Was ETT so alles behauptet…

LaguneNormalerweise stelle ich Artikel, die ich für die NZ geschrieben habe, nicht eins zu eins in mein Blog. Heute tue ich das ausnahmsweise, weil bei einer verknappten Darstellung die Argumente nicht genau genug wiedergegeben werden können. Also, es folgt – abgesehen von kleinen Änderungen – nun ein Artikel, der am Samstag im Lokalteil der NZ erscheint:

Sie möchte für ein Ende der letzten beiden Delfinarien in Deutschland eintreten: die Bewegung „Empty the Tanks“ (ETT). Sie hat für Samstag, 7. Juni, vor dem Tiergarten eine Demonstration gegen die Delfinlagune organisiert. Die Idee zur Bewegung „Empty the Tanks worldwide“ stammt von Rachel Carbary aus Seattle, einer „Sea Shepherd“-Aktivistin. „Sea Shepherd“ („Meereshirte“) ist eine Umweltschutz-Organisation, die für den Schutz der Meere, den Kampf gegen Walfang und Robbenjagd sowie gegen unverhältnismäßige Fischerei eintritt.
ETT fordert, Deutschland solle seine Gesetze ändern und „delfinariumfrei“ werden – so wie andere europäische Länder: die Schweiz, Kroatien, Estland, Irland, Lettland, Luxemburg, Österreich, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Vereinigtes Königreich und Zypern. Ich habe die Fragen oder Vorwürfe von ETT gegen den Tiergarten und die Antworten von Tiergartendirektor Dag Encke gesammelt und gegenübergestellt.

ETT:
Man stand in Nürnberg vor der Entscheidung, sich von den Delfinen zu trennen, das vorhandene Delfinarium abzureißen oder zu investieren und den Zoo durch geplante Mehreinnahmen zu retten, denn die Besucherzahlen waren/sind rückläufig.
Encke:
Die Besucherstatistik widerlegt diese Behauptung. Die Besucherzahlen hatten 2010 und 2013 Einbrüche aufgrund schlechter Witterung, sind ansonsten seit dem Jahr 2000 stabil mit einem Mittelwert von 1 070 000 Besuchern pro Jahr.

ETT:
Der größte Anteil der bisher bekannten Gesamtkosten von 30 Millionen Euro wird scheinbar über Kredite finanziert, welche die Stadt Nürnberg vorgestreckt hat und vom Tiergarten zurückgezahlt werden sollen. Klappt dies nicht, muss die Stadt dafür aufkommen, da der Tiergarten eine städtische Institution ist. Bisher funktionierte die Rückzahlung des Kredits jedoch offenbar nur unter Zuhilfenahme von Rücklagen, die inzwischen laut aktuellen Presseberichten auf 600 000 Euro abgeschmolzen wurden. Gelingt es dem Tiergarten nicht, seine Einnahmen exorbitant zu erhöhen, sind auch die verbliebenen Rücklagen in ein bis zwei Jahren aufgebraucht, und das Finanzierungsmodell droht zusammenzubrechen.
Encke:
Der Tiergarten hat mit einer Direktzahlung aus seinen Rücklagen die Hälfte der Mehrkosten von 7 Millionen Euro bezahlt. Aus dem gesamtstädtischen Haushalt wurden die verbliebenen 3,5 Millionen Euro finanziert, da der Tiergarten selbst im Bauvorhaben keinerlei Mehrkosten verursacht hatte. Beim Bau von Lagune und Manatihaus handelt es sich um eine gesamtstädtische Entscheidung, die von der Stadt Nürnberg beschlossen und umgesetzt wurde. Die Rückzahlung des vom Stadtrat beschlossenen Kredits in Höhe von 19,5 Millionen Euro durch den Tiergarten läuft seit 2012 regulär ab, und zwar ohne Rückgriff auf die wieder steigenden Rücklagen.

ETT:
Bei der Finanzierung der Lagune im Nürnberger Tiergarten unterstützt der Steuerzahler Tierquälerei.
Encke:
Es wurde noch nie Tierquälerei bei den Delfinen in Nürnberg festgestellt. Tierquälerei ist ein justitiabler Begriff, der vorsätzliches und dauerhaftes oder wiederholtes Verursachen von Leiden für die Tiere voraussetzt. Die Unterstellung von Tierquälerei ist eine Verleumdung.

