Sollte auch ein Mann Christkind sein dürfen?

Eines vorweg: Auch 2015 hat nie­mand die Absicht, ein männliches Nürnberger Christkind auszurufen. Aber die Frage, warum das eigent­lich nicht möglich sein sollte, bleibt ein kurioser Streitgegenstand.
Seit seinem ersten Auftritt 1933 wird die prominente Weihnachts­figur von Frauen dargestellt, zu­nächst von Schauspielerinnen, seit 1969 von Laien-Darstellerinnen, Mädchen, die im zweijährigen Tur­nus gewählt werden. Nur ein Mal, 1993, reichte ein junger Mann seine Bewerbung ein. Der Nürnberger Stefan Thor (Foto: Wilhelm Bauer), damals 22 Jahre alt, lange blonde Locken tragend und von Beruf Schriftsetzer, empfahl sich dem Rathaus als rundum geeig­net – und verwies darauf, dass Got­tes Sohn schließlich ein Junge war. Der Mann machte sich damit zum Stadtgespräch. Von der Jury abge­lehnt, trat er am Tag der Christ­kindlesmarkteröffnung und bei weiteren Adventsterminen als „das wahre Christkind“ eigenmächtig im Engelsgewand auf, freilich halb sati­risch zu verstehen.
Der Spaßaktion lag eine Begriffs­unschärfe zugrunde: Was ist das „Christkind“? Wörtlich genommen, mag es sich um das Christuskind in der Krippe handeln, von dem die Weihnachtsgeschichte der Bibel erzählt. Im volkskundlichen Sinn hingegen existiert seit Jahrhunder­ten ein zweites Christkind: ein Weihnachtsengel, der den Kindern Geschenke bringt. Mit Jesus hat die Figur, die in Süddeutschland, Öster­reich und der Schweiz den Weih­nachtsmann ersetzt, höchstens indi­rekt etwas zu tun. Auf dieses Christ­kind beruft sich die Nürnberger Tra­dition. Obwohl Engel ikonografisch kein Geschlecht haben, haben es die Christkindlesmarktmacher auto­matisch
weiblich interpretiert. Nun sind mehr als 80 Jahre danach so manche Rollenbilder aufgebrochen. Gäbe man also acht, dass das Erscheinungsbild nicht nach Trans­vestit aussieht, könnte sicher auch ein Christkind mit breiteren Schul­tern und tieferer Stimme auf seiner karitativen Besuchstour Freude ver­breiten. Auch wenn der Traditions­bruch Nürnberg garantiert viel Spott einbrächte. Wir finden: Es ist Zeit für ein Stimmungsbild.

Isabel Lauer

 

Sollte auch ein Mann Christkind sein dürfen?