Soll Organspende zur Norm werden?

Die Zahl der Organspenden ist in Deutschland auf einen Tiefststand gesunken. Das müsste nicht so sein. Weit mehr Schwerstkranke könnten versorgt werden, und die Hoffnung liegt nahe, dass das ein Gesetz erleichtern kann: die Widerspruchslösung. Diese gilt inzwischen in den meisten Ländern Europas und schreibt vor, dass jeder Volljährige mit seinem Tod zum Organspender werden kann, außer er hat zu Lebzeiten widersprochen. Erst vor wenigen Tagen haben sich auch die Niederlande dazu entschlossen. Der Deutsche Ärztetag sprach sich schon 2010 dafür aus.

In Deutschland gilt noch die Entscheidungslösung – wer Organe spenden will, muss dies aktiv quittieren. Würde man das Verfahren umkehren, könnte man die Schweigenden bei ihrer Bequemlichkeit packen. Doch es gäbe auch eine Gefahr bei diesem Schritt. Beim sensiblen Thema Organspende sind viele Zweifler nachhaltig zu verschrecken, sobald sie einen Hauch von Zwang spüren. Das Gefühl, der eigene Körper würde automatisch der Gesellschaft übergeben, dürfte viel Ablehnung hervorrufen.

Zudem scheint der Rückgang bei den Transplantationen nicht direkt mit der Spendebereitschaft zusammenzuhängen. Immer mehr Deutsche haben jetzt einen Organspendeausweis – ein Problem liegt vielmehr in den Krankenhäusern. Kliniken kümmern sich aus Zeit- und Personalnot zu selten um die aufwändige Abwicklung der Organentnahme und übersehen so Spender. Diese Systematik zu verbessern, verspräche vielleicht mehr Erfolg als die Umstellung auf die Widerspruchslösung.

Isabel Lauer

Soll Organspende zur Norm werden?

Sind Sie noch bereit, Organe zu spenden?

Schon wieder ein Transplantations-Skandal, diesmal am Universitätsklinikum Leipzig. Erst im Juli vergangenen Jahres waren in Göttingen Manipulationen aufgeflogen, dann in München und in Regensburg. Die Fälle ähneln sich: Patientensollen kränker geschrieben worden sein, als sie waren.

Damit rutschten sie auf den Wartelisten für gespendete Nieren, Lebern, Lungen, Herzen, Dünndärme und Bauchspeicheldrüsen nach oben. Waren die Ärzte bestechlich und haben Schmiergeld angenommen oder handelten sie wegen des wirtschaftlichen Drucks, ein Transplantationszentrum rentabel zu erhalten? Allein in Deutschland gibt es 47 Zentren, die Organverpflanzungen vornehmen. Die Hintergründe der Skandale wird die Staatsanwaltschaft klären müssen.

Doch die Bevölkerung ist bereits tief verunsichert und in ihrem Vertrauen in das Organspende-System erschüttert. Das ist an Zahlen abzulesen: 2012 wurden hierzulande zehn Prozent weniger Organe gespendet.

Das meldet die Stiftung Eurotransplant, die in Europa Spenderorgane vermittelt. Sicher ist, so die Stiftung, dass die Spendenbereitschaft aufgrund der bekannt gewordenen Skandale gesunken ist.

Dabei stehen auf den Wartelisten 12000 Patienten – alles zu Tode verzweifelte Menschen, egal, ob sie um Manipulationen wussten oder nicht. Sie müssen nun alle noch länger auf ein Organ warten. Und letztendlich die Zeche zahlen.

Unsere Leserfrage lautet in dieser Woche: „Sind Sie noch bereit, Organe zu spenden?“ Geben Sie Ihr Votum bitte unter nz.de auf der linken Seite ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Rundfunkgebühren ohne Ausnahme – ist das gerecht?“ Mit Ja antworteten 36 Prozent, mit Nein 64 Prozent.

Organspende – geht die Neuerung weit genug?

Mit breiter Mehrheit hat der Bundestag die Reform der Organspende verabschiedet. Die Bürger werden künftig schriftlich aufgefordert, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Eine Pflicht zur Entscheidung wird es allerdings nach wie vor nicht geben. Laut Umfragen steht die überwiegende Mehrheit der Deutschen einer Organentnahme nach ihrem Tod grundsätzlich positiv gegenüber.

Warum aber machen dann nur so wenige „Nägel mit Köpfen“? Warum sagen so wenige Ja zu einem Organspendeausweis? Ärzte sehen ein weit verbreitetes Vertrauensdefizit gegenüber Staat, Organisationen und jenen Kollegen, die bei einer schweren, nicht heilbaren Erkrankung über eine Organentnahme zu entscheiden haben. Nachrichten über Vorteilsnahmen und direkte Korruptionen im Gesundheitswesen lassen häufig Zweifel aufkommen: „Hat mein Wohlergehen bei lebensentscheidenden Beschlüssen jederzeit den absoluten Vorrang?“

Die Angst vieler – in Deutschland wohl unbegründet – dass erfolgversprechende Therapien aufgrund von verdeckten Interessenkonflikten vorschnell beendet werden, ist nur schwer auszuräumen. Besonders dann nicht, wenn es bei dem Bedarf an Spendenorganen um viel Geld geht oder der soziale Druck hoch ist. Bislang sollen nur etwa 3,3 Prozent der Deutschen Organspendeausweise ausgefüllt haben.

((ContentAd))Demgegenüber stehen knapp 4000 Transplantationen, die jährlich durchgeführt werden. Viel zu wenige, denn allein in Deutschland warten über 12000 Menschen Jahr für Jahr auf ein geeignetes Organ – oder sind mittlerweile gestorben. Jeden Tag sind dies drei, die eine Organspende hätte retten können.

Immer wieder diskutiert: die Widerspruchslösung. Jeder Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt wird, wird automatisch zum Organspender erklärt, sofern er zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. Diese Lösung streben insbesondere die Gesundheitsminister aus Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Saarland an. Bislang ist es bei dem Streben geblieben.

Unsere Leserfrage lautet deshalb in dieser Woche: „Organspende – geht die Neuerung weit genug?“ Geben Sie Ihr Votum bitte im Voting auf NZ.de ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Gemeinsames Stadion für Club und Kleeblatt?“ Mit Ja antworteten 42 Prozent, mit Nein 58 Prozent.