Enttäuscht von der „Zeit“

Immer wieder gibt es über die „Lagune“ des Nürnberger Tiergartens negative Berichte in den Medien, selbst in seriösen Zeitungen und Magazinen. Als in der Ausgabe 04/2015 der „Zeit“ unter dem Titel „Die letzten ihrer Art“ ein Artikel von Eva Lindner erschien, der die wichtige Rolle des Nürnberger Delfinbabys Nami für die Zucht Großer Tümmler in Europa beleuchten soll, war ich gespannt: Würde der Beitrag auch in diese Kerbe schlagen?
Auf den ersten Blick tut er das nicht – aber wenn man genau liest, entdeckt man doch: Die Geschichte ist entweder schlecht recherchiert oder wurde an entscheidenden Stellen gekürzt. Möglicherweise gibt die Autorin auch nicht ihr ganzes Wissen an die Leser weiter – aus welchen Gründen auch immer.
So steht da zum Beispiel, die Welt für Delfinmutter Sunny und ihre Tochter Nami (siehe Foto) unter dem derzeit über der Lagune aufgebauten Zelt bestehe – abgesehen von einer traurigen Topfpflanze – lediglich aus Wasser und Beton. Die Journalistin verschweigt, dass die Umgebung der beiden Tiere nur vorübergehend so aussieht. Das Zelt steht lediglich während der kältesten Winter-Wochen und wird dann wieder abgebaut. Sonst leben die Nürnberger Delfine in einer Anlage, die von einem der bekanntesten Zoo-Designer, nämlich Martin Schuchert, einer Lagune nachempfunden wurde.


Diese Anlage hat zwar rund 30 Millionen Euro gekostet. In dem „Zeit“-Artikel – wie in den meisten Publikationen überregionaler Medien – fehlt aber die Info, dass zur Lagune nicht nur verschieden tiefe Freiluft-Becken für Delfine und Seelöwen gehören, sondern auch das Manatihaus. Diese Miniaturausgabe eines Amazonas-Regenwald-Gebietes beherbergt Seekühe sowie viele andere Tiere und Pflanzen. Die von den Besuchern begeistert aufgenommene Halle war in den Kosten der Lagune enthalten. Leider werden davon selten Fotos veröffentlicht – obwohl die Anlage viel fotogener ist als die Delfin-Bassins!
Eva Lindner erwähnt auch den Tiergarten-Besucherrückgang in den vergangenen Jahren, sie unterschlägt jedoch den Hinweis, dass die Zahlen bereits 2014 wieder nach oben geklettert sind und fast so viele Gäste in den Zoo kamen wie 2011, im Eröffnungsjahr der Lagune.
In ihrem Beitrag geht die Autorin außerdem darauf ein, dass der Tiergarten einer Organisation von Tierrechtlern die Dokumentation von Zootierärzten und Tierpflegern über die medizinische Behandlung der Nürnberger Großen Tümmler zugänglich machen musste. Damit soll herausgefunden werden, warum im Nürnberger Zoo zuletzt eine Reihe von Delfinbabys kurz nach der Geburt (oder vorher) gestorben ist. Diese Akten werden unter der Leitung des Biologen David Pfender ausgewertet, der für die Wal- und Delfinschutzorganisation WDC die Analyse betreut. Der Biologe, der sich in verschiedenen Praktika auf Meereslebewesen konzentriert hat, betreut seit Oktober 2014 den Schwerpunkt „Gefangenschaftshaltung“ bei WDC. Gleichzeitig strebt er den Master-Abschluss in Biodiversität und Ökologie an. Seinen Abschlussbericht über das Nürnberger Delfinbaby-Sterben will er im Frühjahr 2016 vorlegen.
Sollte bis dahin im Tiergarten noch ein gesundes Delfinkalb (oder gar ein weiteres) geboren und erfolgreich großgezogen werden, würde das Ergebnis der WDC-Untersuchung wohl niemanden mehr groß interessieren. Denn süße Tierbabys sind allemal publikumsträchtiger als langwierige Studien!

2 Kommentare in “Enttäuscht von der „Zeit“

  1. Einen Fehler hast Du – oder ich hatte jetzt was auf den Augen – übersehen. Denn entweder war die Autorin nie vor Ort – denn das alte Delphinarium hat nun mal ein festes Dach! – oder ich weiß es aktuell nicht besser, denn meines Wissens nach haben Sunny und Nami die inneren Becken des alten Delphinariums zur Verfügung, während die Traglufthalle als Schleuse dient.

    Zumindest – bitte korrigieren, wenn falsch – sah es für mich in den letzten Malen immer so aus, dass man Mutter und Tochter von der Gruppe erst mal abtrennt und die Traglufthalle dann eine Schleuse für die anderen darstellt.

    Nichts destotrotz: Auch Schrott erscheint dann und wann – leider, zu meinen großen Bedauern – auch in der Zeit. Es bleibt dann am Ende des Tages doch Aufgabe des Lesers – und das macht meiner Meinung nach Medienkompetenz aus – das man nicht alles unhinterfragt glaubt.

    Genauso wie die N-TV eine sehr eigenwillige Interpretation des „Photo of the year“ in der Kategorie…Natur hatte.

  2. Ich galube schon, dass die Autorin vor Ort war. Zumindest hoffe ich, dass man zumindest das bei der „Zeit“ (noch?) so macht. Aber natürlich weiß man nicht, wann sie im Tiergarten war – der Artikel kann ja eine Zeitlang „gelegen“ haben, bevor er erschienen ist.
    Die Nürnberger Delfinpfleger, -trainer und Tierärzte versuchen, Sunny und ihr Baby nach und nach an die übrige Gruppe (und umgekehrt) zu gewöhnen. Dabei kann sich jeden Tag etwas ändern, was den jeweiligen Aufenthaltsort von Mutter und Jungtier oder auch die Zusammensetzung der Tümmlergruppe betrifft. – Insofern lässt sich Deine Frage nicht eindeutig beantworten.
    Dass „Schrott“ dann und wann erscheint, mag stimmen. Aber von einigen Zeitungen erwartet man doch mehr Qualität als von anderen, sie haben schließlich einen gewissen Ruf. Diesbezüglich war ich von der „Zeit“ jetzt ebenso enttäuscht wie vorher schon mehrmals von der „Süddeutschen Zeitung“. – Aber wir wissen ja: Beim Thema Delfine/Delfinarien scheiden sich die Geister (oder in diesem Fall eher die Gefühle), egal, für welche Zeitung bzw. welches Medium die Journalisten arbeiten.

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