Streit um Wildfütterung

170111MAW106In den bayerischen Staatsforsten ist ein Streit entbrannt um ein Thema, das man auf den ersten Blick für völlig harmlos halten würde: die Wildfütterung.

Um folgendes geht es: Vor allem in den Alpen erschwert der viele Schnee im Winter dem Reh-, Dam- und Rotwild die natürliche Äsung. Die von Förstern und Jägern angebotene Wildfütterung soll den Tieren helfen, über den Winter zu kommen.

Dieser Ansicht sind zumindest die Jägerverbände. Ihre Argumentation: Wenn das Wild im Winter nichts zugefüttert bekommt, sind die Tiere so hungrig, dass der Wald darunter leidet. Es komme dann nämlich zum Wild-Verbiss.

Ganz anderer Meinung ist man beim Bund Naturschutz. Dort hält man die Wildfütterung weitgehend für überflüssig, wenn nicht sogar für kontraproduktiv. Sie würde dem Wald unter Umständen mehr schaden als nützen: Das Zusatzfutter führe nämlich dazu, dass sich das Wild stärker vermehrt – und dadurch gebe es dann noch mehr Verbiss.

Die bayerischen Staatsforsten fühlen sich dem Motto „Wald vor Wild“ verpflichtet. Sie möchten mit möglichst wenig Eingriffen in das Ökosystem Wald zurechtkommen – und zwar so profitabel wie möglich. Bei manchen Rotwildrudeln in den Bergen hält man die Fütterung für überlebensnotwendig. Dagegen komme Rehwild im Winter normalerweise auch ohne Fütterung durch den Menschen aus. Beim Rehwild müsse man den Bestand zum Schutz des Waldes sowieso eher eindämmen.

10 Kommentare in “Streit um Wildfütterung

  1. Das „Motto“ „Wald vor Wild“ ist kein einfaches Motto das sich eine Anstalt des öffentlichen Rechts auf die Fahnen geschrieben hat, sondern ist ein Grundsatz den der Gesetzgeber in das Bayerische Waldgesetz Artikel 1 Absatz 2 Nr. 2 geschrieben hat.

    Und diesem Motto das ein gesetzlicher Grundsatz ist haben sich alle verpflichtet zu fühlen.

    • Ich bin sowohl Jäger wie auch Waldbesitzer. Artikel 1 Absatz 2 Bay. Waldgesetz verpflichtet weder mich noch irgend jemand anderes zu irgend etwas.

      Ablenkfütterungen sind gute jagdliche Praxis zum Schutz der Flur und somit nicht nur völlig legal sondern bringen auch gute Ergebnisse, wenn man sie einigermaßen sachgerecht anwendet.

  2. Man darf hier nicht alles in einen Topf werfen:

    1. „sich verpflichtet fühlen“ ist nicht gleich „verpflichtet sein“. Nichtsdestotrotz ist jeder in Bayern dazu verpflichtet diesen gesetzlichen Grundsatz in seinem Tun und Handeln zu beachten. Nur weil es kein „greifbares“ Verbot wie „Es ist verboten

    2. „Wildfütterung in der Notzeit“ ist nicht gleich „Ablenkfütterung“. Und die hier thematisierte Wildfütterung in der Notzeit ist zwar flächig jagdliche Praxis und legal, jedoch durch zahlreiche wildbiologische Untersuchungen belegbar als kontraproduktiv zu bezeichnen. Nicht nur hinsichtlich „Wald vor Wild“ sondern auch aus Tierschutzgründen.

  3. @ Tysker

    Die hier dargestellten Fütterungen im Alpengebiet sind eindeutig Ablenkfütterungen. Das Wild könnte ja im Bergwald die Jungbäume fressen, deshalb besteht ja meist noch keine Notzeit. Damit wäre aber die Schutzfunktion des Bergwalds gefährdet.

    Die Jäger sind im übrigen dazu verpflichtet in den sog. Notzeiten Wildfütterungen durchzuführen (Art 43 BayJagdG). Das ist eine konkrete Verpflichtung im Gegensatz zu der Leerphrase des „Wald vor Wild“ die niemanden zu irgend etwas verpflichtet. Der Jagdausübungsberechtigte handelt rechtswidrig wenn er nicht füttert. Das ist ja absurd wie Sie hier etwas von nicht bestehenden rechtlichen Verpflichtungen fasseln, dann aber von den Jägern eindeutig rechtswidriges Verhalten einfordern.

