106 Eidechsen wurden Opfer von Stuttgart 21

tiere-heimat-zauneidechse100~_v-img__16__9__l_-1dc0e8f74459dd04c91a0d45af4972b9069f1135Zunächst hatte es ja so ausgesehen, als könnten, wenn schon nicht Menschen, dann zumindest Tiere das Bahnprojekt Stuttgart 21 stoppen. Verzögert haben es zumindest die Juchtenkäfer, wie ich hier geschrieben habe. Dann mussten andere Tiere zur Rettung umgesiedelt werden, wie zum Beispiel Zauneidechsen, von denen vor zwei Jahren 106 Exemplare nach Steinheim an der Murr gebracht wurden. Doch jetzt gibt es leider eine Hiobsbotschaft zu vermelden: Die netten kleinen Kriechtiere sind vermutlich alle tot. Warum genau sie verendeten, steht noch nicht fest.

Man geht von verschiedenen Möglichkeuten aus, wie das passieren konnte. So glaubt Gerhard Pfeifer vom Bund für Umwelt und Natur (BUND) die Deutsche Bahn habe das Umsiedlungsgebiet in Steinheim zu spät gemäht. Ungünstig war von vornherein, dass die an Freiheit gewöhnten Eidechsen während des fast drei Wochen dauernden Umzugs in Terrarien untergebracht waren. Zwar haben erfahrene Biologen sie eingefangen, trotzdem haben viele Tiere wohl bei der Fangaktion ihren Schwanz abgeworfen, wie sie es bei der Flucht vor Jägern tun; den Schwanz nutzen sie aber auch als Fettspeicher. Überhaupt sind Eidechsen Tiere, die man möglichst nicht aus ihrer gewohnten Umgebung und dem gewohnten Klima herausreißen sollte. Selbst 30 Kilometer Entfernung – wie die von Stuttgart nach Steinheim – können da schon zu viel sein. Ausschließen kann man auch nicht, dass die Eidechsen natürlichen Fressfeinden wie Raubvögeln oder Füchsen zum Opfer gefallen sind.

Egal, wie es passiert ist – dass die Tiere für dieses irrwitzige Bahnprojekt sterben mussten, ist wieder mal typisch. Ohne Rücksicht auf Verluste werden Dinge durchgezogen, die der Mensch im Griff zu haben glaubt. In Wirklichkeit steht er dann machtlos vor einem Scherbenhaufen, für den er selbst verantwortlich ist und der auf Dauer allen Lebewesen schaden wird. Doch Hauptsache, die Wirtschaft boomt und das Geld fließt in die richtigen Kanäle. Ich hoffe, dass die Sache mit den toten Eidechsen nicht einfach unter den Teppich gekehrt wird, dass Tierschützer auf die Barrikaden gehen und dass es eine saftige Geldstrafe für die Bahn gibt. Aber wirklich glauben kann ich das nicht …

Der Juchtenkäfer hat´s geschafft!

Was Menschen nicht hinbekommen haben, hat er also tatsächlich geschafft: Der Juchtenkäfer stoppt erst einmal wichtige Vorarbeiten für das Bahnprojekt Stuttgart 21. So etwas hatte ich ja hier vor über einem Jahr schon vermutet. Die Käferart wird Schuld daran sein, dass es Verzögerungen von ungefähr einem Vierteljahr beim Bau geben wird.

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hat heute einer Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) stattgegeben und Nachbesserungen beim Artenschutz im Stuttgarter Schlossgarten verlangt, der an den Bahnhof angrenzt. Das misslungene Grundwassermanagement hat nach Ansicht der Richter Auswirkungen auf die Natur, die nicht berücksichtigt wurden, vor allem auf  Bäume im mittleren Schlossgarten. Auf denen lebt eben der geschützte Juchtenkäfer.

