Feed on
Beiträge
Kommentare

Die Straße führt schnurstracks durch ein dichtes Waldgebiet. Am Straßenrand stehen mit Pentagrammen bemalte Steine und an den Bäumen sind Tierschädel festgebunden. Wer steigt denn gerade hier aus, um eine Pinkelpause einzulegen? Wohl keiner, was auch besser ist. Frag nach bei Katharina Auerbach (Anna Schudt). Die Frau verschwindet spurlos, ihre Mitfahrerin Inka (Nadja Uhl) wartet vergeblich auf dem Beifahrersitz.
Mit dem mysteriösen Verschwinden beginnt der ZDF-Krimi „Die Toten vom Schwarzwald“, der am vergangenen Montag Premiere hatte. Dann folgt der Auftritt von Matthias Auerbach (Heino Ferch), der frisch geschiedene Gatte der Verschwundenen.
Der arbeitet als Forensiker beim LKA und schafft es mit seinem linkischen Habitus in Rekordzeit, die Bewohner des angrenzenden Kaffs gegen sich aufzubringen. Regisseur Thorsten Näter versucht mit einigem Geschick, den Flair von „Akte X“ in die deutsche Prärie zu transportieren.
Auch an unerwarteten Wendungen mangelt es bei „Die Toten vom Schwarzwald“ nicht. Wo einst Professor Brinkmann Mühselige und Beladene heilte, herrscht heute purer Aberglaube.
Die Nachtvögel krächzen, junge Männer mit Inzestgesichtern vollführen Drohgebärden und ein irres Mütterlein brabbelt Unverständliches in der hiesigen Mundart. Matthias prallt hier auf eine Wand des Schweigens und fällt irgendwann über eine mumifizierte Leiche. Diese ist seit Jahren tot und hat die gleiche DNA wie seine Ex-Frau.
Das Motiv des Beamten wiederum resultiert aus einem schlechten Gewissen: Denn das seine Ehe in die Brüche ging, daran ist Matthias offenbar nicht ganz unschuldig.
Einzig Inka, die sich als kürzlich zugezogene Dorfschullehrerin entpuppt, hält zu dem neugierigen Fremden. Gemeinsam versuchen sie, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch was anfangs durchaus gruselig daherkommt, entpuppt sich peu á peu als provinzielles Kasperletheater. Schnell ist nämlich klar: Der Teufel im Schwarzwald ist ein machtsüchtiger Lokalpolitiker.
Ewald Beierlei (farblos: Joachim Bißmeier) ist Hauptarbeitgeber und Bürgermeister in Personalunion. Ein Dorfpate mit dunkler Vergangenheit und Hang zu gruseligen Mythen. Denn einst soll der Leibhaftige persönlich einen Pakt mit den Schwarzwäldlern eingegangen sein. Satan gewährte der Legende nach Schutz vor den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Dafür gehörte ihm ab jetzt jedes zweitgeborene Kind eines Zwillingspärchens.
Insgesamt zeigt „Die Toten vom Schwarzwald“ nichts Neues aus der Provinz. Hier wird gerne vertuscht und, wenn nötig, auch gemordet. Die Auflösung ist nach der Hälfte des Streifens ein offenes Geheimnis. Dafür gibt es einen dicken Punktabzug, wie auch für einige Dummheiten des Drehbuchs.

  • Share/Bookmark

Rayne ist halb Mensch, halb Blutsauger und unfreiwillige Attraktion einer Freakshow. Als ihr die Flucht gelingt, will sie ihrem Vater, den lokalen Vampirfürsten, den Gar aus machen. Hilfe bekommt sie von drei furchtlosen Vampirjägern. „Blood Rayne“ ist die 2006 entstandene Verfilmung des gleichnamigen Computerspiels und läuft am Freitag auf RTL 2. Die Fortsetzung des Streifens folgt im Anschluss. Banaler B-Horror mit unfreiwilliger Komik, auf RTL 2 keine Seltenheit. Doch für diesen Schund ist Uwe Boll verantwortlich. Ein Name, der hierzulande erstaunlicherweise nur wenig geläufig ist. Boll ist ein wirklich talentfreier Regisseur, jedoch der erfolgreichste Filmemacher, den Deutschland international neben Roland Emmerich momentan zu bieten hat.

