Organspende – geht die Neuerung weit genug?

Mit breiter Mehrheit hat der Bundestag die Reform der Organspende verabschiedet. Die Bürger werden künftig schriftlich aufgefordert, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Eine Pflicht zur Entscheidung wird es allerdings nach wie vor nicht geben. Laut Umfragen steht die überwiegende Mehrheit der Deutschen einer Organentnahme nach ihrem Tod grundsätzlich positiv gegenüber.

Warum aber machen dann nur so wenige „Nägel mit Köpfen“? Warum sagen so wenige Ja zu einem Organspendeausweis? Ärzte sehen ein weit verbreitetes Vertrauensdefizit gegenüber Staat, Organisationen und jenen Kollegen, die bei einer schweren, nicht heilbaren Erkrankung über eine Organentnahme zu entscheiden haben. Nachrichten über Vorteilsnahmen und direkte Korruptionen im Gesundheitswesen lassen häufig Zweifel aufkommen: „Hat mein Wohlergehen bei lebensentscheidenden Beschlüssen jederzeit den absoluten Vorrang?“

Die Angst vieler – in Deutschland wohl unbegründet – dass erfolgversprechende Therapien aufgrund von verdeckten Interessenkonflikten vorschnell beendet werden, ist nur schwer auszuräumen. Besonders dann nicht, wenn es bei dem Bedarf an Spendenorganen um viel Geld geht oder der soziale Druck hoch ist. Bislang sollen nur etwa 3,3 Prozent der Deutschen Organspendeausweise ausgefüllt haben.

((ContentAd))Demgegenüber stehen knapp 4000 Transplantationen, die jährlich durchgeführt werden. Viel zu wenige, denn allein in Deutschland warten über 12000 Menschen Jahr für Jahr auf ein geeignetes Organ – oder sind mittlerweile gestorben. Jeden Tag sind dies drei, die eine Organspende hätte retten können.

Immer wieder diskutiert: die Widerspruchslösung. Jeder Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt wird, wird automatisch zum Organspender erklärt, sofern er zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. Diese Lösung streben insbesondere die Gesundheitsminister aus Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Saarland an. Bislang ist es bei dem Streben geblieben.

Unsere Leserfrage lautet deshalb in dieser Woche: „Organspende – geht die Neuerung weit genug?“ Geben Sie Ihr Votum bitte im Voting auf NZ.de ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Gemeinsames Stadion für Club und Kleeblatt?“ Mit Ja antworteten 42 Prozent, mit Nein 58 Prozent.

10 Kommentare in “Organspende – geht die Neuerung weit genug?

  1. Hallo Anja,
    die Diskussion ist wahrhaft sehr, sehr schwierig. Sicherlich kann ich das THEMA nur subjektiv betrachten. Auch muß ich zugeben, dass ich dadurch einer objektiven Diskussion, so weit sie überhaupt möglich ist, ausweiche.
    Aus meiner ganz allgemeinen Lebenserfahrung denke ich aber sagen zu können, dass eher grundsätzlich die „negativen“ Beispiele in den Vordergrund und auch entsprechend kommuniziert werden. Sicherlich sind auch die Kosten/Preise usw. für Medikamente nicht unerheblich. Allerdings betritt man da ein nächstes Gebiet mit vielen Nebenwirkungen.
    Ein Argument für die Nichtentwicklung von neuen Medikamenten wäre sicherlich unsere gesellschaftliche Überalterung, die dann überschaubarer würde. Das will wohl keiner so recht. Wenn im Falle von Transplantionen Immunsupressiva eine Menge Geld kosten sollen, ist dies immerhin wesentlich billiger als eine Dauerdialyse, die auch keine Dauerlösung ist. Wenn man damit anfängt, kommt man irgendwann auf ganz gefährliche Gebiete. Im Grunde wäre unsere Politik wieder einmal gefragt, warum gleiche Medikamente selbst in der EU sehr unterschiedlich viel kosten.
    So lange allerdings die Pharma-Lobby so starken Einfluss hat, wird sich daran nichts ändern.
    Ich kann ihnen zum Schluss aber einen Satz schreiben, der mich und meine Familie sehr bewegt hat, dass nämlich der junge Mann, der Organe gespendet hat, dieses ausdrücklich vor seinem Tode gewünscht hat und die Eltern trotz aller TRauer froh darüber sind, dass sein Wunsch respektiert wurde und er mehreren! Menschen hat helfen können, wieder ein (fast) normales Leben zu führen!
    Alles Gute für sie!

