Notaufnahme nur gegen Gebühr?

Weder für Patienten noch für das Personal ist es ein Vergnügen: Deutschlands Krankenhaus-Notaufnahmen sind überfüllter denn je – obwohl die Leute nicht kränker sind als früher. Wie alle gewichtigen Probleme hat das Phänomen komplexe Ursachen. Gestiegene Ansprüche, Bequemlichkeit und Unwissenheit in der Bevölkerung haben ihren Anteil. Punktuell fehlt es aber auch an niedergelassenen Fachärzten, die flexibel und ohne monatelange Anmeldefristen behandeln.

Vertreter zweier Kassenärztlicher Vereinigungen (KV) legten den Finger in die Wunde, als sie jetzt in Interviews eine Gebühr als Abschreckung ins Spiel brachten. Müsste man 50 Euro zahlen, überlege man sich die Fahrt ins Krankenhaus wegen Kopfschmerzen oder Grippe vielleicht noch mal. Wer so eine Gebühr erheben soll, ob sie nur bei Bagatell-Fällen oder pauschal bei allen Notaufnahme- Besuchern fällig würde, ließen die Standesvertreter offen. Mediziner und Gesundheitsexperten raten von dieser Patientensanktion ab. Aber könnte sie nicht sogar besser wirken als mühsame Aufklärung und die Umstrukturierung der ärztlichen Notdienste?

Isabel Lauer

Notaufnahme nur gegen Gebühr?

Soll Organspende zur Norm werden?

Die Zahl der Organspenden ist in Deutschland auf einen Tiefststand gesunken. Das müsste nicht so sein. Weit mehr Schwerstkranke könnten versorgt werden, und die Hoffnung liegt nahe, dass das ein Gesetz erleichtern kann: die Widerspruchslösung. Diese gilt inzwischen in den meisten Ländern Europas und schreibt vor, dass jeder Volljährige mit seinem Tod zum Organspender werden kann, außer er hat zu Lebzeiten widersprochen. Erst vor wenigen Tagen haben sich auch die Niederlande dazu entschlossen. Der Deutsche Ärztetag sprach sich schon 2010 dafür aus.

In Deutschland gilt noch die Entscheidungslösung – wer Organe spenden will, muss dies aktiv quittieren. Würde man das Verfahren umkehren, könnte man die Schweigenden bei ihrer Bequemlichkeit packen. Doch es gäbe auch eine Gefahr bei diesem Schritt. Beim sensiblen Thema Organspende sind viele Zweifler nachhaltig zu verschrecken, sobald sie einen Hauch von Zwang spüren. Das Gefühl, der eigene Körper würde automatisch der Gesellschaft übergeben, dürfte viel Ablehnung hervorrufen.

Zudem scheint der Rückgang bei den Transplantationen nicht direkt mit der Spendebereitschaft zusammenzuhängen. Immer mehr Deutsche haben jetzt einen Organspendeausweis – ein Problem liegt vielmehr in den Krankenhäusern. Kliniken kümmern sich aus Zeit- und Personalnot zu selten um die aufwändige Abwicklung der Organentnahme und übersehen so Spender. Diese Systematik zu verbessern, verspräche vielleicht mehr Erfolg als die Umstellung auf die Widerspruchslösung.

Isabel Lauer

Soll Organspende zur Norm werden?

Sind Tierversuche noch zeitgemäß?

