Er hat nach meiner Pfeife getanzt!

Nach meinem Beitrag über die themenbezogenen Präsentationen in der Lagune des Nürnberger Tiergartens hat sich einer meiner treuesten Leser und Kommentatoren gemeldet: Stephan Koch. Er hatte im „Blauen Salon“ ein Erlebnis, das er so schön fand, dass er es mit möglichst vielen anderen teilen möchte. Mir gefällt die Geschichte auch. Deshalb veröffentliche ich sie hier als Gastbeitrag.

taktErinnern wir uns an einen wundervollen Tag im Tiergarten. Ich war zusammen mit guten Freunden im zahlenmäßig gen Nachmittag hervorragend besuchten Tiergarten, und als sich der Tag dem Ende neigte, wurde es auch mal Zeit, sich ein wenig auszuruhen: Der Blaue Salon sollte es dieses Mal sein. Das Spiel zwischen den Großen Tümmlern und den Kalifornischen Seelöwen, die zusammen in der Lagune leben und miteinander interagieren, ist immer sehenswert.

Wenn man zudem ein bisschen Geduld investiert, dann kann man auch Geschichten erleben, kleine, aber prägnante Geschichten. Kaum war wieder ein bisschen Ruhe nach der letzten Präsentation der Großen Tümmler eingekehrt und die Kalifornischen Seelöwen wieder zu den atlantischen Tümmlern gelassen worden, da widmete ein Seelöwe seine ganze Aufmerksamkeit der kleinen Hand eines Mädchens jenseits der Unterwasserscheibe. Ganz freiwillig – ohne Konditionierungspfeife und ohne Fisch als Belohnung – schwamm das Tier nahe an die Scheibe und untersuchte das, was es sah. Sein Interesse steigerte sich noch, als die Mutter sich zur Kleinen hinunterbeugte, sie in den Arm nahm und einen bunten Stab aus Plastik hervorholte. Ich weiß nicht genau, was dieser Stab nun konkret war, aber das Ding steigerte die Neugier des Seelöwen ins Unermessliche – ebenso wie die Freude des kleinen Mädchens, das nun vergnügt quietschend die Scheibe von links nach rechts und von rechts nach links ablief, während der Seelöwe brav dem Stock folgte … und zwar solange, bis das Tier verstand, dass es sich drehen sollte, wenn die Kleine den Taktstock drehte.

Dieses Spiel ging über eine halbe Stunde lang. Wenn der verspielte Seelöwe Luft brauchte, tauchte er auf, holte Luft und tauchte zur Freude der Kleinen wieder ab. Ganz um sich dem Mädchen mit dem Spielzeug zu widmen und mit ihm zu tanzen, Blickkontakt zu halten und dem Kind einen ganz bezaubernden Tag zu schenken. Dieser Augenblick des Glücks ist einer von denen, die das kleine Mädchen niemals vergessen wird. Mit stolzer Brust wird es Freundinnen und später vielleicht seinen Kindern erzählen, dass ein Seelöwe in seinem Takt getanzt hat.

taktnahUnd jetzt stelle ich hier nur eine Frage: Hätte es dieses Erlebnis, das sich in das Gedächtnis dieses kleinen Mädchens eingebrannt hat, auch dann gegeben, hätte man die Kleine vor einen Fernseher gesetzt, in dem eine Doku  – in zugegeben hervorragender Bild- und Tonqualität – läuft? Ich meine ganz entschieden: nein. Denn Medien, auch Fotos, konsumiert man. Man nimmt sie vielleicht zum Bruchteil wirklich wahr, aber sie sind noch nicht mal im Ansatz ersetzbar durch ein reales Erlebnis, das einzigartig ist und als solches nicht so schnell wiederkommt. An diesem Tag wurde in einem kleinen Mädchen die Faszination an den Meeresbewohnern geweckt.

So schließt sich dann der Kreis, warum wir gute, wissenschaftlich geführte Delfinarien, Aquarien und Zoos brauchen: Damit diese Faszination von den Mitarbeitern über die Tiere auf die Kinder und erwachsenen Besucher übergeht. Damit wir lernen, mit unserer Welt gut umzugehen und selbst reflektieren, was wir besser machen können, um genau diese Faszination auf ewig zu bewahren. Wenn das an diesem Tag geschafft wurde, dann hat der Tiergarten meiner Meinung nach definitiv seinen Bildungsauftrag erfüllt.

Zum Schluss noch ein kleiner Aufruf: Sollten rein zufällig die Eltern der Kleinen diesen Text lesen und meine Visitenkarte verloren haben: Sprecht mich einfach im Tiergarten an, denn versprochen ist versprochen!

Stephan Koch

6 Kommentare in “Er hat nach meiner Pfeife getanzt!

  1. Ich kenne Ähnliches, als ein Delfin in Duisburg gefühlt (stundenlang) meinem Objektiv folgte. Das Objektiv hat einen Autofokus mit sogenanntem Ultraschall-Motor. Ich frage mich noch heute, ob der Delfin das Geräusch gehört hat oder ob er nur meinen Bewegungen folgte. Oft konnte man ihn gar nicht mehr scharf abbilden, da die Naheinstellgrenze bei 0,7 Metern liegt.

    Auch anderer Erfahrungen mit Zoo-Tieren, die interaktiven Kontakte, werde ich niemals vergessen!

  2. Ich danke Dir sehr für den Platz hier auf Deinen Blog, denn ich finde, dass wirklich schöne Geschichten viel zu selten erzählt werden!

    Übrigens Rüdiger: Man sieht maximal die Innenoptik fokussieren, würde mich wundern, wenn die Deinen USM gehört hätten…oder die Optik war einfach als ganzes FURCHTBAR interessant! 😀

    LG,

    Stephan

  3. Sehr schön geschrieben Stephan. Ich hab ein ähnliches Erlebnis mal mit einem kleinen Mädchen bei den Schneeleoparden gehabt. Da kleine Mädchen hat gemerkt, dass eine der damaligen Jungtiere ihr folgte. Und dann ist sie vor dem Gehege immer hin und her gerannt und die Schneeleopardin mit. Beide hatten sichtlich Spaß…

  4. @Stephan Koch,

    Gern geschehen. Leider gibt es aber nicht nur so schöne Geschichten – manchmal muss man auch traurige oder kritische schreiben!

  5. @Uwo:

    Darum geht es primär auch nicht, natürlich ist nicht immer eitler Sonnenschein und man DARF (!) explizit auch kritisieren, es scheint mir nur manches Mal so, als sei es deutlich wertvoller schlechte Nachrichten zu bringen, als die schönen Geschichten. Dabei muss es die auch geben, denn sonst wird man ja irgendwann wirklich bekloppt im Kopf.

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