Soll Horst Seehofer jetzt auch gehen?

Angela Merkel hat das Ende ihrer politischen Karriere eingeläutet. Sie geht schrittweise. Ihre unerwartete Ankündigung, sich im Dezember von der CDU-Spitze und bis 2021 aus dem Kanzleramt zu verabschieden, war ein Schachzug, der – bei allem Eingeständnis von Schwäche – den Druck auf ihren Widersacher aus Bayern erhöht. Die eigene Partei hat Horst Seehofer wegen der Unionskrise bereits den Teppich für den geordneten Rückzug ausgerollt, doch der klammert sich noch an sein Amt als CSU-Parteichef. Tapfer oder starrsinnig? Gewählt ist er ja immerhin bis Ende 2019. Täte Bayern nicht gerade dieses Stückchen Kontinuität jetzt gut?

Isabel Lauer

Soll Horst Seehofer jetzt auch gehen?

Muss sich die CSU neu aufstellen?

Es war eine Schicksalswahl für die CSU. Sie hat ihr schlechtestes Ergebnis seit 1950 eingefahren, ihre als gottgegeben geglaubte absolute Mehrheit eingebüßt. Sicherlich: Im Maximilianeum können die Christsozialen auch weiterhin, geschrumpft, den Ton angeben. Aber geht das jetzt wirklich noch, ohne zuvor in die Innenschau zu gehen?

Auch wenn es zum Habitus dieser Partei gehört, Selbstkritik mit Kraftmeierei zu kaschieren – hinter den Kulissen liegen die Nerven blank. Da lief so vieles einfach schlecht in den vergangenen drei Jahren. Die ständigen Schmutzeleien zwischen München und Berlin. Das systematische Verprellen von früher treu-schwarzen Kirchenkreisen. Dazu eine trotzige Überbetonung des bayerischen Sonderwegs, der doch immer mehr Menschen in Zeiten weltweiter Herausforderungen überholt und merkwürdig ideologisch erscheint. Viele CSU-ler merkten spätestens im Bürgerdialog des Wahlkampfs, dass Eifer und Aktivität die große Ratlosigkeit kaum noch verdecken können (Foto: Roland Fengler, v.l. Michael Frieser, Oscar Schneider, Sebastian Brehm, Karl Freller, Barbara Regitz und Jochen Kohler beim CSU-Wahlabend in Nürnberg).

Eine Neuaufstellung nach dieser Wählerquittung scheint angebracht, das schuldet die CSU schon allein ihrer großen Vergangenheit. Aber muss das gleich das Führungspersonal betreffen und nicht vielleicht eher die Programmatik? Hektisches Herumrudern dürfte die Glaubwürdigkeit jetzt nicht erhöhen. Vielleicht wäre daher mehr gewonnen, wenn die Konservativen ihre Selbstbespiegelung stoppen, wenn sich die Parteispitze endlich mit sich selbst aussöhnt – und Ruhe gibt. Keine Panik, ein Wahlergebnis ist nun mal immer auch seiner Zeit und Gesellschaft geschuldet.

Isabel Lauer

Muss sich die CSU neu aufstellen?

Schadet Seehofer der CSU?

Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland ist völlig übertrieben und greift zu kurz.“ Das sagt kein SPD-Mann, auch kein Linker oder Grüner. Sondern Gerd Müller, Bundesentwicklungsminister und Mitglied der CSU. Mitglied der CSU – das ist der Schweinfurter Landrat Harald Leitherer nicht mehr, weil er das Verhalten des Parteichefs Horst Seehofer für „unglaubwürdig, wenn nicht sogar lächerlich“ und dessen Ton für „unsäglich“ hält.

Das zeigt: Seehofers Verhalten schockiert auch die eigenen Parteifreunde. Vom politischen Gegner ganz zu schweigen. Die Nürnberger Ehrenbürgerin Renate Schmidt (SPD) findet es „zum Fremdschämen“, dass Seehofer kürzlich seine Freude über die Abschiebung von 69 Menschen nach Afghanistan so unverhohlen zeigte. Jeglicher „Anflug von Humanität“ sei auf der Strecke geblieben. Aber selbst unter jenen, die die harte politische Position des CSU-Chefs teilen, sind viele irritiert über den Stil, den Umgang mit der CDU, mit Angela Merkel, mit dem Koalitionspartner SPD – etwa, wenn Seehofer in seinem „Masterplan Migration“ hinter die Vereinbarungen des Koalitionsvertrags zurückfällt.

Höflichkeit, Zuverlässigkeit, respektvoller Umgang – das waren ursprünglich eigentlich konservative Tugenden. Nun habe die CSU, schreibt die „Zeit“, unter Seehofer völlig das „bürgerliche Maß“ verloren. Zahlreiche politische Beobachter meinen, dass hinter dem Prozess der Selbstradikalisierung, hinter der derben Rhetorik, lediglich die Absicht steckt, den Rechtspopulisten von der AfD das Wasser abzugraben. Das wäre durchaus ein sinnvolles Ziel.

Allerdings ist es sehr fraglich, ob diese Strategie aufgeht oder ob Seehofer nicht eher erst recht die Wähler in die Arme von Gauland und Co. treibt. Bei der Bundestagswahl war die AfD nämlich in Bayern und Sachsen besonders stark – Bundesländer, in denen die Schwarzen einen sehr rechten Kurs fuhren, der sich indes letztlich nicht auszahlte. Und auch die Umfragen zeugen von einer trotz alledem sehr stabilen Af D, während die CSU nach derzeitigem Stand ihre absolute Mehrheit verlieren würde.

Marco Puschner

Schadet Seehofer der CSU?

