Kulturhauptstadt: Holt Nürnberg den Titel?

„Wir haben’s gerockt“, sagte ein glücklicher Hans-Joachim Wagner am Abend nach der großen Erleichterung. Der Leiter des Nürnberger Bewerbungsbüros für die Kulturhauptstadt 2025 meinte damit den Auftritt seiner Delegation vor der europäischen Jury, die in Berlin die acht deutschen Bewerberstädte begutachtete. Die Performance nach Art des berühmten „Männleinlaufens“ der Frauenkirche und das 60-seitige Bewerbungsbuch verbuchten einen Erfolg: Nürnberg steht zusammen mit Chemnitz, Hannover, Hildesheim und Magdeburg in der Endauswahl.

Nun werden Franken nur zögerlich übermütig, aber der mögliche Zuschlag ist damit greifbarer geworden. Der Titel „Kulturhauptstadt Europas“ birgt die riesige Chance für eine Stadt, nachhaltig mehr aus sich zu machen: sozial, ökonomisch, ökologisch und städtebaulich die eigene Zukunft verbindlicher anzupacken als im alltäglichen Trott. Nürnberg hat solide Ideen vorgelegt, wenn auch viele davon noch sehr akademisch und pädagogisch aufgeladen. Den Bedarf an Stadt- und Kulturerneuerung, den die Jury spüren will, kann es glaubhaft nachweisen. Und die Außenwirkung der Stadt, die sich meist auf „Nazi-Zeit“ und „irgendwie alt“ beschränkt, hat einfach Verbesserungspotenzial.

Mit der ungewöhnlich hohen Zahl von vier Mitbewerbern sinkt jetzt aber auch die Wahrscheinlichkeit, in einem Jahr das Finale zu gewinnen. Die ostdeutschen Konkurrenten etwa litten nicht weniger unter dem Strukturwandel, und gesellschaftspolitische Gräben fordern sie derzeit ärger als den vergleichsweise beschaulichen Süden heraus. Hannover wiederum versucht brandaktuell, mit seinen Projekten den „Brexit“ abzufedern, Hildesheim will die vergessene Provinz in den Fokus rücken – beides gute europäische Argumente.

Die Zeit bis zum zweiten Bewerbungsbuch und zum Ortsbesuch der Juroren im Sommer ist kurz. Das Bewerbungsbüro muss jetzt Dampf machen, Mitarbeiter aufstocken, das künstlerische Programm mit Kuratoren festzurren, Verwaltungsvorgänge beschleunigen. Gleichzeitig gilt es, breitere Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Im Frühjahr lenkt auch noch die Kommunalwahl ab. Grund zu Optimismus?

Isabel Lauer

Kulturhauptstadt: Holt Nürnberg den Titel?

1 Kommentar in “Kulturhauptstadt: Holt Nürnberg den Titel?

  1. Es war vielleicht zu hoffen, aber keineswegs selbstverständlich, dass Nürnberg in die nächste Runde kommt, was man am Beispiel von Dresden sieht. Offenbar ist die sächsische Metropole davon ausgegangen, dass man bei der gehäuften Ansammlung von Prachtbauten und Schlössern und Diamanten alle Trumphe im Ärmel hat. Offenbar eine Fehleinschätzung, denn das Motto „Neue Heimat“ hat eher Irritationen verursacht, da es an einen Bauskandal erinnert. Überraschend natürlich, dass auch Chemnitz weitergekommen ist, obwohl es vor allem mit der ein- oder anderen Randale von Rechts Schlagzeilen verursacht hat. Aber auch Nürnberg als bekennende „Stadt der Täter“ ist auch nicht gerade das, was sich Europa als Kulturhauptstadt vorstellt – bei aller nachweisbaren Eigenleistung in der Aufarbeitung der Vergangenheit. Um wirklich den Titel zu gewinnen – die Chancen stehen nun bei gerade mal 20 Prozent – muss man schon mehr auffahren als nur die Selbstbespiegelung wie im 1.Bidbook, sondern nachweisen, wie ernst das Projekt gemeint ist. Wenn man allerdings an die vielen kulturellen Baustellen wie das Opernhaus denkt, die zu sanieren oder zu bauen sind, dann sind wir schon bei Kosten, die in die Milliarde gehen. Und da könnte es sein, dass Nürnberg ein Gewicht zu stemmen hat, das kaum zu heben ist.

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