Doktortitel: Geht die Jagd zu weit?

Nach der Affäre um ihre Doktorarbeit gab Bildungsministerin Annette Schavan ihren Rücktritt bekannt.

Nach der Affäre um ihre Doktorarbeit gab Bildungsministerin Annette Schavan ihren Rücktritt bekannt.

Während der wohl prominenteste Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg sagte „ich bin dann mal weg“ und über den großen Teich abgetaucht ist, reißen die Kopier-Skandale an den Universitäten nicht ab. Nun also Annette Schavan. Unsere (ehemalige) Bildungsministerin – ausgerechnet. Mit 25 Jahren hatte sie ihre Doktorarbeit geschrieben. Jetzt ist sie 57, ihren Ministersessel und, zumindest vorerst, auch ihren Doktortitel los.

Sie ist damit nicht allein, auch wenn das für sie wenig tröstlich erscheinen mag: Margarita Mathiopoulos (FDP), Karl Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Bernd Althusmann (CDU), Florian Graf (CDU) und Dieter Jasper (CDU) hatten alle in der jüngeren Vergangenheit an ihrem Doktortitel nicht mehr die reine Freude – nachdem die Doktorarbeit unter die Lupe genommen wurde.

Spätestens seit der Causa Guttenberg ist das Plagiat in der Wissenschaft ein Kernthema öffentlicher Aufregung geworden. Auf Wiki-Plattformen wie VroniPlag deckten anonyme Plagiatsjäger auf, dass erstaunlich viele Politiker und Wissenschaftler in ihren Doktorarbeiten getäuscht haben. Aber nicht jeder musste seinen Posten räumen: Der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann etwa durfte Amt und Titel behalten. Die Untersuchungskommission der Uni Potsdam kam zu dem Urteil, er habe nur „schlampig“ gearbeitet.

Viele der meist anonymen Plagiatsgegner müssen sich vorwerfen lassen, mit ihrem Aktionismus über das Ziel hinauszuschießen, jegliches Augenmaß verloren zu haben und Arbeiten als Plagiate zu bezeichnen, die gar keine seien. Einige Kritiker sprechen gar von einer „modernen Hexenjagd”.

Da stellt sich natürlich die Frage, wo das Plagiat beginnt und wo die bewusste Täuschung. Kleine „handwerkliche Fehler“ sind das eine, das andere sind mindestens 60 Prozent Fremdtext, der gar nicht oder nur oder unzureichend als solcher gekennzeichnet wurde wie im Fall zu Guttenberg, heißt: Hier wurde seitenweise schlicht abgeschrieben.

Ein Plagiat ist der Diebstahl geistigen Eigentums anderer. Ab wann ein Satz als eigener Gedanke gilt, dafür gibt es keine allgemein gültige Regel. Jeder Einzelfall muss abgewägt werden. Natürlich ist die Messlatte bei Politikern höher zu legen als beim „Otto-Normalverbraucher“. Die damals 25-jährige Studentin Annette Schavan hat, wie sie selber einräumt, handwerkliche Fehler gemacht.

Ob dies nach 32 Jahren zum Entzug des Doktortitels führen muss, könnte aber auch eine Frage des Augenmaßes sein, eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Wird hier also mit Kanonenkugeln auf Spatzen geschossen? Als Bundesbildungsministerin folgt Schavan nun Johanna Wanka nach. Plagiatsjäger haben die Messer bereits wieder gewetzt: Ihre Doktorarbeit hat Wanka über das Thema „Lösung von Kontakt- und Steuerproblemen mit potential-theoretischen Mitteln“ geschrieben und 1980 abgeschlossen…

Wir wollen von Ihnen in dieser Woche wissen: Doktortitel: Geht die Jagd zu weit?

Geben Sie Ihr Votum auf www.nz.de ab.

Vergangene Woche wollten wir von Ihnen wissen: „Sexismus: Ist die Debatte überzogen?“ Mit Ja antworteten 94 Prozent, mit Nein 6 Prozent.

Ist das E10-Benzin reine Geldschneiderei?

