Wie viele Tiere verschwinden noch, Teil 2

Muntjak
Kann das noch mit rechten Dingen zugehen? Nun ist schon wieder ein Tier aus dem Tiergarten Nürnberg verschwunden: ein Chinesischer Muntjak (ein Zwerghirsch). Diese Art wird in 26 Mitgliedszoos des Verbands der Zoologischen Gärten gehalten. Am Schmausenbuck lebt ein Paar zusammen mit den Panzernashörnern in einer Anlage, nämlich im früheren Elefanten-Freigehege. Erst vor kurzem war das junge Rotkopf-Schaf Rosi aus dem Tiergarten nach München ins Rotlicht-Milieu „entführt“ worden, dann wurde bekannt, dass die Präriehunde nach dem Winterschlaf nicht mehr aufgetaucht waren. Das Verschwinden des Muntjaks ist hingegen weniger rätselhaft: Am Sonntag, 31. Mai, suchte der kleine Hirsch bei tierpflegerischen Arbeiten in seinem Gehege das Weite. Sechs Tage später wurde er höchstwahrscheinlich außerhalb des Tiergartenzauns gesichtet. Die Zooleitung hat Forstbehörden und Jäger informiert. Wer den Muntjak sieht, wird gebeten, dem Tiergarten Bescheid zu geben, damit der Kleinhirsch wieder eingefangen werden kann.

Wir erinnern uns: Mit den Muntjaks hatte der Tiergarten vor einigen Jahren schon einmal Probleme – darüber habe ich hier geschrieben. Und nun büxt also ein Muntjak-Männchen aus. Naja, vielleicht wollte es nicht mehr mit den Nashörnern in einer WG leben oder hatte Streit mit seiner Partnerin? Wollte es womöglich den Tierpflegern einen Streich spielen oder dem Zoochef  neue Sorgen bereiten? Wer weiß. Ich hatte ja kürzlich schon gefragt, wie viele Tiere wohl noch aus dem Tiergarten verschwinden. Und langsam kommt mir das wirklich komisch vor. Passiert das alles jetzt aus Zufall so kurz nacheinander? Handelt es sich um eine Pechsträhne? Ich bin schon gespannt, was jetzt wieder für Gerüchte in die Welt gesetzt werden.

 

Der Eiserne Vorhang im Kopf

Es wird ja immer wieder gern behauptet, dass der sogenannte Eiserne Vorhang – obwohl längst verschwunden  – in den Köpfen vieler Menschen noch weiter existiere. Ob das stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Dass er in den Köpfen von manchen Tieren noch weiterlebt, hat jedenfalls eine neue Studie bewiesen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Forschung an Elefanten, die ja für ihr gutes Gedächtnis bekannt sind, sondern um eine Langzeitbeobachtung von Rothirschen.

Zoologen im Nationalpark Böhmerwald haben folgendes entdeckt: Die Hirsche auf der tschechischen Seite des Böhmerwalds laufen fast 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges immer noch nicht weiter in Richtung Westen, als bis an die Stelle, an der einst der Stacheldraht gespannt war, der den Sperrbereich vor der Grenze zwischen Bayern und der Tschechoslowakei kennzeichnete. Und vice versa: Auf der anderen Seite überschreiten die Hirsche aus Bayern diesen Punkt ebenfalls nicht. Beobachtet haben die Forscher das mithilfe von Funk-Halsbändern, und zwar über den relativ langen Zeitraum von sechs Jahren.

Warum die Tiere sich so verhalten, ist allerdings nicht hundertprozentig sicher. Man vermutet, dass Hirschkühe Informationen über die Grenzen ihres Terrritoriums an ihren Nachwuchs weitergeben, und zwar über Generationen hinweg. Das kennen wir Menschen dann ja auch wieder ganz gut: Was einmal auf der Festplatte drauf ist, kriegt man gar nicht so leicht wieder runter…

 

Kurztrip nach Südostasien

Am Wochenende soll es ja endlich wieder wärmer werden. Für alle, die noch überlegen, was sie unternehmen könnten, habe ich einen Tipp: Der Tiergarten Nürnberg veranstaltet am Sonntag, 17. März, seinen diesjährigen Thementag. Er steht unter dem Motto „Tierwelt Südostasiens“. Der Tiergarten schließt sich damit der Südostasienkampagne des Europäischen Zooverbands EAZA an.

Im Tiergarten am Schmausenbuck sind die wichtigsten Vertreter von Tieren aus Südostasien Weißhandgibbons, Schabrackentapire, Przewalskipferde, Panzernashörner, Sibirische Tiger und Prinz-Alfred-Hirsche.

