Wurde der olympische Gedanke in Sotschi verraten?

Die meisten sportlichen Großereignisse, so scheint es, machen in erster Linie nicht wegen der dort gezeigten athletischen Leistungen Furore, sondern sorgen bereits im Vorfeld für Anlass zu Kritik und heftigen Diskussionen. Das gilt für die erst in acht Jahren stattfindende Fußball-WM in Dubai genauso wie die seit Donnerstag laufenden Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Der Umstand, dass hier mit gigantomanischen Aufwand (knapp 40 Milliarden Euro) eine Retorten-Infrastruktur in die teilweise noch unberührte Natur gestampft wurde, lässt jeden Gedanken an ökonomisch bzw. ökologisch sinnvolle Spiele verblassen. Dazu passt noch das Detail, dass etwa die Skisprungschanzen so ungünstig an abrutschenden Hängen platziert wurden, dass sie vermutlich nicht allzu lange überdauern werden.

Noch schwerer als solche Bausünden wiegen Berichte über anhaltende Menschenrechtsverletzungen in Russland und über die in den vergangenen Jahren offen zur Schau gestellten Homophobie, die sich auch in Gesetzen niederschlägt. Solche Aspekte waren es wohl auch, die Bundespräsident Joachim Gauck dazu bewegten, den Winterspielen in Russland die kalte Schulter zu zeigen. Ins Bild von einem ziemlich rücksichtslos agierenden Staatsapparat passen auch die Berichte von Massentötungen an Straßenhunden, damit diese nicht das perfekt organisierte Veranstaltungsbild stören.

Den Kritikpunkten kann man sicherlich entgegenhalten, dass die reine Idee von Spielen im olympischen Geist schon längst der Vergangenheit angehört. Wer erinnert sich schon noch an die Zeiten, als nur Amateursportler antreten durften und auch das IOC gilt nicht gerade als Muster an ideeller Bescheidenheit.

Ärgerlich ist eine wie auch immer geartete Olympia-Ablehnung natürlich auch für die Sportler, die nicht dafür jahrelang auf höchsten Niveau trainiert haben, um anschließend als willige Aushängeschilder für die große Wladimir-Putin-Show hingestellt zu werden. Deshalb gibt es genügend Stimmen, die fordern, man solle doch bitte das Sportliche und das Politische auseinanderhalten. Inwieweit dies in der heutigen Zeit noch möglich ist, ist eine ganz andere Frage.

Wir wollen von Ihnen in unserer Leserfrage daher diesmal wissen: „Wurde der olympische Gedanke in Sotschi verraten?“ Geben Sie Ihr Votum bitte auf  NZ.de auf der rechten Seite ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Bus- und Bahnfahren für einen Euro am Tag?“ Teilgenommen haben 680 Leser. Mit Ja antworteten 86,9 Prozent, mit Nein 13,1 Prozent.

1 Kommentar in “Wurde der olympische Gedanke in Sotschi verraten?

  1. Einst wurden vom Westen die olympischen Spiele in Moskau boykottiert, da die SU in Afghanistan einmarschierte. Rußland boykottierte die Spiele in London nicht, obwohl heute u. a englische Truppen Afghanistan besetzt halten. Die Su griff übrigens damals nicht auf NVA Soldaten zurück, das tat erst die Bundeswehr mit annektiereten früheren NVA Angehörigen.

    Und wer wollte denn die Stützpunkte der Roten Armee in Sewastopol über die Ukraine in die Nato eingliedern? Es waren hauptsächlich die Amerikaner. Und dass Putin nun rechtzeitig derartigem Ansinnen einen Riegel vorgeschoben hat, ist mehr als verständlich.

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