Die Wogen schlagen hoch, seit an die Öffentlichkeit drang, dass die Paracelsus Universität (PMU) auf dem Nürnberger Klinikumsgelände Tierversuche durchführen will. Mäuse und Ratten sollen Tests unterzogen werden, um in der Forschung zu künstlichen Knorpeln voranzukommen. Martin Wilhelm, Chefarzt der Onkologie am Klinikum und ehemaliger PMU-Forschungsdekan, hat kürzlich erklärt, dass Tierversuche nach wie vor nötig seien, will man nicht Menschen unnötig in Gefahr bringen oder gar Menschenversuche durchführen. Mensch und Maus seien unterschiedlich, aber dennoch gewinne man wichtige Erkenntnisse, wenn man Substanzen in einem komplexen Organismus wie dem dieser Nagetiere teste.
Auf der anderen Seite argumentieren  Tierversuchsgegner (Foto: Roland Fengler) – etwa die Organisation „Ärzte gegen Tierversuche“ oder die Tierschutzpartei –, dass man dank moderner Computersimulationen nicht nur keine Tiere mehr quälen müsse, sondern sogar wesentlich präzisere Ergebnisse bekomme. Grüne und ÖDP haben daher im Verwaltungsrat des Klinikums auch gegen die Pläne gestimmt.

Marco Puschner

Tierversuche: Sind sie noch zeitgemäß?

 

Kaufen Sie jetzt mehr Eier aus der Region?

Die Lebensmittelbranche hat einen neuen Skandal: Nach Pferdefleisch-Lasagne und Listerien in der Wurst ist nun das Insektengift Fipronil in Eiern entdeckt worden. Das Mittel wurde offenbar in Belgien verbotenerweise einem Desinfektionsmittel für die Nutztierhaltung beigemischt – und kam auch in Ställen in den Niederlanden und in Deutschland zum Einsatz.

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium schätzt, dass mehr als zehn Millionen aus den Niederlanden stammende belastete Eier in Deutschland verkauft worden seien. Hinzu kommen womöglich noch mehrere Zehntausende Eier aus Niedersachsen – dort war in vier Legehennenbetrieben Fipronil nachgewiesen worden. Auch Länder wie die Schweiz, Schweden und Großbritannien sind betroffen.

Für den Verbraucher besteht laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) durch den Verzehr von Eiern „keine konkrete“ Gesundheitsgefährdung. Bei Kindern sieht es anders aus: Beim Verzehr von zwei belasteten Eiern bestehe die Möglichkeit „einer gesundheitlichen Gefährdung“, heißt es. Inzwischen gab es auch die ersten Rückrufaktionen von Produkten mit verarbeiteten Eiern – betroffen waren Salate einer Firma aus Lübeck. Experten zufolge dürften auch in Mayonnaise und Eierlikör Fipronil-Rückstände zu finden sein.

Egal, welche Wendungen der aktuelle Eier-Skandal noch nimmt: Das Vertrauen in den globalisierten Lebensmittelmarkt ist wieder einmal erschüttert worden. Während mancher Verbraucher inzwischen resigniert hat, sind andere verängstigt und überdenken ihr Konsum- und Kaufverhalten. Bio-Betriebe in der Region melden bereits eine Nachfrage nach Eiern, die sie kaum noch bewältigen können. Der Betreiber eines Öko-Geflügelhofs im Nürnberger Land schätzt, dass in sechs bis acht Wochen alles wieder wie vorher ist – es bis dahin aber eine richtige Eierknappheit geben wird. Judith Horn; Foto: Udo Schuster

Kaufen Sie jetzt mehr Eier aus der Region?

Schockbilder auch auf Alkoholflaschen?

Zigaretten sind schädlich, zu viel Alkohol auch und die meisten Drogen sind verboten. Die Grüne Jugend von Nürnberg und Fürth hat jetzt aber kritisiert, dass durch die unterschiedliche Behandlung von weichen Drogen, Zigaretten und Alkohol im öffentlichen Raum die Wahrnehmung der Folgen massiv verzerrt wird. Während auf den Zigarettenschachteln mit abschreckenden Bildern auf die möglichen Folgen des Zigarettenkonsum hingewiesen wird, ist auf Flaschen mit Alkohol nichts zu sehen.