  4. Mit Verlaub, aber Sie bringen die Diskussion auf ein wenig sachliches Niveau.
    Daran krankt leider jegliche Kommunikation zwischen Forst/Naturschutz und Jäger, eine der beiden Parteien kann sich seiner Emotionen nicht mehr erwehren und wird unsachlich.
    Leerphrase Wald vor Wild, faseln, ich würde rechtswidriges Verhalten einfordern…

    Tut mir leid, das ist keine Grundlage für eine Diskussion.

    Zum Abschluss noch ein paar Denkanstöße für diejenigen Mitleser die sich die Mühe machen aufmerksam zu lesen:

    – Wie konkret ist die Verpflichtung zur Fütterung in der Notzeit? Wo ist der Terminus „Notzeit“ definiert?

    – Eine weitere „Leerphrase“: Was ist Waidgerechtigkeit?

    – Sollte es der Jägerschaft nicht zu denken geben, wenn ihr Argument für die Fütterung die hilfsbedürftigen Tiere sind, Naturschutz und sämtliche Wildbiologen sich aber gegen die Fütterung aussprechen?

    – Wo steht in irgendeinem Gesetz, dass in der Notzeit nur Hochwild und Rehwild gefüttert werden muss? Welcher gesetzestreue Waidmann füttert Fuchs, Marder und Co.? Leiden nicht auch die in der Notzeit?

    – Wie ernst nimmt die Jägerschaft das Verbot der missbräuchlichen Fütterung außerhalb der Notzeit?

  5. @ Tysker

    Ihre Fragen beweisen nur ihre Unkenntnis der Materie. Die sog. Notzeiten sind je nach Bundesland entweder kalendarisch festgelegt oder qualitativ durch die Aussage, dass „Wild ständig nicht in der Lage ist natürliche Äsung zu finden“. Für Fuchs, Marder und Co gibt es genügend Nahrung im Winter, alleine schon durch das Aas das im Winter anfällt, die muß keiner füttern. Der Begriff der Waidgerechtigkeit wird durch Hunderte konkreter Handlungsanweisungen ausgefüllt, die gesetzlich normiert sind oder traditionel seit jeher praktiziert werden. Und Fütterungen außerhalb Notzeiten, die keinen sonstigen anerkannten Zweck erfüllen sind rechtswidrig und werden schon alleine deshalb von der Jägerschaft abgelehnt.

    Im übrigen ist das Einvernehmen und die Kommunikation zwischen Jägern, Waldeigentümern und Wissenschaft hervorragend. Was es nur gar nicht braucht sind irgendwelche selbsternannten Naturschützer die frei von irgendwelchen Kenntnissen und Erfahrungen sich selbstherrlich und besserwisserisch in die Materie einmischen.

    • @Wolferl,

      Schön, dass Sie einen sachlicheren Ton anschlagen.
      Falls Ihr letzter Satz auf mich gemünzt war: Ein Urteil über mich, meine Kenntnisse und Erfahrungen können Sie sich nun wirklich nicht erlauben und persönliche Angriffe, wenn inzwischen auch „durch die Blume“, helfen der Diskussion in der Sache wirklich nicht weiter.

      Es stimmt, dass andere Bundesländer die Notzeit nach dem Kalender definieren, wobei man sich wohl einig ist, dass das den Begriff Notzeit ad absurdum führt.
      Und ja, in Bayern gibt es den Jagdgesetzkommentar von Leonhardt zu §19 BjagdG „Notzeit gegeben, wenn die Wildpopulation eines Raumes in ihrer Existenz bedroht ist und durchschnittlich konditionierte Tiere zum Überleben auf künstliche Futterquellen angewiesen sind.“. Aber inwiefern bringt einen das weiter? Der Jagdausübungsberechtigte vor Ort entscheidet. Ich als Jagdausübungsberechtigter maße es mir nicht an „gefühlsmäßig“ korrekt beurteilen zu können ob die Umweltkapazität im Revier zu einem bestimmten Zeitpunkt noch ausreichend ist; ob „Otto-Normal-Reh“ nicht mehr ohne Fütterung überleben kann. Aber ich bin mir sehr sicher, dass bei unterlassener Fütterung beispielsweise die Rehwildpopulation auch in strengen Wintern nicht in ihrer Existenz bedroht ist. Ich kenne genügend Reviere die sonst inzwischen völlig wildleer sein müssten.

