Tapetenwechsel für Flocke

Unsere Flocke – verhaltensgestört? So ungefähr hat sich das angehört, was ein, zwei Radio- und TV-Sender vor ein paar Tagen berichtet haben. An diesem Beispiel konnte man wieder mal sehen, wie aus einer Mücke ganz schnell ein Elefant gemacht werden kann – wenn man nur die „richtigen“ Journalisten drauf ansetzt.

Was wirklich passiert ist: Flocke scheint sich in letzter Zeit ein wenig zu langweilen. Sie läuft manchmal an derselben Stelle hin und her und nuckelt an ihrem „Schnuller“. Dann aber fordert sie auch wieder ihren Freund Rasputin zum Spielen auf, und da geht bei den beiden echt die Post ab. An anderen Tagen animiert Rasputin wieder sie, zusammen „was loszumachen“.

Damit sich bei Flocke keine schlechte Gewohnheit festsetzt und aus dem Hin- und Herlaufen ein dauerhafter Tick wird, der tatsächlich zu einem stereotypen Verhalten führen könnte, hat sich die Zooleitung zusammen mit den Pflegern folgendes überlegt: Flocke tut vielleicht mal ein Tapetenwechsel gut. Und wie ist der im Tiergarten zu bewerkstelligen? Ganz einfach: Durch Gehegetausch. Flocke und Rasputin ziehen ins benachbarte Gehege von Vera, und Vera wird ins bisherige „Kinderzimmer“ umgesetzt. Außerdem haben die Pfleger den Fütterungs-Rhythmus geändert und versucht, ihr Ziehkind wieder mit etwas mehr Spielzeug zu unterhalten. 

Dieser Wohnungswechsel sollte schon vor zwei Wochen vorgenommen werden, aber man hatte die Rechnung ohne Vera gemacht. Die wollte sich einfach nicht wegsperren lassen – doch anders ist ein Umzug bei Eisbärs nicht zu organisieren. Doch jetzt hat es endlich geklappt, der „Ringtausch“ ist geschafft.

Sorgen, dass Flocke zu sehr unter dem Pantoffel von Rasputin stehen könnte, haben sich jedenfalls zerstreut. Wenn die beiden spielen, verstehen sie sich bestens. Nur hat Rasputin nicht immer Lust dazu, sondern legt dazwischen gern ausgedehnte Schlafpäuschen auf der Wiese ein. „Der ist wirklich ein cooler Knabe“, meint Tiergartendirektor Dag Encke.

Babypause bei Vera

Endlich kann ich meine Leser informieren, wie es mit Eisbärin Vera im Nürnberger Tiergarten weitergeht. Lange haben die Verantwortlichen vom Europäischen Erhaltungszucht-Programm sich für ihre Entscheidung Zeit gelassen – nun steht fest: Die Mutter von Flocke wird in diesem Jahr nicht gedeckt.

Sie soll sich erst einmal von den Schicksalsschlägen erholen, die sie mit ihrem bisherigen Nachwuchs ereilt haben: Das Drama um Flocke, die man ihr zur Handaufzucht wegnehmen musste, und das Trauerspiel um das Zwillingspärchen, das sie im vergangenen Winter zur Welt brachte und das dann starb.

Einen Eisbärenmann nach Nürnberg zu holen, der mit Vera wieder für Nachwuchs sorgen könnte, ist derzeit aus Platzgründen nicht möglich. Und Vera auf die Reise zu schicken, nur damit sie anderswo mit einem Bären zusammenkommen kann, um wieder trächtig zu werden, ist der Mühe nicht wert und würde die Eisbärendame zusätzlich belasten.

Gönnen wir der beim Publikum beliebten Bärin ein ruhiges Jahr, bevor sie hoffentlich 2010 zum nächsten Mal ein oder mehrere Babys bekommt!!

Kommt mit Vera endlich zu Potte!

Um Eisbärin Vera im Nürnberger Tiergarten ist es still geworden in den letzten Wochen. Dass sie ihre Zwillinge verloren hat, schien die Polarbärin ganz gut verkraftet zu haben. Doch wie soll es nun weitergehen mit dem Eisbären-Nachwuchs am Schmausenbuck?