Laut BUND sind auch die Folgen für Vogel- und Fledermausarten nicht richtig geprüft worden. Der BUND will jetzt Vorschläge zum Schutz der Tiere machen. So sollen zum Beispiel keine Bauarbeiten während der Brutzeit stattfinden und kein zu starkes Licht eingesetzt werden.

So mächtig können kleine Tiere sein

urn:newsml:dpa.com:20090101:101004-99-00790Täglich demonstrieren Zehntausende von Menschen gegen Stuttgart 21. Ob ihr Protest den Bau des umstrittenen unterirdischen Bahnhofs verhindern kann? Man wird sehen. Vielleicht macht aber ein kleines Tier dem Projekt noch einen Strich durch die Rechnung: der Juchtenkäfer, gerade mal so groß wie ein Mistkäfer.

Wie das? Dieser vom Aussterben bedrohte Käfer kommt ausgerechnet auf dem Gelände von Stuttgart 21 vor. Und zwar auf  Bäumen, die zum Teil allerdings schon gefällt wurden. Deshalb hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bereits Anzeige gegen die Deutsche Bahn erstattet. Der Juchtenkäfer, der auch unter dem Namen Eremit bekannt ist, lebt zurückgezogen in Baumhöhlen – besonders in sehr alten Eichen, wie sie auf dem Stuttgart-21-Gelände stehen. Oft verbringt dieses seltene Tier sein ganzes Leben in den Höhlen. Nicht einmal zur Nahrungsaufnahme muss es sie verlassen, denn es ernährt sich von Mulm, also vom zersetzten toten Holz alter Laubbäume. Der Name Juchtenkäfer lässt sich folgendermaßen erklären: An heißen Tagen kriechen die männlichen Käfer manchmal an den Eingang der Baumhöhlen und verströmen einen intensiven Geruch nach mit Öl behandeltem Juchtenleder.

Der Juchtenkäfer ist übrigens nicht das erste Tier, das ein riesiges Bauvorhaben zumindest gefährden könnte. Die Deutsche Presseagentur hat aus ihrem Archiv einige interessante Beispiele ausgegraben, wie kleine Tiere große Projekte (fast) schon gestoppt haben. Ein tolles Thema, das ich hier gerne an meine Leser weitergeben möchte.

Die Agentur erinnert etwa an die Kleine Hufeisennase: Diese bedrohte Fledermausart hat es immerhin geschafft, den Bau der Dresdener Waldschlösschenbrücke eine Zeitlang lahmzulegen. Die Belange dieser Tierart seien nicht ausreichend berücksichtigt, urteilte damals das Verwaltungsgericht Dresden. Das war im Jahr 2007. Auch wenn der Bau nicht verhindert wurde, ordnete das Gericht zumindest an, dass Auflagen zum Schutz der Tiere beachtet werden mussten.

Noch bei einer anderen Fledermausart, nämlich der großen Mopsfledermaus, wurde die Nachrichtenagentur fündig. Diese Tiere haben den Ausbau der Start- und Landebahn am Hunsrück-Flughafen Hahn in Rheinland Pfalz um eineinhalb Jahre bis 2007 verzögert.

Auch dem Frankfurter Flughafen kam beim Bau einer 150 Millionen teuren Halle schon einmal ein kleines Tier in die Quere: der Hirschkäfer. Erst als der Betreiber des Flughafens dafür gesorgt hatte, dass die Käferbrut umgesiedelt wurde, erhielt er die Erlaubnis, Wald für die Halle zu roden.

Den Bau der Ostseeautobahn A 20 konnte der Wachtelkönig (ein mittelgroßer geschützter Vogel) zwar nicht stoppen. Aber immerhin gelang es ihm, in Hamburg im Stadtteil Neugraben 1997 ein großes Wohnungsbauprojekt zu verhindern. Und wegen Kammmolchen musste im Jahr 2005 die Streckenführung der Autobahn A 49 zwischen Kassel und der A 5 bei Gemünden geändert werden.