Sichtbare Tatoos für Polizisten erlauben?

In der Tattoo-Frage ist unsere Gesellschaft gewissermaßen gespalten. Ältere Menschen können dem weit verbreiteten Körperschmuck in der Regel wenig abgewinnen. Je größer die Zahl der zurückliegenden Lebensjahre, desto stärker ist die Assoziation von Tätowierungen mit Seeleuten, Knastbrüdern und dem Rotlichtmilieu. Ehrbare Bürger lassen sich keine Muster, Sprüche oder Bilder in die nackte Haut stechen, mag so mancher Ältere sich denken.
Vollkommen anders sieht die jüngere Generation dieses Thema. In den 1990er Jahren wurden Tätowierungen allmählich „in“. Lange Zeit suchten sich die Protagonisten dafür aber Körperstellen aus, die sich im Zweifel mit Kleidungsstücken leicht bedecken lassen. Das hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren grundlegend verändert. Wer sich heute unter die Nadel legt, entscheidet sich häufig ganz bewusst für (fast) jederzeit sichtbare Körperregionen: Unterarme, Unterschenkel, Dekolletee, Hals und sogar das Gesicht.
Längst gelten Tattoos als Symbole eines des Lebensstils, Zeichen der Lässigkeit. Und: Sie sollen den Träger bzw. die Trägerin einzigartig machen. Dabei ist – nebenbei bemerkt – gerade derjenige heute einzigartig, der ohne Tätowierungen in eine Szenebar geht. Ja, mit Nadeln verewigter Körperschmuck ist in allen Schichten der Gesellschaft angekommen und in allen Berufsgruppen – vom Busfahrer bis zum Banker, vom Bundesliga-Fußballprofi bis zum Polizisten.
Im Dienst dürfen Polizisten allerdings keine sichtbaren Tätowierungen tragen – zumindest in Bayern. Der Freistaat befürchtet, die Bürger könnten den Respekt vor solchen Beamten verlieren. Dagegen klagt jetzt ein Streifenbeamter aus Mittelfranken vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. Er ist der Auffassung, Tattoos sind in unserer Gesellschaft so selbstverständlich geworden, dass auch Polizisten in Uniform sie sichtbar tragen dürfen sollten.

Tilmann Grewe

Sichtbare Tatoos für Polizisten erlauben?

1 Kommentar in “Sichtbare Tatoos für Polizisten erlauben?

  1. Verbietet nur, verbietet nur. Polizistinnen und Polizisten dürfen im Dienst keine sichtbare Tattoos tragen. So die Entscheidung des Bayerischen Innenministeriums nach sicherlich reiflichen Überlegungen in Arbeitsgruppen, Führungsgremien und Kamingesprächen. Warum auch? Sind doch Tattoos nach althergebrachten Meinungen immer noch in Teilen der Bevölkerung eine Indiz für „Knastbrüder“, „Seeleute“ und „Zuhälterei“. Dies kann und darf nicht auf die Bayerische Polizei reflektiert werden, gleichwohl sie einen ganz normalen Durchschnitt aus unserer Bevölkerung darstellt. Sicherlich sind gewaltverherrlichende, sexistische, rassistische, politische oder gar strafrechtlich relevante Tattoos zu verbieten; auch wenn diese nicht sichtbar sind. Doch was ist mit dem Grundsatz, dass der Polizeibeamte immer im Dienst ist. Muss er sich dann im Schwimmbad, beim Sport, in der Sauna oder in der Freizeit seine Tattoos abkleben oder gar verdecken? Hier zeigt sich schon, dass diese Vorschrift nicht mehr zeitgemäß, sondern diskriminierend ist. Im Übrigen in der Sinnesrichtung dann auch diskriminierend für alle anderen mit Tattoos geschmückte BürgerInnen. Die Zeit heilt Wunden, so haben es die letzten Generationen beispielsweise auch geschafft, die „Heiratsgenehmigung für Polizeibeamte unter 27 Jahren“, den „Zapfenstreich um 22:00 Uhr“ oder den „Haarerlass“ abzuschaffen. Selbst das „Ius primae noctis“, als Gewohnheitsrecht für Feudalherren, war spätestens seit der Französischen Revolution beendet.

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