„Manege frei“ für Zirkustiere?

Das Thema Wildtiere im Zirkus spaltet die Menschheit ähnlich wie das Thema Delfine in Delfinarien. Befürworter und Gegner haben ihre feste Meinung, von der sie sich kaum abbringen lassen. Argumenten, und mögen sie noch so einleuchtend sein, sind beide Seiten nur in Ausnahmefällen zugänglich. Spätestens seit in einigen Ländern wie Österreich, Belgien und Finnland ein Verbot von Wildtieren im Zirkus eingeführt wurde, fordern Tierschutzaktivisten bei uns das auch. Weniger rigoros zeigt sich der Deutsche Tierschutzbund, der die Tierhaltung in Zirkussen nur dann ablehnt, wenn sie nicht bestimmten Vorgaben entspricht. Das Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ wiederum setzt sich ausdrücklich für die Zirkustierhaltung ein.
In der Wissenschaft beschäftigt sich bei uns in Deutschland vor allem der Verhaltensforscher Immanuel Birmelin, Gründer des Vereins „Verhaltensforschung bei Tieren“, mit dem Thema Zirkustiere. Er vertritt im Großen und Ganzen die These, dass  den Tieren das Leben im Zirkus nicht  schadet – vorausgesetzt, ihnen wird  gute und ausreichend Beschäftigung geboten, und die Unterbringung der Tiere erfüllt bestimmte Mindeststandards. Birmelin geht sogar so weit zu sagen, die Größe eines Käfigs oder eines Zeltes sei weniger wichtig, wenn sich die Zirkusleute intensiv um ihre tierischen Kollegen kümmern und ihnen ein geeignetes Programm gegen die Langeweile bieten. Im Proinzip also eine ähnliche Argumentation wie die von Zoo-Befürwortern.
Nun beschäftigt sich auch das deutsche Fernsehen mit der Problematik. Im WDR sind ab Pfingstmontag die beiden ersten Folgen der fünfteiligen Dokumentation „Manege frei“ zu sehen, die sich um das Verhalten von Zirkustieren drehen. Immanuel Birmelin wirkt bei der Reihe mit. Er führt verschiedene Experimente durch, die zeigen, wie Tiere selbst auf Problemlösungen kommen und wie dies dann in Zirkusnummern eingebaut wird. Auch auf die enge Beziehung zwischen Zirkustieren und ihren Dompteuren – ich bevorzuge dieses Wort, auch wenn heute meist von „Tierlehrern“ gesprochen wird – geht die Doku ein. Birmelin will anhand von Messungen des Stresshormons Cortisol außerdem beweisen, dass Zirkustiere bei guter Haltung, regelmäßiger medizinischer Kontrolle und nicht zu weiten Transporten nicht unter Stress stehen. Auch hier sind die Parallelen zu Zoos unübersehbar. Der Tiergarten Nürnberg beispielsweise hat ebenfalls immer wieder Cortisolmessungen bei den Großen Tümmlern vorgenommen und keine erhöhten Werte festgestellt.
Die ersten Folgen von „Manege frei“ drehen sich um Zirkuslöwen und -elefanten. Ich gehe davon aus, dass Immanuel Birmelin nach der Ausstrahlung von Tierrechtlern massiv angefeindet wird, denn er kommt zu einem für die Zirkusse mit kontrolliert guter Tierhaltung postitiven Ergebnis. Tierschutzaktivisten, etwa die Organisation Peta, behaupten das Gegenteil. Und werden diesen Standpunkt mit Sicherheit nicht aufgeben.
Die Sendetermine im WDR:
Pfingstmontag 25. Mai, 16.35 bis 17.20 Uhr: Folge 1: „Schule der Löwen“ (Wiederholung Dienstag, 26. Mai, 6.15 bis 7 Uhr)
Sonntag, 31. Mai, 15 bis 15.45 Uhr: Folge 2: „Elefanten im Spiegel“ (Wiederholung Freitag, 5. Juni, 5.30 bis 6.10 Uhr)

So, nun bleibt mir nur noch, meinen Lesern schöne Pfingsten – vielleicht mit dem einen oder anderen Tiererlebnis – zu wünschen!

5 Kommentare in “„Manege frei“ für Zirkustiere?

  1. Vielen Dank, dass Du das Thema aufgreifst.

    Tatsächlich finde ich auch manche Stellungen von vielen Zoobesuchern eher paranoid: Man ist für den Zoo, aber Zirkus? Nein…das geht ja mal so gar nicht, während man sich die Delfinpräsentation anschaut, die zwar zugegeben mit Zirkus nicht viel gemein hat, aber: Wo ist da eigentlich noch rein faktisch – auch für den Trainer – noch der Unterschied zwischen dem, was im Zirkus läuft und dem was im Zoo geboten wird?

    Ich kann mich z.B. an einen speziellen Pfleger wieder gerne in der Lagune erinnern, der offensichtlich ein besonders gutes Verhältnis zu seinen Seelöwen hat und das dann auch präsentiert mit Nummern, die an der im Zirkus Krone ziemlich nahe herankommen. Und das Publikum unterhält es und was schaffen wir mit ein bisschen Entertainment? Dass Messages besser haften bleiben.

    Alternativ dazu kann man sich bspw. bei Krone davon überzeugen, in welchen Zustand die Tiere sich befinden. Der Krone Zoo ist zu seinen Gastspielzeiten immer mit geöffnet und erlaubt sehr tiefe Einblicke in Gehege, wo bspw. Berani und Dhjalia in Augsburg grün vor Neid würden, bedenkt man, wie trostlos die Innengehege sind.