ETT:
Im Tiergarten Nürnberg leben acht Delfine. (Es werden aber in einem Dokument, das mir vorliegt, neun aufgezählt.)
Encke:
Falsch: Im Tiergarten gibt es aktuell zehn Große Tümmler! Es wurden Dolly und Donna vergessen, Nachzuchten von 2007 aus Duisburg, die seit Mai 2014 in Nürnberg leben. Dafür wird noch Rocco aufgelistet, der gar nicht mehr in Nürnberg lebt, sondern in Malaga.

ETT:
Weiß der Zoobesucher, dass in der Delfinlagune auch teilweise kranke Tiere täglich Vorführungen mitmachen müssen? Moby und Jenny sind nierenkrank und werden  künstlich mit Süßwasser ernährt.
Encke:
Kranke Tiere nehmen nicht teil. Die bei Moby angeführte Süßwassergabe aufgrund schwacher Nieren führt dazu, dass das Tier sich vollkommen normal verhält und eben wegen der Wassergaben ein gesundes Leben führen kann. Deswegen nimmt er natürlich auch genauso an den Vorführungen teil wie die anderen Tiere.

ETT:
Wenn der Tiergarten Nürnberg, wie er behauptet, alle Delfine in einer Gruppe hält, verstößt er gegen das Säugetiergutachten („Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren des Bundeslandwirtschaftsministeriums vom 7. Mai 2014“). Dieses besagt: „In einer Zuchtgruppe soll nur ein zuchtfähiges Männchen leben.“
Encke:
Die Haltung der Tümmler in Nürnberg wurde nach den Vorgaben des Säugetiergutachtens von 2014 genehmigt – ohne irgendwelche Beanstandungen. Es wurde sogar festgestellt, dass die Lagune für die Haltung von 18 erwachsenen Tümmlern zuzüglich Jungtiere geeignet wäre.

ETT:
Wissen Zoobesucher, dass es vor Nami keinerlei nennenswerten Delfin-Zuchterfolg im Tiergarten Nürnberg gab? Von 21 Geburten gelangen nur fünf Aufzuchten. Den aktuellsten Zuchterfolg gab es 2014, davor 1998! Große Tümmler unterliegen nicht dem Artenschutz, da sie nicht hoch bedroht sind. Deshalb gibt es hier keine Begründung für eine Zucht.
Encke:
Nach der EU-Zoorichtlinie ist der Einsatz von unbedrohten Tierarten bei entsprechendem Einsatz in der Zoopädagogik und Forschung als Beitrag zum Artenschutz klar definiert. Sonst dürften Zoos keine Tiere ohne Bedrohungsstatus mehr halten. Für alle Tierarten ist eine nachhaltige, also sich selbst erhaltende Population anzustreben. Dies ist bei Delfinen, die dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm EEP angehören, der Fall. – In der ETT-Bilanz nicht berücksichtigt ist die Tatsache, dass in Nürnberg zwischen 2007 und 2012 die Delfinzucht unterbrochen wurde. Bei Sunny wurde erst im Herbst 2011 die Pille abgesetzt, Jenny und Anke bekommen sie nach wie vor. Auch von 1998 bis 2004 gab es keine Zuchtversuche.

ETT:
Delfintherapie – das ist eine höchst umstrittene Therapie ohne nachweislichen Erfolg. Eltern kranker Kinder sind verzweifelt. Es ist unseriös, ihnen für viel Geld Hoffnung zu machen.
Encke:
Es gibt nicht die Delfintherapie, sondern viele höchst unterschiedliche Ansätze von tiergestützten Therapien. Der Begriff ist nicht geschützt. In Nürnberg wird der Begriff „dolphin assisted therapy“ nur für die Methode, die Behinderungen und die Altersklassen von Kindern verwendet, für die signifikante Therapieeffekte nachgewiesen wurden. Diese publizierte Form der Therapie ist bis heute wissenschaftlich unumstritten. – Ein Geschäft wurde mit Therapien noch nie gemacht.