Die Grüne Jugend vermutet, dass die gesellschaftliche Akzeptanz bei Alkohol um einiges größer ist, als zum Beispiel bei Zigaretten, und deshalb ein abschreckender Hinweis fehlt. Diese Ungleichbehandlung soll aber nicht so bleiben. Die Grüne Jugend fordert deshalb Warnbotschaften auch auf alkoholhaltigen Waren und Getränken. „Besonders bei hochprozentigem, käuflich erwerbaren Alkohol, da die Behandlung dieser Drogen ein reines Produkt einer konstruierten Vorstellung von Kultur und aus diesem Grund nicht unterstützbar ist“, fordert Jule Ziegler, Frauen- und Genderpolitische Sprecherin der Grünen Jugend Bayern. Das Thema soll auch besser im bayerischen Lehrplan verankert werden.

Wenn man alles verbietet, was ungesund ist und auf konstruierte Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft zurückzuführen ist, dann müsste es Warnbilder und -botschaften auch auf stark zuckerhaltige und zu fette Lebensmittel geben. Als nächstes wären zu schnelle Autos und gefährliche Sportarten wie Fallschirmspringen an der Reihe. Das alles gefährdet unser Leben und wir konstruieren uns in unserer Vorstellungswelt ein Wohlgefühl, bis wir uns diese Wünsche erfüllen. Danach kommt dann das schlechte Gewissen, auch das ist meistens eine Konstruktion.

André Fischer

Schockbilder auch auf Alkoholflaschen?

Würden Sie den Kassen Ihre Daten geben?

Die Krankenkassen wissen viel über uns: welche Medikamente wir nehmen, wie oft wir operiert wurden, ob wir eine Lesebrille brauchen. Würde man diese Daten auswerten, kämen dabei unter Umständen interessante Erkenntnisse heraus, die die Forschung voranbrächten, glauben die Kassen (siehe dazu auch nebenstehenden Artikel). Man wolle aber die Daten nur dann verwenden, wenn die Versicherten damit auch einverstanden sind.
Kritiker glauben, dass die sogenannten Routinedaten der Krankenkassen viel zu unspezifisch sind, um einen wirklichen Nutzen zu bringen. Und viele Bürgerinnen und Bürger haben Angst, zum „gläsernen Patienten“ zu werden, mit dessen Daten Schindluder getrieben wird. (Foto: Patrick Pleul)
Auf der anderen Seite stellen heute schon Millionen Menschen Unternehmen wie Google, Amazon oder Apple ihre Gesundheitsdaten freiwillig zur Verfügung – über Suchanfragen oder weil sie Fitnessapps verwenden, in denen sie zum Beispiel festhalten, wie viel sie sich bewegen. Es sei nur eine Frage der Zeit, sagen Experten, bis die Unternehmen diese riesigen Datenmengen zu Geld machen. Die Krankenkassen glauben, dass viele Menschen gar nichts dagegen hätten, wenn ihre Routinedaten – natürlich anonymisiert – für die Forschung verwendet würden.

Stephanie Siebert

Wir wollen deshalb in unserer Leserfrage der Woche von Ihnen wissen:

Würden Sie den Kassen Ihre Daten geben?

  • Nein (67%, 10 Stimmen)
  • Ja (33%, 5 Stimmen)

Wähler insgesamt: 15

Organspende – geht die Neuerung weit genug?

Mit breiter Mehrheit hat der Bundestag die Reform der Organspende verabschiedet. Die Bürger werden künftig schriftlich aufgefordert, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Eine Pflicht zur Entscheidung wird es allerdings nach wie vor nicht geben. Laut Umfragen steht die überwiegende Mehrheit der Deutschen einer Organentnahme nach ihrem Tod grundsätzlich positiv gegenüber.

Warum aber machen dann nur so wenige „Nägel mit Köpfen“? Warum sagen so wenige Ja zu einem Organspendeausweis? Ärzte sehen ein weit verbreitetes Vertrauensdefizit gegenüber Staat, Organisationen und jenen Kollegen, die bei einer schweren, nicht heilbaren Erkrankung über eine Organentnahme zu entscheiden haben. Nachrichten über Vorteilsnahmen und direkte Korruptionen im Gesundheitswesen lassen häufig Zweifel aufkommen: „Hat mein Wohlergehen bei lebensentscheidenden Beschlüssen jederzeit den absoluten Vorrang?“

Die Angst vieler – in Deutschland wohl unbegründet – dass erfolgversprechende Therapien aufgrund von verdeckten Interessenkonflikten vorschnell beendet werden, ist nur schwer auszuräumen. Besonders dann nicht, wenn es bei dem Bedarf an Spendenorganen um viel Geld geht oder der soziale Druck hoch ist. Bislang sollen nur etwa 3,3 Prozent der Deutschen Organspendeausweise ausgefüllt haben.