So verschlang „Schwerter des Königs“ ein Budget von fast 70 Millionen Dollar. Am liebsten verfilmt der 44-Jährige aus Wermelskirchen Computerspiele. Und zwar so schlecht, dass die Fans dieser Spiele Boll zum bevorzugten Hassobjekt erkoren. So gibt es die häufig frequentierte Seite http://www.bollbashers.com. Den Anti-Oscar „Goldene Himbeere“ gewann er bereits für mehrere seiner Filme und flankierend die 2008 zum ersten Mal verliehene Himbeere für das „Schlechteste bisheriges Lebenswerk“.

Doch wie schafft es Boll mit einer solchen Vita an Jobs zu gelangen? Er dreht in Osteuropa, weil es da billig ist. Und er setzt auf relativ bekannte Namen, in „Blood Rayne“ spielen u.a. Michael Madsen, Meat Loaf und Ben Kingsley. Die B-Riege von Hollywood kontaktiert der kühle Rechner erst wenige Wochen vor Drehbeginn. Dann heißt die Frage für jene, die zur Zeit kein Engagement haben: Boll oder gar kein Geld verdienen? Außerdem schätzt ihn Til Schweiger. Mit dem und Ralf Möller drehte Boll „Far Cry“, ein Gipfeltreffen der deutschen Filmgrößen. Aktuell beendete Uwe Boll einen Film über die Boxerlegende Max Schmeling. Die Hauptrolle übernahm Henry Maske. Eine Herzensangelegenheit, sagt Boll, selbst ein ehemaliger Amateurboxer. Man darf gespannt sein, was der Regisseur mit der Lizenz zum Filmevermurksen diesmal fabriziert. Sollte er auch hier versagen, muss halt das nächste Videospiel dran glauben.

Am 22.1. auf RTL 2: „Blood Rayne“ um 22.10 Uhr & „Blood Rayne 2“ um 23.55 Uhr

  • Share/Bookmark

Tödliche Fotografien

„Gorleben soll leben! Ja, ja, es soll leben. Der Rest der  Welt soll’s auch“, sang Wolf Biermann vor fast 30 Jahren mit bekanntem Pathos. Gorleben liegt im äußersten nordöstlichen Zipfel von Niedersachsen. Die Region wird auch als Wendland bezeichnet. Dort, vor den Toren des Atommüll Endlagers, gab es einst kurzfristig die „Republik Freies Wendland“. Doch im Juni 1980 wurde die symbolträchtige Anti-AKW-Siedlung vom Bundesgrenzschutz geräumt. Denn außer Räucherkerzen fand man dort auch Molotowcocktails.
Dies ist der Ausgangspunkt des TV-Krimis „Ein Dorf sieht Mord“. Regisseur Walter Weber zeigt das Wendland 2009 als Streichelzoo für ergraute AKW-Gegner. Da gibt es die mausgraue Pfarrerin (Corinna Harfouch), den irren Wilderer, den leicht debilen Dorfpolizisten und dessen behinderte Mutter.
Die Fäden in der Hand hat Bürgermeister Wellbrock (Thomas Thieme). Der zeugte bereits eine Legion semmelblonder Kinder und läuft trotzdem periodisch mit offenem Hosenstall durch die ländliche Kulisse. Einziger Zugereister ist der auch nicht mehr taufrische Martin (August Zirner). Ein Schriftsteller mit Schreibblockade, der auf die Frage, wovon er denn lebe, entwaffnend antwortet: „Ich habe ein Stipendium.“
Urplötzlich bricht Lotte (Lavinia Wilson) mit ihrem roten Flitzer in das Idyll ein. Eine Fotografin, der man es keine Sekunde abnimmt, dass sie sich für die mäßig spannende Natur rund um Gorleben interessiert. Vielmehr knipst Lotte Dorfbewohner, die kurz darauf allesamt tot sind. Als einzige Hinterlassenschaft finden die Ermittler eine CD mit „Riders on the storm” von den Doors.
„Ein Dorf sieht Mord“ entpuppt sich als ziemlich konstruierte Angelegenheit. Es geht um die Schuld einer Dorfgemeinschaft. Dieses Terrain beackern Filme wie „Tannöd“ oder „Das weiße Band“ um vieles besser. Die flotte Lotte ist nicht umsonst ins Wendland zurückgekehrt. Sie entpuppt sich als Tochter der Sprecherin der ehemaligen Atomkraftgegner. Bei ihrer Mutter hat man damals die Molotowcocktails gefunden. Man wollte „sie auf ewig wegsperren, doch Mama hat sich umgebracht.“ Dies erzählt Lotte dem Schriftsteller. Der glaubt jedes Wort, denn bei ihm spielt längst das Testosteron verrückt.
Es gab also im Heer der Strickpulliträger und lila Latzhosen einst einen Verräter. Lotte findet irgendwann den Richtigen und will ihn dort erschießen, wo einst die „Republik Freies Wendland“ beheimatet war. „Nein, nicht an diesem Ort, wo deine Mutter für Gerechtigkeit demonstrierte“, fleht Martin. Um dann noch die Katze aus dem Sack zu lassen: „Er ist dein Vater!“