Ich denke, eine Organisation, die so schwere Vorwürfe gegen einen Zoo bzw. ein Delfinarium erhebt, und nicht einmal weiß, wie viele Delfine dort leben, disqualifiziert sich für jede ernsthafte Diskussion selbst. Aber immer schön Wirbel machen – wer die Lagune oder den Tiergarten nicht mag, wird´s schon glauben!

12 Kommentare in “Was ETT so alles behauptet…

  1. Man kann es da doch drehen und wenden wie man will: Gegenargumente werden – egal wie bescheuert sie sind – immer gefunden und die einfache Realität wollen die wenigsten wahr haben, auch weil sie es sich zumeist nicht selbst anschauen…oder man sich zumindest die Frage stellen darf, wieso man eigentlich mit voller Ledermontur in den Tiergarten geht um DANN gegen die Haltung von Delfinen zu protestieren, wobei man selbst wohl dann einen Hang zum Tierleid(tm) hat.

    Wenn es sich dabei nur um eine spannende Geschichte handeln täte, wäre das ja noch halbwegs lustig, leider hab ich das so letztes Jahr gesehen, neben der Tatsache, dass zumindest eine unter Verfolgungswahn litt und sich beobachtet fühlte, weil man da draußen nun seine eigenen Motive gesucht hat…und dann halt auch die Leute anzugehen gedachte.

    Ich denke…DAS disqualifiziert schon ausreichend die ETT Bewegung. GEGEN irgendwas sein ist immer einfach und das funktioniert im Rudeleffekt dann noch umso besser…schade nur, dass die wenigsten offensichtlich an einer echten Besserung interessiert sind. Denn dann würden sie nicht vor dem Tiergarten stehen, sondern mit ruhiger, aufklärender Stimme (nicht missionierend!) und einer Alternative aufzeigend die Färinger davon überzeugen, dass die Grindwaljagd nun wirklich nicht mehr sein muss…oder zumindest nicht in dem Maße.

    In dem Sinne: Schönes Wochenende!

  2. Hr. Koch ist für seine wenig qualifizierten Kommentare ja durchaus bekannt. Wieder einmal wird das Haar in der Suppe der Tierschützer gesucht, wo doch die eigene Suppe vor lauter Haaren schon nicht mehr zu erkennen ist.
    Man schaue sich nur die Besucher an: Kinder dürfen ihr Verpackungsmaterial von Nahrungsmitteln einfach fallen lassen, zur kühleren Jahreszeit sieht man sehr oft Besucher mit Pelzkleidung bzw. -verbrämungen in den Zoo gehen, und das Schlimmste: Die deutliche Mehrheit hat überhaupt kein Problem damit, Schwein und Co. zu essen, sich aber an eingesperrten Wildtieren zu erfreuen. Das Recht auf Leben wir beim „Nutztier“ völlig ausgeblendet, das Recht auf artgerechtes beim eingesperrten Zootiere den Freizeitvergnügen geopfert!

    Das ist die kaum erträgliche Doppelmoral, Geschmacks- und Freizeitpräferenzen willkürlich auf Kosten von Tieren ohne tieferes Nachdenken walten zu lassen.
    Tierschützer sind sicher keine Heiligen, das wollen und können wir nicht sein. Aber sie haben angefangen, sich Gedanken über zweifelhafte Traditionen und eingefahrene Verhaltensweisen mit moralisch bedenklichen Umfeld zu machen. Hier sind sie dem „gemeinen“ Volk einiges voraus, das mehr oder weniger in der Maximierung eigener Egoismen lebt und wenig über seinen Fußabdruck Gedanken anstellt, egal ob nun ökologisch, sozial oder eben tierbezogen.

    Es gibt einen kleinen Bereich, wo Zoos sinnvoll sind, wenn man Tiere wieder auswildern kann oder wenn eine annähernd artgerechte Haltung möglich ist.
    Delfine sind derzeit nicht vom Aussterben bedroht, die bisherige jahrzehntelange Gefangenschaft hat so gut wie nichts im Umweltbewusstsein der Bevölkerung bewirkt: massiv steigender Fischkonsum (neben dem unsäglichem massenhaften Fleischverzehr), Militär und wirtschaftliche Interessen haben allemal Vorrang vor dem Schutz von Land- und Meerestieren.

