Alles Gute zum Geburtstag, Flocke!

suess.JPGHeute wird die berühmte Nürnberger Eisbärin Flocke ein Jahr alt. Der Tiergarten feiert diesen Geburtstag nicht, weil man das bei Tieren nicht für angemessen hält.  „Wir machen auch keine Veranstaltung, wenn andere Tierbabys wie Nashörner oder Giraffen ein Jahr alt werden“, sagt der stellvertretende Tiergartendirektor Helmut Mägdefrau.

Aus der Sicht der Zooverantwortlichen finde ich diese Haltung völlig richtig. Ein Rummel wie bei den Geburtstagen von Knut in Berlin geht komplett am Auftrag eines Zoologischen Gartens vorbei.

Aber nachdem ich beruflich Flocke während ihres ersten Lebensjahres doch sehr intensiv begleitet habe, möchte ich ihr doch einen Geburtstagsbrief schreiben.   

Liebe Flocke!

Als du vor einem Jahr geboren wurdest, da haben wir dich noch gar nicht gleich zu Gesicht bekommen. Denn deine Mama Vera hatte dich ja in der Wurfhöhle ihres Geheges zur Welt gebracht, geschützt vor der Öffentlichkeit.
Vier Wochen später, am 8. Januar 2008, überstürzten sich dann die Ereignisse. Deine Mama war plötzlich ganz durcheinander, packte dich und trug dich aus der sicheren Höhle nach draußen. Vor den Augen von entsetzten Tiergartenbesuchern hat sie dich immer wieder auf den Sandsteinboden im Gehege fallen lassen. Viele Leute dachten,
das würdest du nicht überleben. Aus Sorge um dein Leben haben die Verantwortlichen im Tiergarten entschieden, dich deiner Mama wegzunehmen und von Menschenhand aufziehen zu lassen.
In den nächsten Wochen haben vier Tierpfleger die Rolle der Ersatzmutter bei dir übernommen. Rund um die Uhr haben sie sich um dich gekümmert, dir das Fläschchen gegeben, dich mit Streicheleinheiten verwöhnt, gebürstet und sauber gemacht. Plötzlich blickte die Welt nach Nürnberg, auf ein kleines hilfloses Eisbärenbaby. Du hast eine eigene Seite im Internet bekommen, auf der die neuesten Fotos von dir zu sehen waren. Über vier Millionen mal ist die Seite aufgerufen worden. Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg hat mit einigen anderen wichtigen Leuten zusammen beschlossen, dass du auf den Namen Flocke getauft werden sollst.
Jeden Tag gab es Pressekonferenzen, auf denen verkündet wurde, wie viel du getrunken hast, ob deine Verdauung auch gut klappt, ob du gesund bist, wie viel Gramm du schon zugelegt hast. Journalisten aus aller Herren Länder haben über dich berichtet. Plötzlich warst du kein winziges weißes Fellbündel mehr, sondern „Flocke Superstar“.
Und du bist gewachsen und gewachsen. Hast gelernt, selbst auf dem Boden herumzurutschen, dich erst auf deine Vorderpfoten hochzustemmen und schließlich auf allen Vieren fortzubewegen. Du hast mit den vielen Spielsachen gespielt, die dir Fans als Geschenk geschickt haben. Allmählich hast du dich zu einem richtigen kleinen Bären entwickelt, und langsam wurde dir deine Kinderstube zu klein.
Es war an der Zeit, dich ans Freie zu gewöhnen. Du hast erste Schritte an der frischen Luft unternommen. Deine Pfleger haben dir ein kleines Planschbecken hingestellt, damit du siehst, dass du keine Angst vor dem Wasser haben musst. Hattest du sowieso nicht, ganz im Gegenteil. Du hast deinen Ersatzeltern gezeigt, dass du dich auch in tieferes Wasser vorwagst, weil du eben ein Eisbär bist.
Und dann, am 8. April, war dein großer Tag da: Du durftest in dein eigenes Freigehege einziehen. Wieder kamen Hunderte von Journalisten. Die Bilder, wie du noch ein wenig unsicher an der Seite deiner Pflegerin durchs Gras tappst, gingen um die Welt. In den nächsten Wochen haben dich viele Menschen besucht, sie wollten dich endlich in Wirklichkeit erleben, nicht nur im Fernsehen. Das war manchmal ziemlich anstrengend für dich und vor allem für deine Pfleger. Denn die Besucher erhofften sich immer, Fotos und Filmaufnahmen von euch „voll in action“ zu bekommen. Sie haben oft nicht begriffen, dass ein Tiergarten kein Zirkus ist und weder du noch die Pfleger Kunststücke zu zeigen brauchen.
Mit der Zeit kamen deine Ersatzeltern auch seltener mit dir zusammen ins Gehege. Denn du wurdest immer größer und kräftiger. Auch wenn du es selbst vielleicht nicht wolltest, hättest du schnell gefährlich für die Pfleger werden können, die dich aufgezogen haben. So musstest du dich langsam daran gewöhnen, ohne deine Menschen auszukommen. Das war für dich und sie nicht leicht.
Inzwischen bist du ein selbstbewusster Eisbär-Teenie und tobst allein durch deine Anlage. Immer noch besuchen dich viele Leute. Aber der ganz große Star wie als Baby bist du nicht mehr. Respekt, wie du das wegsteckst! Sicher wirst du auch locker-flockig damit fertig, dass du jetzt ein kleines Geschwisterchen hast.
Lass’ dich nicht unterkriegen. Wir wünschen dir, dass du eines Tages so eine kräftige Eisbärin wirst wie deine Mama, dass du dann auch einen so netten Eisbärenmann kennenlernen darfst wie sie – und dass du schließlich irgendwann selbst Mama von kleinen Eisbären wirst, die du selbst aufziehst.
Alles Gute zum Geburtstag!

3 Kommentare in “Alles Gute zum Geburtstag, Flocke!

  1. Hoffentlich haben die Pfleger unserer Flocke den schönen Geburtstagsbrief vorgelesen! Flocke ist wirklich ein super Bär geworden und wenn sie auch nicht mehr so viel Besucher hat wie früher, hat sie sehr viel treue Fans. Manche kommen täglich, wie ich bei meinem Besuch vor drei Wochen feststellen konnte. Vor dem Gehege entwickeln sich dann interessante Gespräche, unter den Fans und mit Flocke, und Flockes „Auftreten“ wird kommentiert.
    Danke für die NZ-Sonderseite mit den wunderschönen Fotos.

  2. Das ist ja wirklich ein wunderschöner und unserer Flocke würdiger Geburtstagsbrief. Ich bin sicher, es gibt noch viele Flocke-Freunde, die sich täglich an diesem lieben und charmanten Bärchen erfreuen. Ich bin froh, dass Flocke lernt, sich als Eisbär zu identifizieren und der TG alles daransetzt, eine Vermenschlichung zu vermeiden. Das ist für uns Flocke-Fans oft nur schwer nachzuvollziehen, aber sicherlich richtig. Keiner würde sich darüber freuen, wenn aus diesem Prachtbärchen eine Zirkusnummer gemacht würde.
    Die Eratzeltern haben große Arbeit geleistet, der TG die richtigen Expertenentscheidungen getroffen. Vielen Dank dafür.
    Ganz herzliche Grüße aus München

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