Hinter den Zoo-Kulissen tut sich in dieser Frage zurzeit einiges. Die Überlegung der am Europäischen Erhaltungszucht-Programm (EEP) beteilgten Zoos ist: Soll Vera auch dieses Frühjahr wieder gedeckt werden, oder gönnt man ihr nach den dramatischen Ereignissen erst mal ein Jahr Pause? Und: Soll wieder Felix der Auserwählte sein, mit dem Vera ein paar zärtliche Wochen verbringen darf? Bisher hatte es ja zwischen den beiden immer wieder gefunkt und die Paarung jeweils erst mal zum erhofften Erfolg geführt.

Das Problem ist nur: Felix ist im dänischen Aalborg, Vera in Nürnberg. Zwar kann man Felix mittlerweile als abgebrühten Handelsreisenden in Sachen Befruchtung bezeichnen – er stattet ja einem Zoo nach dem anderen seinen Besuch ab, um Eisbären-Damen zu beglücken. Aber mit einem Abstecher nach Nürnberg wird´s diesmal nichts. Denn hier ist kein Platz mehr führ ihn: Flocke und Rasputin belegen das große Gehege, Vera das kleinere. In beide kann man den starken Eisbären-Mann nicht hineinlassen: Die zwei Jungbären würden das nicht überleben; Vera und er sollen sich zwar treffen, aber für ihr Techtelmechtel nicht  ununterbrochen zusammen sein, sie bräuchten immer wieder eine Auszeit.

Also müsste Vera ihrem Felix hinterhergefahren werden, damit ein Date in einem anderen Zoo organisiert werden kann. Vera hat allerdings in letzter Zeit einiges durchgemacht – kann man ihr da Fahrten bis Dänemark oder eventuell auch Rostock zumuten? Oder soll es diesmal ein neuer Lover in einem ganz anderen Zoo sein? Und wie werden die Nürnberger reagieren, wenn sie hören: Unsere berühmte Vera kommt erst mal weg?

Mit solchen Fragen müssen sich seit ein paar Wochen die Verantwortlichen des Tiergartens und des EEP herumschlagen. Die Lösung scheint nicht einfach zu sein, sonst wäre sie uns schon präsentiert worden. Ich habe schon mehrmals bei der Zooleitung nachgefragt, wie es denn jetzt weitergeht, doch man hat mich immer wieder vertröstet. Jetzt haben wir aber schon Mitte März – ich denke, langsam müsste man mal zu Potte kommen mit einer Entscheidung, denn das Frühjahr ist schließlich Paarungszeit bei den Eisbären.

Gefangen in der Zeitschleife

Und wieder einmal waren die „Schnauzen“-Gucker in der Zeitschleife gefangen: Kürzlich wurde in der täglichen ZDF-Sendung nämlich wieder fleißig darüber spekuliert, ob denn der Nachwuchs von Eisbärin Vera durchkommt und diesmal auch eine Naturaufzucht möglich ist. Freilich müssen die Sendungen vorproduziert werden – aber wenn es um Tod und Leben geht, ist diese Inaktualität, die Ute kürzlich ja erst zu Recht beklagte, einfach nervig. Immerhin sind die beiden Jungtiere schon vor zwei Monaten gestorben. Schade, dass zumindest in diesen Fragen vom Sender nicht nochmals aktuell nachgefragt wird, um solche Pannen zu vermeiden.  Zumal die ZDF-Leute ja gebrannte Kinder sind, haben sie doch in der ersten Staffel 2008 zum Beispiel ein schon lange vorher  verschiedenes Gepardenweibchen wieder zum Leben erweckt…

Aber – das muss auch mal gesagt werden – es macht dennoch Spaß, die Sendung zu sehen. Ein Höhepunkt der vergangenen Woche: Die ausführliche Darstellung des Delfintrainings mit der stellvertretenden Revierleiterin Christiane Thiere und der jungen Delfinkuh Sunny.

Flocke und ihr neuer Freund im Freigehege

Aufatmen im Tiergarten Nürnberg: Flocke und ihr neuer Spielkamerad aus Moskau verstehen sich prächtig. Heute früh durften die beiden 13 Monate alten Eisbären erstmals gemeinsam ins Freigehege. Zuerst ließen die Pfleger den russischen Bären auf die Anlage, damit er sich nach seinem tagelangen Aufenthalt in einem Innenkäfig erst mal richtig austoben konnte. Dann kam Flocke dazu. Die beiden beschnupperten sich, beäugten sich zunächst noch etwas skeptisch, doch dann hatten sie in der verschneiten Anlage viel Spaß zusammen. Der Feuerwehr-Spritzenwagen, der für alle Fälle bereit stand, um die Tiere notfalls mit einem harten Wasserstrahl zu trennen, musste zum Glück nicht eingesetzt werden.