    Ohne jetzt wieder in eine end- wie sinnlose Debatte einsteigen zu wollen: Tierschützer verzichten eher auf Dinge, die anderen als unvermeidlich erscheinen; Tierschützer haben zumindest den Einstieg in eine moralisch wie ethisch vertretbare Lebensweise geschafft, die durchaus als Basis für eine bessere, zukunftsorientierte Gesellschaft dienen könnte.
    Heute verbrauchen wir Menschen 1,5 Planeten, morgen werden es schon 2 sein und hierbei wird es Grenzen geben müssen. Unser aller Anspruchsdenken ist zu hoch, auch das bezüglich Freizeit und Ernährung. Die Wahrheit ist bitter, und damit haben so manche ihre fundamentalen Probleme!
    Zoos und Zirkusse in der heutigen Form sind ein Luxusgut einer Gesellschaft, deren Einsicht in die gebotene Wandlung noch nicht im ausreichendem Maße vorhanden ist. Aber die intellektuelle Betrachtung gegenwärtiger Zustände mit gravierenden Auswirkungen auf zukünftige Generationen war schon immer ein „Privileg“ von Minderheiten, ohne die wir heute noch in der Steinzeit leben würden!

  3. Leider stimmt der im Artikel angegebene Termin nicht! Es müsste eigentlich der 06. Juni und nicht der 07. Juni heißen.

  4. @Martin Siewert
    Stimmt – und keiner hat es bisher gemerkt, außer Ihnen. – Sorry! Aber jetzt ist die Aktion ja sowie schon längst vorbei. Und der übrige Inhalt des Beitrags ist zum Glück nicht von einem bestimmten Datum abhängig!

  5. Die Veranstaltung hat vor zwei Tagen stattgefunden, „längst vorbei“ ist schon ein wenig übertrieben.

    Was mich interessiert: Haben Sie für diesen Artikel aktuelle Interviews mit Herrn Dr. Encke und mit „Empty the tanks“ geführt und wenn ja, mit wem haben Sie von ETT gesprochen? Oder haben Sie andere Quellen zugrunde gelegt? Das geht aus Ihrem Artikel leider nicht hervor.

  6. @Cornelia Schamicke
    Ich habe die Presseunterlagen von ETT mit den verschiedenen „Anklagepunkten“, die meiner Redaktion vom Organisator zugeschickt wurden, verwende, Dag Encke die einzelnen Punkte vorgelegt und seine Antworten dazu gebracht.

  7. @ Jürgen Ortmüller,

    In welcher Beziehung stehen Sie, Herr O., eigentlich zu Nadja Podbregar, der Autotin des natur.de-Artikels „Blutiger Walfang auf den Färöer-Inseln“, in dem die völlig unbewiesene Behauptung „Im letzten Jahr konnten Tierschützer von ProWal und dem Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) das Töten weitgehend verhindern, indem sie in den Fjorden der Färöer akustische Vergrämer platzierten.“ vertreten wird?

  8. Hallo Ute, solche unsinnigen Fragen werden von Ortmüller und/oder seinen „Anhängern“ gerne gestellt, wenn man sich für die Delfinhaltung imTiergarten ausspricht. Auch mir wurde schon eine „Beziehung“ mit dem oder jenem aufgeschwatzt oder vermutet, dass ich für den Tiergarten arbeiten würde. Provozieren können die WDSFler, aber sonst …?

  9. Die Frage von Herrn Ortmüller ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Er hat ja auch schon Frau Langewischer vorgeworfen in ihrer Arbeit nicht unabhängig zu sein.

    Offensichtlich kann Herr Ortmüller nicht einsehen, dass es Menschen gibt, die nicht seiner Minderheit angehört.

  10. Im übrigen ist die Frage auch auch eine Unverschämtheit Dag Encke gegenüber. Er hat schon genug Ärger mit übereifrigen und unsachlichen Tierrechtlern, die ihm wertvolle Zeit stehlen, die er sonst für die Zootiere investieren könnte. Wenn Encke anfangen würde, diese verplemperten Arbeitsstunden zu zählen, von denen keiner was hat außer den paar wenigen „Aktivisten“, käme er wohl auf ein erschreckendes Ergebnis. Man müsste sie alle einfach ignorieren…

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