  • Share/Bookmark

Gegen diesen fränkischen Missmut wirkt sogar der Lothar Dombrowsky von Georg Schramm wie eine ausgesprochene Frohnatur: Matthias Egersdörfer sorgte am Dienstag mit seinem Auftritt bei „Neues aus der Anstalt“ für eine neue Note im Flaggschiff der ZDF-Satire.
„Iiech komm aus Fädd“ führte er sich lokalpatriotisch ein und gab Einblicke in fränkische Konsonanten-Verweichlichung angesichts des Wortes „Derrordadei“ (auf hochdeutsch: Terrordatei). In die, so malte er sich aus, könne man leicht hineingeraten, falls einmal sein Name falsch verstanden und etwa mit „Mohammed Oktogan“ verwechselt würde. Kaum auszumalen, was dann so alles passieren könnte: Flugs wird man vom CIA in Gestalt eines Spezialagenten namens John Sinclair nach Rumänien geschleppt und gefoltert.
Der gewohnt grantelige Kulturförderpreisträger der Stadt Nürnberg erzeugte mit seiner dadaistisch angehauchten Performance einen deutlichen Kontrast zum Auftritt von Comedian Michael Mittermeier, der im Unterschied zum Egersdörfer aber nicht zum ersten Mal zu Gast bei Urban Priol und Georg Schramm war. Mittermeier weitete das Themenspektrum seines bekannten Stakkato-Stils auf die Politik aus uns bewältigte ohne größere Probleme den Sprung von Guido Westerwelle bis nach Guantanamo.
Warum auch nicht, dachte sich da mancher Zuschauer, das politische Kabarett muss ja nicht immer im eigenen Saft kochen. Was allerdings die Erich-Honecker-Parodie von Thomas Nicolai bezwecken sollte, dürfte den meisten schleierhaft geblieben sein.
Trotz aller Gastauftritte ist der Fokus in der „Anstalt“ immer mehr auf Urban Priol und Georg Schramm gerichtet, die in scheinbarer Mühelosigkeit auch am Dienstag wieder einen Parforceritt durch Wirtschaftskrise, neue Regierung und Opel-Sanierung hinlegten, dass die Zuschauer kaum noch thematisch hinterherhecheln konnten. In ihrer Satire-Liga sind sie damit momentan so ziemlich allein.