  2. Was für eine blödsinnige Frage! Soll man die Organentnahme auch auf Lebende ausweiten? Soll man Hartzler zwangsverpflichten, wenn ein Manager ein neues Organ braucht? Soll man Lebern, Herzen oder Nieren in der Tiefkühltruhe beim Edeka anbieten?

  3. Ich finde auch, das ist eine äußerst sensible Entscheidung, die man jedem selbst überlassen sollte. Die Anschreibepflicht setzt (dies ist ja auch gewollt) unter Druck. Wenn man bedenkt, dass auch im medizinischen System immer mal wieder schwarze Schafe zu finden sind, ist ein Mißbrauch beim Organhandel nicht völlig auszuschließen.
    Eine vorgegebene Spendepflicht mit der Möglichkeit des Widerrufs ist deshalb absolut abzulehnen.

  4. DANKE dafür, dass die NZ das Thema „Organspende“ bei der Umfrage aufgreift – und zudem die (kostenlose) Möglichkeit der Online-Abstimmung anbietet (an kostenpflichtigen Umfragen oder Gewinnspielen nehme ich nämlich grundsätzlich nicht teil)!

    Eine Grundsatzfrage ist für mich auch die Organspende – ich gehöre zu den offensichtlich nur 3,3 Prozent, die einen Organspende-Ausweis besitzen (und hoffentlich ausgefüllt haben); korrekterweise muss ich an merken, dass ich mehrere ausgefüllte Organspende-Ausweise besitze, die ich an verschiedenen Stellen deponiert habe, damit möglicht zumindest immer einer „am Mann“ ist für den Fall der Fälle!

    So wird es wohl kaum verwundern, dass die vom Bundestag beschlossene Neuerung für mich bei weitem nicht weit genug geht! Ich respektiere zwar die Entscheidung jedes Mitmenschen, der keine Organe spenden will – aber sehen es diese Mitbürger/Mitbürgerinnen noch genauso, wenn sie selbst in die Notsituation kommen, ein Organ zu benötigen?

    Ich bin gespannt, wie viele der Angeschriebenen überhaupt reagieren und wie viele sich dann zur Organspende bereit erklären. Die Sorge, dass an Spenderorganen verdient werden kann, ist (zumindest weltweit) vermutlich nicht ganz unbedgründet – aber deshalb einem anderen Menschen die Chance auf ein Weiterleben mit meinem Organ, das mir nicht mehr hilft, zu verweigern (was mir ja selbst umgekehrt ebenso passieren kann …), vermag ich für mich nicht so zu entscheiden. Deshalb bekenne ich mich schon seit vielen Jahren zur Organspende – zumal: Was kann ich mehr tun für einen anderen (oder gar mehrere andere) Menschen als ihm (ihnen) zu einem menschenwürdigen Weiterleben zu verhelfen?!?

    Ich bin sogar dafür, dass (wie meines Wissens etwa in Österreich) jeder nach seinem Tod automatisch zum Organspender wird, wenn er dem nicht ausdrücklich widersprochen hat – dieses Recht muss selbstverständlich gewahrt bleiben.

    Bei allem Verständnis für andere Sichtweisen, Argumente wie „Ersatzteillager“ oder „Nötigung“ vermag ich nicht nachzuvollziehen – denn die Entscheidung jedes Einzelnen bleibt auch bei der Widerspruchslösung erhalten.

    Nicht nachvollziehbar ist für mich zudem, wie es sein kann, dass angeblich rund drei Viertel der Deutschen für die Organspende (bei anderen?) sind, aber nicht mal fünf Prozent einen Organspende-Ausweis besitzen (und hoffentlich ausgefüllt haben …) – das aktuelle Voting bei der NZ-Umfrage mit einer Mehrheit bezüglich der Fragestellung passt dazu erst recht nicht!

    Im übrigen sehe ich es so, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ableben – und darauf läuft es natürlich hinaus bei der Frage, ob ich bereit bin, nach meinem (Hirn-)Tod Organe zu spenden – auch ein Nachdenken sein kann über das Leben, wie ich es führe und führen will; und insofern kann es die Bewusstheit meines Leben sogar bereichern (ganz unabhängig von der persönlichen Entscheidung für oder gegen Organspende).

    Deshalb plädiere ich dafür: Darüber reden, gerne auch kontrovers darüber diskutieren anstatt zu schweigen – und dann eine bewusste Entscheidung treffen!

