Streit um Robben-Roboter

Wir Menschen finden Tierbabys süß –  und zwar umso mehr, je hilfloser die kleinen Geschöpfe auf uns wirken. Erinnern wir uns an unsere berühmte Nürnbergerin Flocke: winzig, weiß, schwarze Knopfaugen, von der Mutter getrennt, leise Jammerlaute ausstoßend. Da will man, da muss man als Mensch einfach helfen, streicheln, liebkosen. Das gleiche Phänomen stellt sich ein, wenn wir Babyrobben, sogenannte Heuler, zu Gesicht bekommen. Sie ähneln Flocke ja auch sehr: ebenfalls winzig, weiß, Knopfaugen, Jammerlaute. Viele Tierfreunde beneiden die Mitarbeiter von Robbenauffangstationen, wo die Babys aufgepäppelt werden, bis sie groß und stark genug zum Überleben in freier Natur sind.

Ein solcher Heuler erhitzt jetzt – ganz Jahreszeit-untypisch, denn Robben kommen bei uns im Frühjahr zur Welt – die Gemüter. Paro heißt er, und er ist nicht einmal ein echtes Tier, sondern ein von Menschen gemachtes. Ein Roboter, als Kuscheltier verkleidet. Paro stammt aus Japan und kommt nun auch in deutschen Pflegeheimen bei Demenzkranken zum Einsatz. Seinem künstlichen Augenaufschlag kann keiner widerstehen – man muss sich einfach um ihn kümmern, wenn er einen so treuherzig und hilfesuchend anblickt. Das ist gut für die Patienten, die von Paro emotional angesprochen werden sollen.

Was in Japan, den USA und in Europa bislang nur in Dänemark längst Praxis ist, stößt bei uns in Deutschland noch(?) auf ungläubiges Kopfschütteln: Roboter in der Altenpflege. Darf das sein? Computertechnik statt emotionaler Zuwendung? Kalte Elektronik statt menschlicher Wärme? Auf diese beiden Gegensätze reduziert man das Thema hierzulande im großen und ganzen – typisch deutsch. Statt die Vorzüge einer neuen Technik zu nutzen und sie dort einzusetzen, wo Pflegekräfte Mangelware sind und Demente verkümmern, weil der Pflegeschlüssel hinten und vorne nicht reicht, lehnen wir die Roboter-Robbe erst mal ab.

Ich sage nicht, dass Elektronik ein Ersatz für Betreuung durch Menschen und für Nächstenliebe sein kann. Aber sie darf Menschen dort unterstützen, wo sie es allein nicht schaffen. Und solange nicht mehr Pflegekräfte eingestellt bzw. gefunden werden, kann Paro erst mal das Schlimmste – nämlich die völlige Vereinsamung alter oder/und demenzkranker Menschen – verhindern. In einer Handvoll deutscher Heime, beispielsweise in Bremen, probiert man die elektronische Babyrobbe nun doch aus. Mit Erfolg übrigens: Paro, der in Bremen Ole heißt, löst Menschen, die sonst nicht mehr sprechen, die Zunge und zaubert Kranken, die sonst mit versteinerter Miene irgendwo in der Ecke sitzen, ein Lächeln auf die Lippen.

Der Fernsehsender ARTE – für mich eine Wohltat in der sonst meist trostlosen deutschen Fernsehwelt – greift das brisante Thema auf: Anlässlich des Welt-Alzheimertags am 21. September zeigt ARTE heute Abend um 21.50 Uhr die Dokumentation „Roboter zum Kuscheln – Heilsam für Demenzkranke?“ Die Sendung wird morgen, also am 17. September, um 9.55 Uhr im ZDF wiederholt.

 

"Heuler" zurück im Meer

Ich finde, sie leisten eine tolle Arbeit: die beiden autorisierten Seehundstationen, die sich an der deutschen Nordseeküste um die „Heuler“ kümmern. Seehundbabys, die im Frühjahr geboren und dann von ihren Müttern verlassen werden, über den Sommer hochzupäppeln und dann wieder auszuwildern, erfordert viel Geduld, Zeit, Fachwissen und Liebe zu den Tieren.

Jetzt ist es wieder so weit: Die Seehundstation Friedrichskoog in Schleswig-Holstein hat die ersten
jungen Seehund-Waisen bei ihren Artgenossen ausgesetzt. Fünf Tiere wurden mit
einem Kutter zu einer Sandbank gefahren. Auch in der Station Norden-Norddeich in Niedersachsen werden junge Seehunde für die Rückkher in die freie Natur fit gemacht. Bald werden auch sie ins Wattenmeer gefahren und bei Niedrigwasser freigelassen.

Die Bilanz der Arbeit der Seehundstationen kann sich auch in diesem Jahr sehen lassen: Heuer wurden in Schleswig-Holstein 85 Heuler im Wattenmeer gefunden, 68 von ihnen haben die Mitarbeiter durchgebracht. In Niedersachsen stehen 71 Seehundbabys kurz vor der Auswilderung. Sie haben mittlerweile ein Gewicht von etwa 25 Kilo erreicht und regelmäßig für die Rückführung in ihre angestammte Heimat trainiert.  Sie müssen schließlich wirklich fit sein, denn in der Freiheit lauern  viele Gefahren, mit denen sie nun ohne menschliche Hilfe fertig werden müssen.