  • Share/Bookmark

Stromberg: Kafka goes Comedy

Die Humorwarte des Satiremagazins „Titanic“ werden nicht müde, der Serie „Stromberg“ zu bescheinigen, dass sie nur ein lascher Abklatsch des englischen Originals „The Office“ sei. Und dem Schauspieler Christoph Maria Herbst attestieren sie, er könne immer nur den Clown spielen. Das ist Quatsch. Herbst ist kein Grimassenschneider wie Jack Nicholson oder Jim Carrey. Ihm steht viel mehr an Mimik zu Gebote, er beherrscht die feinen Nuancen. Schließlich ist der Bürohengst Stromberg nicht einfach nur ein Ekel wie einst Alfred Tetzlaff.
Er ist ein Geworfener, ein im Grunde Verzweifelter, er gleicht den Romanfiguren Kafkas. Wie diese sieht er sich der blinden Willkür eines undurchschaubaren Systems ausgesetzt. Doch während Kafkas Antihelden unschuldig in das zermalmende Räderwerk einer bürokratischen Maschinerie geraten, ahnt Stromberg, dass er selber die Ursache seines Unglücks ist. Er mobbt und er wird gemobbt. Letzteres aber immer hintenherum, während ihm nur der direkte Weg der plumpen Beleidigung offensteht. Er teilt aus und muss einstecken. Sein schlechtes Karma sammelt er nicht fürs nächste Leben an, es wird ihm sofort ausgezahlt.
Stromberg ist bildungsfern: Er hat von nichts eine Ahnung. Das aber ahnt er. Und das zwingt ihn zur Flucht nach vorn. Wenn Gott die Welt gerecht eingerichtet hat, dann hat er nahezu jedem Menschen eine besondere Begabung geschenkt. Diese Begabung zu erkennen und zu entwickeln, auf dass er seine materielle Existenz mit ihr bestreiten könne, wäre somit die Lebensaufgabe jedes Menschen. Auch Stromberg hat eine Begabung: Er kann krasse Sprüche klopfen. Dummerweise ist die Schadensabteilung einer Versicherung der am wenigsten geeignete Ort, diese Begabung zur Entfaltung zu bringen. Sie bringt ihm nichts als Ärger ein. Trotzdem lässt er nicht locker – weil er ja schließlich nichts anderes gelernt hat.
Den Sinn seines Lebens sieht Stromberg darin, endlich befördert zu werden, und nicht schon wieder strafversetzt. Und wer kennt sie nicht, die Kollegen, welche glauben, sie könnten ihre innere Leere mit Karriere auffüllen? Diese innere Leere zu spüren, kein Selbst zu haben, sondern nur ein übergroßes Ego – das muss furchtbar sein. Wehe dem, der so empfindet! Er muss Chef werden, koste es, was es wolle. Hat er die Position aber erreicht, ist er sich ihrer alles andere als sicher. Jetzt muss er erst recht mobben. Büropsychologisch gesehen muss das auch der Weg sein, den Stromberg in den weiteren Folgen gehen wird.
Er will doch nur ein bisschen Anerkennung. Die er aber nicht bekommt, weil er mitmenschlich gesehen ein Totalversager ist, ein Soziopath, der andere Menschen gar nicht sehen kann, weil ihm das eigene aufgeblähte Ich die Sicht versperrt. Beförderung hält er für die einzige Möglichkeit, endlich ein echtes Selbstwertgefühl zu bekommen. In dieser Situation mag sich jeder, der die Kraft dazu hat, selbst erkennen. Diese traurige Wahrheit ist der Kern der Komödie. Sind wir nicht alle ein bisschen Stromberg?
Christoph Maria Herbst gelingt es glänzend, Strombergs innere Leere nach außen zu bringen. Am besten dann, wenn er nicht einmal mehr seine Sprüche klopfen kann, sondern verunsichert mitten im Satz mit einem „ja, äh, hier so“ abbricht. Dass in der wirklichen Welt ein ähnlich bildungsferner Mensch, Dieter Bohlen nämlich, Strombergs Sprüche („Das Leben ist kein Ponyhof“) stiehlt und für seine eigenen Einfälle ausgibt, das ist die Satire, die das Leben schreibt.

  • Share/Bookmark

Wenn die Eifel Feuer spuckt

Ein Vulkanausbruch mitten in der Eifel? Das hört sich doch so ähnlich an wie ein Tsunami auf der Zugspitze, spöttelten Kritiker, als sie von den RTL-Plänen zum bislang teuersten deutschen Katastrophen-Fernsehfilm hörten,  der eben dieses Horrorszenario zum Inhalt hat. Um solchen Nörgeleien die Luft aus den Segeln zu nehmen, wurde nicht nur der Katastrophen-Zweiteiler abgedreht, sondern auch noch eine Doku in Auftrag gegeben, die wissenschaftlich untermauern soll, dass es unter den so friedlich scheinenden Maaren immer noch bedrohlich brodelt.