((ContentAd))Demgegenüber stehen knapp 4000 Transplantationen, die jährlich durchgeführt werden. Viel zu wenige, denn allein in Deutschland warten über 12000 Menschen Jahr für Jahr auf ein geeignetes Organ – oder sind mittlerweile gestorben. Jeden Tag sind dies drei, die eine Organspende hätte retten können.

Immer wieder diskutiert: die Widerspruchslösung. Jeder Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt wird, wird automatisch zum Organspender erklärt, sofern er zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. Diese Lösung streben insbesondere die Gesundheitsminister aus Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Saarland an. Bislang ist es bei dem Streben geblieben.

Unsere Leserfrage lautet deshalb in dieser Woche: „Organspende – geht die Neuerung weit genug?“ Geben Sie Ihr Votum bitte im Voting auf NZ.de ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Gemeinsames Stadion für Club und Kleeblatt?“ Mit Ja antworteten 42 Prozent, mit Nein 58 Prozent.

Befürworten Sie den Gentest bei Embryos?

Höchstrichterlich erlaubt, aber trotzdem in hohem Maße umstritten: Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass jetzt bei Embryonen die Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführt werden darf. Hinter diesem Zungenbrecher verbirgt sich die Chance, dass die Eltern drei Tage nach der Befruchtung Zellen auf Gen-Schäden untersuchen lassen dürfen. Sie haben dann die Wahl, je nach Befund, ob das Embryo in den Mutterleib eingesetzt wird oder eben nicht.

Letztlich wird damit dem verständlichen Wunsch von Eltern Rechnung getragen, die eine Veranlagung für eine schwere, erbliche Krankheit in sich tragen. Mit der Untersuchung soll gewährleistet werden, dass die Frau einen Embryo ohne Gendefekt eingesetzt bekommt. Folgerichtig werden dabei die beschädigten Embryonen vernichtet. Viele betroffene Paare haben in der Vergangenheit Hilfe im Ausland gesucht. So prüft beispielsweise in Belgien der Mediziner im Verdachtsfall im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten. Erst dann werden die Zellhaufen in den Uterus eingesetzt.

Was viele auf den ersten Blick als bestechend und ohne Fehl und Tadel bewerten, beurteilen andere kritisch. So befürchten nicht nur die Kirchen, dass aus einer Ausnahmeregel für Grenzfälle allgemeine Praxis werden könnte. Und auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung bemängelt und warnt: „Es wird eine Wahl über die Qualität eines Menschen erlaubt.“ Experten und solche, die sich dafür halten, sprechen jetzt schon von der Schwierigkeit einer Grenzziehung zwischen den Erkrankungen. Wer soll letztlich festlegen, ob der Gen-Schaden beispielsweise ab einer bestimmten Häufung von Alzheimer-Genen oder vielleicht dem Hang zur Taubheit relevant sein soll?

Einerseits kann man sagen, eine Behinderung könnte bald wie ein „vermeidbares Übel“ wirken. Andererseits kann man argumentieren, dass es – trotz der beschriebenen Gratwanderung – erstrebenswert ist, von einer schweren vererbten Krankheit gekennzeichnete Kinder zu vermeiden. Wir wollen in unserer Leserfrage der Woche deshalb von Ihnen wissen: Befürworten Sie den Gentest bei Embryos?

Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab auf der NZ-Homepage unter www.nz-online.de.

Die Frage der vergangenen Woche lautete: Straßenbahnen am Rathaus vorbei? Mit Ja antworteten 41 Prozent, mit Nein 59 Prozent.