten.

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10 Kommentare in “Lohnt sich der Streit um Dürer?

  1. Nürnberg wird ja bei solchen Gelegenheiten immer auch vorgehalten, dass die Stadt um 1800 völlig pleite war und es sozusagen eine Gnade Bayerns war, dass man die Stadt übernommen hat.
    Da müsste man aber schon mal gegenrechnen, was die Ländereien Nürnbergs da für einen Wert hatten. Es handelte sich nämlich immerhin nicht nur um das Stadtgebiet, sondern das Gebiet Nürnbergs ging ja noch über den heutigen Landkreis Nürnberger Land hinaus (bis ins heutige Oberfranken).

    • Bayern hatte doch Griechenland auch schon einmal übernommen. Das wäre doch eine Möglichkeit das wieder zu tun. Und wenn dann die Akropolis von Athen Stein für Stein nach München überführt ist, könnte man doch Franken seine Beutekunst zurückgeben, und die Dürerbilder sind ja bei weitem nicht das einzige an Kunst was sich Bayern in Franken ergaunert hat. Und dann könnte Bayern Franken in die Unabhängigkeit entlassen, wird es aber freiwillig nicht tun.
      Und ob die Übernahme Nürnbergs mit Ansbach und Bayreuth mitten im Gebiet Preußens, mit den Hohenzollern noch immer im Titel Burggraf von Nürnberg, so aussichtslos gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Schließlich ist im Mittelfränkischen Wappen noch heute der preußische Anteil (schwarz- Weiße Rechtecke) zu sehen. Ist vielleicht diese fehlende Unterwürfigkeit gegenüber der Zentralregierung in Bayern der wahre Grund für die dauernde Vorführung, dass Franken und insbesondere Nürnberg rechtlos und unterworfen ist.

  2. Das ist doch ein klarer Fall von BEUTEKUNST.
    Und was in solchen Fällen zu passieren hat,
    das ist doch wohl bekannt.

  3. Natürlich lohnt sich der Streit! Franken und vor allem Nürnberg versteckt sich viel zu oft! Und wie Ihr von der Zeitung an den Leserbriefen sehen könnt, ist das auch ein Thema, das die Leute hier reizt!
    Dass sich die Franken hier zusammentun, dass es jetzt eine Frankenpartei gibt und sich immer mehr Leute zu Franken bekennen, das macht doch Mut für die Zukunft!!

  4. Noch zu den Wittelsbachern. Die scheinen ja als “Eigentümer” das Zünglein an der Waage zu sein.
    Mal davon abgesehen, auf welch fragwürdige Weise viele Kunstgegenstände in den Besitz dieser ach so seltsamen Sippe gekommen sind. Die Wittelsbacher haben sich das alles per Amt in absolutistischer Manier angeeignet. Nachdem wir nun ja bekanntlich kein Königreich mehr haben, sollte das alles eigetlich dem Staat gehören. Denn so wie früher Staat und Herrscher eins waren und man sich so Staatseigentum privat einverleibt hat, muss man umgekehrt das Vermögen der Wittelsbacher nach Beendigung ihrer Herrschaft auch dem Staat und dem Volk wieder zuführen.

  5. Natürlich lohnt es sich gegen München Front zu machen. Die Sorgen wegen des Transports sind lediglich vorgeschoben. Wie war das noch mit dem Fränkischen Herzogsschwert – das war angeblich auch nicht transportfähig. Man könnte ja bei einem Bild auf Holztafel die Bedenken noch verstehen, aber bei einem Schwert? Da wird doch offensichtlich, dass es gar nicht um Bedenken hinsichtlich von Beschädigungen geht, sondern nur einzig und allein darum, dass man wertvolle und interessante Kunstgegenstände auf München konzentrieren will.

  6. Eigentlich wurde von den Vorpostern schon alles gesagt. Nur die Frage, die die NZ stellt ist nicht in Ordnung. Wir streiten ja nicht um, sondern für den Dürer!

  7. Demokratie funktioniert nur, wenn gestritten wird. In Bayern wird viel zu viel „heile Welt“ gespielt. Alles was aus München kommt muss ganz selbstverständlich hinterfragt werden. Das betrifft die einseite Informationspolitik des statistischen Landesamtes, die einseitige Darstellung unserer Geschichte durch das Haus der bayerischen Geschichte und vieles mehr!
    Das kritische Nachfragen funktioniert bei uns in der Zentralstaatsprovinz viele zu wenig. Speziell über die Dürerbildaffäre wurde nach meinem Eindruck zuerst wirklich kritisch von der SZ aus München berichtet. Und jetzt auch noch die Nachfrage einer Nürnberger Zeitung „Lohnt sich der Streit?“. Dass diese Frage überhaupt gestellt wird ist so unsäglich traurig. Machmal möchte man verzweifeln. Welche Antwort erwartet man? Etwa: Nein der Streit lohnt sich nicht, wir hören ganz auf, an politischer Willensbildung teilzunehmen und plappern immer nur brav nach, was uns München vorplappert. Man kann ja eh nichts machen. Der Einzelen ist halt den Mächtigen ausgeliefert. Er sollte sich anpassen und in sein Schicksal fügen. Wir leben nur in einer Scheindemokratie. Tatsächlich regiert das Geld und München ist nun mal reich???

  8. Um fränkische Interessen zu vertreten lohnt sich Streit immer. Vor allem wenn es gegen die Münchner Kulturmafia um das sog. Königshaus Wittelbach geht, die schon immer verhindert haben, dass der Freisstaat Bayern irgend etwas museal wertvolles außerhalb von München veranstaltet. Da gibt es eigentlich viel zu wenig Streit und Medienaufmerksamkeit.

    • Das beste Beispiel des wittelsbach- bayrischen Kulturkampfes gegen Franken sind die als Beutekunst noch immer in München ausgestellten vier Apostel. Die hat Dürer nachweisbar seiner Heimatstadt vermacht und das ist Nürnberg. Jedenfalls wird das bisher selbst von Bayern und München nicht bezweifelt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, den Bayern ist alles zuzutrauen.

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