Die 80er: Plötzlich war Make-Up wichtiger als die Botschaft
12. August 2009 von vanessa
Mit der Dokureihe „Welcome to the 80s” bietet Arte einen Schlüssellochblick in die Welt der Miniplis, Schulterpolster, Nietengürtel und Nenas Achselhaare. Der Prolog für die 80er fand bereits 1977 statt. Johnny Rotten forderte „Anarchy in the U.K.“ und plötzlich trugen die Teenager eine Sicherheitsnadel oder einen Tampon als Ohrring.
Die Sex Pistols provozierten das englische Königshaus und waren auch sonst immer für einen Skandal gut. Als Spiritus rector im Hintergrund agierte Manager Malcolm McLaren. Heute ein selbstgefälliger und um keine Anekdote verlegener Mittsechziger So machte McLaren die Band Bow Wow Wow zu einem One-Hit-Wonder, weil er die damals 15-jährige Sängerin halbnackt auf dem Plattencover ablichten ließ. Doch dem Punk ging schnell die Luft aus.
Es begann die Ära von „Postpunk & Neue Deutsche Welle”. In England war es die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche und Massenschlägereien. Die Nazis der „National Front“und die linksgerichteten Jugendlichen lieferten sich Straßenschlachten. Auch die Musik erfuhr eine Politisierung: keine Band bleibt neutral. Der bekennende Sozialist Joe Strummer von The Clash und das antirassistische Ska-Kollektiv The Specials lieferten den passenden Sound. Die Plattenindustrie machte einen anderen Feind aus: Nämlich Doppeltapedeck und Leerkassette.
„Hometaping is killing music“, jammerten die Majorlabels. In Deutschland wurde ein anderes Schlagwort populär: „Geniale Dilettanten“. Die Einstürzenden Neubauten, Ideal oder Trio wurden damit bedacht. Es begann der Siegeszug der Neuen Deutschen Welle. Doch der Mainstream, das zeigt „Welcome to the Eighties“ in aller Deutlichkeit, atomisierte schnell sämtliche Coolness und Ironie. Hubert Kah oder Frl. Menke hießen zwei der Totengräber der NDW. Ein schrilles Äußeres und Musik zum Mitgröhlen genügten.
Inga Humpe, zuvor Frontfrau bei den ambitionierten Neonbabies, sang plötzlich bei DÖF „Ich düse, düse im Sauseschritt“. „Auch in der ZDF-Hitparade zu stehen war Punk“, so ihre etwas eigenwillige Rechtfertigung. Dafür hat Gabi Delgado von DAF nur ein müdes Lächeln übrig. „Der Kapitalismus war Schuld, dass die NDW sang- und klanglos verschwand“, lautet dessen Fazit. 1981 geht MTV in den USA auf Sendung. Der Musiksender setzt auf englische „Haircut-Bands“. Geföhnte Schönlinge mit Eyeliner und Lipgloss wie Duran Duran oder Kajagoogoo werden zu Helden von Mädchen und Jungen. „Plötzlich merkte ich: Meine Haare waren wichtig“, wundert sich Sänger Limahl noch heute. Mann oder Frau, wer weiß es genau? Auch an den Geschlechterrollen wurde gerüttelt. Annie Lennox trug Kurzhaar und Männeranzüge, Boy George verbrachte nach eigener Aussage täglich zehn Stunden mit Schminken und Verkleiden.
