Gläubige und ungläubige Zoo-Menschen

Dag Encke, seit 2005 Nürnberger Tiergartendirektor, hat es mit den Medien nicht immer leicht – vor allem mit denen, die nicht in Nürnberg beheimatet sind. Immer wieder muss er zu denselben Vorwürfen in Sachen Delfinhaltung/Lagune Stellung nehmen. Die Fragen ähneln sich, die Artikel oder Sendungen ebenso. Einige Journalisten-Kollegen „recherchieren“ schon vor dem Hintergrund einer vorgefassten Meinung, die sie dann auch nicht mehr aufgegeben angesichts dessen, was sie vor Ort vorfinden. Die Artikel oder Berichte, die dabei herauskommen, lassen oft jede Neutralität vermissen, wie es zum Beispiel in der „Zeit“ vor einigen Wochen der Fall war. Delfine in Zoos oder Delfinarien – dass dieses Thema die Menschheit spaltet, haben wir ja immer wieder auch hier im Blog gesehen.

Ludwig Schick und Dan Encke im GesprächEs geht mittlerweile aber auch um die Frage, ob Zoos heutzutage überhaupt noch zeitgemäß sind. Ob Tierhaltung dort womöglich gegen ethische Grundsätze verstößt. Oder gegen die von Gott gewollte Ordnung. Derart dürften wohl die Hintergedanken für ein Gespräch gewesen sein, das vom Bildungszentrum Nürnberg veranstaltet wurde: Dag Encke und Erzbischof Ludwig Schick saßen sich gegenüber und unterhielten sich – wie immer in der Reihe „Starke Köpfe“ – in persönlicher Atmosphäre und ohne Moderator. Ludwig Schick ist seit 2002 Erzbischof von Bamberg. Bevor er sich für die Theologie entschied, hatte er Medizin studiert und kann von daher wissenschaftliche Gedankengänge besser nachvollziehen als so mancher reine Theologe. Schick hat außerdem alle Kontinente bereist und immer wieder Tiere in freier Wildbahn erlebt, die in unseren Breiten nur in Zoos zu sehen sind.

Eine gute Basis also für ein anregendes Gespräch – das dann wesentlich philosophischer geriet, als viele es wohl erwartet hatten. Eher nebenbei erfuhren die Zuhörer interessante persönliche Geschichten. Etwa, dass Encke als Zehnjähriger tief gläubig war, später aber „abschwor“ und einem naturwissenschaftlichen Weltbild für seine Lebensauffassung und -führung den Vorzug gab. Heute bezeichnet er sich selbst als „ungläubigen Zoo-Menschen“. Oder dass Schick früher zur Jagd ging und durchaus nachvollziehen kann, wenn jemand auf eine Trophäe wie zum Beispiel ein Geweih stolz ist. Die beiden Männer auf dem Podium vertraten – zu ihrem eigenen Erstaunen – oft gemeinsame Standpunkte, wenn auch vor einem unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergrund.

Dag Encke merkte man an, dass er froh war, einmal losgelöst von Vorwürfen angeblich nicht artgerechter Tierhaltung über ethische und philosphische Fragen plaudern zu können. Dabei glänzte er mit einem breiten Wissen, mit dem er selbst den Erzbischof beeindruckte. Encke sprach aber auch von sich aus seine Haltung an, dass er kein Problem damit hat, Tiere zu töten und anschließend Zootieren zum Fressen vorzuwerfen – womit er in der Öffentlichkeit schon aneckte. Beim Erzbischof stieß er damit auf (Ein-)Verständnis. Schick seinerseits nahm Tierrechtlern den Wind aus den Segeln, die etwa Menschenrechte für Tiere fordern; er lehnt es auch strikt ab, „Tiere zu verherrlichen“. Aber er betonte auch: Tierrechte gibt es, und die sind einzuhalten – gerade von Zoos. Da waren die beiden Männer einer Meinung. Encke will im Tiergarten Tiere so zeigen, dass er sich nicht dafür schämen muss und misst sich selbst an diesem Anspruch. Zu Recht, wie der Applaus im Publikum nach eineinhalb spannenden Stunden unterstrich.

Dag Enckes Vater war kein Zirkusdirektor!

Der Nürnberger Tiergartendirektor Dag Encke ist in der Sendung „ZDF Nachtstudio“ aufgetreten. Dabei ging es um das Thema „Der Zoo – Arche Noah oder Tiergefängnis?“ Moderator Volker Panzer stellte Encke u.a. als Sohn eines „Zirkusdirektors“ und als „Flocke-Papa“ vor.

Es war interessant, während dieses Satzes Enckes Mienenspiel zu beobachten: Er zog ein wenig die Augenbrauen zusammen, grinste dann leicht – aber sagte kein einziges Wort. Aus Höflichkeit? Oder wollte er den Moderator nur nicht belehren und bloßstellen? – Wer weiß? Encke ist den Medien gegenüber eher zurückhaltend. So weigerte er sich zum Beispiel, in der ZDF-Doku-Soap „Nürnberger Schnauzen“ vor die Kamera zu treten. Das überließ er seinem Stellvertreter Helmut Mägdefrau, den Tierärzten Katrin Baumgartner und Bernhard Neurohr sowie verschiedenen Tierpflegern. 

Zurück zum „Zirkusdirektor“: Enckes Vater war in Wirklichkeit natürlich nicht Zirkus-, sondern Zoodirektor. Und zwar in Krefeld. Klein Dag hat also von Anfang an Zooluft geschnuppert, denn das reetgedeckte Haus des dortigen Zoodirektors steht mitten in der Anlage. Am liebsten, so hat Encke mir einmal erzählt, erinnert er sich an den Geruch von Mähnenwölfen. Wem diese Duftnote schon einmal in die Nase gestiegen ist, der mag sich vielleicht wundern – ein wenig streng ist sie nämlich schon. Aber Biologen haben da offenbar ihren eigenen Geschmack…

Abgesehen von dem Fauxpas, der dem Moderator da unterlaufen ist: Bei der Diskussion hat sich Encke wieder einmal als glänzender Rhetoriker gezeigt, wie wir das zum Beispiel schon im Stadtrat (beim Plädoyer für den Bau der Lagune) erlebt haben oder am Tag, als Flocke in ihr Freigehege eingezogen ist und der Weltpresse vorgestellt wurde. Nürnberg und sein Tiergarten haben sich mit diesem Direktor sehr sympathisch im Fernsehen darstellen können – keineswegs weniger einprägsam als Leipzig mit seinem Zoochef Jörg Junhold, der ebenfalls in der Runde saß und als äußerst medienerfahren gilt.

Leider nur dürften nicht allzu viele Zuschauer die Sendung gesehen haben: Sie läuft nämlich nach Mitternacht. Wer sie versäumt hat, wie ich übrigens auch, kann sie aber am Computer hier anschauen. Auf dieser ZDF-Startseite dann auf „Mediathek“ klicken,  weiter auf „Sendung verpasst?“ Dann muss man nur noch auf Sonntag, 26. April, und bei der Uhrzeit bis ans Ende des Tages gehen. Dauert gut ein Stunde. Viel Spaß!