Ein beherzter Sprung und die Folgen

Das war keine schlechte Nummer, die Gepard Turbo da im Tiergarten Nürnberg geboten hat: Der Gepard brach aus seinem Gehege aus und sprang auf ein Shetlandpony los, das routinemäßig mit einer Gruppe von Ponys und der zuständigen Tierpflegerin am Gehege vorbeispazierte. Doch das Pony – die vier Jahre alte Graciella – wehrte sich, versetzte der geschmeidigen Raubkatze Tritte mit den Hufen und schlug es in die Flucht. Gepard Turbo verkroch sich in einem Gebüsch  und verharrte dort, bis er von der Zootierärztin mit einem Narkosegewehr außer Gefecht gesetzt wurde.

An dem eiskalten Tag waren nur wenige Besucher so weit hinten in dem weitläufigen Zoogelände unterwegs. Die Zooleitung betont, dass diese Menschen zu keinem Zeitpunkt wirklich in Gefahr waren, auch weil innerhalb von wenigen Minuten Mitarbeiter des Tiergartens zur Stelle waren. Außerdem hatte das Pony bereits ganze Arbeit geleistet und den Kampf gegen den Geparden gewonnen. Turbo trug immerhin Hämatome davon, von denen er sich noch immer erholen muss. Währenddessen stolziert Graciella schon wieder an der Seite ihrer Pflegerin durch den Kinderzoo, hinkt zwar noch ein wenig, hat aber sonst nur einige Kratzer abbekommen und scheint zu wissen, dass sie die Oberhand behalten hat.

Nun wurde Kritik laut, der Tiergarten sei nicht sicher. Turbo hatte die 2,70 Meter hohe Sandsteinmauer an der niedrigsten Stelle überwunden. Die Mauer ist größtenteils 3,10 Meter hoch, vorgeschrieben ist eine zwei Meter hohe Einfriedung mit Überhang. Mit seinem beherzten Sprung hat Turbo auch den Elektrozaun hinter sich gelassen. Ein Adrenalinschub hat ihm wohl diese Kräfte verliehen, denn der Jagdtrieb hatte Turbo gepackt, als er die Silhouette des Ponys und seinen Geruch wahrnahm.

Heute lag Turbo im Stall und leckte im wahrsten Sinne des Wortes seine Wunden. Die ganze Aufregung um seinen Jagdausflug hat ihm offensichtlich zugesetzt. Uns Menschen aber hat der Vorfall wieder mal gezeigt, dass Zootiere keine Streicheltiere sind. Die Mauer um das Gepardengehege soll nun noch etwas höher und eventuell mit einem Überhang-Gitter ausgestattet werden. Das sieht zwar für die Tiergartenbesucher nicht so gut aus – aber Sicherheit geht vor.

Tiergartendirektor Dag Encke hat außerdem aus der Sache gelernt, dass er die Öffentlichkeit früher über solche Vorfälle informieren sollte, auch wenn für ihn das Ganze zunächst unspektakulär aussah und kein Besucher zu Schaden kam. Er hatte keine Sekunde lang geglaubt, der Vorfall könnte für die Medien interessant sein. Er musste sich eines Besseren belehren lassen, als ihm nach Publikwerden der Geschichte Fernsehsender und Journalisten die Bude einrannten.

 

9 Kommentare in “Ein beherzter Sprung und die Folgen

  1. Für spektakuläre Nachrichten aus der Tierwelt ist das Publikum immer zu haben … So auch in diesem Fall. Da wird sofort wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht, als ob Geparden-Ausbrüche im Zoo an der Tagesordnung wären. Da, wo Tiere (und Menschen) sind, bestehen automatisch Gefahren – sei es auf der Hundewiese, im Auto bei einem Wildunfall, zu Hause, wenn ein Besucher von der Katze gebissen wird und dann wegen einer Blutvergiftung ins KH muss.
    Allerdings müsste Herr Encke langsam wissen, wie das sensationshungrige Volk tickt und nur auf solche Ereignisse zu warten scheint. Wird dann nicht gleich berichtet, werden Vertuschung u. Ä. gemutmaßt.
    Darüber, dass der Tiergarten heute wegen Blitzeis erst später öffnet und dies auch auf seiner Website kundtut, wird die Presse nicht berichten und wird auch keinen besorgten Zoobesucher, der sich vor gefährlichen frei laufenden Raubtieren ängstigt, interessieren, obwohl diese Maßnahme zur wahren Gefahrenreduzierung beiträgt …