Um es vorweg zu nehmen: Dieser Dokumentarfilm war eigentlich das Beste von allem, denn er war angenehm nüchtern, erweckte durchwegs den Anschein, dass hier ordentlich recherchiert wurde und war auch fast überhaupt nicht auf Panikmache getrimmt. Damit unterschied man sich schon einmal um Welten von unsäglichen Formaten wie “Galileo Mystery” auf Pro 7.

DerVulkan- Zweiteiler hingegen hinterließ trotz aller pyrotechnischen Anstrengungen und einem hingeklotzten Star-Aufgebot einen eher lauen Eindruck. Klasse statt Masse, hatte hier wohl die Devise geheißen, und beim Casting galt offenbar die Devise “Viel hilft viel”. Wie kann man ansonsten auf die Idee kommen, Schauspieler, Stars und Sternchen dermaßen wild durcheinanderzumixen, dass Katja Riemann,  Katharina Wackernagel, Yvonne Catterfeld und Jenny Elvers Elbertzhagen im selben Film auftreten?

Eigentlich sind sie aber alle nur schmückendes Zierwerk, denn stets im Mittelpunkt des Geschehens steht der katastophengestählte Matthias Koeberlin, der schon in etlichen ähnlichen Filmen für die Retter-Rolle besetzt war. Hier spielt er einen ehemaligen Feuerwehrmann, dem der selbstlose Einsatz für andere dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass er sich gegen Ende auch gerne für die anderen aufopfert und zurückbleibt, weil ansonsten der Hubschrauber zu schwer wäre.

In den meisten Dingen hält sich der Zweiteiler an die ehernen Regeln des Katastophengenres: Im Feuersturm tritt der wahre Charakter der Menschen zu Tage, und vermeintliche Schwächlinge mausern sich auf einmal zu Helden des Alltags. Wie üblich sind die eigentlich zuständigen Behörden und Einsatzkräfte zuerst ignorant und besserwisserisch, hinterher dann völlig mit der Situation überfordert.

Schließlich bietet die feurige Kulisse den optimalen Hintergrund, um zwischenmenschliche Konflikte auszutragen. Hier ist nur wirklich alles vertreten: Der fiese Banker, der seine Kunden ausnimmt, der naive Dorfbüttel, der von bösen Jugendlichen aufs Gemeinste getrietzt wird, eine ungetreue Ehefrau, eine traumatisierte Geliebte und noch vieles mehr. In ihnen allen brodelt soviel Konflikt-Potenzial, dass einem die  allgegenwärtige Vulkan-Lava irgendwann fast schon wie ein wohltemperiertes Wellness-Bad vorkommt.