Am Thementag stellen Tierpfleger die Tapire als seltene Relikte aus der Urzeit vor. (Das Foto zeigt das inzwischen ausgewachsene Schabrackentapir-Baby Pinola mit seiner Mutter Indah.) Es werden außerdem die typischen „Gesänge“ der Gibbons zu hören sein. Im Raubtierhaus kann man sich darüber informieren, wie der Lebensraum der Sibirischen Tiger immer knapper wird. Präsentiert wird auch das Przewalski-Urwildpferd-Projekt in Tennenlohe, über das ich hier auch schon geschrieben habe. Im Naturkundehaus informieren Zollbeamte die Besucher, welche Souvenirs aus Südostasien nicht erlaubt sind und welche Strafen man kassiert, wenn man das Verbot nicht beachtet und erwischt wird. Für Kinder gibt es eine Möglichkeit, direkt mit Tieren in Kontakt zu kommen: Sie dürfen von 14 bis 15 Uhr im Kinderzoo Ponys striegeln.

Um Nashörner dreht sich alles im Untergeschoss des Naturkundehauses. Der stellvertretende Tiergartendirektor Helmut Mägdefrau erläutert, wie stark Nashörner in freier Wildbahn durch Wilderei bedroht sind (10 bis 12 Uhr und 13 bis 15 Uhr im Untergeschoss des Naturkundehauses). In natura kann man die Panzernashörner des Tiergartens im Dickhäuterhaus um 11 Uhr und 15 Uhr bei Fütterungen beobachten. Der Bestand der freilebenden Panzernashörner in Asien liegt derzeit bei rund 2600 Tieren. Vom Aussterben unmittelbar bedroht sind das Sumatranashorn (250 Tiere) und das Javanashorn (65 Tiere).

Ich denke, an diesem Sonntag findet jeder etwas im Veranstaltungsprogramm, das ihn besonders interessiert. Ein Plan mit den einzelnen Aktionen des Thementags ist an der Tiergartenkasse erhältlich.

 

"Bambi" im Nürnberger Tiergarten

Hunderte von Journalisten kamen, als vor etwas über einem Jahr Eisbär-Baby „Flocke“ im Nürnberger Tiergarten der Weltpresse präsentiert wurde. Vier Journalisten kamen, als am vergangenen Donnerstag im selben Zoo ein kleiner Prinz-Alfred-Hirsch vorgestellt wurde.

Dabei ist das Kitz ein wirklich niedliches Tierkind und weckt sofort Assoziationen zu Walt Disneys „Bambi“. Die Fotos, die Fotograf Roland Fengler für die „Nürnberger Zeitung“ und mein Blog gemacht hat, beweisen es.

Die Presse hätte aber auch aus einem anderen Grund Anlass genug gehabt, zu diesem Tiergarten-Termin zu erscheinen: Prinz-Alfred-Hirsche gehören zu den am meisten bedrohten Tierarten auf der Welt. Ähnlich wie bei den Przewalski-Pferden ist es nur der Mithilfe von Zoos zu verdanken, dass sie noch nicht ausgestorben sind, wie man Anfang der 1980er Jahre bereits befürchtet hatte. Mit ganz wenigen Exemplaren hat die „Stiftung Artenschutz“ auf zwei philippinischen Inseln den Bestand sozusagen in allerletzter Minute retten können. Mittlerweile ist die Population in Menschenobhut auf rund 150 Tiere angewachsen.

Der Tiergarten hält erst seit kurzem eine kleine Gruppe von Prinz-Alfred-Hirschen, die aus Wien nach Nürnberg umgesiedelt wurde. Die ursprünglich fünf Tiere haben nun Zuwachs bekommen – ob es sich bei dem Kitz um Männchen oder Weibchen handelt, weiß man noch nicht. Das Kleine ist wie seine ganze Familie sehr scheu, und man muss sich dem Gehege vorsichtig nähern, damit sich die Hirsche nicht verstecken.

Den Namen „Prinz-Alfred-Hirsch“ haben die seltene, grazilen Tiere nach dem Sohn der britischen Königen Victoria erhalten. Seit Tausenden von Jahren leben sie auf den Zentral-Visayas-Inseln mitten im philippinischen Archipel. Dass sie dort jetzt trotz der bestürzenden Prognose vor etwas mehr als einem Vierteljahrhundert weiter existieren können, grenzt fast an ein Wunder. Ein Wunder, das auch dem berühmten Geburtstagskind dieser Tage, Bernhard Grzimek, als einem der Pioniere des Tierschutzes mit zu verdanken ist.