Allmählich wird das neue Benzin E10 auch in Nürnberg flächendeckend angeboten. Es enthält zehn Prozent Ethanol, das aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird und soll damit die Klimabilanz verbessern. E10 wird dort, wo es bereits zu haben ist, zum bisherigen Preis des herkömmlichen Super E5 verkauft. Gleichzeitig wird der Preis von Super E5 um bis zu acht Cent auf das Niveau von Super Plus angehoben – oder es wird nur noch Super Plus angeboten, um den von der Regierung vorgeschriebenen Bestandsschutz für Autos, die kein E 10 vertragen, zu erfüllen.

Wie der ADAC in einer aktuellen Online-Umfrage herausgefunden hat, wissen immer noch rund 22 Prozent der Autofahrer nicht, ob ihr Fahrzeug E10 verträgt. 70 Prozent antworteten auf die Frage, ob sie E10 tanken werden mit „Nein“.
Kritiker monieren, dass der Biosprit unterm Strich oft sogar mehr Kohlendioxid als herkömmliches Benzin erzeuge, weil der Verbrauch um geschätzte 1,5 bis zu fünf Prozent steige. „Was die Umweltbilanz betrifft, ist E10 eine Mogelpackung und ein Fall von Verbrauchertäuschung“, sagt der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Mit der Erhöhung des Ethanolanteils auf zehn Prozent rechnet der BUND mit einem jährlichen Bedarf von insgesamt rund fünf Millionen Tonnen Getreide, Zuckerrüben und Mais für E10. Lebensmittel in Autotanks – auch ethische Bedenken werden gegen E10 ins Feld geführt. Wir wollen in unserer Leserfrage diesmal von Ihnen wissen: „E10 Benzin – reine Geldschneiderei?“ Geben Sie Ihr Votum bitte entweder unter den in der Grafik abgedruckten Rufnummern oder hier ab.

Die Frage der vergangenen Woche lautete: „Sollte Guttenberg zurücktreten?“ Mit Ja antworteten 30 Prozent, mit Nein 70 Prozent (die Unterschiede zum Online-Voting, wo ca. 52 Prozent für einen Rücktritt Guttenbergs votieren, resultieren aus dem der im Gesamtergebnis mitberücksichtigten Abstimmung über Telefon, dort waren mehr als 1000 Anrufer gegen einen Rücktritt und nur knapp 100 dafür).

Soll Guttenberg zurücktreten?

Populären Politikern wird ein hohes Maß an Aufrichtigkeit und Authentizität zugeschrieben. Das schließt natürlich Raffinesse und rhetorisches Geschick bei der Selbstdarstellung nicht aus. Karl-Theodor zu Guttenberg, der in den vergangenen Jahren sehr viel Zuspruch von den Wählern erfahren hat, punktete vor allem stilistisch: In der Regel formulierte er ohne die in der Politik üblichen Blähworte zu verwenden. Seine direkte und sprachlich gewandte Art schien deutlich zu machen, dass hier ein Politiker steht, der ohne Umschweife und Taktieren Probleme anpackt und der auch nichts zu verbergen hat. Einem Politiker dieser Art treffen Plagiatsvorwürfe ins Mark, denn das aufgebaute Image des ehrlichen Machers hat Schaden gelitten.

Das Desaster mit der Doktorarbeit geht über ein paar fehlende Fußnoten oder übersehene An- und Abführungszeichen weit hinaus. Hier hat sich jemand mit fremden argumentativen Federn geschmückt. Sollte von Guttenberg in seinen künftigen Reden, moralisch ernst zu nehmende Dinge fordern, dann dürfte er es schwer haben, die Aufmerksamkeit der Zuhörer in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken.
Auf der anderen Seite wird es natürlich viele Wählerinnen und Wähler geben, die das falsche Zitieren als lässliche Sünde sehen. Einer schreibt vom anderen ab, im Zeitalter des Internets wird das Plagiat nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel. Hauptsache von Guttenberg macht seine Arbeit als Verteidungsminister gut. Wir wollen in unserer Leserfrage diesmal von Ihnen wissen: „Sollte Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktreten?“ Geben Sie Ihr Votum bitte auf unserer Webseite www.nz.de ab.

Die Frage der vergangenen Woche lautete: „Lena – zum Scheitern verurteilt?“ Mit Ja antworteten 43 Prozent, mit Nein 57 Prozent. fis