  • Share/Bookmark

Es gibt gewisse Dinge, bei denen sich meine Leidensfähigkeit hinters Sofa flüchtet. Popstars ist so ein Fall. Trotzdem gucke ich rein. Ein Phänomen wie bei einem Autounfall: da schaut man besser nicht hin und dennoch glotzen alle. Und je brenzliger es aussieht, desto größer der Voyeurismus.
Noch lieber gafft man, wenn jemand aus der eigenen Region dabei ist. Wie Vanessa aus Lauf. Sie ist die Einzige, die genug Talent oder Aussehen hatte, um aus 131 Nürnberger und 70 Laufer Bewerbern über den Recall hinauszukommen. Das Goldkehlchen hat sich bereits in das Trainingslager, gesungen – und letzte Woche die erste Zeit in Las Vegas – der „Stadt der Stars“ – überstanden.
Jeden Donnerstag wird für die 18-Jährige und die anderen 22 Möchtegern-Popsternchen die Luft dünner und dünner. Jetzt werden nämlich richtig harte Anforderungen an die Anwärter auf das gesuchte Duo gestellt.
„Ich weiß, dass Popstars Du&Ich nicht schwerer ist, sondern professioneller“, diagnostiziert Alex Christensen, Jurymitglied und Hitproduzent, in mein Wohnzimmer. Und ich verstehe: Langfristig helfen da keine lustigen Pantomime-Tänze wie der einer Jungs-Gruppe. Oder grelle Clown-Karo-Kostüme und pfundweise Make-Up. So hat eine Gruppe Mädchen letzte Woche Pop-Krächze Pink in fünffacher Ausführung gemimt.
Dagegen hat Vanessas Kombo bei ihrem Auftritt in einem Einkaufszentrum alles richtig gemacht. Von XXL-Engelskostümen und kryptischen Armbewegungen abgelenkt, staunt die Jury in die süßen Gesichter der Schülerinnen. Und überhört in meinen Ohren eindeutig schief ankommende Töne. Ich stelle fest: Popstars ist soviel mehr als eine Casting-Show. Die Sendung hat die Dramaturgie einer griechischen Tragödie. Die Helden müssen schwere Hürden nehmen, scheitern und am Wendepunkt noch einmal richtig Fahrt aufnehmen. Am Ende werden sie siegen oder versagen.
Bei Letzterem ist die Tragödie erst richtig entfesselt. Tränenkullern und Gruppenkuscheln, hart gesottene Jungs werden zu heulenden Schlosshunden. Dramen fand die Menschheit ja schon immer gut – hier wären wir wieder beim Bild des Unfalls. Sonst würde Popstars nicht zum achten Mal nach massenindustriellen Gesangstalenten suchen. Das Publikum will sich Helden aus den eigenen Reihen schaffen und sehen, wie sie auf eine Odyssee gejagt werden.
Beispiel Vanessa: Was hat sie vorher gebibbert – nach ihrem Auftritt schluchzt Jury-Mitglied und Songtexterin Michelle Leonard: „Ich danke Euch für die schöne Performance!“ und Popstars-Altgebäck D! säuselt: „Ganz ganz toll. Einfach super!“ Vanessa und ihre beiden Kolleginnen sind „komplett gesaved“, wie sie es bei Popstars nennen. In unseren Breitengraden: Sie kommen weiter. Des Dramas nächster Akt folgt heute Abend. In der Show müssen die Kandidaten einen Flashmob bilden. Heißt: Singen und Tanzen in den Straßen von Las Vegas – und möglichst viele Passanten mitreißen. Ob Vanessa mit der Goldmähne wieder ein „Go!“ bekommt, dem Popstars-Olymp näherrückt oder gar Kurzzeit-Kinderzim-merheldin wird? Ich frage mich eher, wie lange meine Leidensfähigkeit noch gegen meinen Voyeurismus standhält.

  • Share/Bookmark

Dieser Lafer ist nicht lecker

Er kreierte seine eigene Salzsorte („Kalahari-Salz“) und es gibt ihn sogar als Blechspielzeugfigur. Der österreichische Fernsehkoch Johann Lafer ist ein Meister der Selbstvermarktung und seit neusten hat er sogar eine Comedyshow.

Okay, letzteres ist eine Lüge. Vielmehr führte Max Giermann in Lafer-Verkleidung durch die Premierensendung von „Granaten wie wir”. Zwölf Folgen sind geplant. Dies bedeutet zwölf verschiedene Moderatoren und ebenso viele Maskierungen. Mit „we Lafer to entertain you“ begrüßte Giermann sein Publikum. Hier hätte man sofort wieder abschalten müssen. Wer es nicht tat, der erlebte 45 Minuten blankes Comedy-Grauen.

Dabei traute man im Vorfeld dem ausgebildeten Clown Giermann durchaus mehr zu. Garantiert seine Stammsendung „Switch reloaded“, trotz diverser Albernheiten, doch ein gewisses Witzniveau. Doch gegen „Granaten wie wir” ist selbst der Didi Hallervorden Evergreen „Flasche Pommes Frites“ nobelpreisverdächtig.

Stargast ist diesmal Detlef D! Soost (der Echte). Der ist zwar nicht gerade ein Super-Promi, doch das Saalpublikum jubelt, als würde gerade Elvis die Showtreppe herunterkommen. Detlef macht danach was er eigentlich immer macht: er tanzt. Dabei rutscht ihm die Hose vom Hintern. Ein gewollter Unfall, der vom Publikum ekstatisch beklatscht wird.

