Der lange Tag der Stadtamseln

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“ heißt ein Sprichwort. Eine Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee und der Universität Glasgow lässt den alten Spruch in einem ganz neuen Licht erscheinen.
Die Forscher haben herausgefunden, dass das Leben in der Stadt die innere Uhr von Vögeln – im konkreten Fall von Amseln – verstellen kann. Demnach ist der biologische Rhythmus von Stadtvögeln gegenüber dem ihrer Artgenossen auf dem Land beschleunigt. Das Leben der Stadtvögel wird der Studie zufolge vom Rhythmus der Stadt geprägt. Sie beginnen ihren Tag rund eine halbe Stunde früher und beenden ihn knapp zehn Minuten später – durchschnittlich sind sie pro Tag etwa 40 Minuten länger aktiv als Landvögel.
Die Wissenschaftler haben das an männlichen Amseln nachgewiesen, die mit Minisendern ausgerüstet wurden: eine Gruppe im Stadtgebiet München, die andere in einem Waldgebiet im Südwesten der Stadt. Über mehrere Tage hinweg wurde die Aktivität der Vögel in ihrem Umfeld gemessen. Danach wurden die Tiere eingefangen und zehn Tage lang in licht- und schalldichten Käfigen beobachtet. Dort entwickelten sie – ohne den Wechsel von Tag und Nacht von außen mitzubekommen – einen eigenen inneren Rhythmus. Das Maß, wie lang oder kurz dieser Rhythmus ist, war bei Stadt- und Landamseln unterschiedlich: Die innere Uhr der Stadtamseln läuft 50 Minuten schneller.
Als Grund für den veränderten biologischen Rhythmus vermuten die Forscher die Umweltbedingungen in den Städten, wie zum Beispiel die nächtliche Beleuchtung und der höhere Lärmpegel. Ob die beschleunigte innere Uhr den Amseln Vor- oder Nachteile bringt, ist allerdings noch nicht geklärt. Möglicherweise hat ein Vogel, der früher wach ist, bessere Chancen, ausreichend Futter zu finden. Wobei wir wieder beim anfangs zitierten Sprichwort wären…

Usutu-Virus macht Amseln den Garaus

Dieser Sommer war für Amseln in Deutschland eine Katastrophe: Hunderttausende sind einem exotischen Virus zum Opfer gefallen. Usutu-Virus heißt der tödliche Erreger, der ursprünglich nur in Afrika vorkam und erstmals im Jahr 2001 außerhalb Afrikas auftrat – und zwar im Wiener Raum. In Deutschland grassiert er vor allem in Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Naturschützer sind alarmiert. In manchen Gegenden im Rhein-Neckar-Raum hört man kaum noch eine Amsel singen, so sehr hat das Virus ihre Zahl schon dezimiert. Im vergangenen Jahr war es den Schätzungen des Naturschutzbundes (Nabu) zufolge für den Tod von ungefähr 300 000 Amseln verantwortlich. Heuer hat sich der Erreger noch weiter verbreitet und schlug auch im Maintal bei Frankfurt und Hanau zu, ebenso wie in Nordrhein-Westfalen.

Das Virus wird durch weibliche Stechmücken auf Vögel übertragen: Ihr Stich macht die Tiere krank. Es sind hauptsächlich Amseln betroffen, aber auch Sperlinge, Stare und Eisvögel. Je mehr Stechmücken es in einer Gegend gibt, desto größer ist die Gefahr für die Vögel. Deshalb werden in den betroffenen Regionen Mücken schon durch Aktionsgemeinschaften bekämpft. Bisher hat man den Erreger ausschließlich in Vögeln gefunden, in anderen Tieren nicht. Man weiß bislang nur von einer einzigen Infektion eines Menschen, von der aber der betroffene Mann, ein Blutspender aus Groß-Gerau, selbst gar nichts bemerkt hatte.

Außer dem Kampf gegen die Schnaken lässt sich offenbar kaum etwas gegen das Usutu-Virus unternehmen. Vogelexperten hoffen, dass die Tiere mit der Zeit immun gegen den tödlichen Erreger werden.

 

Wenn Tierfreunde es zu gut meinen

Wenden wir uns von den Pressemitteilungen des Herrn Schrollinger wieder für die (Tier-)Welt wichtigeren Themen zu. Dazu gehört die übertriebene Tierliebe mancher Menschen, die den Tieren letztlich schadet. Viele Tierfreunde meinen es beispielsweise zu gut, wenn sie glauben, jeder auf dem Boden gefundene Jungvogel brauche Hilfe. (Die junge Krähe auf dem Bild hat Rita Köhler für pixelio.de fotografiert.) Der Naturschutzbund NABU weist darauf hin, dass man solche Vogelkinder auf jeden Fall nicht unter menschlicher Obhut aufpäppeln, sondern in der freien Natur lassen sollte. Denn es handelt sich meist nicht um verletzte oder von ihren Eltern im Stich gelassene Tiere. Vielmehr verlassen einige Vogelarten ihr Nest schon, bevor sie fliegen können. Sie geben aber immer wieder sogenannte Standortlaute von sich, um sich bei ihren Eltern bemerkbar zu machen.

