Romeo und Julia in Isny

Der Storch: ein Zugvogel. So haben wir es jedenfalls einst aus dem Schulbuch gelernt. Doch die Wirklichkeit sieht manchmal anders aus. Nicht nur in deutschen Landen mit sehr mildem Klima, sondern auch dort, wo bei uns der Winter schön knackig ist, überwintern Weißstörche, statt in wärmere Gefilde zu ziehen. Die Kälte macht ihnen ja auch nichts aus – sie sind praktisch resistent dagegen. Schwierig wird es nur, wenn sie längere Zeit keine Nahrung finden.

urn:newsml:dpa.com:20090101:100125-10-12243Freilebende Weißstörche im Winter – die kann man derzeit wieder im Allgäu beobachten. In Isny hat Storchenmann Romeo, eine ausgewilderte Handaufzucht, die langjährige Dame seines Herzens – die natürlich Julia heißt – überzeugen können, mit ihm den Winter über dazubleiben. (Das Foto zeigt Romeo und Julia in Gesellschaft eines Graureihers.) In den ersten Jahren ihrer Partnerschaft war es ihr offenbar noch zu kalt, und sie machte sich regelmäßig in den Süden auf. Doch die Liebe wurde immer größer, und Julia kehrte jedes Jahr ein paar Wochen früher zurück zu ihrem Romeo. Nun weicht sie überhaupt nicht mehr von seiner Seite.

Die Stadt Isny tut einiges, um den beiden den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. In dem 34 Meter hohen Kamin auf dem Rathaus konnte es sich das Storchenpaar so richtig heimelig machen. Schon fünfmal haben Romeo und Julia in dem Horst Nachwuchs aufgezogen. In der Zeit der Brutpflege – also im Mai/Juni – stellen Mitarbeiter eines eigens gebildeten „Storchennestteams“ den Tieren zusätzliches Futter zur Verfügung. Denn während dieser Monate finden die Störche kaum Futter, weil dann die Streuwiesen nicht gemäht werden.

Im Herbst dagegen füttert man bewusst nicht zu, weil man eigentlich möchte, dass Meister Adebar sein natürliches Verhalten beibehält und den Abflug in den Süden macht. Die 12 in Isny geschlüpften Störche tun das auch. Aber Romeo ist eben eine Handaufzucht und deshalb vielleicht zu bequem, die weite Reise anzutreten. Julia hat sich inzwischen von ihm beeinflussen lassen. Und sie weiß offenbar, dass sie selbst bei Schnee und hohen Minustemperaturen nicht auf kulinarische Leckerbissen verzichten muss: Das Storchenteam von Isny legt im Winter Fischreste und Eintagsküken auf einer Wiese am Stadtrand aus, damit Familie Weißstorch nicht Hunger leiden muss.

Romeo und Julia sind übrigens kein Einzelfall: Der Landesbund für Vogelschutz  hat beobachtet, dass in diesem Jahr allein in Schwaben über 30 Weißstörche überwintern.

Gutes Jahr für Weißstörche

Meist hört und liest man nur schlechte Nachrichten über Tierarten, die ausgestorben sind – die Artenvielfalt in der Tierwelt wird praktisch täglich kleiner.

storch.JPGEs gibt aber Tage, da freue ich mich über positive Neuigkeiten im Tierreich. So ein Tag ist heute. Da lese ich in der Zeitung über einen Babyboom bei den Weißstörchen in Bayern. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat bayernweit 180 Storchenpaare und mehr als 360 Jungvögel gezählt. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil in den letzten beiden Jahren viele Jungtiere schon im Nest an Nässe und Kälte zugrunde gegangen waren. Das milde Frühjahr 2008 hat dagegen dafür gesorgt, dass der Storchennachwuchs gut gedeihen konnte. Im Durchschnitt haben Storcheneltern zwei Junge großziehen können.

Der Bestand dieser Vogelart war in den 1980er Jahren stark zurückgegangen. Das schwärzeste Jahr war für die Weißstörche 1988, als der LBV in ganz Bayern nur noch 58 Paare zählte. Inzwischen geht es für die Weißstörche wieder aufwärts. Eine Reihe von Städten und Gemeinden trägt mit dazu bei, indem sie den Vögeln Nisthilfen bieten. Es gibt inzwischen auch wieder mehr geeignete Flächen, wo die Störche auf Nahrungssuche gehen können.