Da man ja eine Kochparodie als Moderator hat, muss zwangsläufig mit Essen herumgepanscht werden. Drei Studiozuschauer bekommen die Aufgabe, Sandwiches im Akkord zu belegen. Einer der Hobbyköche stellt sich als Dennis vor. Er wirkt wie ein fleischgewordener „Ballermann 6“ mit einer rosafarbenen Kinderkappe auf dem Schädel. Unterbrochen wird das völlig sinnfreie Geschehen durch eingespielte Sketche.

In „Switch reloaded“ verleiht Giermann konturlosen Bildschirmfiguren wie Tim Mälzer ein gewisses Format. Bei „Granaten wie wir“ versucht er die gleiche Masche. Die Witze erweisen sich jedoch als unterirdisch. „Wasser in Wein verwandeln ist die größte Flatrateparty überhaupt“, plärrt Stefan Raab beim „Letzten Abendmahl“. In der Rubrik „Was wäre, wenn…“ agiert Raab nämlich als Jesus. Giermann ist in seiner Rolle so unlustig wie das Original. Gemeint ist damit Raab und nicht der Heiland.

Später lässt „Der Allestester“ ein Bügeleisen gegen eine Kaffeemaschine in Wettstreit treten. Der falsche Lafer kontert dies mit einem gespielten Witz. Die Pointe ist, dass ein Stoffkarnickel an Hasenbluten leidet. Dass die Sendung wirklich schlimm war, erwähnte ich ja bereits. Bei der Sandwichaktion gewann übrigens Dennis. Der wollte danach unbedingt dem Detlef etwas vorrappen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen strich Dennis die Segel. Doch zumindest konnte man so fünf Minuten Sendezeit herumbringen.

  • Share/Bookmark

Im Wellnesszuber sitzt er textilfrei. Doch auch wenn ihm die Kamera bedrohlich nahe rückt: Der kleine „Calli“ bleibt unter dem immensen Bauch vom großen Calmund gänzlich unsichtbar. Reiner Calmund ist der Säulenheilige aller Übergewichtigen. Auch wenn die eigene Hose beträchtlich kneift und das Hemd so spannt, dass das Gegenüber Angst bekommt, man würde ihm mit den Knöpfen die Augen ausschießen: Gegen den ehemaligen Fußballmanager wirkt sogar „Jabba the Hutt“ nur leicht pummelig.
Die rheinische Phrasendreschmaschine hat ein Kampfgewicht von 163 Kilo bei knapp 1,73 Meter. Der Fettanteil im Körper beträgt 47 Prozent, normal wären 20. Ende 2008 begann der 60-Jährige mit der Herkulesaufgabe, unter Aufsicht von VOX 30 Kilo abzunehmen. Aus Cholesterin-Calmund soll „Iron Calli” werden, der sogar einen Halbmarathon meistert. Die Kameras des Privatsenders begleiteten die Abspeckversuche.
Das Ergebnis ist ein Doku-Soap gewordener Dickenwitz. Gebetsmühlenartig zählt der Protagonist am Anfang seine Lieblingsgerichte auf: Pfannkuchen, Currywurst, Bratkartoffeln, kross gebratener Speck. Doch jetzt ist Schluss mit der Völlerei. Es folgt eine letzte „Henkersmahlzeit” beim Stammitaliener. Calmund guckt, als würde er am liebsten noch die leeren Teller abschlecken. Weiter geht’s zum Check in die Arztpraxis. Calli strampelt halbnackt auf dem Trimmdichrad und macht ein Belastungs-EKG. „Sie müssen auf der Hut sein, denn sie sind ein potenzieller Risikopatient“, sagt der Mediziner. So nett wird der Otto-Normal-Dicke wohl selten auf seine Probleme aufmerksam gemacht.
Auftritt Joey Kelly. Er fungiert als Drill-Instructor. Auf dem Programm steht Radfahren. Bald sind die geschundenen Reifen platt. Dann nimmt Calmund schnaufend zwei Skistöcke in die Hand: „Take a nordic walk on the wild side.“ Doch mit Schwitzen ist die Tortur noch nicht vorbei. Flankierend räumt eine Ernährungsberaterin den gut gefüllten Kühlschrank leer. Speck, Fleischwurst, Cocktailsoße müssen raus. Salat, Obst und bröckeliger Fetakäse nehmen ihren Platz ein.