      Aber das Ende vom Lied ist, dass fütterungswillige (bis -wütige) Jäger füttern was Zeit und Geld hergeben weil sie für sich festlegen, dass Notzeit ist und gleichzeitig dem Staatsforst vorwerfen, dass er nicht füttert. Kann der Staatsforst nicht auch „für sich“ definieren wann die Grenze in seinen Revieren erreicht ist wo die Existenz einer Wildpopulation bedroht ist?
      Parallel rufen ja auch die unteren Jagdbehörden regelmäßig auf Landkreisebene Notzeiten aus. Wäre eventuell eine mehr oder minder praktikable Lösung wenn die Entscheidungsgewalt über „Notzeit ja oder nein“ bei der unteren Jagdbehörde liegen würde die dann revierweise Entscheidungen treffen müsste. Diese „offiziellen Notzeiten“ müssen dann aber auch wieder widerrufen werden und eine fortgeführte Fütterung als missbräuchliche Fütterung geahndet werden.

      Es besteht hoffentlich Einigkeit, dass momentan im Wald keine Notzeit besteht, oder?
      Wenn man offenen Auges durch den Wald geht sieht man, dass auch jetzt noch die Fütterungen beschickt werden. Schön wenn Sie in Ihrer Umgebung verantwortungsvolle Jäger vorfinden die ihre Fütterungen auf die „Notzeit“ beschränken, aber auf der Fläche ist das leider nicht der Fall.

      Interessant, dass Sie wissen oder festlegen, dass generell und zu keinem Zeitpunkt Notzeit für andere Wildarten als Hochwild und Rehwild besteht. Ich will nicht bestreiten, dass es unnötig ist Fuchs, Marder und Co. zu füttern, allerdings ist die Fütterung von Gams- und Steinwild in Bayern auch jetzt anscheinend nicht notwendig und noch mehr verwundert, dass in Südtirol und einigen Kantonen der Schweiz beispielsweise die Wildfütterung generell untersagt ist. Auch in Skandinavien kommt das Rehwild ohne Fütterung aus. Ist das in Ihren Augen keine Diskrepanz?

      „Hervorragend“ ist eine mehr als euphemistische Zustandsbeschreibung der Beziehung Jäger-Wissenschaft-Waldbesitzer. Wie zuvor bereits: Erfreulich wenn es in ihrem Umkreis gut zu funktionieren scheint, aber es ist die Ausnahme. Ich weiß nicht wo ich mit Gegenbeispielen anfangen soll. Frühjahr 2010 der jagdliche Flächenbrand zwischen „Jägerschaft“ und Forst, die ständigen Angriffe auf das Forstliche Gutachten zur Situation der Waldverjüngung, die erfreuliche Tendenz der Jagdgenossenschaften von der Verpachtung zur Eigenbewirtschaftung zu wechseln, usw. usf.

      Noch ein greifbares und aktuelles Beispiel, zitiert aus dem Artikel „“Freiheit für den Rothirsch“ – Forderungen der Jagdlobby sind Angriff auf Grundbesitz“ von der Homepage des Bayerischen Waldbesitzerberbandes vom 14.12.2010:
      „Bayerns Waldbesitzer wehren sich vehement gegen die Forderungen nach einer Aufhebung der Rotwildgebiete in Bayern. „Diese Art von Wildtierromantik bringt unsere Wälder ernsthaft in Gefahr“, ärgert sich Sepp Spann, Präsident des Bayerischen Waldbesitzerverbandes.
      Die Aktion des BJV „Freiheit für den Rothirsch“  geht völlig an den Grundeigentümern vorbei und stößt auf das Unverständnis der Bayerischen Waldbesitzer. In Deutschland ist das Jagdrecht an Grund und Boden gebunden. Mit seiner Aktion distanziert sich der BJV von den Jagdrechtinhabern und damit von den Waldbesitzern.“
      Es ist empfehlenswert den ganzen Artikel nachzulesen.
      Oder unterhalten Sie sich mit Waldbesitzervereinigungen, der WBV Holzkirchen beispielsweise, über Kommunikation und Einvernehmen mit der Jägerschaft. Man wird ihnen ein Verhältnis weit weg von „hervorragend“ bescheinigen.

      Was Sie mit ihrem provokanten Schluss korrekt andeuten: Die (traditionelle) Jägerschaft weigert sich, den Naturschutz als gleichberechtigten Gesprächspartner (wieder) anzuerkennen weil er ihren Interessen widerspricht. Bitte stellen Sie jetzt nicht die Behauptung auf, das Einvernehmen zwischen Naturschutz und Jagd sei ebenfalls „hervorragend“.

