Er redete mit dem Vieh …

Der Heilige Abend nähert sich erbarmungslos in Riesenschritten. Für alle, die immer noch fieberhaft auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk sind, habe ich hier einen Tipp – sozusagen in allerletzter Minute: Ein Buch mit Tiergeschichten, die ausgerechnet der frühere Kulturreferent der Stadt Nürnberg, Hermann Glaser, geschrieben hat. „Ausgerechnet“ deshalb, weil Glaser in seiner Amtszeit eher der Mann für (gesellschafts-)politische Themen war. Doch im Alter werden alle Menschen weise, und da hat wohl auch er erkannt, wie wichtig Tiere in unserem Leben sind. Das Ergebnis ist ein Buch, das in Zusammenarbeit mit dem Maler Walter Bauer entstanden ist.

„Die Mitteilungsmöglichkeiten des Menschen sind gewaltig, doch das meiste, was er sagt, ist hohl und falsch. Die Sprache der Tiere ist begrenzt, aber was sie damit zum Ausdruck bringen, ist wichtig und nützlich.“ Das Genie Leonardo da Vinci hat sich mit diesem Satz klein gemacht gegenüber der oft als minderwertig eingeschätzten Kreatur. Hermann Glaser stellt das Zitat seinem kleinen Band „Tierleben“ voran, in dem er mit verschiedenen Tieren in Dialog tritt.

Wenn ein Mensch wie Glaser das tut,  dann geht es nicht um Banalitäten. Er packt vielmehr den gesamten Wissens- und Erfahrungsschatz seines Lebens in diese Unterhaltungen, streut da mal ein Häppchen Philosophie ein, dort einen Satz aus einem Theaterstück oder eine sonstige literarische Anspielung. Er parliert in geschliffener – an einigen Stellen leider in etwas gestelzter – Sprache mit seinen tierischen Gesprächspartnern. Von einfachen Unterhaltungen kann keine Rede sein, sie besitzen durchwegs einen tieferen Sinn.
Nicht alle Texte sind so gelungen wie der über den Frosch, der nicht mehr weiß, was er noch quaken soll. Glaser rät ihm, dann eben zu quaken, dass er nichts zu quaken wisse. Damit hat der Frosch einen so unerwarteten wie unglaublichen Erfolg. Oder das Stück über die Ameisen, die sich als gebildeter erweisen, als der Mensch es in seinen kühnsten Träumen vermutet hätte. Es sind vor allem die kurzen Beiträge, Aphorismen gleich, die in dem Büchlein überzeugen.
Ein Text fällt ein wenig aus dem Rahmen: die Eingangsgeschichte „Das arme Schwein“ – der erste Versuch des (damals noch jugendlichen) Autors, mit Tieren sprachlich Kontakt aufzunehmen. Hier fließt viel Autobiographisches mit ein und – für den sonst eher kühl analysierenden Glaser – außerordentlich viel (Mit-) Gefühl. Auch in seiner Einführung, einem fiktiven Interview mit sich selbst, stößt man auf solche Stellen.
Auf den Vorwurf seiner Enkelin, die Tiere könnten doch gar nicht sprechen, entgegnet der Autor: „Natürlich weiß ich, dass die Tiere nicht sprechen können, aber sie können dir was sagen, ohne dass sie sprechen, und dann meinst du, sie sprächen doch.“

Das ist die beste Erklärung für das kleine Buch, die man geben kann. Hermann Glasers Tiergeschichten sind von Walter Bauer illustriert worden. Der Nürnberger Maler, der sich selbst als „Powerpainter“ bezeichnet, hat die im Buch vorkommenden Tiere mit kräftigen Pinselstrichen in Öl auf Leinwand verewigt.  – Eine, wie man so schön sagt, „fruchtbare Zusammenarbeit“.
Wer das Buch kaufen will – hier sind die notwendigen Angaben: Walter Bauer (Hrsg.): Glasers Tierleben. A.M.S. Verlag Hersbruck, 104 Seiten mit 41 farbigen Abbildungen von Walter Bauer. 9,80 Euro. Übrigens: Der Bayerische Rundfunk stellt das Buch am Samstag, 14. Januar 2012, um 21.05 Uhr auf Bayern 2 vor.

"Tiere wie wild"

Ab und zu gebe ich in meinem Blog einen Buchtipp, wie zum Beispiel kurz vor Weihnachten den hier oder im Februar, passend zum eisigen Winterwetter, den hier. Da ich zurzeit einige Tage Urlaub habe und das Wetter auch nicht so ist wie erhofft, habe ich mal wieder die Abteilung Tierbücher in meiner privaten Bibliothek durchforstet und zu einem kleinen Band gegriffen, den ich vor Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Beim Durchblättern hat er mir gleich wieder genauso gut gefallen wie damals, und da er sich um Zootiere dreht, passt er wunderbar in dieses Blog.

Buch„Tiere wie wild“ heißt das Buch (Insel Taschenbuch 1577), und für mich ist die Titelseite mit der Detailansicht eines Zebras ein echter Hingucker. Die Fotos stammen von der Hamburger Fotografin Ille Oelhaf und sind allesamt schwarzweiß – für mich ein ausschlaggebender Grund, warum ich das Büchlein so gerne mag. Ein weiterer ist das Vorwort von Karin Kiwus. Die hat sich nämlich (möglicherweise nur fiktiv, ist aber egal) einer Art Experiment ausgesetzt: Um die Gesellschaft der Menschen zu meiden, die sie nicht mehr ertrug, hat sie sich in einen Zoo zurückgezogen, um mit den Tieren dort zu leben – monatelang. Sie haust nicht in einem Käfig oder Gehege, sondern in einer leerstehenden Wohnung von Tierpflegern. Woche um Woche widmet sie sich den verschiedenen Lebewesen im Zoo und gewinnt dabei Erkenntnisse, die sie so selbst nicht erwartet hätte.

Ich muss sagen: Das ist durchaus eine Anregung für mich! Vielleicht sollte ich gelegentlich beim Tiergarten in Nürnberg vorsprechen und mich nach einer entsprechenden Möglichkeit erkundigen. Es gibt nämlich Tage, an denen ich mir nichts anderes wünsche, als die Menschen um mich herum einfach hinter mir lassen zu können und nur noch Tiere um mich zu scharen. Mich ohne Worte, nur durch Blicke, mit ihnen zu verständigen – ein Traum!
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