Bayerisches Rindvieh auf Abwegen

Was ist nur los mit Bayerns Rindviechern? Im letzten Jahr hielt Kuh Yvonne die Öffentlichkeit wochenlang in Atem, nachdem ihr eine spektakuläre Flucht gelungen war. (Auf dem Foto ist Kuh Waltraud zu sehen, die Schwester von Yvonne, die Yvonne anlocken sollte, was aber nicht klappte.) Fast genau zum Jahrestag von Yvonnes großer Sause sind in Bayern mehrere Rinder aufmüpfig geworden.

Diesmal hat es ein Jungstier geschafft, von einem Bauernhof in Bad Birnbach/Niederbayern zu entkommen. Seppe heißt das Tier, und es sind schon zehn Tage her, seit er von seinem Hof verschwunden ist. Die Polizei vermutet, dass er sich im Unterholz der Wälder versteckt, die an den Bauernhof angrenzen. Ähnlich war es ja bei Yvonne auch gewesen: Sie war eine ganze Zeitlang im Wald unterwegs und wurde damals als „Kuh, die lieber ein Reh wäre“ berühmt.

Ihre Freiheitsliebe hatten vor einigen Wochen auch zwölf Jungrinder in Kastl in der Oberpfalz entdeckt. Neun von ihnen sind mittlerweile allerdings wieder eingefangen worden, nachdem vorübergehend tagelang jede Spur von ihnen gefehlt hatte. Für die drei letzten hat die Flucht vom Bauernhof ein schlimmes Ende genommen: Sie wurden jetzt Opfer eines Jägers, der alle drei erschoss. Die lapidare Begründung für diesen Schritt lautete: Die Tiere hätten nach der langen Zeit in ihrem Stall nicht mehr heimisch werden können. Also erschießt man sie – ob das nun typisch bayerisch ist oder nicht, will ich mal dahingestellt sein lassen.

Yvonne auf der Bobbenreuder Kärwa

„Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe.“  So reimte einst Heinz Erhardt, und er wusste, wovon er sprach. Eine Kuh, die schon in der Einzahl Mühe machte,  füllte in diesem Jahr auch das Sommerloch: Yvonne – das Tier, das sich nicht schlachten lassen wollte und um zu überleben in die Rolle eines Rehleins schlüpfte, worauf es wochenlang im Wald untertauchte. Jetzt ist die Kuh nach über drei Monaten eingefangen worden, aber auch das nur mit viel, viel Mühe. Man benötigte eine Überdosis Betäubungsmittel, um Yvonne zur Räson – respektive auf den Viehtransporter – zu bringen, denn sie gebärdete sich wie ein wilder Stier. Nun darf sie weiterleben, und das in Saus und  Braus, wie alle Tier-Senioren auf Gut Aiderbichl in Deggendorf. Ich glaube, Yvonne hat beste Aussichten, Tier des Jahres zu werden.
Yvonnes Schicksal wird sicherlich demnächst in einem Kinder- oder Bilderbuch nacherzählt und zum Kassenschlager werden. Kaum einem Drehbuchautor wäre wohl ein derart origineller Plot eingefallen. Die schier unglaubliche Geschichte hat sogar schon Eingang ins fränkische Brauchtum gefunden: Am Sonntag beim Kirchweihzug in Poppenreuth (Vorort von Fürth in Bayern) war Yvonne ein gefundenes Fressen, um die Fehde mit dem benachbarten Schnepfenreuth (Vorort von Nürnberg) aufzugreifen und in einen witzig-aktuellen Kärwa-Wagen-Beitrag umzumünzen. Was dabei herauskam, ist auf obigem Foto zu sehen: „Dei Schnepfenreider suchn dei Kuh noch, mir ham`se scho längst g´fundn“, heißt es auf dem Schild am Anhänger.  – Ich muss sagen: Humor haben sie, die Bobbenreuder!