    • @Susanne, das soll wohl ein Scherz sein – den Ausbruch eines Geparden mit dem Biss einer Hauskatze zu vergleichen!

      Eben gerade WEIL der Ausbruch eines Geparden nicht an der Tagesordnung ist und auch nicht sein sollte, besteht der Anspruch der Öffentlichkeit auf Information.

      Das gilt auch für den Beitrag von Frau Wolf!
      Was meinen Sie denn, was Ihre Pflicht als Journalistin ist?
      Mit dem Tiergartendirektor zu kuscheln, oder die Menschen zu informieren?
      Unglaublich!
      In einem gebe ich Ihnen Recht: „Zootiere sind keine Streicheltiere!
      Es sind „arme Schweine“. Und ganz offensichtlich hat es dem Tier, das normalerweise in der Weite der Wildnis zu Hause ist, in dem kleinen Gehege nicht gefallen.

        • @Paul Hänseler,
          mal ehrlich: mehr fällt Ihnen nicht ein?
          Wie wäre es mit konstruktiver Kritik?

      • @Theo,
        warum soll das ein Scherz sein? Ich kenne Leute, die wegen eines Kratzers ihres Stubentigers mit Blutvergiftung im Krankenhaus lagen. Ich kenne niemanden, der jemals von einem Geparden angefallen wurde. Auch nicht in der Literatur. Welche Gefahr soll von einem durch das Pony eingeschüchterten Geparden ausgehen? Ich schätze die Gefahr, die durch einen Geparden ausgeht, wesentlich geringer ein als die eines Schäferhundes, Dobermanns oder Rottweilers.

        • @slides-only, wie gut, dass wir beide niemanden kennen, der von einem Geparden angefallen wurde. So wird es hoffentlich auch bleiben. Wie gut auch, dass der Jagdinstinkt, von dem der Tiergarten spricht, durch das Pony ausgelöst wurde und nicht durch ein Kind.
          Und wie gut, dass anscheinend alle genau wissen, wie gefährlich, bzw. ungefährlich ein Raubtier ist, deshalb wird nun auch der Käfig verstärkt.
          Selbstverständlich können auch freilaufende Hunde gefährlich sein, aber das war hier nicht das Thema.
          Im übrigen bin ich der Meinung, das Wildtiere grundsätzlich besser in ihrer ursprünglichen Heimat aufgehoben sind.

  2. Wenn ich richtig informiert bin, könnten etliche Zootiere aus ihrem Gehege flüchten. Sie machen es bloß normalerweise nicht, weil sie die Sicherheit und das regelmäßige Essen schätzen.
    Was sie in wunderbarer Weise mit vielen Menschen verbindet…

    • @Klaus, So sehe ich das auch. Ein Tier liebt in erster Linie nicht die von uns Menschen viel gepriesene „Freiheit“ (die von jedem anders interpretiert wird), sondern die Sicherheit. Man sieht das auch gut an den Delfinen, deren Auswilderung misslang. Sie kehrten immer wieder in die Nähe der Menschen zurück, wo sie Sicherheit und Fressen bekamen. Selbst wilde Delfine wagen sich in die Nähe des Menschen, um auf einfache Weise an einen „gedeckten Tisch“ zu kommen. Das konnte ich im letzten Jahr sehr gut in der Nähe einer Fischfarm auf Teneriffa beobachten.

Kommentarfunktion geschlossen.