Trennkost heißt das Zauberwort. Das Wiegen am Ende von Folge 1 fällt trotz allem ernüchternd aus: Die Waage erklärt mit unbestechlicher Roboterstimme „165,9“. „Du baust jetzt ja auch Muskelmasse auf”, beschwichtigt Trainer Kelly. „Calli“ und Muskeln, VOX ist sich auch für keinen Kalauer zu schade

“Iron Calli” läuft immer dienstags  um 22. 15 Uhr auf Vox

  • Share/Bookmark

Mit der Dokureihe „Welcome to the 80s” bietet Arte einen Schlüssellochblick in die Welt der Miniplis, Schulterpolster, Nietengürtel und Nenas Achselhaare. Der Prolog für die 80er fand bereits 1977 statt. Johnny Rotten forderte „Anarchy in the U.K.“ und plötzlich trugen die Teenager eine Sicherheitsnadel oder einen Tampon als Ohrring.

Die Sex Pistols provozierten das englische Königshaus und waren auch sonst immer für einen Skandal gut. Als Spiritus rector im Hintergrund agierte Manager Malcolm McLaren. Heute ein selbstgefälliger und um keine Anekdote verlegener Mittsechziger So machte McLaren die Band Bow Wow Wow zu einem One-Hit-Wonder, weil er die damals 15-jährige Sängerin halbnackt auf dem Plattencover ablichten ließ. Doch dem Punk ging schnell die Luft aus.

Es begann die Ära von „Postpunk & Neue Deutsche Welle”. In England war es die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche und Massenschlägereien. Die Nazis der „National Front“und die linksgerichteten Jugendlichen lieferten sich Straßenschlachten. Auch die Musik erfuhr eine Politisierung: keine Band bleibt neutral. Der bekennende Sozialist Joe Strummer von The Clash und das antirassistische Ska-Kollektiv The Specials lieferten den passenden Sound. Die Plattenindustrie machte einen anderen Feind aus: Nämlich Doppeltapedeck und Leerkassette.

„Hometaping is killing music“, jammerten die Majorlabels. In Deutschland wurde ein anderes Schlagwort populär: „Geniale Dilettanten“. Die Einstürzenden Neubauten, Ideal oder Trio wurden damit bedacht. Es begann der Siegeszug der Neuen Deutschen Welle. Doch der Mainstream, das zeigt „Welcome to the Eighties“ in aller Deutlichkeit, atomisierte schnell sämtliche Coolness und Ironie. Hubert Kah oder Frl. Menke hießen zwei der Totengräber der NDW. Ein schrilles Äußeres und Musik zum Mitgröhlen genügten.

Inga Humpe, zuvor Frontfrau bei den ambitionierten Neonbabies, sang plötzlich bei DÖF „Ich düse, düse im Sauseschritt“. „Auch in der ZDF-Hitparade zu stehen war Punk“, so ihre etwas eigenwillige Rechtfertigung. Dafür hat Gabi Delgado von DAF nur ein müdes Lächeln übrig. „Der Kapitalismus war Schuld, dass die NDW sang- und klanglos verschwand“, lautet dessen Fazit. 1981 geht MTV in den USA auf Sendung. Der Musiksender setzt auf englische „Haircut-Bands“. Geföhnte Schönlinge mit Eyeliner und Lipgloss wie Duran Duran oder Kajagoogoo werden zu Helden von Mädchen und Jungen. „Plötzlich merkte ich: Meine Haare waren wichtig“, wundert sich Sänger Limahl noch heute. Mann oder Frau, wer weiß es genau? Auch an den Geschlechterrollen wurde gerüttelt. Annie Lennox trug Kurzhaar und Männeranzüge, Boy George verbrachte nach eigener Aussage täglich zehn Stunden mit Schminken und Verkleiden.

  • Share/Bookmark

Nächste »