Auch erwachsene Eisbären sind schön!

VeraHallo Flocke,

in meinem ersten Brief muss ich Dich gleich mal vor Zukunftsängsten oder gar einer vorgezogenen Midlife-Crisis bewahren. Immerhin wird in den Debatten über Dich – so auch in einer Diskussion, die kürzlich unter dem Titel „Rummel um Flocke – Tierliebe oder Medienhysterie“ stattfand – permanent erzählt, dass Du in ein paar Monaten all Deinen Reiz verlierst, wenn Du erstmal ausgewachsen bist. Aus Deinem berühmten Berliner Artgenossen Knut sei mittlerweile ein „fieses Raubtier“ geworden, stand neulich sogar irgendwo zu lesen. Flocke, lass Dich von solchen Argumenten nicht verunsichern. Eisbären, und das wird in den Diskussionen um die niedlichen Babys vielleicht ein wenig vernachlässigt, sind auch im ausgewachsenen Zustand  schöne Tiere. Und irgendwie drollig sind sie ja auch…. Zum Beweis habe ich Dir ein Bild von Deiner Mama Vera eingeklinkt, das unser Fotograf Harald Sippel im Januar im Tiergarten gemacht hat. (Du warst zu diesem Zeitpunkt noch in der Höhle und hast vermutlich gerade mal wieder ein Nickerchen eingelegt.) Dass Deine Pfleger Dich vermutlich nicht mehr ganz so risikofrei knuddeln können wie derzeit, wenn Du mal so groß wie Vera bist, ist freilich eine andere Frage…

Doch es gibt noch ein weiteres Argument, das miesepetrig gegen die derzeitige Eisbären-Euphorie verwendet wird: Das der Vermenschlichung. Freilich treibt der Flocke-Rummel kuriose Blüten, zum Beispiel, wenn in einschlägigen bunten Blättern über Deine Hochzeit mit Knut spekuliert wird. Und dass Ute und ich Dir Briefe schreiben, spielt wahrscheinlich den skeptischen Mahnern ebenfalls in die Hände… Gleichwohl scheint mir das permanente Warnen vor dem „Vermenschlichen“ auch ein Totschlagargument zu sein, mit dem Tierliebe per se diskreditiert und künstlich Distanz zwischen Mensch und Tier geschaffen werden soll. Der Psychoanalytiker Jörg Wiesse meinte jedenfalls bei der besagten Debatte über die Medienhysterie, dass er nichts Schlimmes dabei finden könne, wenn Menschen versuchen, ihre eigenen Emotionen in den Tieren wiederzufinden. Später sagte mir Wiesse, dass er die „Vertierung“ von Menschen für viel schlimmer halte  – etwa, wenn gesellschaftliche Minderheiten in rechter Propaganda als „Ungeziefer“ verunglimpft werden. Und außerdem: Im Fernsehen, Flocke, sieht man Dich meist fressen, schlafen und inzwischen auch ein bisschen randalieren. Insofern bist Du uns Zweibeinern doch ganz nah…

In diesem Sinne die besten Grüße, Marco