Soll sich die CSU im Bundestag von der CDU abspalten?

Frostig ging es zu in Wildbad Kreuth (Foto: dpa) – und das lag nicht nur an den tiefen Temperaturen. Wie schon beim CSU-Parteitag im Herbst, als Ministerpräsident Horst Seehofer sie geradezu demütigte, hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auch bei der Klausurtagung der Christsozialen keinen leichten Stand.
Während die diskussionsfreudigen Sozialdemokraten in ihrer Geschichte immer mal wieder ihre Frontleute unter Beschuss nahmen, halten die Konservativen ihre Reihen nach außen hin eigentlich zumeist geschlossen – insofern ist die offene Kritik der CSU an der CDU-Chefin bemerkenswert. Merkel, der Kritiker oft vorgeworfen haben, zu wenig politisches Profil zu zeigen, fährt in der Asylpolitik einen klaren Kurs – den aber die CSU für falsch hält. Der beinahe schon flehentliche Appell der Kanzlerin an die CSU-Kollegen, ihren Weg „wenigstens ein bisschen zu begleiten“, zeigt, wie weit sich CDU und CSU inzwischen auseinandergelebt haben.
Diesen Disput in Wildbad Kreuth auszutragen, hat freilich eine gewisse Symbolkraft – denn da war ja mal was. Im November 1976 – seinerzeit regierte die sozialliberale Koalition, die Parlamentarier von CDU und CSU saßen auf den Oppositionsbänken – fasste die CSU-Landesgruppe den Beschluss, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU nicht fortzuführen. Auch damals waren sich die Alphatiere der beiden Parteien ins Gehege gekommen, die Rivalität zwischen Franz Josef Strauß (CSU) und Helmut Kohl (CDU) ist legendär. Nach dem Beschluss musste die CDU befürchten, bundesweit Konkurrenz von den Christsozialen zu bekommen. Die CDU wäre dann allerdings auch in Bayern zur Wahl angetreten. Letztlich blieben solche Pläne in der Schublade, der Kreuther Beschluss wurde nach nur einem Monat revidiert.
Doch vielleicht gibt es nun eine Neuauflage. Die CSU-Abgeordneten hadern ja nicht nur in der Flüchtlingsfrage mit Merkels Kurs, der ihnen vielmehr auch in anderen Politikfeldern zu liberal erscheint. Mit einem Trennungsbeschluss könnten sie ihre Politik vertreten, ohne Merkel gegenüber permanent in Loyalitätsprobleme zu geraten. Und sie könnten Wähler binden, die vielleicht ansonsten beim nächsten Mal der AfD ihre Stimme geben. Die Obergrenze für Flüchtlinge hätte die CSU damit aber freilich nicht durchgesetzt – denn die ist nicht nur mit Merkel nicht zu machen, sondern auch mit dem Grundgesetz unvereinbar.

Marco Puschner

 

Soll sisch die CSU im Bundestag von der CDU abspalten?

Verzicht auf NPD-Verbotsantrag falsch?

Nürnberg erinnert seit wenigen Tagen mit einem Mahnmal an die Opfer der NSU-Terrorzelle. Die deutschlandweite Mordserie an überwiegend türkischstämmigen Kleinunternehmern, die in Nürnberg drei und in München zwei Todesopfer gefordert hat, geht auf das Konto rechtsradikaler Terroristen. Deshalb wird auch in Nürnberg die Entscheidung der Bundesregierung, auf einen NPD-Verbotsantrag zu verzichten, eingehend diskutiert.

FDP-Chef und Vize-Kanzler Philipp Rösler hatte in Berlin angeküngekündigt, die FPD könne einem eigenen NPD-Verbotsantrag der Regierung nicht zustimmen. Die FDP habe dies von Anfang an für den falschen Weg gehalten. Dummheit lasse sich nicht verbieten.

Kritik an dieser Äußerung kam von Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer. Der Rechtsradikalismus sei für Deutschland eine größer Herausforderung als der Umgang mit der Dummheit, sagte er dem Bayerischen Fernsehen. „Ich halte diese Begründung der FDP für fragwürdig.“ Aus den Ländern und aus der Opposition im Bund kam ebenfalls heftige Kritik an dem Nein der FDP. Landesinnenminister von Union und FDP rügten den Schritt als mutlos und blamabel und sprachen von einem verheerenden Zeichen.

((ContentAd))Wohingegen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) den Verzicht der Bundesregierung auf einen eigenen Antrag zum NPD-Verbot verteidigt hat. Ein Verfahren mit dem Ziel eines Verbots sei „schon einmal kläglich gescheitert“, sagte sie. Das muss nach ihren Worten doch Mahnung genug sein, nicht wieder auf ein Verfahren zu setzen, das mit großen Risiken behaftet sei. Sie betonte, die Regierung habe ihr Entscheidung „nach sorgfältiger Abwägung und Überlegung“ gefällt.

Schon in der Vergangenheit gab es viele Stimmen, die das Problem „Rechtsradikalismus“ mit einem Verbot der NPD bei weitem nicht als beseitigt ansehen würden. Darüber hinaus gab und gibt es die Befürchtung, dass die NPD bei einem weiteren Scheitern eines Verbotsantrags vor dem höchsten deutschen Gericht gar noch gestärkt würde.

Wir wollen von Ihnen in unserer Leserfrage diesmal wissen: „Verzicht der Bundesregierung auf NPD-Verbotsantrag falsch?“ Geben Sie Ihr Votum bitte auf NZ.de ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Sind Sie für Tempo 30 in der ganzen Stadt?“ Mit Ja antworten 19 Prozent, mit Nein 81 Prozent.