    Seis drum: Ich bin immer noch der Meinung: Leben und leben lassen. Und man kann nicht eine komplette Berufsrichtung einstampfen wollen, weil es wenige Zirkusse gibt, die in der Tat verachtenswert mit ihren Tieren umgehen. Nein, es sollte meiner Meinung nach eher die Richtung geben, dass die großen Zirkusbetriebe sich unter einem Dachverband organisieren und z.B. schwache Zirkusse promoten, denen das Geld fehlt. Oder meinetwegen eine Art Vorprogramm wie es bei jedem Konzert Gang und Gebe ist. Der schwache zirkus spart sich das Zelt, Platzmiete, Bestuhlung, etc. pp und kann dafür für sich werben und gesunden und sein weniges Geld vor allen für den Erhalt seiner Tiere einsetzen.

    Denn das Märchen vom prügelnden, aggressiven Tiertrainer ist spätestens dann passé, wenn man sich in die Raubtier-Generalprobe von Martin Lacey Jr. setzt und er aus dem Nähkästchen plaudert.

    Und andernorts: Es kam doch auch nie einer auf die Idee, wegen einem schlechten Zoo (Lübeck…) alle Zoos in Deutschland verbieten zu wollen. Ich denke und finde, da kann man darüber nachdenken.

    Frohe Pfingsten, Ute!

    LG,

    Stephan

  2. Auch dir frohe Pfingsten, liebe Ute!
    Ein interessantes Thema und die Argumentation – Beschäftigung ersetzt kleineren Lebensraum -überzeugt mich. Ich sehe es auch als das A und O an, sich mit Tieren (egal ob Haustier, Zirkus- oder Zootier) viel zu beschäftigen. Der zur Verfügung gestellte Raum spielt dann nur eine untergeordnete Rolle. Beispiel: Ich denke, ein Hund in einer 60 qm großen Wohnung, mit dem viel spazieren gegangen und mit dem sich viel abgegeben wird, fühlt sich wohler als ein Vierbeiner in einem 120 qm großen „Palast“, der acht Stunden auf die Rückkehr seiner Besitzer warten muss.
    Ich habe mich bei den Meeresakrobaten auch schon öfter über ähnliche Themen ausgelassen.
    http://www.meeresakrobaten.de/2011/06/der-beste-freund-des-menschen/ oder hier
    http://www.meeresakrobaten.de/2014/11/welchen-tieren-geht-es-in-deutschland-besser-pferden-oder-delfinen/

  3. Hier werden meines Erachtens ein paar Dinge miteinander vermischt. Es wird wird von Befürwortern und Gegnern der Zirkustierhaltung und der Zootierhaltung gesprochen. Und dass beide Seiten in ihrer Haltung zum Thema keinerlei Argumenten von der anderen Seite zugänglich sind (bzw. nur in Ausnahmefällen). Das sehe ich nicht so.
    Bei den Zoogegnern trifft man oft auf „Fundamentalisten“. Zoobesucher bzw. Zoobefürworter sehen meiner Meinung nach schon, dass es in Zoos Licht und Schatten gibt. Sie sehen also auch, was verbesserungswürdig wäre. Natürlich gibt es auch unter den Zoobefürwortern Menschen, die nur mit der rosaroten Brille durch den Zoo laufen und alles nur positiv sehen. Aber das ist nach meiner Erfahrung nicht die Masse der Zoobesucher/Zoobefürworter. Bei den Zoogegnern musste ich dagegen leider feststellen, dass man hier nur das negative sieht und nicht in der Lage ist, das positive zu sehen bzw. dies negiert. Und nicht akzeptiert, dass es andere Meinungen/Auffassungen gibt.
    Zur Zirkustierhaltung bzw. zum Pro und Contra habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Dazu müsste ich einen Zirkus über einen längeren Zeitraum „begleiten“ und auch hinter die Kulissen blicken können. Erst danach würde ich mir ein Urteil erlauben.

  4. Hallo Susanne,
    tut mir leid, dass Dein Kommentar erst jetzt erscheint. Er wurde leider nicht automatisch freigegeben. Ich musste das nun selbst tun, nachdem ich von meinem „Pfingsttreffen“ mit Verwandten zurückgekommen bin.

  5. Die Position des Deutschen Tierschutzbundes zur Haltung von Wildtieren im Zirkus ist nicht „weniger rigoros“, sondern eindeutig ablehnend. Zitat: „Wildtiere stellen besonders hohe Ansprüche an ihre Haltung und Unterbringung. In einem Zirkusunternehmen ist eine verantwortbare Haltung von Wildtieren grundsätzlich nicht möglich.“
    Die von Ihnen erwähnte partielle Akzeptanz von Wildtierhaltungen beziehen sich auf die Haltung in Zoos. Die Haltung einiger Arten wie Eisbären, Elefanten und Delfine lehnt jedoch auch der DTB als nicht artgerecht ab.
    http://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/artenschutz/wildtiere-in-gefangenschaft.html
    Im Oktober 2014 wandten sich 15 Tier- und Artenschutzverbände an Bundesminister Schmidt und forderten ihn zur Umsetzung eines Wildtierhalteverbotes in Zirkussen auf. Bereits 2010 bezeichnete der Präsident der Bundestierärztekammer Wildtiere im Zirkus als nicht mehr akzeptabel. Die „Tierschutzaktivisten“ befinden sich mit ihrer „rigorosen“ Forderung also in guter Gesellschaft.

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