    K l a u s M e ß e n z e h l

    • Natürlich sollte eine ausführliche Diskussion darüber geführt werden, doch leider vermisse ich eine solche im Vorfeld der Entscheidung, nun alle zwei Jahre alle Bürger anzuschreiben. Man muss sich mal überlegen, was dadurch allein für Kosten entstehen.
      Ich finde es nicht richtig, dass plötzlich die Spender „die Guten“ sind und jene, die sich verweigern, als tendenziell selbstsüchtig hingestellt werden. Tja warum wohl ist es angeblich so, dass drei Viertel der Deutschen für Organspende sind? Vielleicht, weil es geschickt so gelenkt wird, durch entsprechende Artikel und Diskussionen, dass der Anschein entsteht? Vielleicht, weil man so die Bürger noch ein Stückchen mehr unter Druck setzen kann? Nach dem Motto: Seht doch, alle sind dafür, wie kannst du also so selbstsüchtig und gedankenlos sein, oder gar dagegen sein?
      Andererseits ist die DSO – die lediglich von der Bundesärztekammer „kontrolliert“ wird – nicht bereit, entsprechende Transparenz walten zu lassen. Die DSO muss auf Anforderung nur Dokumente freigeben, die „erforderlich“ sind. Im letzten Tätigkeitsbericht der Bundesärztekammer ist von stichprobenartigen Untersuchungen die Rede, bei denen seit 2000 119 „klärungsbedürftige Vorfälle“ aufgetaucht sind. Was genau dies für Vorfälle sind, und ob daraus irgendwelche Konsequenzen gezogen wurden, das erfährt der Bürger – der ja potentieller Spender sein soll – nicht!
      Für mich ist die Verabschiedung des neuen Transplantationsgesetzes eindeutig ein Ergebnis der Lobby-Arbeit der DSO. Richtige Aufklärung sieht anders aus. Solange die nicht stattfindet, bin ich weiter gegen Ausweitung der Spendergesetze. Im Wort selbst übrigens schon liegt der Sinn einer „Spende“ – Sie ist FREIWILLIG! Das sollte sie auch bleiben!

      • Nun melde ich mich mal als Empfänger eines Spenderorganes. Ich habe im letzten Jahr eine Niere (postmortal) gespendet bekommen. Mir geht es seitdem wieder sehr gut, ich kann wieder am „normalen“ Leben, auch ohne Einschränkungen wieder am Familienleben mit allem drum und dran teilnehmen. Leider wird die Diskussion oftmals ohne Kenntnis der tatsächlichen Abläufe geschildert. Ich versuche mich kurz zu fassen:
        Für im meinem Fall Nierenspenden ist Eurotransplant in Holland zuständig. Die DSO ist eine Vermittlungsstelle zu Eurotransplant. Folgende Voraussetzungen sind notwändig: 1. Finales Nierenversagen und bereits Dialysepatient.Um gelistet zu werden müssen sämtliche! Fachärzte aufgesucht werden um sicherzustellen, dass bis auf die bekannten Erkrankungen nichts anderes gegen eine Transplantation spricht. Die Wartezeit für eine Organspende beginnt mit dem 1.Tag der Dialyse. D.h. man kann auch nicht „vorsichtshalber“ früher gelistet werden. Bei der Bewertung der Wartezeit gibt es eigentlich drei Unterteilungen(grob): Normale Wartezeit, Übereinstimmung der Gewebeproben HLA mindestens 4 von 6. 2. Dringlichkeitslisten, wenn Lebensgefahr besteht. 3. Sehr hohe Übereinstimmung Gewebe Spender/Empfänger = 6 HLA.
        Wenn man nun das Glück hat nach einer Wartezeit von gut 8 Jahren einen Anruf zu bekommen, dass ein Organ bereit wäre, kann es immer noch passieren, das bei der der der Transplantation vorausgehenden Untersuchung zum Beispiel ein Schnupfen!! festgestellt wird, der dann eine Transplantation unmöglich macht, da durch die Immunsuppressiva sonst was entstehen kann. In diesem Fall gibt es eine Reserveliste beim jeweiligen Zentrum, da man das Organ natürlich nicht „verfallen“ lassen kann.
        Wenn dann der Empfänger großes Glück hat, gibt es keine Komplikationen und alles wird gut….
        Die Anonymität ist komplett. Ich weiß bislang noch nicht, wer der Spender war. Ich hoffe, irgendwann auf meinen Brief an die Angehörigen eine Antwort zu bekommen.
        Das einzige was ich weiß ist, das der Spender unter 20Jahre alt gewesen sei.