Seit dem frühen Vormittag spielen Flocke und ihr noch namenloser Gefährte mit Flockes Spielsachen, die im Gehege verteilt wurden: Die beiden bearbeiten mit Feuereifer Kisten, Säcke und Eimer. Wie bei Kindern ist auch bei den zwei jungen Eisbären anscheinend immer gerade das Spielzeug am interessantesten, das gerade der andere in den Tatzen hat. Das möchte der andere dann auch gleich haben.

Im Tiergarten ist man erleichtert, dass sich die von Hand aufgezogene Flocke ihrem Artgenossen gegenüber genau richtig verhält: Sie hat zwar Respekt vor ihm – schließlich ist er rund einen Zentner schwerer, entsprechend größer und kräftiger als sie – , aber sie ist trotzdem selbstbewusst und lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Ab und zu knurren sich die beiden mal kurz an, doch sie sind dann schnell wieder ein Herz und eine Seele. Mehrmals haben sie auch schon gemeinsam ein Bad genommen. Besonders viel Spaß macht es ihnen, ein Spielzeug mit ins Wasser zu nehmen und sich dann ein bisschen darum zu kappeln.

Vom Nebengehege aus beobachtet Flockes Mutter Vera die beiden jungen Bären interessiert. Keiner vermag jedoch zu sagen, was die Eisbärin dabei empfindet. Sie scheint sich nach dem Verlust ihrer im Ende November geborenen und wenige Wochen darauf verstorbenen Zwillinge ganz gut erholt zu haben. Sie wird jetzt wieder regelmäßig gefüttert und soll in den nächsten Wochen an Gewicht zulegen.

Ob Vera im Frühjahr wieder gedeckt werden kann, ist derzeit aber noch ungewiss. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil es vom Platz her ziemlich eng wird: Da Flocke und ihr Kamerad im großen Freigehege sind, kann dort der Partner, der zur Paarung mit Vera nach Nürnberg kommen müsste, nicht hinein. Er kann aber auch nicht die ganze Zeit mit Vera in deren kleinerem Gehege sein, denn zwischen erwachsenen männlichen und weiblichen Eisbären kommt es immer wieder zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Da muss dann die Möglichkeit bestehen, sie für einige Zeit zu trennen. Vielleicht bringt man Vera aber auch zur Verpaarung in einen anderen Zoo, oder man wartet nach der ganzen Aufregung in den letzten Wochen ein Jahr ab und lässt sie erst im Frühjahr 2010 wieder decken. Die Tiergartenleitung will noch überlegen, für welche Lösung sie sich entscheidet.

Lasst Vera möglichst bald wieder decken!

Nun haben wir also das amtliche Ergebnis, woran die die Zwillinge von Eisbärenmutter Vera im Nürnberger Tiergarten gestorben sind: Sie sind einer Kokzidiose zum Opfer gefallen, haben die Tierpathologen im Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen herausgefunden.

Nur: Wie und wo sie sich diese Kokzidien eingefangen haben, bleibt weiterhin ein Rätsel. Kokzidien, das sind parasitärte Einzeller, die sich hauptsächlich im Magen-Darm-Trakt ihrer Wirtstiere ansiedeln, sich dort vermehren, die Darmschleimhaut schädigen und schließlich zerstören.  Das führt dann zu Durchfällen, außerdem kann die Nahrung durch die Darmschleimhaut nicht mehr resorbiert werden.

Das passt genau zu den Beobachtungen, die Tiergartenmitarbeiter über die Kamera in der Wurfhöhle gemacht haben: Die Zwillinge wurden regelmäßig und ausreichend gestillt und waren nicht hungrig, weil ihr Magen ja immer gefüllt wurde. Doch dieser Schein trog. Weil die Nahrung nicht resorbiert werden konnte, wurden die Bärchen immer schwächer. Zuletzt konnten sie auch keine Nahrung mehr aufnehmen. Wahrscheinlich zehrten sie tagelang von ihrem bisschen Körperfett. Über die Kamera war das natürlich nicht zu erkennen.

Niemand hat aber eine Erklärung dafür, wie es zum Kokzidienbefall kommen konnte. Denn weder bei Vera noch bei Flocke im Nachbargehege wurden Kokzidien im Kot nachgewiesen. Trotzdem geht man davon aus, dass Vera die Überträgerin der Kokzidien war.

