Skandale: Ist Olympia noch attraktiv?

Wenn der olympische Gedanke noch nicht tot ist, so kränkelt er zumindest chronisch. Nicht erst jetzt, wenige Tage vor Beginn der Winterspiele in Südkorea, mehren sich wieder die ablehnenden Stimmen. Olympia – ist das eigentlich etwas anderes als eine Dauerwerbesendung und ein Konjunkturprogramm für die Baubranche? Und sollte das Publikum nicht besser ins örtliche Stadttheater gehen, wenn es eine Tragikomödie über Betrug und Bestechlichkeit des Menschen sehen will?

Nach den dopingverseuchten Radrennen und der ins Zwielicht geratenen Fifa hat mittlerweile auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Ansehen schwer gelitten. Es bekommt die Doping-Probleme nicht in den Griff, im Gegenteil. Der Umgang mit betroffenen Teilnehmern aus Russland war halbherzig, jetzt hebeln auch noch Sportrichter verhängte Sperren wieder aus. Skirennfahrer Felix Neureuther tat am Wochenende in einem Interview nicht als Erster sein Unbehagen kund. Der Glanz der Medaillen verblasse, kritisiert er, weil das Programm aufgebläht und kommerziell sei. Die Athleten selbst müssten endlich protestieren.

Was gibt es überhaupt noch Gutes über Olympia zu sagen, von der Traditionswahrung abgesehen? Vielleicht dass der Sport in einer mehr denn je zerstrittenen Welt eines der letzten Instrumente für Völkerverständigung darstellen kann – gerade im Fall der beiden Koreas? Oder der Bildungsaspekt. Als Zuschauer kann man abwegige Sportarten entdecken, atemberaubende Spitzenleistungen sauberer Athleten bewundern, von denen sich zu Hause auf dem Sofa nur träumen lässt. Olympia war immer auch Unterhaltung und Emotion. (Foto: Michael Kappeler/dpa)

Isabel Lauer

Skandale: Ist Olympia noch attraktiv?

Stehen Sie nachts für Olympia auf?

Nur wer auch „live“ dabei war, konnte wirklich mitreden. Als Mike Tyson seinem ewigen Kontrahenten Evander Holyfield beim Schwergewichts-WM-Kampf aller Klassen am 28. Juni 1997 ein Stückchen vom Ohr abbiss, da hatte es sich mal wieder gelohnt gehabt. Natürlich, ein Flugticket nach Las Vegas und geschätzte 500 Dollar für das Eintrittsbillett in die MGM Garden Arena, wäre wohl auch der „Bite-Fight“, der es auf so unrühmliche Art in die Liste der zehn legendärsten Boxkämpfe schaffte, nur den am härtest gesottenen Boxfans wert gewesen. Aber für eine schlaflose Nacht vor dem heimischen TV-Gerät entschädigte das Ereignis allemal. Wer erst am nächsten Morgen aus den Nachrichten davon erfuhr, war da lediglich Gesprächspartner zweiter Klasse.
Ob Boxkampf in Vegas, Triathlon auf Hawaii oder Formel 1 in Singapur: Das globalisierte Sportgeschäft und die Zeitverschiebung verlangen dem gemeinen Fan mitunter so manche durchgemachte Nacht ab.
Auch die Olympischen Spiele waren von jeher prädestiniert dafür, sportinteressierten TV-Gebührenzahlern zu ein paar olympischen Augenringen zu verhelfen. Wem der eigene Schlaf wichtiger war, als sportgeschichtlicher Augenzeuge zu sein, der verpasste unter anderem Ole Einar Björndalens Triumph-Winterspiele von Salt Lake City 2002 oder Heike Drechslers fulminantes Gold-Comeback in Sydney vor acht Jahren.
Nach den familienfreundlichen „Anstoßzeiten“ von Turin und Athen bei den letzten Winter- und Sommerspielen kommt es ab Freitag in Peking wieder ganz dick: Für uns, die wir in der Mitteleuropäischen Zeitzone zu Hause sind, beginnen die Spiele ab 0.30 Uhr morgens. Wer zum Beispiel die Basketballvorrundenpartie der Deutschen gegen Angola sehen möchte, muss am Sonntag um 5.15 den Fernseher einschalten. Wer den Nürnberger Max Müller beim Spiel seiner deutschen Hockey-Auswahl gegen China die Daumen drücken will, muss dies am Montagfrüh um 2.30 Uhr tun.
Wir wollen daher von Ihnen wissen: Stehen Sie nachts auf, um die Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen zu gucken? Geben Sie Ihr Votum bitte ab Montag hier ab. 