        Welche Aufklärung sie da wünschen, ist mir nicht ganz klar. Ich habe mit vielen Transplantierten gesprochen. Manche schreiben einen Brief an die Angehörigen, der so abgefasst sein muss, dass keinerlei Rückschlüsse möglich sind. Falls die Angehörigen dann mit dem Empfänger in Verbindung treten wollen, geht es wieder über die DSO usw.

        Aus gerade den Gründen, dass es Staaten gibt, in welchen Organhandel betrieben wird, ist hier seit vielen Jahren eine extrem restriktive Handlungsweise Gesetz.
        Weiter ist wohl auch kaum bekannt, dass bereits viele Kinder Organempfänger sind, die sonst vielfach keine Chance zum Überleben hätten.

        Sicherlich ist die Spendenbereitschaft immer freiwillig. Sehe ich auch so. Als betroffen glücklicher sehe ich es natürlich aus meiner Sicht.
        Zu guter Letzt, Spendenfähig sind ca 1% aller Sterbefälle, da der Hirntod feststehen muß.

        Wenn sie allerdings im Sommer ins Ausland fahren sollten wäre es empfehlenswert sich mit den Gesetzen des jeweiligen Landes zu beschäftigen. Die Widerspruchsregelung ist nicht immer unbedingt auf die jeweiligen Staatsbürger festgelgt, sondern auf alle Menschen, die sich dort aufhalten. ( Es soll aber nach Möglichkeit nachgefragt werden, wenn es möglich sein sollte…..)

        • Ich verstehe, dass man als betroffener „Empfänger“ ein Interesse an Organspende hat und manches vielleicht anders sieht. Dennoch empfinde ich es als Nötigung, dass ein so starker Druck auf die Bevölkerung ausgeübt wird. Zur Aufklärung, die ich fordere, verweise ich im Anschluss mit einem Link auf die Info des Vereins zur kritischen Aufklärung über Organspende.
          Kern der Kritik ist, dass eben nicht richtig aufgeklärt wird. Es gibt auch Eltern, die im Nachhinein sehr bedauern, einer Organspende zugestimmt zu haben, da sie sich von ihrem Kind – oft sind es ja gerade junge Menschen, die als Spender geeignet sind – nicht richtig verabschieden, es im Sterbeprozess nicht begleiten konnten. Sie leiden so stark darunter, dass sie sich ebenfalls in einem Verein zur Aufklärung zusammen geschlossen haben.
          Die Frage ist doch, wann ist ein Mensch wirklich tot? Keiner kann die Frage beantworten, ob die künstlich beatmeten und mit Medikamenten ruhiggestellten sterbenden Patienten während der Organentnahme etwas spüren. Die „Spender“ sind ja noch nicht tot! In der Schweiz wird die Entnahme z.B. unter Vollnarkose vorgenommen.
          Dass jetzt schon 16-Jährige angeschrieben werden zeigt, welches Interesse an „jungen Spendern“ besteht. Regierungsparteien dürfen sie noch nicht wählen, aber solche Entscheidungen sollen sie bereits treffen?
          Wie steht es mit den Interessen der Pharmamedizin, die an den Medikamenten zur Vermeidung der Abstoßung des Fremdorgans verdient?
          All das sind Fragen, die bislang nicht beantwortet sind, dennoch wird ein solches Gesetz auf den Weg gebracht und in der öffentlichen Diskussion Druck ausgeübt.
          Ich bin sehr gespannt, inwieweit auf den in Zukunft verschickten Aufforderungen zur Spende diese Aufklärung geleistet wird.

          http://www.medcom24.de/content/Tag-der-Organspende-Kritik-anhaltender-einseitiger-Werbung-pro-Organspende-statt-umfassender

  5. Für mich geht diese Neuerung eindeutig weit genug, wenn nicht sogar schon zu weit. In Zukunft sollen bereits 16 Jährige angeschrieben werden!
    Solange an Spendenorganen verdient werden kann, so lange werde ich mich als Spenderin nicht zur Verfügung stellen. Die DSO hat noch lange nicht genügend Transparenz hinsichtlich ihrer Arbeitsweisen darlegen können.
    Der Mensch sollte nicht einfach so zum Ersatzteillager gemacht werden, das sollte weiterhin die Entscheidung jedes Einzelnen sein und man sollte diese auch respektieren! Zu respektieren ist in diesem Zusammenhang auch, wenn jemand sich darüber eben nicht auseinandersetzen möchte. Alle zwei Jahre angefragt zu werden, halte ich für Nötigung.

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