Bei Eisbären stellt sich folgendes Problem: Im Gegensatz zur Arktis ist die Umwelt in Zoos nicht keimfrei. Eisbärenbabys können sich dort also alle möglichen Keime einfangen, auf die ihr Körper überhaupt nicht eingestellt ist.  Wohlgemerkt: Sie können sich Keime einfangen. Das muss jedoch nicht zwangsweise passieren. Genauso gut können Eisbärenjunge in Zoologischen Gärten es über die kritischen ersten Wochen hinweg schaffen. Wie in einem frühren Blog-Beitrag schon gesagt: Das hat früher schon mehrmals im Nürnberger Tiergarten geklappt, das klappt auch immer wieder in anderen Zoos, wie zuletzt in der Stuttgarter Wilhelma bei Wilbär.

Also: Man sollte es Vera  weiterhin versuchen lassen. Denn sie hat ja alles richtig gemacht und ihre Kleinen gut versorgt. Schon im Frühjahr kann sie wieder gedeckt werden, da sie nach dem Tod ihres Nachwuchses wieder aufnahmebereit ist. Am besten wäre es, wenn Felix sie wieder beglücken würde. Aus der Vergangenheit wissen wir ja: Die beiden sind wie die Turteltauben und gehen sehr zärtlich miteinander um. So etwas ist im Tierreich eher die Ausnahme.

Auch erwachsene Eisbären sind schön!

VeraHallo Flocke,

in meinem ersten Brief muss ich Dich gleich mal vor Zukunftsängsten oder gar einer vorgezogenen Midlife-Crisis bewahren. Immerhin wird in den Debatten über Dich – so auch in einer Diskussion, die kürzlich unter dem Titel „Rummel um Flocke – Tierliebe oder Medienhysterie“ stattfand – permanent erzählt, dass Du in ein paar Monaten all Deinen Reiz verlierst, wenn Du erstmal ausgewachsen bist. Aus Deinem berühmten Berliner Artgenossen Knut sei mittlerweile ein „fieses Raubtier“ geworden, stand neulich sogar irgendwo zu lesen. Flocke, lass Dich von solchen Argumenten nicht verunsichern. Eisbären, und das wird in den Diskussionen um die niedlichen Babys vielleicht ein wenig vernachlässigt, sind auch im ausgewachsenen Zustand  schöne Tiere. Und irgendwie drollig sind sie ja auch…. Zum Beweis habe ich Dir ein Bild von Deiner Mama Vera eingeklinkt, das unser Fotograf Harald Sippel im Januar im Tiergarten gemacht hat. (Du warst zu diesem Zeitpunkt noch in der Höhle und hast vermutlich gerade mal wieder ein Nickerchen eingelegt.) Dass Deine Pfleger Dich vermutlich nicht mehr ganz so risikofrei knuddeln können wie derzeit, wenn Du mal so groß wie Vera bist, ist freilich eine andere Frage…

Doch es gibt noch ein weiteres Argument, das miesepetrig gegen die derzeitige Eisbären-Euphorie verwendet wird: Das der Vermenschlichung. Freilich treibt der Flocke-Rummel kuriose Blüten, zum Beispiel, wenn in einschlägigen bunten Blättern über Deine Hochzeit mit Knut spekuliert wird. Und dass Ute und ich Dir Briefe schreiben, spielt wahrscheinlich den skeptischen Mahnern ebenfalls in die Hände… Gleichwohl scheint mir das permanente Warnen vor dem „Vermenschlichen“ auch ein Totschlagargument zu sein, mit dem Tierliebe per se diskreditiert und künstlich Distanz zwischen Mensch und Tier geschaffen werden soll. Der Psychoanalytiker Jörg Wiesse meinte jedenfalls bei der besagten Debatte über die Medienhysterie, dass er nichts Schlimmes dabei finden könne, wenn Menschen versuchen, ihre eigenen Emotionen in den Tieren wiederzufinden. Später sagte mir Wiesse, dass er die „Vertierung“ von Menschen für viel schlimmer halte  – etwa, wenn gesellschaftliche Minderheiten in rechter Propaganda als „Ungeziefer“ verunglimpft werden. Und außerdem: Im Fernsehen, Flocke, sieht man Dich meist fressen, schlafen und inzwischen auch ein bisschen randalieren. Insofern bist Du uns Zweibeinern doch ganz nah…

In diesem Sinne die besten Grüße, Marco