  6. @ tysker

    Und wieder werden die Jäger als fütterungswütige Idioten beschimpft. Die Zeiten als teilweise monatelang tonnenweise Futter in die Reviere gekart wurde sind jahrzehntelang vorbei. Wo irgendwelche Altjäger heute noch meinen das machen zu müssen kriegen sie sofort Ärger mit Waldbesitzern, Bauern und auch anderen Jägern. Das Problem der Jäger ist heute der Wildschaden der meist vertraglich von den Jägern zu zahlen ist. Kein normal denkender Revierinhaber wird heute sinnlos teures Geld für Wildfutter investieren um dann anschließend für noch teureres Geld Wildschäden beseitigen zu müssen. Die zwei üblen Standartbeschimpfungen der Jäger von Naturschützerseite: entweder schießwütiger Bambikiller oder, neuerdings, pathologischer Wildtierfütterer.

    Private Jäger haben eine intensive Jagdausbildung hinter sich in der sie auch seit Jahrzehnten in Wald- und Landbau sowie Naturschutz geschult sind. Staatliche Revierförster haben sogar meist ein entsprechendes Hochschulstudium absolviert. Beide haben meist Jahrzehnte Erfahrung in ihrem Revier gesammelt und wissen wie kein anderer über die Verhältnisse vor Ort Bescheid. Wer wenn nicht sie soll also entscheiden ob eine punktuelle Fütterung im Einzelfall Verbißschäden an Jungbäumen verringert und so eine Naturverjüngung des Walds ermöglicht? Jedenfalls nicht selbsternannte Naturschützer die oft einen Hasen nicht von einem Karnickel unterscheiden können.

  7. Ich habe niemanden als Idioten beschimpft. Die Fütterungswütigen gibt es de facto auch immer noch. Klar hat sich einiges getan und verglichen mit den Futtermengen welche die Altvorderen noch ausbrachten ist es im Schnitt weniger geworden. Was ich sagen wollte und will: Mit dem jetzigen rechtlichen Rahmen kann jeder Jagdausübungsberechtigte, bzw. Revierinhaber „für sich“ entscheiden, dass Notzeit ist und er nach Lust und Laune füttern darf.
    Das Druckmittel Wildschadensersatz funktioniert schon gut bis zu gut bei Schwarzwildschäden in der Landwirtschaft. Bei Schäden an der Verjüngung im Wald ist es noch (zu) selten, dass in den Pachtverträgen brauchbare Vereinbarungen festgeschrieben sind.
    Über den „normal denkenden“, sprich verantwortungsbewussten Jäger der die Jagd als ökologisches Handwerk ausübt und dabei auch Rücksicht auf die berechtigten Interessen anderer (Waldbesitzer, Landwirte, Gesellschaft, usw.) nimmt müssen wir nicht reden. Wäre er die überwiegende Mehrheit der aktiven Jäger wäre es sehr ruhig um die Jagd.

    Der Vorwurf des „schießwütigen Bambikillers“ kommt von Seiten der (militanten) Tierschützer, nicht der Naturschützer. Da lohnt es sich zu differenzieren. Mit Tierschützern, welche die Jagd per se aus emotionalen Gründen ablehnen und auch nur auf dieser Ebene „argumentieren“, kann man sich die Diskussion sparen.
    Der, meiner Ansicht nach berechtigten, Kritik an der Wildfütterung seitens des Naturschützer und Förster sollte sich die Jägerschaft aber offen und unvoreingenommen stellen.

    Denn ist es eben genau der Punkt, dass es vielleicht nicht jeder Jagdausübungsberechtigte umfassend einschätzen kann ob, wann, was in welchen Mengen gefüttert werden sollte.
    Die Thematik Fütterung ist wie viele andere jagdliche Themen sehr komplex und wird in der Praxis eben häufig nicht nach Faktenlage behandelt sondern emotional. Wie sonst könnte es sein, dass benachbarte private Jäger und jagende Förster um 180° unterschiedlich füttern wenn beide alles haben was es braucht um eine „richtige“ Entscheidung zu treffen, nämlich das Wissen und die Erfahrung?

    Ich als einer dieser Förster die ein Hochschulstudium hinter sich haben bin der Meinung, dass eine offene sachliche Diskussion mit allen Beteiligten nur förderlich sein kann. Da schließe ich die Naturschutzverbände mit ein. Wir Jäger und Förster haben die Weisheit nicht gepachtet, was allein schon durch die Differenzen zwischen Forst und Jagd offensichtlich wird. Warum sind sich insbesondere die Jäger so sicher, dass von Seiten des Naturschutzes kein bereichernder „Input“ kommen kann?

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