Die Leserfrage der vergangenen Woche lautete: Sparen Sie am Urlaub? Mit Ja votierten 68,8 Prozent, mit Nein 32,2 Prozent. 

Sollen die Spiele in Peking boykottiert werden?

Wer glaubt, Sport hat nur mit fairen Wettkämpfen oder persönlicher Fitness etwas zu tun, kann seine Überzeugung wohl nur dann aufrecht erhalten, wenn er möglichst viele Dinge ausblendet. In der Sportbranche ist sehr viel Geld zu verdienen. Sportliche Wettkämpfe werden auch zur Verbesserung des Images von Städten und Ländern eingesetzt. Darüber hinaus sind sie ein ökonomisches Marketinginstrument, mit dem Politik gemacht wird. Länder wie Städte wollen dabei nur ihre besten Seiten propagandistisch zeigen.

Sportveranstaltungen wurden natürlich auch dazu benutzt, gesellschaftliche Botschaften unterzubringen: Legendär die von schwarzen Sportlern erhobene Faust als Unterstützung für die „Black Panther“ in den USA, ein Zeichen gegen die Rassenungleichheit. Kein Wunder, dass hinter den Kulissen viel gezogen und geschoben wird, wenn Fußball-WM oder Olympische Spiele vergeben werden. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, so stark das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit auf sich zu ziehen wie mit großen Sportwettkämpfen.
Seit den Spielen von 1936 hat der Sport jegliche politische Unschuld verloren. Die Nationalsozialisten nutzten die Olympischen Spiele zu einer Leistungsschau des „neuen Deutschland“. Stark, erfolgreich und zugleich friedlich sollte sich das Land zeigen, wenn die ganze Welt zu Gast ist. Die Rassenausgrenzung wurde für ein paar Wochen gestoppt, um die sportlich geschönte Selbstdarstellung nicht zu stören. Negative Schlagzeilen in der Weltpresse sollten verhindert werden.
Als das kommunistische Russland nach Afghanistan einmarschierte, boykottierte der Westen die Olympischen Spiele in Moskau. Es sollte gezeigt werden, dass der sportlich schöne Schein nicht aufrecht zu halten ist, wenn die Spiele in einem Land stattfinden, das Krieg führt. So hehr, wie die Motive heute klingen mögen, waren sie natürlich nicht, denn es war die Zeit des Kalten Krieges, und der von den USA dominierte Westen konnte das kommunistische Regime als Kriegstreiber gegenüber den heftig umworbenen Ländern der Dritten Welt vorführen.
Ein Boykott der Spiele hätte in diesem Jahr gute Gründe. Chinas militärische Aggression gegen das kleine Tibet wird massiv von Menschenrechtsverletzungen begleitet. Das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter beachtet China schon seit Jahren nicht mehr. Eine Absage der Teilnahme an den Olympischen Spielen, um gegen den chinesischen Imperialismus zu protestieren, wäre möglich und würde moralisch ein Zeichen setzen.

Doch zu einer Absage wird sich wohl keines der großen Länder hinreißen lassen: China ist wirtschaftlich so mächtig, dass kein Land es sich mehr leisten kann, die rote Weltmacht zu verärgern oder herauszufordern. Allenfalls am Rande der Olympischen Spiele werden hübsch verpackte Protestnoten gegen den Einmarsch in Tibet überreicht.
Natürlich kann man einwenden, was bringen solche symbolischen Protestaktionen: Die UdSSR wurde durch die Absagen der westlichen Länder bei ihren Spielen nicht geschwächt. Sie scheiterte im Afghanistan-Konflikt an ihrer militärischen Unzulänglichkeit. Müssten nicht auch die USA als ein im Irak Krieg führendes Land sportlich boykottiert werden? Darf die Türkei an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen, obwohl sie gerade eine militärische Auseinandersetzung gegen die Kurden durchgeführt hat?

Wir wollen in dieser Woche wissen: Sollen die Spiele in Peking boykottiert werden? Abstimmen können Sie wie immer auf der NZ-Homepage.