Dazu gehören Nestflüchter wie zum Beispiel Enten, Fasane und Kiebitze, außerdem verschiedene Singvögel wie Amseln. Amseljunge etwa hält es oft schon eine Woche, bevor sie flügge werden, nicht mehr in ihrem Nest, weil es ihnen dort zu eng wird. Sie werden aber trotzdem von ihren Eltern weiterhin gefüttert und betreut.

Erst wenn man ein Vogelkind längere Zeit aus sicherer Entfernung (um die Elternvögel nicht abzuschrecken) beobachtet und feststellt, dass es sich tatsächlich um ein verlassenes oder verletztes Tier handelt, braucht das Vogeljunge wirklich Hilfe. Die Betreuung sollte man aber Fachleuten überlassen.

Rekord bei der Stunde der Wintervögel

Zum Vogelzählen hatte der Landesbund für Vogelschutz (LBV) am Dreikönigstag aufgerufen, und ich habe versucht, die Aktion auch durch eine Ankündigung hier in meinem Blog zu unterstützen. Ob´s was geholfen hat, weiß ich nicht, aber Tatsache ist: Noch nie haben sich so viele Menschen in einem deutschen Bundesland an einer Vogelzählung beteiligt wie bei dieser Aktion am 6. Januar 2010; 17 679 Bayern (doppelt so viele wie im Vorjahr) zählten 514 836 Vögel.

ErlenzeisigUnd was ist – abgesehen von diesen beeindruckenden Zahlen – dabei herausgekommen? Am meisten hat die Experten vom LBV überrascht, dass in diesem Winter unheimlich viele Erlenzeisige (ein Exemplar dieser Art ist auf nebenstehedem Foto zu sehen) nach Bayern kamen. Mit fast 30 000 Meldungen rückte der Erlenzeisig auf Platz 8 der Liste der „Top Ten“ der bayerischen Wintervögel auf. Man vermutet, dass dieser Vogel bei seinem Zug von Skandinavien nach Südwesten an den unüberwindlichen Alpen sozusagen hängenbleibt.

Und das sind die „Top Ten“ der Wintervögel auf der Häufigkeits-Rangliste: 1.Haussperling, 2.Kohlmeise, 3.Grünfink, 4.Amsel, 5.Feldsperling, 6.Blaumeise, 7.Buchfink, 8.Erlenzeisig, 9.Bergfink, 10.Rotkehlchen. Damit hat der Haussperling die Kohlmeise vom 1. Platz verdrängt. Wahrscheinlich haben mehr Menschen in ländlichen Gebieten an der Zählung teilgenommen; dort kommt der Spatz noch häufiger vor als in der Stadt. Offensichtlich ist für den LBV auch, dass Amseln, Kohl- und Blaumeisen von den vielen alten Bäumen in städtischen Bereichen profitieren. Dagegen kommen Haus- und Feldsperlinge nur noch in kleineren Städten und Dörfern häufig vor, wo es noch Wildkrautfluren, größere Gärten und Bauernhöfe gibt.

Und noch ein Ergebnis hat mich sehr verblüfft: Immer mehr Zugvögel trotzen dem Winter. So wurde bei der Zählung aus Kronach ein Schwarzstorch gemeldet – eine echte Sensation! Schwarzstörche überwintern normalerweise südlich der Sahara. Auch der Star, der früher als typischer Zugvogel galt, wurde oft gemeldet, vor allem aus den Weingebieten in Unterfranken, wo das Klima bekanntlich etwas milder ist. Sogar der Hausrotschwanz, dem früher niemand zutraute, den kalten Winter in Bayern zu überleben, wurde bei der Zählung 338-mal gemeldet. Im südlichen Oberbayern wurde ein Halsbandsittich gesichtet; diese ursprünglich tropischen Vögel haben den Winter bisher nur im warmen Rhein-Main-Gebiet überleben können.

Interessante Ergebnisse – das Zählen hat sich also auf jeden Fall gelohnt!

Spitzenreiter Spatz

Vor ein paar Wochen, wollte ich von meinen Lesern wissen, was bei ihnen so zwitschert. Das hat mancher falsch verstanden, weil er dabei an „twittern“ dachte. Nun twittere ich zwar auch, meist meine ich als Tierfreundin, die ich bin, aber immer noch das Original, wenn ich „zwitschern“ sage oder schreibe.

Was bei Ihnen zwitschert, war also ganz wörtlich zu verstehen und bezog sich auf eine Aktion des Landesbundes für Vogelschutz: Die „Stunde der Gartenvögel“.

Deren Ergebnis liegt nun vor:  Spitzenreiter war auch diesmal wieder der Spatz, dessen Vorkommen – und das ist neu – in ganz Bayern etwas zugenommen hat. Außerdem können Mauersegler, Hausrotschwanz und Buntspecht im Vergleich zum Vorjahr ein leichtes Plus verbuchen. Rotkehlchen und Zaunkönig dagegen sind die Verlierer. Und welcher Vogel von allen ist am meisten verbreitet? – Das ist und bleibt die Amsel, die in 96 Prozent der Gärten vorkommt. An zweiter Stelle liegt die Kohlmeise mit 80 Prozent. Wer sich für das Ergebnis interessiert, kann hier noch mehr dazu erfahren.

Der lbv ist besonders stolz darauf, dass er zu der bundesweiten Aktion die meisten Meldungen beitragen konnte. Dazu kann man nur gratulieren und den vielen Menschen danken, die mitgemacht haben. Ich hoffe, es waren auch ein paar meiner Leser darunter.